Transcription

20102KerbeForum für tierungDie Einsicht, dass Menschen in sozialen Räumen leben und die Arbeit mit psychisch Kranken auch diese Räume im Blick haben muss, ist nicht neu. Aber es gibt unentdeckte Dimensionen, wie dieser Gedanke in der sozialen Arbeit umgesetzt werden kann.Wie lässt sich ein sozialer Raum bestimmen? Wie könnte eine konsequente territorialeOrientierung in der sozialen Arbeit aussehen? Was würde sie für die einzelnen Personenund für die verantwortlichen Institutionen bedeuten?MaiJuniJuli28. JahrgangISSN 0724-51651

3 Editorial4 ThemenschwerpunktInhaltn Das beste Medikament:funktionierende soziale NetzwerkeOder: die Wiederentdeckung desSozialraumes durch die GemeindepsychiatrieReinhard Peukert, Seite 4Kerbe 2/20102n Exklusionsmechanismen inder modernen GesellschaftAuswirkungen und Folgen fürMenschen mit psychischen BehinderungenDirk Richter, Seite 8n Persönliche ZukunftsplanungPersonenzentriertes und sozialraumorientiertes Denken, Planenund HandelnStefan Doose, Seite 2629n Zwischen Autowerkstattund SternenhimmelZur Sprache in der PsychiatrieMichaela de Groot, Seite 29n Rehabilitation im Zeitaltervon InklusionAlbrecht Rohrmann, Seite 11n „Ich wurde von jedem überstimmt“Eine Evaluation der personenzentrierten HilfeJasna Russo, Seite 30n Sozialräumliche ErziehungshilfenEin Erfahrungsbericht über denWandel von Konzept undFinanzierungKlaus Meier, Regina Weißenstein,Seite 14n Die Finanzierung lebensfeldorientierter und personenzentrierter Hilfenaus einem RegionalbudgetEin Bericht über den Fortgang inRostockIngmar Steinhart, Seite 16n Sozialraumbezogene Steuerung inder Psychiatrie aus der Sichtder KrankenkassenChristiane Roick, Seite 19n Sozialräumliche Orientierung inder Arbeit mit psychisch beeinträchtigten MenschenDie Sicht eines ErfahrenenIngo Ulzhöfer, Seite 22n Sozialraumorientierte WerkstattarbeitDas Bamberger Modell gemeindenaher ArbeitsplätzeGudrun Cyprian, Seite 24Spectrumn Die zwei Gesichter der ArbeitKarsten Groth, Seite 33n Bevor es zu spät istAmbulante Krisenversorgung inMünchen und NürnbergMichael Welschehold-Grefe,Ralph Bohnert, Seite 3538Nachrichten42Termine

Was sofort auffällt, wenn mansich in der Fülle der Veröffentlichungen zum Thema zu orientieren versucht: der Begriff derSozialraumorientierung ist außerordentlich schillernd, verschiedene Autoren meinen damit ganzUnterschiedliches. Das beginntschon damit, dass „Raum“ dabeiteils buchstäblich geografischidentifizierbar verstanden wird,teils aber auch als Metapher fürBeziehungsnetzwerke.In einem weiteren Sinne bezeichnet Sozialraumorientierung einenParadigmenwechsel hin zu einerterritorialen Orientierung in derSozialen Arbeit: vom Fall zumFeld, von der Spezialisierung zurRegionalisierung sozialer Dienste,von der institutionellen Paketlösung zum Aufbau personenbezogener Unterstützungsnetzwerke.Verschiedene Ebenen sind auseinander zu halten: die Perspektive des Individuums, das sich in einem sozialenRaum bewegt und ein Netzwerkvon Kontakten um sich herumspinnt, die Perspektive von Organisationen, die soziale Räume mit Leistungen versorgen und/oder derenRessourcen nutzen wollen, die Perspektive der Steuerungdieses Geschehens und der Blick auf das soziale Ge-schehen in einem definiertenRaum als Selbstorganisationsprozess, der von Inklusions- und Exklusionsprozessen begleitet wird.Die Beiträge im vorliegenden Heftbehandeln in diesem Sinne unterschiedliche Facetten von Sozialraumorientierung. Die ersten dreisind eher theoretischer Natur.Reinhard Peukert erläutert den Erkenntnisgewinn von Sozialraumorientierung vor dem Hintergrundder Geschichte der Sozialpsychiatrie und der Gemeinwesenarbeitin den letzten Jahrzehnten. DirkRichter macht aufmerksam aufMechanismen des sozialen Ausschlusses. Albrecht Rohrmann befasst sich mit einem neuen Begriffvon Behinderung, der wesentlichauch den sozialen Kontext in dieBetrachtung einbezieht.Es folgen drei Beiträge, die sichmit Sozialraumorientierung alsSteuerungskonzept für sozialeLeistungen befassen: in der Jugendhilfe, in der kommunalenPsychiatrie, aus der Perspektiveder Krankenkassen.Schließlich einige Schlaglichter,was Sozialraumorientierung praktisch bedeuten kann. Ingo Ulzhöfer berichtet aus der Perspektivedes Psychiatrie-Erfahrenen, wasihm die Sozialraum-Orientierungder Helfer bedeutet hat. GudrunCyprian berichtet über das Bamberger Modell sozialraumorientierter Werkstattarbeit und StefanDoose erläutert, wie man Menschen mit dem Instrumentariumindividueller Zukunftsplanungdabei helfen kann, sich in den sozialen Raum hinein auszudehnen.Wir wünschen Ihnen eine anregende Lektüre!Jürgen ArmbrusterGeorg Schulte-Kemna33Kerbe 2/2010Editorialdas Postulat „Sozialraumorientierung!“ ist Ihnen sicherlich auchschon entgegengekommen undvermutlich haben Sie sich auchschon gefragt, ob das mehr ist alsein neues, modisches Schlagwort.Angetreten sind wir doch immerschon als „soziale“ Psychiatrie,haben uns zwischenzeitlich vonder „gemeindenahen“ zur „Gemeindepsychiatrie“ entwickelt– gibt es da für uns noch neueDimensionen in der Berücksichtigung des Sozialen oder ist dasbloß alter Wein in neuen Schläuchen? Das vorliegende Heft solleinen Beitrag leisten zu dieserKlärung.EditorialLiebe Leserin,lieber Leser

Das beste Medikament:funktionierende soziale NetzwerkeOder: Die Wiederentdeckung des Sozialraumes durch die GemeindepsychiatrieThemenschwerpunktVon Reinhard PeukertKerbe 2/20104Die Integration in funktionierendesoziale Netzwerke hat sich – wissenschaftlich erwiesen – als dersalutogenetische Wirkfaktor Nr. 1herausgestellt. Dabei geht es umdie Integration in lebenswelt-alltäglich erlebte Bindungsstrukturenund nicht in Hilfenetzwerke wiebei akuten Erkrankungen. Heuteerhalten psychisch kranke bzw.seelisch behinderte Menschen(im Idealfall koordinierte undintegrierte) Hilfen der Gemeindepsychiatrie. Allerdings sinddie meisten von ihnen bereitsaus vielen der oben gelobten alltäglichen primären Sozialräumeheraus gefallen oder sie sind jedenfalls von Exklusion ernsthaftbedroht. Selbst die personenzentrierten Hilfen bilden häufig eineneigenen sozialen Raum, der zurecht als „Psychiatriegemeinde“beschrieben wurde.Demgegenüber soll Sozialraumorientierung das Herausfallentendenziell rückgängig machen,oder besser von vornherein gegendiese Gefahr schützen - das wärePrimärprävention im sozialpsychiatrischen Sinne.Die Ottawa-Charta zur Gesundheitsförderung1 benennt dieEbenen und definiert die Inhalte,um die es dabei geht. (Dazu sieheunten eine Übersicht zu ihrer Anwendung auf gemeindepsychiatrische Sozialraumorientierung).Die historische Basis der SozialraumorientierungRevolutionäre Praxis, Randgruppenstrategie, Gemeinwesenarbeit(GWA), Behindertenarbeit: mitdiesen Stichwörtern lässt sich dieGeschichte der Sozialraumorien-tierung skizzieren. Der Ursprungvon GWA wird gemeinhin im1884 gegründeten SettlementToynbee Hall von Pfarrer S. A.Barnett und Studierenden in London gesehen. Sie zogen gemeinsam in ein Elendsquartier, um zusammen mit den Bewohnern aufvielfältige Weise deren Lebensverhältnisse zu verbessern, indemsie mit den Bewohnern eine informierte und aktive Bürgerschaftbildeten, die sich um die Belangedes Quartiers kümmerten. So entstanden Selbsthilfekindergärten,Spielplätze, Kinderkliniken, Müttererholung, stadtteilbezogene Erwachsenenbildung, Reformen desWohnungsbaus.In Deutschland liegt der Ursprungder GWA nicht in realen Projekten, sondern in der literarischenVerallgemeinerung fremder Erfah-EbenenInhalteAngewendet auf gemeindepsychiatrische SozialraumorientierungPolitikGesundheitsförderung in derGesamtpolitik entwickelnGestaltung einer übergeordneten regionalen Politik im Kontext der UNKonvention, die sich dem Ziel „ein weitestgehend normales Leben in normalem Umfeld“ verschreibt.LebensräumeGesunde oder gesündereLebenswelten schaffenNeben dem, was ohnehin zu gesunden oder gesünderen Lebensweltenzählt, geht es darum, die je eigene Bedeutung und Krankheitserklärungim Zusammenhang mit Gesundung und gesünderem Leben zu sehen.InstitutionGesundheitsdiensteneu ordnenDamit ist mehr als gutes Administrieren gemeint, nämlich die Dienste zuGesamthilfekomplexen zu verschmelzen (z.B. Integrierte Versorgung, mindestens SGB V, XII und XI enAlles das systematisch fördern, was von den betroffenen Bürgern in derWahrnehmung ihrer Selbstbestimmung und ihrer eigenen gesundheitsbezogenen Interessen gestaltet wird: Förderung der Selbsthilfe, des bürgerschaftlichen Engagements, der Nachbarschaftshilfe mit Kostenerstattung.Persönliche KompetenzenentwickelnStärkung der Sozialkompetenz, der Problemlösefähigkeiten und einesaktiv-flexiblen Bewältigungsverhaltens (z.B. im Rahmen der Selbsthilfegruppen); gezielte Unterstützung der Kohärenz- und Selbstwirksamkeitsüberzeugungen sowie der internalen Kontrollüberzeugungen.Dies ist besonders erfolgversprechend, wenn es im Kontext positiver PeerBeziehungen erfolgt.IndividuenDie Ottawa-Charta zur Gesundheitsförderung und ihre Anwendung auf gemeindepsychiatriesche Sozialraumorientierung

In den literarischen Rezeptionenwurden die revolutionären Vorgänger von GWA in Deutschlandaußen vor gelassen: die Gemeinwesenaktivitäten der KPD in Formvon sozialpolitischen Selbsthilfeorganisationen und Straßenzellen,die in einer gemeinsamen Organisation gegen den Abbau derSozialversicherungen, das Wohnungselend, den Mietwucher, dieKürzung der Wohlfahrtsleistungenund die Verschärfung der Repression im Fürsorgewesen kämpften.Diese sich als Teil des Klassenkampfes verstehende Tradition,wurde ausgeblendet und dafür diemit bürgerlich-demokratischemBeteiligungsanspruch versehenenangelsächsischen Erfahrungenreich rezipiert.Später fand die akademischeLehre mit den politischen Orientierungen der späten 60er, frühen70er Jahre zu einer gemeinsamenPraxis. Studenten, Dozenten undsonstige Bürger suchten mit aktiver Hilfe von Kirchengemeinden,der katholischen Hochschulgemeinde und der evangelischenStudentengemeinde sowie Gliederungen politischer ParteienQuartiere auf, um in ihnen mitden Bewohnern gemeinsam weitreichende soziale Veränderungeneinzuleiten. „Es ging um eineaggressiv-fordernde Interessenvertretung, die das Erdulden undErtragen von Armut, Wohnungselend, Erniedrigung und Beleidigung beenden wollte“ (MichaelBrühl 1985 in einem Text zurFestschrift zum 10jährigen Bestehen der LAG Soziale Brennpunkte- der dann aber aufgrund derAufrechterhaltung des radikalenGründergeistes nicht in den Sammelband aufgenommen wurde).Zu den Mitteln gehörten auchStörungen von Politikerveranstaltungen, Go ins in Rathäuser undSchulen (wenn z.B. ein ganzerJahrgang von Siedlungskindernin die Sonderschule eingewiesenRandgruppenstrategie und -arbeitDie anfänglichen sozialrevolutionären Versuche, an die obenskizzierten Traditionen der Arbeiterbewegung anzuschließen, endeten schließlich in der alles andereals sozialistisch zu bezeichnenden„Randgruppenstrategie“. Randgruppen seien wegen ihrer besonderen Unterdrückungserfahrungund wegen ihrer Ausgrenzungzum zentralen Handlungssubjektrevolutionärer Entwicklungenprädestiniert, so die BerlinerRandgruppenkonferenz 1971, derfolgerichtig die sozialarbeiterische„Randgruppenarbeit“ folgte. (Sowie damals viele „Randgruppen“die Rede von der „Randgruppenarbeit“ nicht schätzten, störensich heute viele Angehörigen ander sog. „Angehörigenarbeit“).Noch 1970 sah Rudolph Bauerin seiner Studie zur OffenbacherLohwaldsiedlung die Obdachlosenexistenz als Epiphänomen:„Nicht ihre Niederlassungsweise stiftet ihre Identität, nicht ihreEinkommensart als Rentner, Sozialhilfeempfänger oder Lohnarbeiter, nicht die Größe ihrer Haushalte oder die Zahl der Personenpro Raum Wirkliche Identitäterwächst ihnen aus der Erfahrungder Arbeiterexistenz, zuweilengescheiterter Arbeiterexistenz, ausder Arbeiterkultur, gewiss ebensoauch aus der Arbeitersubkultur.“GemeinwesenarbeitDie meisten der Akteure sahensehr bald das gesellschaftlicheVeränderungspotential nicht länger in einer revolutionären Umgestaltung der spätkapitalistischenGesellschaft, sondern in praktischer Solidarität mit Minderhei-ten, um mit ihnen gemeinsam inderen Quartieren deren unmittelbare Lebensverhältnisse deutlichzu verbessern, aber auch die inzwischen um sich greifende generelle Verschlechterung im Reproduktionsbereich durch praktischeund politische Aktionen zurück zudrängen. GWA war geboren.Die aus den Initiativen in Obdachlosensiedlungen entstandenegemeinwesenorientierte Randgruppenarbeit führte, begleitetvon vielen kommunalen Auseinandersetzungen, bundesweitzur Sanierung von Obdachlosensiedlungen und der Entschärfungder Problemlagen in anderen„Sozialen Brennpunkten“ (denNeubausiedlungen und den städtischen Sanierungsgebieten) durchdie Implementation von demokratischen Strukturen und sozialerInfrastruktur.Schließlich wurde die GWA vonden Sozialverwaltungen alsglobales Steuerungsinstrumententdeckt, um mit Sozialplanung,Stadtentwicklungsplanung undBetroffenenbeteiligung besondersgravierende soziale Problemlagenim Vorfeld aktueller Konflikte abzufangen. Dies finden wir heuteunter dem Paradigma „Sozialraumals Steuerungsraum“ wieder.Den sozialrevolutionären Ansätzen, die sichin den späten 6oerJahren bildeten, folgtedie Überzeugung, dassdas gesellschaftlicheVeränderungspotentialnicht in der Umgestaltung der Gesellschaft,sondern in der praktischen Solidarität mitMinderheiten und derVerbesserung ihrerLebensverhältnissebesteht.5Kerbe 2/2010Ansätze revolutionärer Praxiswurde), Wohnraumbesetzungenetc. Die InteressengemeinschaftObdachlosigkeit (IGO) Köln verfolgte ab 1970 die Politik, denStopp von Einweisungen in dieSiedlungen mit allen Mittelndurchzusetzen, um auf dieseWeise Obdachlosigkeit abzuschaffen. Wen erinnert das nicht andas italienische Gesetz zur Beendigung des Anstaltswesens? „DiePolitik der IGO brach zusammen,die späteren Strafverfahren trafendie Angeklagten als Vereinzelte“(Michael Brühl).Themenschwerpunktrungen in Form von Lehrbüchernüber GWA (u.a. Murray Ross; JoBoer). So wurde GWA zunächsteine Lehrtradition: eine dritte Methode der Sozialen Arbeit nebenEinzelfallhilfe und Sozialer Gruppenarbeit.Parallel dazu wurden aus einigen der bürgerschaftlich engagierten Gemeinwesenarbeiter inkommunalem Auftrag sozusagen„bezahlte Berufsbürger“, (Berger, 1975), die nicht selten inwechselseitiger Abgrenzung den(ehrenamtlichen) Vertretern derBürgerinitiativen gegenüber standen. (Wen erinnert das nicht andie Debatten zwischen gemeindepsychiatrischen Profis und denBürgerhelfern?)Von hier wäre es nur ein kurzerSchritt bis zur Sozialraumorientierung - wenn es nicht eine Phaseder „Abwicklung“ von GWA-Projekten gegeben hätte: sie schienenmehr Konflikte zu produzierenals zu lösen, denn unter anderemführte GWA auch zu erhöhtenForderungen und Ansprüchen derBetroffenen und nicht nur zu deren reibungsloseren Eingliederung(AG GWA der Victor-GollanczStiftung 1973, die später selbstabgewickelt wurde).Reinhard PeukertProf. Dr., HochschuleRheinMain, Studiengangsleitung [email protected]

BehindertenarbeitThemenschwerpunktIn der Jugendhilfeund anderen FeldernsozialpsychiatrischerArbeit folgt manHandlungsformen, diein GWA-Projektenentwickelt wurden. DieSozialraumorientierungist hier die Fortführung der GWA.Kerbe 2/20106Der Fokussierung auf Randgruppen folgte der Blick auf besondereProblemgruppen. „Die Blütezeitvon GWA in der BRD dauerteetwa von 1969-1973. (Mit demNiedergang von GWA-Förderungund -Aktivitäten) wendete sichdas fachliche, literarische undöffentliche Interesse den Altenund Behinderten (also einzelnenProblemgruppen) zu, die es sicherbitter brauchten, aber das dahinter stehende Motiv ist, dass Ruheins Land einkehre.“ (Brückner,1984, S. 423).Lehren aus der Geschichte der GWAIn der Jugendhilfe, in den Gemeinschaftsprojekten „SozialeStadt“ etc. ist die Sozialraumorientierung die folgerichtige Fortführung der GWA unter einemveränderten Logo - sicherlichauch, um sich von der vermeintlich revolutionären Vergangenheitzu lösen.In diesen Feldern wird Handlungsformen gefolgt, die in denGWA-Projekten entwickelt wurden, unter anderem Bürgernähe Betroffenenbeteiligung Konflikt- und Konfrontationsstrategien gegenüber der politischen Öffentlichkeit Koordination lokaler Initiativen Kooperation mit allen Akteurender Region (regionale Transparenz).Das lehrte uns die praktischeGeschichte der GWA, und in derGemeindepsychiatrie begegnenuns diese Aspekte wieder. Aberwas lehrt uns die Vorgeschichteder GWA in Deutschland, dieAnalyse der Obdachlosenbewegung?Eine der Lehren ausder Vorgeschichteder GWA: GesamtgesellschaftlicheUngleichheiten müssenim Blickfeld bleiben.Das zeigt zum Beispiel die Exklusionvon Menschen mitPsychiatrie-Erfahrungaus Arbeitsprozessen,die auch ein Effektder gesellschaftlichenOrganisation von Arbeit ist.Lehren aus der Vorgeschichte derGWA Sie lehrt uns, beim Blick aufSozialräume nicht den Fehler zubegehen, besondere Notständezu isolieren und zu sektorisierenund sie so ihrer gesellschaftlichrelevanten Energie zu berauben:indem z.B. die Armutsproblematikbehinderter Menschen vom Zusammenhang von Armut und Gesundheit getrennt wird; oder indem z.B. theoretische Erklärungenund Praxismodelle ausschließlichfür psychisch kranke Menschenentworfen werden. Folgerung für die Sozialraumorientierung: Diese Erfahrungensprechen für soziale Zielgruppenübergreifende regionale Budgetsals Finanzierung sozialräumlicherEntwicklungen, die auch den psychisch erkrankten bzw. seelischbehinderten Menschen zugutekämen. Diese Budgets wären zumTeil auch aus Mitteln zu speisen,die gegenwärtig für die kurativeBehandlung und individualisierteBegleitung zur Verfügung gestelltwerden. Die (nicht sehr verbreitete) „populationsbezogene Version der Integrierten Versorgung,die sich an alle Versicherten derjeweils kontrahierenden Krankenkasse richtet, hätte den Vorzug,die Versorgungsqualität umfassend ermitteln und optimieren zukönnen“ (Gutachten 2007, S. 34). Sie lehrt uns, in den depravierten und behindernden Lebenszusammenhängen den Nachhallgesamtgesellschaftlicher Ungleichheit nicht aus den Augen zu verlieren - trotz aller Bemühungenum sozialen Ausgleich und individuelle Teilhabe. D.h. die Augennicht davor zu verschließen, dassdie tendenzielle Exklusion vonMenschen mit Psychiatrie-Erfahrung aus Arbeitsprozessen auchein Effekt der gesellschaftlichenOrganisation von Arbeit ist. Folgerung für die Sozialraumorientierung: Die Bearbeitung gesellschaftlicher Teilsysteme (s.u. dieInvestitionen in diese Systeme). Sie lehrt uns, dass Teilhabenicht teilbar ist, und dass Teilungvon Teilhabe (z.B. das alleinigeEngagement für die Teilhabe inbestimmten Lebensbereichen)der Teilhabe Tod bedeutet! Denn„wirkliche“ Teilhabe von behinderten Menschen setzt eine gesellschaftliche Verfasstheit voraus, diejedem Glied der Gesellschaft Teilhabe unproblematisch eröffnet. Folgerung für die Sozialraumorientierung: Trotz der faktischenVerhältnisse die Utopie einer gewaltfreien Gesellschaft, in der esTeilhabe für jeden geben würde,aufrecht zu erhalten! Sie lehrt uns zugleich, auch solchen Lebensräumen und -zusammenhängen, die unseren sozialenAnsprüchen ganz und gar nichtentsprechen, in behutsamer Achtsamkeit zu begegnen. „ in denGhettos (der Wohnungslosen gabes) nachbarschaftliche Subsysteme,die auf weite Strecken durchsetztwaren von gegenseitigen Dienstleistungen. Nach dem Umzug entfiel die Unterstützung durchnachbarschaftliche Subsysteme“(Preußer 1977, S. 216). Folgerung für die Sozialraumorientierung: Auch in depravierenden sozialen Räumen darf nurmit scharfem Blick für deren Ressourcen und mit den Bewohnerndieser Räume gemeinsam investiert werden. Dies impliziert einverändertes Krankheits- und Behinderungsverstehen – mit Folgenfür die Hilfeerbringung, nämlichdie Ergänzung des professionellenDeutungssystems um ein biographisch-soziohistographisches unddas Zurückdrängen der professionellen Hilfewelt. Lang anhaltende,umfängliche und exklusive ProfiBeziehungen kreieren Sondermilieus mit sehr eigener Mikro-Soziokultur und Mikro-Deutungskultur.Die psychiatrische Reformbewegung, deren Geschichte hier nichtnacherzählt werden kann, hatsich als Gemeindepsychiatrie mitihren Diensten und Einrichtungenzwar ein eigenes, postmodernesQuartier geschaffen - aber damitsind psychisch kranke Menschenzugleich zu einer identifizierbarenGruppe in den Kommunen geworden, so wie die Obdachlosen inden siebziger Jahren.Die strukturelle Identität mit anderen kommunalen Problemlagenerzwingt es geradezu naturwüchsig, die in anderen Tätigkeitsfeldern entwickelten Problembearbeitungen zu übertragen: nämlichdie postmoderne Variante derGWA, die Sozialraumentwicklung,auf die Gemeindepsychiatrie.Was bedeutet „Sozialraumorientierung“ für die Gemeindepsychiatrie?Sie bedeutet, den sozialen Raummit seinen Milieus und Menschen als Ressource nutzen (dies standzum Teil hinter der Einführungder Spalte „aktivierbare nichtpsychiatrische Hilfen“ in denIBRP), für die Personen und Settingsstärken, die mit Belastungen

Das Handlungsparadigma„Lebenswelt“In der gemeindepsychiatrischenDiskussion wurde dieses Paradigma zum Kern- und Angelpunkt,zumeist in der Verkürzung aufsoziale Nahräume. In den gesellschaftlichen Teilsystemen Arbeit,Wohnungswirtschaft, Freizeitkulturund Reproduktionskultur mit ihrenvorgängigen gesellschaftlichenLogiken und Strukturen wird überdie Chancen zur Inklusion entschieden - bevor überhaupt einKlient in der Region wohnt, imBetrieb arbeitet, etc.Auf diese Teilsysteme zielt dieUN-Behindertenrechtskonvention,wenn von „angemessenen Vorkehrungen“ gesprochen wird unddie erforderlichen Veränderungder Gegebenheiten und Strukturender Systeme gemeint sind, sodasssie der realen Vielfalt menschlicher Lebenslagen - gerade auchvon Menschen mit Behinderungen- von vornherein gerecht werden(„Inklusion“ statt „Integration“ inbestehende Strukturen).Die alltäglichen Lebensvollzügeder Mitbürger entscheiden überdie Möglichkeiten und Qualitätendes Lebens psychisch erkrankterMenschen im Gemeinwesen mit.Sozialraumorientierung meint,diese alltäglichen Lebensvollzügeder Mitmenschen zum Gegenstandprofessionellen Handelns zu machen, das heißt Entwicklung dersozialen Handlungsräume in derWeise, dass Klienten ‚gut in ihnenleben können’. Die Organisationvon solidarischen Strukturen, derAufbau und die Bündelung vonlebensweltlichen Ressourcen etc.werden Teil der Hilfeerbringung.Dies wird zur Voraussetzung vonpersonenzentrierten Hilfen sowiefür die Unterstützung des unmittelbaren sozialen Umfeldes derjeweiligen Person, z.B. ihrer Angehörigen.Soziale Nahräume können amwirksamsten durch unmittelbareBeteiligung an den stattfindendenInteraktionsbeziehungen so mitgestaltet werden, dass sie “aufnahmefähig“ für von Ausschluss bedrohte Personen werden und dassdie diesen Räumen inhärentenRessourcen, die die Anschlussfähigkeit an soziale Teilsystemestärken, diesen Personen zu gutekommen.Ein Beispiel ist das, was durchdie Quartiersmanager in den Projekten „Soziale Stadt“ passiert.Oder die Anschlussfähigkeit andas Teilsystem Arbeit kann z.B.dadurch erhöht werden, dass soziale Nahräume auf potentielleRessourcen für dieses Systemhin untersucht werden; so könn-ten Mitglieder eines Lions- oderRotaryclubs für ein Beschäftigungscoaching, gewerkschaftlichorganisierte Mitarbeiter als „Arbeitsscouts“ für Eingliederungsarbeitsplätze und Mitglieder einerStammtischrunde als „Beschäftigungspaten“ gewonnen werden.Jede Version nachbarschaftlicherUnterstützung und bürgerschaftlichen Engagements bietet weitereBeispiele.Sozialräumlich verstanden meintPersonenzentrierung: Orientierungam Einzelfall im sozialen Feld– und Ausschöpfen der Ressourcen des sozialen Feldes für denEinzelfall, aber notwendig ergänztum die Perspektive: Beeinflussungder und Investition in die sozialen Räume zur Entwicklung vonderen Aufnahmefähigkeit für vonExklusion bedrohte Personen. Anmerkung1 Ottawa-Charta zur Gesundheitsförderungvom 21.November 1986. Der Text in autorisierterdeutscher Übersetzung ist nachzulesen 0827 2?language German.LiteraturRoss, Murray G. (1971): Gemeinwesenarbeit Theorie, Prinzipien, Praxis; Freiburg 1971.Boer, Jo (1970): Gemeinwesenarbeit, Stuttgart.Bauer, Rudolph (1970): Studie für einen sozialenEntwicklungsplan im Bereich der Mariothsiedlung(Lohwaldsiedlung) / erstellt im Auftrag der StadtOffenbach am Main. Lohwaldinformationen Offenbach / Main 1970.Berger, Anna (1975): Sozialklempner oder Anwaltder Betroffenen? Bericht aus der Sozialarbeitspraxis: Familienfürsorge und Gemeinwesenarbeit; in:Kursbuch 40.Brückner, Margret (1984): Gemeinwesenarbeit; in:Eyfert u. a. (Hrsg.): Handbuch Sozialarbeit/Sozialpädagogik, Neuwied und Darmstadt 1984, S. 423Gutachten des Sachverständigenrats zur Begutachtung der Entwicklung im Gesundheitswesen(2007): Kooperation und Verantwortung. Voraussetzungen einer zielorientierten Gesundheitsversorgung, Kurzfassung, S. 34.Preußer, Norbert (1977): Theorie und Praxis dersozialen Arbeit, AWO, S. 216.Klaus Dörner (2008): Mitwirkung an der Entwicklung des Sozialraums - eine Aufgabe für dieSozialpsychiatrie; in: APK-Band 35, S. 37ff.Die alltäglichenLebensvollzüge derMitbürger entscheidenüber die Möglichkeiten und Qualitätendes Lebens psychischerkrankter Menschenim Gemeinwesen mit.Sozialraumorientierungmeint, diese alltäglichen Lebensvollzügeder Mitmenschen zumGegenstand professionellen Handelns zumachen.7Kerbe 2/2010Drei Paradigmen der Sozialraumorientierung (Hinte) erzwingengeradezu deren gemeindepsychiatrische Berücksichtigung: Sozialraum als Handlungsparadigma: die Lebenswelt Sozialraum als Territorium: derSteuerungsraum Sozialraum als Finanzierungsparadigma: das Sozialraumbudget.Gemeinhin werden unter Lebenswelt lediglich die sozialenNahräume verstanden, die vonden Teilsystemen nicht abgekoppelt sind, sondern diese fürden Alltagsmenschen erst lebbarmachen (siehe z.B. Klaus Dörner,2008). Diese Räume haben eigeneQualitäten und andere Potentialeals die Logiken der Teilsysteme,sie werden in hohem Maße autonom mitgestaltet, sie befriedigenprimäre Interaktionsbedürfnisseund stützen die Lebensvollzügein den Teilsystemen. Folgerichtiggeraten sie bei der Frage nachden erschließbaren Ressourcen fürsozialräumlich verstandene Hilfenprominent in den Blick.Themenschwerpunktaus psychischen Erkrankungenumzugehen haben (z.B. Selbsthilfeförderung, Betriebs- undSchulprojekte, Aufklärung undAktionswochen), zum gemeinsamen Leben unterbelasteten Bedingungen befähigen(supported employment, Betreuung in Familien, Schulprojekte,Straßen- und Nachbarschaftsfeste, (weiter-)entwickeln, um dieInklusion vom sozialen Umfeldher zu befördern (in der ICF:Kontextfaktor Umwelt bzw. „geeignete Maßnahmen“ zur vollenInklusion im Artikel 4 und 9 derUN-Behindertenrechtskonvention)mit der Konsequenz, auch unabhängig von einzelnen potentiellenHilfeempfängern und vor derBetrachtung von Einzelfällen aufsehr unterschiedliche Art in denSozialraum zu investieren.

Exklusionsmechanismen in dermodernen GesellschaftAuswirkungen und Folgen für Menschen mit psychischen BehinderungenVon Dirk RichterThemenschwerpunktAbstractKerbe 2/20108Dirk RichterProf. Dr. phil., Angewandte Forschung undEntwicklung Pflege,Fachbereich Gesundheit, Berner Fachhochschule, Murtenstrasse10, CH-3008 Bern.Obwohl die Integration in die Gesellschaft eines der Hauptziele derSozialpsychiatrie war, wird dieses Ziel immer schwerer zu erreichen.Der Beitrag untersucht, wie sich die Exklusionsmechanismen in derGegenwartsgesellschaft verändert haben und warum gerade psychischkranke Menschen erhebliche Probleme mit der Inklusion haben. Es wirddie These vertreten, dass die spezifischen Schwierigkeiten, die bei vielenpsychischen Störungen auftreten, häufig nicht zu den Anforderungenund Erwartungen in der Gesellschaft passen. Abschließend werden verschiedene Ansätze beschrieben, die in einen ‚neuen‘ Werkzeugkasten derSozialpsychiatrie gehören könnten.Die Ausschließung psychischkranker und behinderter Menschen von der Mehrheitsgesellschaft ist eine die gesamteMenschheit begleitende Thematik.Menschen mit Behinderungensind seit jeher stigmatisiert undwerden an der Teilhabe an sozialen Leistungen und Funktionengehindert. Im 20. Jahrhunderthat der Ausschluss in den totalenInstitutionen der psychiatrischenAnstalten sowie in der Vernichtung psychisch Kranker durch dasnationalsozialistische Regime inDeutschland einen vorläufigenHöhepunkt erreicht.Spätestens mit den Psychiatriereformen seit den 1960er Jahren,so die einhellige Intention derReformer, sollte es mit dem sozialen Ausschluss für psychischkranke Menschen eigentlich vorbei sein. Die Psychiatriereformenin der westlichen Welt zielten jagerade auf die Integration in dieGemeinde sowie auf die Nutzung‚natürlicher‘ sozialer Kontextefür die Rehabilitation der betroffenen Menschen (Forster 1997).Die nicht nur in Italien gehegteHoffnung war, dass die „Freiheitheilt“, wie ein Schlachtruf dernorditalienischen Psychiatriereformer lautete.Umso erstaunlicher ist das erneuteAufkommen der Thematik der Ex-klusion in den letzten Jahren. DieRenaissance der Exklusionsthematik lässt darauf schließen, dassdie Integration psychisch krankerMenschen in die Mehrheitsgesellschaft nicht gelungen ist. Wassich verändert hat in den vergangenen Jahrzehnten sind die Ausschließungsmechanismen in dermodernen Gesellschaft. Anstelleder offenen und brutalen Exklusion durch die Einschließung inden früheren psychiatrischen Anstalten herrschen heute mehr verdeckte und subtile Mechanismen,die psychisch behinderte Menschen von Teilhabe ausschließen.Diese subtilen Mechanismen sollen im Folgenden beleuchtet werden, um anschließend zu schauen,welche sozialen und therapeutischen Ansätze zur Prävention vonExklusion denkbar sind.Sozialer Wandel in der modernenGesellschaftUnbestritten hat sich die Gesellschaft in der westlichen Welt seitdem Ende des Zweiten Weltkriegsdramatisch verändert (Kaelble2007). Die soziologischen Diagnosen gleichen sich mehr oderweniger in ihren Feststellungen:sta

München und Nürnberg. Michael Welschehold-Grefe, Ralph Bohnert, Seite 35. 38. Nachrichten. 42. Termine . Inhalt 3. Editorial 4. Themenschwerpunkt . n. Das beste Medikament: funktionierende soziale Netzwerke. Oder: die Wiederentdeckung des Sozialraumes durch die Gemeinde-psychiatrie Reinha