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Wild oder gerade? Auswirkungen von FlussbegradigungenZUSAMMENFASSUNGDie Einheit thematisiert die Auswirkungen von Flussbegradigungen, insbesondere auf dieFließgeschwindigkeiten der Flüsse und die damit verbundene Hochwassergefahr. Die Lernenden diskutieren Vor- und Nachteile von Flussbegradigungen, veranschaulichen sich diesteigenden Fließgeschwindigkeiten in Spielen und diskutieren Möglichkeiten zur Reduzierung von Hochwassergefahren.ALLGEMEINE ANGABENØ Personenanzahl: ab 15Ø Zeitbedarf: 45 MinutenØ Klassenstufe/Alter: ab Klasse 5(entsprechend didaktisch reduziert)Ø Material: Abbildung 1, mehrere Eimer mitWasser, AugenbindeKOMPETENZEN (ZIELE)Die Lernenden können Vor- und Nachteile von Flussbegradigungen erläutern und Maßnahmen der Renaturierung von Flussläufen im Hinblick auf den Schutz vor Hochwasser beurteilen.INHALTEDie Lernenden Natürliche Fluss- und Bachverläufe sind durch viele Schleifen, sogenannteMäander gekennzeichnet und verändern immer wieder ihren Verlauf. Dadurch können siefür Siedlungen gefährlich werden und sind meist nicht schiffbar, bieten jedoch bei Hochwasser ein großes Rückhaltevermögen. Seit dem 19. Jahrhundert wurden Flüsse jedoch auftausenden Kilometern Länge begradigt, eingetieft und ihre Ufer befestigt. Der Großteil dernatürlichen Auen wurde so durch Dämme und Deiche von den Flüssen abgeschnitten, sowielandwirtschaftlich intensiv genutzt und besiedelt. Die Auenlandschaften verloren dadurchwichtige ökologische und gesellschaftliche Funktionen. (Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz, Bau und Reaktorsicherheit, 2015, S.11)Flussbegradigungen werden häufig mit dem Ziel durchgeführt, den Fluss für die Schifffahrtnutzbar zu machen, wie z. B. bei den bekannten Rhein-Begradigungen. Auch die Gewinnung von Land oder die Verringerung von Krankheiten aus Sumpfgebieten (z. B. Malaria)kann dabei ein Argument sein. Durch die Begradigungen wird zum einen die von Schiffenzurückzulegende Strecke verkürzt und zum anderen steigt der Pegel der Flüsse an, sodasser tief genug ist, um mit Schiffen diese Wege überhaupt zu nutzen.Jedoch haben diese Flussbegradigungen auch einige gravierende Nachteile. Die Ökosysteme, insbesondere in Form von Auenwäldern, werden stark beeinträchtigt, verkleinert odergar vernichtet. Viele in den Flüssen oder Auenbereichen lebende oder sich fortpflanzendeTierarten verlieren durch Flussbegradigungen und der Vernichtung von Altarmen ihre Lebensräume. Auch der Grundwasserspiegel in angrenzenden Flächen kann durch Flussbegradigungen absinken, sodass einzelne landwirtschaftlich genutzte Flächen zusätzlich bewässert werden müssen (z. B. bei der Flussbegradigung der Tauber in den 1890ern). Mäander haben eine niedrige Fließgeschwindigkeit, die bei Hochwasser eine natürliche Bremsungmit sich bringt. Durch die Begradigungen steigen die Fließgeschwindigkeiten, was auch zurSteigerung der Hochwassergefahr in Unterläufen führt. Durch höhere Fließgeschwindigkeiten kommt es bei Starkregenereignissen nämlich dazu, dass mehrere Nebenflüsse gleich-

zeitig ihr Hochwasser in den Unterlauf abgeben. Hohe Fließgeschwindigkeiten führen beiHochwasser außerdem zu stärken Zerstörungen und Verwüstungen als niedrige Fließgeschwindigkeiten. Die Tiefenerosion in Flussbetten nimmt zu und dadurch auch die Akkumulation von Sedimenten im Unterlauf oder in Mündungsbereichen (vgl. Christiansen, 2003, S.2ff.).Aufgrund dieser erheblichen Nachteile wird mancherorts die Renaturierung von Flussläufenangestrebt. Dabei ist das Ziel das ursprüngliche Flussbett und -ufer wiederherzustellen, dieFließgeschwindigkeiten und damit auch die Überschwemmungsgefahr zu reduzieren. Auchdie Ansiedlung von ursprünglichen Tier- und Pflanzenarten ist Teil der Maßnahmen. Bekannte Beispiele für renaturierte Flüsse sind in Deutschland die Isar, Emscher oder Tauber(Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz, Bau und Reaktorsicherheit, 2015, S.17ff.).LEHRPLANBEZUGGeographie (Ministerium für Bildung des Landes Sachsen-Anhalt, 2016a)Klasse 5/6 (ebd., S. 14f.):ü den Verlauf eines Flusses beschreiben sowie das Leben und Wirtschaften entlangeines ausgewählten Flusses darstellenü Flüsse als raumprägender Faktorü Auswirkungen zunehmender Wetterextreme auf Mensch und Raum aufzeigenü das Nutzungs- und Gefahrenpotential von Landschaften nach ausgewählten KriterienbeurteilenKlasse 7/8 (ebd., S. 16ff.)ü eine Kausalkette zu Eingriffen des Menschen in den Naturhaushalt und deren Folgenanfertigen und begründend vorstellenü Maßnahmen zum Schutz der Natur und zur Sicherung der Lebensbedingungen erörternü Tätigkeiten exogener Kräfte beschreiben und die damit verbundene Umgestaltungder Erdoberfläche auch im eigenen Lebensraum erläuternü Maßnahmen zum Schutz vor und bei Naturkatastrophen zusammenstellenü Gefährdungen Deutschlands durch Naturereignisse beurteilenBiologie (Ministerium für Bildung des Landes Sachsen-Anhalt, 2016b)Klasse 9 (ebd., S. 28):ü Eingriffe des Menschen in die Natur kriteriengestützt erörternü gesellschaftliche Handlungsoptionen einer umwelt- und naturverträglichen Teilhabeim Sinne der Nachhaltigkeit erörtern (z.B. Landschaftsgestaltung)Klasse 11/12 – Profilfach (ebd., S.42)ü Maßnahmen zu Gewässerschutz und -nutzung kritisch reflektierenDIDAKTISCHE BEGRÜNDUNGFlüsse und Flusssysteme sind den Lernenden aus ihrem Alltag sowie der Thematisierung imUnterricht bekannt und sind vielleicht auch Teil ihres Siedlungsumfeldes (Alltagsbezug).Die Einschätzung der Gefahren durch Flussbegradigungen auf mögliche Hochwasserereignisse stellt einen wichtigen Aspekt des Hochwasserschutzes dar. Die Lernenden sollten daher die Folgen von Flussbegradigungen kennen und Maßnahmenzur Flussbegradigung oder Renaturierung kritisch beurteilen können.

METHODISCHER ABLAUFZeitInhalt/Thema10 MinutenAufgabenstellungBetrachtet die Karte des Rheinverlaufsbei Karlsruhe und beschreibt die zuerkennenden Veränderungen.15 Minutenà Erkennen der natürlichen Flussverläufe des Rhein in mehreren Etappenund der abschließenden FlussbegradigungAufgabenstellungDiskutiert, welche Vor- und Nachteiledie Begradigung eines Flusses habenkann.Mögliche Vorteile:ü Schiffbarmachung: Steigen derPegel, Verkürzung der zurückzulegenden Streckeü Schutz von Siedlungen vormäandrierenden Flüssenü Landgewinnungü Verringerung von Krankheitenaus Sumpfgebieten (z. B. Malaria)Mögliche Nachteile:û Absinken des Grundwasserspiegels: nötige Bewässerungvon angrenzenden landwirtschaftliche genutzten Flächenû Zerstörung oder Verkleinerungvon Auenwäldernû Verlust des Lebensraumes vieler Tier- und Pflanzenartenû steigende Fließgeschwindigkeiten: höhere Hochwassergefahr in Unterläufenû Tiefenerosion im Flussbett undsteigende Akkumulation vonSedimenten im Unterlauf undMündung10 MinutenAufgabe/SpielDie Lernenden werden in zwei Gruppen (unterschiedliche Personenzahl)eingeteilt und sollen eine bestimmteWassermenge von Punkt A nachPunkt B in Eimern in einer Menschenkette transportieren. Der Abstand zwischen A und B ist für jede GruppeMethodischer Verlauf bzw. KommentarEinstieg über Karte der Rheinbegradigung (Abbildung 1)Erarbeitung der Auswirkungen vonFlussbegradigungenErgänzungen zur Diskussion im Lehrer-Schüler-GesprächVeranschaulichung der steigendenFließgeschwindigkeit

gleich (Luftlinie). Allerdings stellt dieeine Gruppe einen begradigten Flussdar und kann die Eimer auf direktemWeg weiterreichen. Die andere Gruppestellt einen mäandrierenden Fluss dar(größere Personenzahl erforderlich alsbei Gruppe 1). Die Eimer können hiernur in „Schlangenlinien“ weitergegebenwerden.Die Lernenden können erkennen, dassbei einem begradigten Fluss Fließzeiten und -wege kürzer sind.10 MinutenAlternative:Alle Lernenden (außer eine Person)bilden zwei Reihen, stehen sich gegenüber und fassen sich an den Händen. Jede Reihe stellt ein Flussuferdar. Die verbleibende Person stellt das„Wasser“ dar und soll versuchen, mitverbundenen Augen zwischen denbeiden Ufern durchzulaufen.Es wird zunächst ein begradigter Flussdargestellt. Für das „Wasser“ wird esrecht leicht sein, zwischen den beidenUfern hindurch zu laufen. Anschließend wird ein mäandrierender, natürlich Flusslauf von den Ufern dargestellt. Wenn sich das „Wasser“ nunblind durch den Fluss bewegt, wird esauf viele Hindernisse stoßen, öfter anden Ufern abprallen und muss langsamer gehen.Auch so lassen sich die unterschiedlichen Fließgeschwindigkeiten verdeutlichen.AufgabenstellungDiskutiert die Bedeutung von natürlichen Flussverläufen und eine möglicheEindämmung von Hochwassergefahren.Mögliche Ideen:ü Senkung der Fließgeschwindigkeiten à Wiederherstellungder ursprünglichen Flussverläufe à Renaturierungü Wiederherstellung von Auenwälder mit ihren vielfältigenTier- und PflanzenartenAbschlussreflexion der Bedeutungvon naturnahen Flussverläufen undAuenbereichen für den Hochwasserschutz

LITERATURBundesministerium für Umwelt, Naturschutz, Bau und Reaktorsicherheit (2015): Den Flüssen mehr Raum geben. Renaturierung von Auen in Deutschland. Berlin/Bonn. Online bestellbar unter: www.bmub.bund.de/bestellformular oder einsehbar unter: /DE/Publikationen/den fluessen mehr raum geben.pdf? blob publicationFile&v 5Christiansen, M. (2003): Hochwasser: Ursachen und Konsequenzen am Beispiel der Elbe.Nicht veröffentlicht. Zugriff am 13.10.2017. Verfügbar unter http://www.ikzmd.de/seminare/pdf/christiansen hochwasser.pdfMinisterium für Bildung des Landes Sachsen-Anhalt. (2016a): Fachlehrplan GymnasiumGeographie. Zugriff am 13.10.2017. Verfügbar unter https://www.bildunglsa.de/pool/RRL Lehrplaene/Erprobung/Gymnasium/FLP Gym Geographie LTn.pdf?rl 82Ministerium für Bildung des Landes Sachsen-Anhalt. (2016b): Fachlehrplan GymnasiumBiologie. Zugriff am 13.10.2017. Verfügbar unter https://www.bildunglsa.de/pool/RRL Lehrplaene/Erprobung/Gymnasium/FLP Gym Biologie LT.pdf?rl 82

ANHANGAbbildung 1: Der Verlauf des Rheins bei Karlsruhe – vor und nach der Begradigung desFlusses unter Tulla(Quelle: /rheinbegradigung//id 16535158/did 17220860/nid 16535158/1jqxmhh/index.html, Stand: 03.11.2017)

Flussbegradigungen werden häufig mit dem Ziel durchgeführt, den Fluss für die Schifffahrt nutzbar zu machen, wie z. B. bei den bekannten Rhein-Begradigungen. Auch die Gewin-nung von Land oder die Verringerung von Krankheiten aus Sumpfgebieten (z. B. Malaria) kann dabei ein Argument sein. Durch die Begradigungen wird zum einen die von Schiffen