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Zurich Open Repository andArchiveUniversity of ZurichMain LibraryStrickhofstrasse 39CH-8057 Zurichwww.zora.uzh.chYear: 2017”Musik von Anfang an” Referenzrahmen zur Anwendung von Musiktherapiein der NeonatologieHaslbeck, Friederike ; Nöcker-Ribaupierre, Monika ; Zimmer, Marie-Luise ; Schrage-Leitner, Leslie ;Lodde, VerenaAbstract: Musiktherapie in der Neonatologie ist ein Feld mit wachsendem inner- als auch interdisziplinärem Interesse. Mussten deutsche Pioniere wie Monika Nöcker-Ribaupierre, Marie-Luise Zimmerund Monica Bissegger in den 1990er Jahren noch viele Wege ebnen, so bieten mittlerweile 28 neonatologische Stationen1 im deutschsprachigen Raum Musiktherapie an. Auch global sind diese Entwicklungenzu beobachten. So wurden bei dem letzten Weltkongress für Musiktherapie 2014 in Krems, Österreichzehn Vorträge und ein Pre-Conference Seminar zum Thema präsentiert und in London die internationaleForschergruppe MANDARI (Music and the Neuro-Developmentally At-Risk Infant collaboration)2 vonHelen Shoemark gegründet. Dieses wachsende Interesse spiegelt sich zudem in der stetig steigenden Zahlder Mitglieder des deutschsprachigen Fachkreises Musiktherapie Neonatologie (FMtN)3 wider. Interdisziplinär ist die zunehmende Aufmerksamkeit insbesondere an der großen Anzahl von Forschungsarbeitenzur Musiktherapie in der Neonatologie von Disziplinen der Pflegewissenschaften, Psychologie und Medizinzu erkennen (Haslbeck, 2012). Und auch die Medien berichten vermehrt über das innovative Arbeitsfeld(Christ, 2014; Baumeister, 2014; Kery-Erdelyi, 2014).Posted at the Zurich Open Repository and Archive, University of ZurichZORA URL: https://doi.org/10.5167/uzh-145733Scientific Publication in Electronic FormPublished VersionOriginally published at:Haslbeck, Friederike; Nöcker-Ribaupierre, Monika; Zimmer, Marie-Luise; Schrage-Leitner, Leslie; Lodde,Verena (2017). ”Musik von Anfang an” Referenzrahmen zur Anwendung von Musiktherapie in der Neonatologie. Deutschland: http://www.musiktherapie.de/.

«Musik von Anfang an»Referenzrahmen zur Anwendung von Musiktherapie in derNeonatologieFriederike Haslbeck, Monika Nöcker-Ribaupierre, Marie-Luise Zimmer, Leslie SchrageLeitner, Verena Lodde für den Fachkreis Musiktherapie Neonatologie (FMtN)Zitiervorschlag:Haslbeck F., Nöcker-Ribaupierre M., Zimmer M.-L., Schrage-Leitner L., Lodde V. für den FachkreisMusiktherapie Neonatologie (2017): Musik von Anfang an. Referenzrahmen zur Anwendung von Musiktherapiein der Neonatologie. Deutsche Gesellschaft für MusiktherapieVerfügbar unter: elder/neonatologie.htmlKorrespondenz: Dr. Friederike Haslbeck, UniversitätsSpital Zürich und Inselspital Bern, ie in der Neonatologie ist ein Feld mit wachsendem inner- als auchinterdisziplinärem Interesse. Mussten deutsche Pioniere wie Monika Nöcker-Ribaupierre,Marie-Luise Zimmer und Monica Bissegger in den 1990er Jahren noch viele Wege ebnen, sobieten mittlerweile 28 neonatologische Stationen1 im deutschsprachigen Raum Musiktherapiean. Auch global sind diese Entwicklungen zu beobachten. So wurden bei dem letztenWeltkongress für Musiktherapie 2014 in Krems, Österreich zehn Vorträge und ein PreConference Seminar zum Thema präsentiert und in London die internationale ForschergruppeMANDARI (Music and the Neuro-Developmentally At-Risk Infant Collaboration)2 vonHelen Shoemark gegründet. Dieses wachsende Interesse spiegelt sich zudem in der stetigsteigenden Zahl der Mitglieder des deutschsprachigen Fachkreises MusiktherapieNeonatologie (FMtN)3 wider. Interdisziplinär ist die zunehmende Aufmerksamkeitinsbesondere an der großen Anzahl von Forschungsarbeiten zur Musiktherapie in der123www.musiktherapie.de (Zugriff: März 2017)www.gold.ac.uk/mandari/groupmembers (Zugriff: März 2017)siehe 11

Neonatologie von Disziplinen der Pflegewissenschaften, Psychologie und Medizin zuerkennen (Haslbeck, 2012). Und auch die Medien berichten vermehrt über das innovativeArbeitsfeld (Christ, 2014; Baumeister, 2014; Kery-Erdelyi, 2014).Diese Entwicklungen bergen große Chancen, aber auch Risiken. Chancen, dass Musiktherapieim Kanon der Gesundheitsdisziplinen immer mehr gehört, gewünscht und etabliert wird –denn die meisten Stellen müssen noch mit Hilfe von Drittmitteln finanziert werden undberuhen auf dem individuellen Engagement einzelner Therapeutinnen. Risiken, dassunprofessionelle Stimulationsangebote auf Grund der „Modewelle“ ihren Weg in dieNeonatologie finden. Dies ist insbesondere vor dem Hintergrund der hohen Vulnerabilitätfrühgeborener Kinder und ihrer Eltern bedenklich. Denn auditive Stimulationsangebotekönnen bei unprofessioneller Handhabung zu Fehl- und Überstimulation der Kinder führenals auch die Eltern bei mangelnder therapeutischer Begleitung zusätzlich verunsichern undbelasten (Shoemark, 2013).Zugleich werden im Gesundheitssetting Kriterien der Qualitätssicherung sowie „Evidencebased Practice“ (EBP) gefordert. Laut Kern (2010) liefert EPB Qualitätskriterien, die derMusiktherapie als sich professionalisierende Disziplin helfen können, sich besser zupositionieren sowie den Patientinnen, Patienten und Angehörigen die ess im klinischen Alltag verstanden, der folgende drei Aspekteberücksichtigt: 1) Evaluierung der besten Forschungsergebnisse 2) Klinisch-praktischeErfahrung und 3) die individuellen Bedürfnisse und Präferenzen der Patienten (Sackett et al.,2005; Melnyk et al., 2009).Die Evidence betreffend liegen bereits mehrere systematische Reviews vor, welche diepositiven Effekte von Musiktherapie auf die Kinder und die Eltern belegen, insbesonderestabilisierende und entspannende Wirkungsfaktoren auf physiologische Parameter und denallgemeinen Verhaltenszustand der Kinder (Bielenik et al., 2016; Hartling et al., 2009;Haslbeck, 2012; Standley, 2012). In diesen Literaturanalysen sowie in einer der erstenevidenz-basierten Guidelines zur Musiktherapie in der Neonatologie (Standley, 2002) wirddie Anwendung von Musik als Therapie von professionell ausgebildeten Musiktherapeutengefordert sowie insbesondere der positive Effekt von Live-Musik betont. Dies konnte auch inersten Vergleichsstudien gezeigt werden. So unterstreichen Arnon et al. (2006) als auch2

Garunkstiene et al. (2014), dass Live-Musik besser und nachhaltiger wirkt als auf Tonträgeraufgenommene Stimulationsangebote, was sich z. B. in der signifikanten Regulation derHerzrate und tieferem Schlaf mit größerem Effekt nach der Live-Musiktherapieinterventionzeigte. Qualitative Studien zur Musiktherapie in der Neonatologie geben darüber hinausHinweise auf die Art und Weise, wie und welche Musik angeboten werden sollte und dass dieEltern als auch die Eltern-Kind-Bindung durch die Einbindung in den therapeutischen Prozessgestärkt werden können (Haslbeck, 2013 a & b; Shoemark & Grocke, 2010; NöckerRibaupierre, 1995). Responsiveness (vgl. Haslbeck 2014), stete Anpassung an dieindividuellen Bedürfnisse der frühgeborenen Kinder und ihrer Eltern, Feinabstimmung undSynchronisation von Rhythmen und Affekten werden als Wirkfaktoren genannt und alsübergeordnete Zielsetzungen gefordert (Hanson-Abromeit et al., 2008; Haslbeck, 2013;Loewy et al., 2013).Wie aber im Detail sollen Musiktherapeutinnen und -therapeuten in der Neonatologiearbeiten? Was sind spezifische Indikationen, Zielsetzungen, musiktherapeutische Methoden,aber auch Kontraindikationen? Erste Richtlinien existieren bereits im angloamerikanischenRaum (Standley, 2002; Hanson-Abromeit et al., 2008; Standley & Walworth, 2010). Wiekönnen diese jedoch an den deutschsprachigen Raum adaptiert werden? Sollte in diesemZusammenhang nicht auf den Erfahrungsschatz von deutschsprachigen Expertinnenzurückgegriffen werden, um den zweiten wichtigen Baustein im alltäglichen, klinischenEntscheidungsprozess der Evidence-based Practice (2: klinisch-praktische Erfahrung) zurVerfügung zu stellen, insbesondere für Berufsanfängerinnen und -anfänger, die ihre eigeneklinisch-praktische Erfahrung noch sammeln müssen?So wurde in den vergangenen vier Jahren im Fachkreis Musiktherapie Neonatologie durch dieInitiative und Koordination der Erstautorin ein Referenzrahmen für Musiktherapie in derNeonatologie erarbeitet. Die einzelnen Erfahrungen wurden mit der aktuellen Evidenz sowieden bereits vorhandenen Richtlinien zur Musiktherapie in der Neonatologie abgeglichen(Hanson-Abromeit et al., 2008; Nöcker-Ribaupierre, 2014; Standley, 2002; Standley &Walworth, 2010). Essentielle Grundlage im Erarbeitungsprozess waren zudem die Leitsätzedes Bundesverbandes „Das frühgeborene Kind“ (2007), die auf der entwicklungsförderndenBetreuung (NIDCAP)4 basieren; sie wurden von einer interdisziplinären Gruppe aus4NIDCAP-Pflegekonzept (Newborn Individualized Development Program), ein Ansatz der individualisierten Entwicklungsförderung, derauf Erkenntnissen der früh- kindlichen Gehirnforschung basiert und sich an den individuellen Bedürfnissen der Kinder orientierthttp://nidcap.org/en/3

Gesundheitsdisziplinen der neonatologischen Versorgung im Konsensverfahren formuliert;bspw. „Achtung der Autonomie der Eltern und der Eltern-Kind-Einheit“, „Unterstützung derintuitiven Eltern-Kind-Interaktion“, etc. Viele der in diesen Leitsätzen gefordertenRahmenbedingungen für Musiktherapie mit Frühgeborenen und ihren Eltern habenrichtungsweisenden Charakter (Haslbeck, 2009).Übergeordneter Referenzrahmen für Musiktherapie in der NeonatologieDer im Folgenden vorgestellte Referenzrahmen (s. Tab. 1, S. 5) wurde zunächst inKleingruppen systematisch zu den drei Themenfeldern „Auditive Stimulation mitMutterstimme“, „Instrumentale Musiktherapie in der Neonatologie“ und „VokaleMusiktherapie in der Neonatologie“ erarbeitet, um diese anschließend zu einemübergeordneten Rahmen zu synthetisieren. Orientiert an den Forderungen zur professionellenErstellung von klinisch praktischen Leitlinien des Institute of Medicine (Field & Logh, 1990)und dem Scottish Intercollegiate Guidelines Network (Harbour, 2008) wurde derReferenzrahmen nach wiederholter Überarbeitung durch die Autorinnen den im Dankaufgeführten, interdisziplinären neonatalen Expertinnen und Experten aus der Medizin,Pflegewissenschaft, Psychologie und Physiotherapie zur weiteren Prüfung vorgelegt. Umdarüber hinaus im Sinne der Partizipation (Harbour, 2008; de Silva, 2011) die Bedürfnisseund Perspektiven der Patientinnen und Patienten sowie Angehörigen, die von denen ,einzufangen,wurdederReferenzrahmen den ebenfalls im Dank angeführten Eltern sowie dem Bundesverband „DasFrühgeborene Kind e. V.“ zur weiteren Revision vorgelegt. Folgende in der ,Indikationen,Kontraindikationen,Zielsetzungen, Rahmenbedingungen und Methoden haben sich dabei herauskristallisiert undsollten daher für jegliche Anwendung von Musiktherapie im neonatologischen Setting gelten.4

Tabelle 1: Referenzrahmen für Musiktherapie mit früh- und neugeborenen Kindern und ihren ElternVoraussetzungen Vom Berufsverband anerkannte musiktherapeutische QualifikationInteresse Offenheit der neonatologischen Station für MusiktherapieTransdisziplinäre ZusammenarbeitIndividueller Behandlungs-, Verantwortungs- und BeobachtungsauftragInformation und Bereitschaft der ElternRahmenbedingungen Herstellen einer vertrauensvollen, ruhigen AtmosphäreTherapieangebot regelmäßig, kontinuierlich, zeitlich begrenztEinfügung in (intensiv-) medizinische RahmenbedingungenEinhaltung der HygienerichtlinienDokumentationAustausch mit interdisziplinärem TeamIndikationen KindUnruhe, StressPhysiologische InstabilitätDeprivationsgefahr, IsolationDisregulationDrohende BehinderungSchmerzSuchtmittelentzug ElternTraumatisierungAngst, UnsicherheitÜberforderung, StressHilflosigkeit, OhnmachtsgefühleSchuldgefühle, TrauerDepressive SymptomeAblehnung des KindesFamiliäre BelastungSubstanzmissbrauchEltern-Kind Triade: Schwierigkeiten im BeziehungsaufbauKontraindikationen Ziele Extreme bis lebensbedrohlicheInstabilitätGefahr der Überreizung, -stimulationWährend schmerzhafter ProzedurenBeruhigung, EntspannungStabilisation physiologischerParameterWahrnehmungs- undEntwicklungsförderungSchmerzminderung Unauflösbare Abwehr vonMusiktherapieStörung der IntimsphäreAngebotsüberfrachtungAkute InstabilitätBegleitung, StabilisierungAnbahnung vonVerarbeitungsprozessen (Coping,Coaching)Stärkung des Vertrauens in intuitiveelterliche Fähigkeiten (Nutzung dereigenen Stimme)Förderung Eltern-Kind Beziehungs- und BindungsaufbauMethodik Individuelle Kontaktaufnahme,AbschlussritualDauer/ Intensität der Interventionangepasst an individuellesWahrnehmungs- undVerarbeitungsvermögenAuditive Charakteristika:o Leise (50-60dB)o Musikalische Parameter individuellangepassto Einfache Struktur, Wiederholungen,Pauseno Kulturell angepasst, Aufgreifen vonmusikalischen Vorlieben,Hörerfahrungen, Prägungen5 ErstkontaktErmutigung/ Begleitung zur aktivenstimmlichen Kontaktaufnahme(sprechen, singen, summen)Kontinuierliche therapeutischeBegleitung der Familie bis zurEntlassung, AbschlussgesprächKrisenintervention, Traumatherapie,Stabilisierung, Coping und Erarbeitenvon RessourcenMusikalische NachsorgeberatungSchweigepflichtGeschwister:Bei Anwesenheit und BereitschaftIntegration, z.B. gemeinsames Singenvon Liedern

Zusätzlich sei zu erwähnen, dass in einzelnen Fällen auch eine musiktherapeutischePalliativbegleitung der Kinder und ihrer Familien angeboten wird, insbesondere wenn diesexplizit gewünscht wird. Im Syntheseprozess der Erarbeitung haben sich einige Aspekteherauskristallisiert, die nur für den jeweiligen Ansatz gelten. Diese bergeordnetenbereitsaufgeführtenReferenzrahmen erläutert.Ergänzende Charakteristika für die Auditive Stimulation mit MutterstimmeDie folgenden ergänzenden Erläuterungen (s. Tab. 2) beziehen sich auf die von NöckerRibaupierre (1987, 1995, 2003, 2012, 2015 b) entwickelte, evaluierte und durch Zimmer(2003, 2012) erweiterte Methode der Auditiven Stimulation mit Mutterstimme (ASM).Tabelle 2: Ergänzende Charakteristika für die Auditive Stimulation mit MutterstimmeVoraussetzungen Kontraindikationen Methodik Gute technische Ausstattung (Aufnahme- & Wiedergabegerät, Lautsprecher)Bearbeitungsprogramm zur Regulierung der Lautstärke und Beseitigung vonstörenden NebengeräuschenRuhiger Raum für die AufnahmeHandout und Einweisung des Pflegepersonals über den Umgang mit Geräten, sowieüber Häufigkeit und Zeiten der ASM (nicht während Pflegezeiten)Rooming-in/ ausgeprägte Präsenz der ElternNicht-Erreichbarkeit der Mutter wegen Post-partaler DepressionPraktische VorgehensweiseErstkontakt; Vorbereitung der Mutter auf dieAufnahmeAufnahme der Mutterstimme: summen, singen,erzählen, vorlesenQualitätskontrolle und erstes Abspielen derAufnahme am Inkubator wenn möglich mit derMutter zusammenPositionieren des Lautsprechers ca. 20-30 cmvom Kopf des Kindes entferntBeim ersten Abspielen der Aufnahmegemeinsame Beobachtung des KindesEinstellung der LautstärkeAbsprache über die Dauer, Zeiten undHäufigkeit der ASM (nur bei Abwesenheit derMutter anwenden)Therapeutische Vorgehensweise Nutzung ASM als„Brücke“ zur Anleitungzum live Singen Vgl. übergeordneterReferenzrahmenDie ASM basiert u.a. auf den Forschungen der Säuglings- und Bindungsforschung, derBedeutung der Mutter als erster Bezugsperson. Grundlage dieses Ansatzes ist die Tatsache,dass das Ungeborene emotionale Bindung zunächst im mütterlichen Organismus erfährt;damit ist die Mutterstimme Grundlage und wesentliches Fundament von Bindung und6

späterer Beziehungsaufnahme. In der Praxis stellte sich im Laufe des gesellschaftlichenWandels v.a. bezüglich der Rolle des Vaters heraus, dass die Familie als System zuberücksichtigen und sekundär in die therapeutische Versorgung mit einzubeziehen ist. Sowird die ASM je nach familiärer Kultur um den Einbezug der Väter und gegebenenfalls späterder Geschwisterstimmen erweitert.Ergänzende Charakteristika vokaler und instrumentaler Live-MusiktherapieDie folgenden Aspekte zur instrumentalen und vokalen Musiktherapie basieren u. a. aufAnsätzen von Shoemark (2010), Loewy (2013), Bissegger (2000) und Haslbeck (2013 a & b).Tabelle 3: Ergänzende Charakteristika für vokale und instrumentale okaler &instrumentalerMusiktherapie Vokale MusiktherapieVgl. allgemeiner Referenzrahmen Kind: Wahrnehmungs-, Reaktions-, InteraktionsauffälligkeitenEltern: Mangelnde Feinfühligkeit/ Blockade der intuitiven elterlichen FähigkeitenEltern-Kind-Triade: Kontakt-, Interaktionsschwierigkeiten/ StressübertragungReaktives, fein abgestimmtes Summenund Singen mit Pausen Instrumentale MusiktherapieEltern: Scham oder Abwehr in Bezugauf den Einsatz der eigenen StimmeVibro-akustische StimulationHäufig benutzte Instrumente:o Leier, Kantele, Harfeo Kalimba, Windspielo Kleines Monochordo Hang, Lauteo Ocean-Disc, SchlitztrommelTherapieangebot für Mutter/ Vater/ Großeltern/ Geschwister und Kind: Während des Känguruens/ auf dem Arm Am Inkubator/ Wärmebett, Bett Ggf. beim Füttern Fürspiel/ Entspannungsmusik Improvisation für Kind (und Eltern) Gemeinsames Singen mit den Eltern für das Kind Evtl. Komponieren von Liedern, um emotionales Erleben zu verbalisieren Evtl. ein Instrument begleitend dazuèJe unreifer/ instabiler das Kind, desto reduzierter das Musikangebot KindIndividuelles ngResonanzerfahrungAktivierung/individuelle StimulationSaug- und SchluckförderungSelbstwirksamkeitserfahrung Eltern Begleitung zur interaktivenstimmlichen Kontaktaufnahme(sprechen, singen, summen) Entspannung/ emotionaleRegulation Interaktionsförderung mit Kind Kulturelle Integrationsarbeit Elterliches Kompetenzerleben EmpowermentEltern-Kind-Triade:Gemeinsam erlebte Entspannung, Innigkeit, Interaktion, Verbundenheit7

Zusätzlich sei noch zu erwähnen, dass insbesondere bei den Ansätzen der SchöpferischenMusiktherapie (Haslbeck, 2004, 2013 a & b) als auch dem Ansatz von Loewy (2013, 2015)die Synchronisation des Atemrhythmus der Kinder bewusst als methodisches Mitteleingesetzt wird, um Kontakt mit den Kindern aufzunehmen als auch ihren Atemrhythmus zuunterstützen und zu stabilisieren. Minimalste Bewegungen in Mimik und Gestik werden inihrer Spannungsmodalität und Affektivität synchronisiert und/ oder ihnen entgegengewirkt,wie etwa durch den bewussten Einsatz von sedativen musikalischen Parametern bei starkerAnspannung der Kinder (Haslbeck, 2013b, 2014).Weitere ansatzübergreifende Empfehlungen für Musiktherapie in der NeonatologieFolgende Angebote erscheinen darüber hinaus erstrebenswert, bzw. haben sich als sinnvollerwiesen: Fortbildungen und Workshops rund um das Thema Klangwelt Intensivstation, um dieakustische Hygiene auf der Station zu thematisieren und zu verbessern Interdisziplinäres Angebot von Elterntreffen, um den Austausch unter den Eltern zufördern Musikalische Angebote für die Station/ Team /Eltern, wie z. B. Weihnachtsmusik,Wiegenliederabende, „Environmental Music Therapy“ (vgl. Loewy, 2013) atalemusiktherapeutischeBetreuung von Risikoschwangeren sowie ein musiktherapeutisches Nachsorgeangebot(vgl. Kaufmann, Nussberger, Esslinger, & Leitgeb, 2014).Wie bei der näheren Betrachtung der Leserin bzw. dem Leser möglicherweise bereitsaufgefallen ist, gestalten sich viele der Zielsetzungen, Indikationen und Kontraindikationenfür Musiktherapie in der Neonatologie ungeachtet des spezifischen Ansatzes ähnlich. Deshalberscheint die vorliegende Zusammenführung sinnvoll, um sich weiter inner- als .VieleMusiktherapeutinnenund -therapeuten arbeiten zudem nicht nur mit einem Ansatz, sondern bedienen sich bewusstder verschiedenen oben ausgeführten Methoden, um im Sinne der individuellen Ausrichtungund Anpassung an die Bedürfnisse der Kinder, Eltern, bis hin zur ganzen Familie flexibel undressourcen-orientiert agieren zu können.8

Darüber hinaus wird die Relevanz der Stimme deutlich, ob live gesungen, aufgenommen miteinem begleitenden Instrument oder in Kombination mit Berührung. Diese essentielleBedeutung der (Mutter-)Stimme in der Arbeit mit Frühgeborenen und ihren Eltern wirdmehrfach postuliert, ob bereits 1987 von Nöcker-Ribaupierre (1987), im Erfahrungsaustauschdes Fachkreises, beim Roundtable des Weltkongresses für Musiktherapie (Shoemark &Group, n.d.) bei der Befragung verschiedenster Musiktherapeuten im Rahmen derMasterarbeit von Kerauden-Aichberger (2014) oder in der weiteren Literatur (Haslbeck,2013a; Shoemark, 2014; Nöcker-Ribaupierre, 2015a). Entsprechende zentrale Bedeutung inder Musiktherapie in der Neonatologie hat die Einbindung der Familie in den therapeutischenProzess erlangt (Haslbeck, 2013b; Shoemark & Arnup, 2014; Shoemark & Hanson-Abromeit,2015; Zimmer, 2012; Ettenberger et al., 2016).Zudem sei zu betonen, dass sich die angeführten Methoden im Zuge des Paradigmenwechselsvon der Isolation von Frühgeborenen zur Elterneinbindung und entwicklungsförderndenindividuell ausgerichteten Ansätzen in der Neonatologie weiter entwickelt haben. Waren inden 80er Jahren Eltern auf den Intensivstationen noch eher unerwünscht und die AuditiveStimulation mit Mutterstimme eine der wenigen Möglichkeiten zum Brückenschlag zwischenMutter und Kind, so werden mittlerweile die Eltern so früh wie möglich zum Känguruensowie zur eigenen Versorgung des Kindes angeleitet (EFCNI, 2011). Hohe elterliche Präsenzist erwünscht und gefordert, so dass Musiktherapie nicht nur direkt mit den Kindern, sondernin der direkten, individuell fein abgestimmten Interaktion mit der Eltern-Kind-Triadeangeboten werden kann. So wird die Auditive Stimulation von deutschsprachigen Kollegenmittlerweile eher als Brückenschlag zur Anleitung zum Live Singen genutzt; bspw. für Eltern,die zu Beginn der Hospitalisierung ihres Kindes noch sehr wenig Präsenz zeigen (können).Dies erscheint zudem in der Synthese mit den vorliegenden und bereits erwähntenForschungsergebnissen zur nachhaltigeren Wirkung von Live-Interventionen im Vergleich zuAudioaufnahmen empfehlenswert.Im Zuge dieser Innovationen sind im deutschsprachigen Raum darüber hinaus die Arbeitenvon Schrage-Leitner (2007) und Esslinger (2014) zum Themenfeld des neonatalenDrogenentzuges, von Nussberger (2014) und Kaufmann (2014) im Bereich derRisikoschwangeren, von Leitgeb (2014) und Herpichböhm (2007) zur Nachsorge vonFrühgeborenen sowie Koppensteiner (2014) im Bereich der Interaktion von Mutter und Kindzu nennen.9

Abschließend soll betont werden, dass der vorgestellte Referenzrahmen im Sinne GefügedestäglichenEntscheidungsprozesses verstanden werden soll. Die stete Information und Weiterbildungüber aktuellste Forschungsergebnisse und Entwicklungen insbesondere in einem sovulnerablen Feld wie der neonatalen Intensivmedizin darf und soll dadurch nicht ersetzt,sondern vielmehr fundiert ergänzt werden. Zudem sollte der dritte Baustein im klinischenEntscheidungsprozess – die Berücksichtigung der individuellen Bedürfnisse und Präferenzender Patienten – besondere Gewichtung erfahren. Denn wie in der Literatur immer wiederdarauf hingewiesen (Thoman et al.,1991; Cevasco & Grant, 2005; Haslbeck, 2013), kann einund dieselbe Intervention verschiedenste Wirkungen bei unterschiedlichen Entwicklungs- undAltersstufen sowie verschiedenen Kindern und Eltern hervorrufen. Das genaue Beobachten,sensible Erspüren und Erfragen der Bedürfnisse der Kinder und deren Eltern sowie enSettingwirddaheralsGrundvoraussetzung verstanden und gefordert, um auf diese adäquat im therapeutischenEntscheidungsprozess reagieren und den Eltern Wahlfreiheit gewähren zu können (Haslbeck,2014). Dazu braucht es sowohl spezifisch musiktherapeutische Kompetenzen als auchmedizinisches, entwicklungsneurologisches und psychologisches Hintergrundwissen zumBefinden der Kinder und ihrer Familien, das in fachspezifischen Fortbildungen erworbenwerden sollte (Haslbeck, 2010).In der Gesamtschau zeigt sich, dass es vieler Komponenten bedarf, um im Sinne der„Evidence-based Best Practice“ frühgeborene Kinder und ihre Eltern mit Musik auf ihremgemeinsamen Weg ins Leben adäquat zu unterstützen. Deshalb wird im Zuge derQualitätssicherung und optimalen Versorgung dieser vulnerablen Gruppe die Anwendung vonMusik als Therapie auf der Neonatologie von professionell ausgebildeten Musiktherapeutengefordert. Der vorliegende Referenzrahmen soll weder als Patentrezept noch als„Gebot“ verstanden werden; er sollte vielmehr dazu dienen, sich in der wachsenden Anzahlvon Berichten und Meinungen über die besten Methoden an Hand von fundierten Richtlinieninner- und interdisziplinär besser zu orientieren, zu positionieren und zu qualifizieren. Dennnur so können wir frühgeborenen Kindern und ihren Eltern die bestmögliche Versorgung undUnterstützung garantieren – eine Versorgung, die sich auf umfassendes evidenzbasiertesHintergrundwissen, einen breiten Erfahrungsschatz als auch auf die individuellen Bedürfnisseund Präferenzen der jeweiligen Familien stützt.10

DanksagungenDie Autorinnen bedanken sich bei folgenden Mitgliedern des deutschsprachigen „FachkreisesMusiktherapie Neonatologie“ für die Erarbeitung und Ausformulierung des spezifischen undübergeordneten Referenzrahmens sowie der Überprüfung des Manuskripts: MonikaBerkmann, Monika Esslinger, Astrid Heine, Ursula Herpichböhm, Josephine Geipel, SusannKobus, Barbara Koppensteiner, Irmi Keraudren, Anja Kutter, Dana Laham, StéphanieLefèbvre, Barbara Menke, Amélie Michler, Renate Nussberger, Andrea Oelmann, JelkaPanskus, Martina Pohl, Frauke Schwaiblmair, Stephanie Scileppi, Nina Soete, RuthStakemann, Rosmarie Suter, Pia Teckenberg-Jansson und Iris Wolframm-Zielazek.Besonderer Dank gilt den Elternvertreterinnen Pia Tomik und Melanie Wübben, demBundesverband „Das Frühgeborene Kind e. V.“ sowie den interdisziplinären Experten PD Dr.Mathias Nelle, Dr. Friedrich Porz, Petra Regnat, Lilian Stoffel, Sabine Ihle, Veronica Tebbenund Gina Baldsiefen für ihre kritisch-konstruktives Überprüfung der Rohfassung.LiteraturArnon, S., Shapsa, A., Forman, L., Regev, R., Bauer, S., Litmanovitz, I., & Dolfin, T. (2006). Live music isbeneficial to preterm infants in the neonatal intensive care unit environment. Birth, 33(2), 131–136.Baumeister, M. (2014). Sanfte Töne machen Frühchen stark. Bildzeitung. Dortmund. Verfügbar .bild.html. Zugriff: 24.08.2016.Bieleninik, L., Ghetti, C., & Gold, C. (2016). Music Therapy for Preterm Infants and Their Parents: A Metaanalysis. Pediatrics, 138(3), e20160971.Bissegger, M. (2000). Grenzerfahrungen bei frühgeborenen Kindern und ihren Müttern. In D. Aldrige (Ed.),Beiträge zur Musiktherapie, Kairos V (pp. 26–35). Bern: Verlag Hans Huber.Bundesverband “Das frühgeborene Kind.” (2007). Leitsätze zur entwicklungsfördernden Betreuung in /field pblctn file/leitsaetze.pdf. Zugriff: 24.08.2016.Cevasco, A. M., & Grant, R. E. (2005). Effects of the pacifier activated lullaby on weight gain of prematureinfants. Journal of Music Therapy, 42(2), 123–139.Christ, A. (2014). Eine Handvoll Leben. Internationale Film-Ausstrahlung: Arte.Verfügbar -leben/eid 2872412714573356. Zugriff: 24.08.2016.De Silva, D. (2011). Evidence: Helping people help themselves. The health foundation, London Vol. 90, p. 52.EFCNI (2011). Caring for tomorrow. EFCNI White Paper on Maternal and newborn Health and AftercareServices. Karlsfeld, Gemany: European Foundation for the Care of Newborn Infants.11

Esslinger, M. (2014). Musiktherapie bei Säuglingen mit neonatalem Dorgenentzug, 133-216.In: Kaufmann, J.,Nussberger, R., Esslinger, M. Leitgeb, M.: Gespürt - gehört - gebor(g)en. Musik mit risokoschwangerenFrauen, Säuglingen und Kleinkindern. Reichert-Verlag, Wiesbaden.Ettenberger, M. et al. (2016). Family-centred music therapy with preterm infants and their parents in theNeonatal-Intensive-Care-Unit (NICU) in Colombia: a mixed-methods study. Nordic Journal of MusicTherapy, 25(sup1), pp.21–22.Ferti, E.-I. (2010). Leitlinie oder Flexibilität? Musiktherapeutische Umschau, 31(2), 87-101.Field, M., & Logh, M. (1990). Clinical Practice Guidelines: Directions for a New Program. Washington, DC:National Academy Press.Garunkstiene, R., Buinauskiene, J., Uloziene, I., & Markuniene, E. (2014). Controlled trial of live music therapyversus recorded lullabies in preterm infants. Nordic Journal of Music Therapy, 23(1), 71–88.Jackson, K., Ternestedt, B. M., & Schollin, J. (2003). From alienation to familiarity: experiences of mothers andfathers of preterm infants. Journal of Advanced Nursing, 43(2), 120-129.Hanson-Abromeit, D., Shoemark, H., & Loewy, J. (2008). Music therapy with pediatric units: Newbornintensive care unit (NICU). In D. Hanson-Abromeit & C. Colwell (Eds.), Medical Music Therapy forPediatrics in Hospital Settings. Using Music to Support Medical Interventions (pp. 15–69). Maryland:Silver Spring, MD: AMTA.Harbour, R. T. (2008). Sign 50. A guideline developer s handbook. Sign Executive, Edinburgh (p. 104).Hartling, L., Shaik, M. S., Tjosvold, L., Leicht, R., Liang, Y., & Kumar, M. (2009). Music for medicalindications in the neonatal period: a systematic review of randomised controlled trials. Archives of Diseasein Childhood. Fetal and Neonatal Edition., 94, F394–F354.Haslbeck, F. (2009). Musiktherapie mit Frühgeborenen und ihren Eltern – Ansätze, Empirie und Erfordernisse.Musiktherapeutische Umschau, 30(4), 311–321.Haslbeck, F. (2010). Fortbildungsprogramme

Referenzrahmen zur Anwendung von Musiktherapie in der Neonatologie Friederike Haslbeck, Monika Nöcker-Ribaupierre, Marie-Luise Zimmer, Leslie Schrage-Leitner, Verena Lodde für den Fachkreis Musiktherapie Neonatologie (FMtN) Zitiervorschlag: Haslbeck F., Nöcker-Ribaupierre M., Zim