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Katja Röhm, BAVon der Schweigespirale zur Echokammer? – Der Einflussvon sozialen Medien auf die politischeInformationsbeschaffung und Meinungsbildung vonPersonen zwischen 16 und 24 JahrenMasterarbeitzur Erlangung des akademischen Gradeseines Masters of Artsder Studienrichtung Soziologiean der Karl-Franzens-Universität GrazBetreuer: Univ.-Prof. Dr. phil. Klaus KraemerInstitut für SoziologieGraz, Mai 2018

Ehrenwörtliche ErklärungIch erkläre ehrenwörtlich, dass ich die vorliegende Arbeit selbstständig und ohne fremde Hilfeverfasst, andere als die angegebenen Quellen nicht benutzt und die den Quellen wörtlich oderinhaltlich entnommenen Stellen als solche kenntlich gemacht habe. Die Arbeit wurde bisher ingleicher oder ähnlicher Form keiner anderen inländischen oder ausländischen Prüfungsbehördevorgelegt und auch noch nicht veröffentlicht. Die vorliegende Fassung entspricht dereingereichten elektronischen Version.Graz, am 22.05.2018Unterschrift:Katja Röhm

KurzfassungDie Macht und Wirkung von Medien auf politische Kommunikationsprozesse stellt kein neudiskutiertes Phänomen dar. Neu ist jedoch die Erscheinung, dass soziale Netzwerke eine derarttragende Rolle bei gesellschaftspolitischen Vorgängen einnehmen. Sie verfolgen nicht wietraditionelle Medien eine einseitige Informationsweitergabe, sondern erlauben vielmehr direkteKommunikation und Interaktion.Die Frage, die sich hierbei stellt, ist nicht nur, welche Rolle digitalen Netzwerken im politischenInformationsbeschaffungs- und Meinungsbildungsprozess zukommt, sondern auch, inwiefernvon einem Ablösen traditioneller Medien und der mit ihnen verbundenen Theorie derSchweigespirale gesprochen werden kann. Die Begründerin des Modells der Schweigespirale,Elisabeth Noelle-Neumann, postuliert, dass die von Individuen indoktrinierte anthropologischeGrundhaltung der Furcht vor sozialer Isolation Personen dazu veranlasst, der (empfundenen)Mehrheitsmeinung Folge zu leisten. Im starken Kontrast dazu steht die Annahme, dass dieKommunikationslogik auf digitalen Medien den Prinzipien der Echokammer folgt. Diesebesagt, dass soziale Netzwerke schalldichte Räume darstellen, in denen bereits formierteMeinungen verstärkt werden und in extremen Haltungen münden ischerKommunikationsprozessenachzuzeichnen. Diese werden nicht nur theoretisch im Lichte der zwei Kernthesen behandelt,sondern durch die Durchführung einer Fragebogen- und Interviewstudie bei Personen zwischen16 und 24 Jahren empirisch überprüft.Die gewonnenen Ergebnisse zeigen, dass gegenwärtig von einer Koexistenz beiderErklärungsmodelle gesprochen werden kann. Bereits bestehende Meinungen werden in dengeschlossenen Räumen der Echokammer verstärkt, da innerhalb der Diskussionen keineabweichenden Positionierungen akzeptiert werden. Dieses Phänomen stellt einen treibendenMotor dar, welches den Spiraleffekt der Schweigespirale auf neuen digitalen Medien amWirken hält.AbstractThe powerful impact of the media on the process of political communication has been longacknowledged in the social sciences. However, unlike traditional media, which only allow aone-way flow of information, social media also allow users’ direct communication andinteraction with political content.Two significant questions arise in the examination of this fairly new media: which role digitalnetworks like Facebook play in gathering political information and forming opinions, and in

how far we can talk about the diminishing importance of traditional media and the ensuingreplacement of the theory of the Spiral of Silence by the model of the Echo Chamber.Elisabeth Noelle-Neumann, who founded the theory of the Spiral of Silence, argues that thefundamental human fear of social isolation causes individuals to follow the leading argumentin any discussion. This theoretical position stands in strong contrast to the logic thatcommunication follows the principles of the Echo Chamber on social media. The theory of theEcho Chamber claims that social networks form and provide soundproof rooms, wherepersisting opinions are reinforced and can consequently lead to engaging in extreme positions.The discussion of the development of political communication processes is not only based onthese two theoretical models, but also examined by means of a questionnaire and interviewstudy. The focus group of the empirical study consists of people between the age of 16 and 24years.The conclusion that can be drawn is that the two theories, the Spiral of Silence as well as theEcho Chamber, coexist and influence each other. Specifically, the results of the empirical studyshow that in reinforcing existing opinions echo chambers are the driving forces on the spiraleffects of silence.

Inhaltsverzeichnis1. Einleitung . - 1 2. Definitorische Grundlagen und theoretischer Bezugsrahmen . - 5 2.1 Begriffsbestimmungen: Politik und Kommunikation . - 5 2.1.1 Politik. - 6 2.1.1.1 Politische Information . - 6 2.1.2 Kommunikation . - 6 2.2 Definition: Soziale Medien . - 8 2.2.1 Facebook. - 8 2.2.1.1 Durchschnittliche Nutzungsweisen von Facebook. - 9 2.2.1.2 Facebook als politisches Instrumentarium. - 10 3. Politische Meinungsbildung. - 11 3.1 Das World-Wide-Web – Gefahr oder Chance für die Demokratie? . - 12 4. Glaubenskrise des traditionellen Journalismus . - 15 5. Soziologie der Verschwörungstheorien . - 17 5.1 Wissenssoziologische Bestimmung des Begriffs Verschwörungstheorie . - 19 5.2 Verbreitung von Verschwörungstheorien in Politik und Medien . - 20 6. Von der Schweigespirale zur Echokammer . - 22 6.1 Die Theorie der Schweigespirale . - 23 6.2 Die These der Echokammer . - 29 7. Methodik . - 33 7.1 Forschungsgegenstand und Fokusgruppe . - 33 7.2 Methodische Überlegungen und Herangehensweise . - 35 7.2.1 Dimensionen . - 36 7.3 Schriftliche Befragung . - 36 7.3.1 Online Befragung . - 37 7.3.1.1 Online Befragung: Stichprobenziehung . - 37 7.3.2 Schriftliche Befragung: Stichprobenziehung . - 38 7.4 Interviewstudie . - 38 7.5 Datenanalyse . - 39 8. Ergebnisdarstellung . - 41 8.1 Politisches Interesse/ Politikwissen . - 43 8.2 Mediennutzung . - 43 8.3 Nutzung von Facebook . - 46 -

8.4 Einfluss von Facebook-FreundInnen auf politische Meinungsbildung undInformationsbeschaffung . - 49 8.5 Meinungspluralität . - 53 8.6 Medienvertrauen . - 59 8.7 Verschwörungstheorien . - 66 9. Von der Schweigespirale zur Echokammer? – Empirische Ergebnisse in der theoretischenEinbettung . - 70 10. Conclusio . - 76 Literaturverzeichnis . - 78 Anhang: . - 82 Standardisierter Fragebogen. - 82 Interviewleitfaden. - 87 SPSS-Syntax . - 88 -

AbbildungsverzeichnisAbbildung 1: Originalquelle - Politische Kommunikation als Handlungssystem (Bastgen,Jucknat & Römmele, 2009, S.209) . S.5Abbildung 2: Originalquelle - Feldschema der Massenkommunikation, Maletzke 1963(Bonfadelli, 2001, S.35) . S.7Abbildung 3: Originalquelle – Facebook Factlook. The average Facebook user.(www.allfacebook.de, 2017, o.S.) . . . .S.10Abbildung 4: Originalquelle - Ein Rätsel im Wahljahr 1965 (Noelle-Neumann, 1982,S.15) . S.24Abbildung 5: Originalquelle – Das Phänomen von 1965 wiederholt sich 1972 (NoelleNeumann, 1982, S.17) . S.24Abbildung 6: Originalquelle – Im Frühjahr des Bundestagswahljahres 1976 verschlechtert 1982,S.228) . S.26Abbildung 7: Originalquelle – 1976: Doppeltes Meinungsklima (Noelle-Neumann, 1982,S.241) . .S.28Abbildung 8: Originalquelle - Welche dieser sozialen Netzwerke nutzen Sie regelmäßig?(Statista, 2016, o.S.). . .S.33Abbildung 9: Originalquelle – Hauptnachrichtenquelle (Distributionsform) nach Alter(Büchner, Gadringer, Holzinger, Sparviero & Trappel, 2017, S.34) . . S.34

1. Einleitung„Die politische Öffentlichkeit ist in modernen Demokratien hinsichtlich ihrer Strukturen, derInhalte und der Prozesse weitgehend medial beeinflusst“ (Jarren, Sarcinelli & Saxer, 1998,S.75). Dieses gesellschaftspolitische Phänomen stellt den Ausgangspunkt für die thematischeSchwerpunktsetzung der vorliegenden Arbeit dar. Untersucht wird der Einfluss von sozialenMedien auf die politische Informationsbeschaffung und Meinungsbildung von Personenzwischen 16 und 24 Jahren.Die moderne Gesellschaft des 21. Jahrhunderts bietet zahlreiche Möglichkeiten derKommunikation über soziale Plattformen. Beispiele für die große Bandbreite an Funktionen,die NutzerInnen hier zur Verfügung stehen, stellen etwa weltweite kostenlose Interaktion,Verfassen von Privatnachrichten, Publizieren von Fotos, Posten von Statusmeldungen,Vertreten von öffentlichen Meinungen, Kritik oder Zustimmung gegenüber anderen Personen,Versenden und Akzeptieren von Freundschaftsanfragen oder Entwicklung von eigenständigenBeziehungsformen dar (vgl. Haider, 2012, S.7). Allein diese Aufzählung verdeutlicht, warumdas Interesse an virtuellen Netzwerken in den letzten Jahren sozialwissenschaftlich, politischund auch gesellschaftlich in den Vordergrund gerückt ist.Soziale Netzwerke bildeten sich in den letzten Jahrzehnten zu einem Interaktionsraum mitimmenser sozialer Bedeutung heraus. Neben banalen Alltagsbelangen findet vermehrt einAustausch über soziale, wirtschaftliche und auch politische Belange statt. Bei einerspezifischeren Betrachtung der politischen Sphäre in Verbindung mit sozialen Netzwerkenverdeutlichen jüngste Ereignisse wie etwa die Bundespräsidentschafts- oder Nationalratswahleine steigende Tendenz dahingehend, dass das Medium der sozialen Netzwerke zunehmend alspolitisches Instrument eingesetzt wird. „Alle Menschen [ ] sind von der rasanten Entwicklungder Medien und der sozialen Netzwerke mehr oder weniger betroffen. Im Bereich der Politiksind diese neuen, interaktiven Medienoptionen jedoch von besonderer Bedeutung – weil it, Bündeln von Interessen etc. angewiesen ist“ (Otto, 2015, S.305).Das oben Dargelegte soll verdeutlichen, warum es von Bedeutung ist, den Einfluss von sozialenMedien auf die politische Meinungsbildung vertiefend zu erforschen. Die untersuchteFokusgruppe, ProbandInnen zwischen 16 und 24 Jahren, ist bewusst gewählt, weil es eben diesePersonen sind, die in einem Zeitalter voller technologischer Möglichkeiten und sozialerKommunikation durch das World-Wide-Web aufwachsen.Wir sehen bereits an dieser Stelle, dass soziale Netzwerke große Relevanz in der politischenInformations- und Meinungsbeschaffung der Fokusgruppe haben. Um dieses PostulatKatja Röhm-1-

empirisch überprüfen zu können, wurde eine Fragebogen- und Interviewstudie alsForschungsinstrument gewählt.In diesem Zusammenhang wird angenommen, dass sowohl durch die Beschaffung vonInformationen als auch durch den Austausch mit Gleichgesinnten Meinungen formiert und soindividuelle politische Haltungen beeinflusst und verstärkt werden.Theoretische Grundlage der Arbeit bilden zwei Ansätze, nämlich die Theorie derSchweigerspirale und jene der gehtaufdiedeutscheKommunikationswissenschaftlerin Elisabeth Noelle-Neumann zurück. Noelle-Neumannzufolge steht die individuelle Bereitwilligkeit, öffentlich Stellung zu politischenEinstellungsmerkmalen zu beziehen, in einem Abhängigkeitsverhältnis zur mas.Massenmedienspielenhierbeiinsbesondere dahingehend eine tragende Rolle, als sie in der Lage sind, nicht nurMeinungsbilder an die Öffentlichkeit zu transportieren, sondern auch Minderheitsmeinungenals vorherrschendes Meinungsbild zu figurieren (vgl. Noelle-Neumann, 1982, S.13-22)„Zusammengefasst basiert [ ] Noelle-Neumanns Theorie auf einer anthropologischenHypothese über die Bereitschaft von Menschen, in der Öffentlichkeit ihre bzw. überhaupt eineMeinung zu äußern“ (Sander, 2008, S.278).Seit geraumer Zeit sprechen KommunikationswissenschaftlerInnen jedoch von einem Wandelhinsichtlich politischer Kommunikation und Meinungsbildung, welcher mit dem Einzug vonsozialen Netzwerken einhergeht. Wie nachfolgend gezeigt wird, kann die Theorie derSchweigespirale gegebenen kommunikationspolitischen Entwicklungen nicht umfassendRechnung tragen. Die These der Echokammer steht charakteristisch für diesen Umbruch undbeschreibt den Effekt, „[ ] dass in abgegrenzten Bezugsräumen Meinungen stetig widergehalltund verstärkt werden“ (Brunner & Ebitsch, 2017, o.S.). Diese Dynamik ist beispielsweise beimsozialen Medium Facebook ein wesentlicher Faktor. Dies äußerst sich insofern, als Individueneinen Kommunikations- und Informationsaustausch weitestgehend mit Personen verfolgen, dieidente politische und gesellschaftliche Orientierungen vertreten. Dies bringt ernstzunehmendeKonsequenzen mit sich, da ohnehin schon bestehende Meinungsbilder in extremenMeinungspolen münden (vgl. ebd., 2017, o.S.).Mit Hilfe dieser zwei Theorien soll die Entwicklung der politischen Meinungsbildungnachgezeichnet und in Verbindung gebracht werden mit den empirischen Ergebnissen derFragebogen- und Interviewstudie.Katja Röhm-2-

Die vorliegende Arbeit setzt sich nach Darstellung der definitorischen Grundlagen mit demProzess politischer Meinungsbildung auseinander. In diesem Zusammenhang wird dasAugenmerk insbesondere auf die Wirkungsweise sozialer Netzwerke gerichtet. Im Zentrum desDiskurses steht die Frage, ob das digitale Medium Facebook Chance oder Gefahr für dendemokratischen Meinungsbildungsvorgang darstellt.Im Kapitel „Glaubenskrise des traditionellen Journalismus“ wird der Zusammenhang zwischendem aktuell verstärkten Aufkommen von populistischen Strömungen auf der politischen Ebeneund dem zunehmenden Misstrauen gegenüber traditionellem Journalismus debattiert. Um derReichweite eines weltweit festzustellenden Vertrauensverlusts in etablierte Institutionen, wieetwa Regierung und Medien, Rechnung zu tragen, werden aktuelle Forschungsergebnisse desEdelman Trust Barometers diskutiert. In diesem Kontext werden Faktoren aufgezeigt, die dasVertrauen der Bevölkerung in Medien und Politik beeinflussen.Im darauf folgenden Kapitel findet die Soziologie der Verschwörungstheorien nähereBetrachtung. Nach einer allgemeinen Einführung in die Thematik wird detailliert auf die Rollevon Konspirationen in Medien und Politik eingegangen. Inwiefern soziale Netzwerke einetragende Rolle in der Verbreitung von Verschwörungstheorien spielen und welcheKonsequenzen dies mit sich bringt, stellt einen Analysepunkt von besonderer Relevanz dar.In Kapitel sechs werden die zwei Kernmodelle der Arbeit, die Theorie der Schweigespirale unddie These der Echokammer, in ihren Grundzügen beschrieben. In der kontextualen Einbettungder Echokammer muss das Modell der Filterblase thematisiert werden, welches sich mit deralgorithmischen Programmierung Facebooks auseinandersetzt und aufzeigt, welche Folgen sichaus der Generierung von Informationen auf sozialen Netzwerken ergeben. Diese Theorienstellen die Basis dar, um den sich aktuell vollziehenden Wandel in Hinsicht auf politischeInformationsbeschaffung und Meinungsbildungsprozesse nachzeichnen und empirisch prüfenzu können.In Kapitel sieben wird die Forschungsmethodik erläutert, die die Grundlage unsererwissenschaftlichen Untersuchung um den Einfluss von sozialen Netzwerken aufgesellschaftspolitische Kommunikations- und Informationsprozesse bildet. Nach Darlegungder methodischen Herangehensweise findet eine Erläuterung der Fragebogen- undInterviewstudie statt. Fragen der Stichprobenziehung, des Stichprobenumfangs sowie derDurchführung eines Pretests werden beantwortet. Zudem wird die Aufbereitung und Analyseder Daten beschrieben.Katja Röhm-3-

In Kapitel acht werden die empirisch gewonnenen Ergebnisse präsentiert. Der Einfluss vonsozialen Medien auf die politische Informationsbeschaffung und Meinungsbildung wird hierbeianhand von acht Dimensionen gemessen.In einem nächsten Schritt werden die Befunde im theoretischen Kontext betrachtet. Im Kapitel„Von der Schweigespirale zur Echokammer?“ wird analysiert, ob und inwiefern ein Wandel inpolitischen Kommunikationsprozessen vonstattengeht. Kann tatsächlich von einem Ablösender Theorie der Schweigespirale durch die These der Echokammer gesprochen werden oderwird die Reichweite des Einflusses von sozialen Netzwerken auf politische Vorgängeüberschätzt?In der Conclusio werden die gewonnen Erkenntnisse in einer abschließenden Betrachtungzusammengefasst und diskutiert. Hierbei wird sowohl ein gesellschaftspolitischer als auch einsoziologischer Ausblick angestrebt, um nicht nur offen gebliebene Fragen aufzuzeigen, sondernauch die weitreichende Relevanz der Erforschung netzbasierter, politischer Informations- undKommunikationsprozesse zu unterstreichen.Katja Röhm-4-

2. Definitorische Grundlagen und theoretischer BezugsrahmenDas folgende Kapitel soll Aufschluss über die relevantesten begrifflichen Grundlagen geben.Zur Beantwortung der zentralen Fragestellung um den Einfluss von Facebook auf die politischeInformationsbeschaffung und Meinungsbildung muss in erster Instanz definiert werden, was inder vorliegenden Arbeit unter Politik, Kommunikation und sozialen Netzwerken verstandenwird. Dies ist notwendig, da die drei Begriffe unmittelbar miteinander vernetzt sind und einemWechselspiel unterliegen. Sowohl die Weitergabe als auch die Generierung von politischenInformationen wird von dem zugrunde liegenden Konzept von Politik, Kommunikation undMedien beeinflusst (vgl. Donges & Jarren, 2017, S.2-3).Gurvetich und Blumler befassten sich in den 1970er Jahren mit dem Prozess der politischenKommunikation und stellten die Theorie auf, dass der Austausch von politischen Informationenals Handlungssystem erfasst werden muss, in dem Wandlungen in einem Element des SystemsVeränderungen der anderen Komponenten nach sich ziehen. Die Autoren vertreten die Ansicht,dass im Zentrum der politischen Kommunikation eine Dynamik steht, der „die politischeKommunikation aufgrund des gesellschaftlichen Wandels und der technischen Innovationenunterliegt“ (Bastgen, Jucknat & Römmele, 2009, S.209).Abbildung 1: Politische Kommunikation als Handlungssystem„Dass das Internet langfristig die Strukturen des Öffentlichen [ ], aber auch dieFunktionsweisen gesellschaftlicher und politischer Kommunikation beeinflussen undverändern kann, dürfte mit dem historischen Blick auf den bisherigen Einfluss allermedialen Entwicklungen auf das politische Leben wenig strittig sein“ (Sarcinelli, 2011, S.7273).2.1 Begriffsbestimmungen: Politik und KommunikationIn den letzten Jahren rückte das Interesse an politischer Kommunikation und deren Bedeutungsozialwissenschaftlich und gesellschaftlich immer mehr in den Vordergrund. Eine Definitionbeziehungsweise eine Abgrenzung des Begriffs zu finden, die allgemeine Zustimmungerfahren, erweist sich jedoch als äußerst schwierig. Dies lässt sich auf differenzierteKatja Röhm-5-

litikundKommunikationgesellschaftliche Phänomene, die sich nicht einfach eingrenzen oder reduzieren lassen“ (Saxer,1998 zit. nach Donges & Jarren, 2017, S.1). Zum anderen setzen es sich unterschiedlicheDisziplinen zum Ziel, Politik aus verschiedenen Blickwinkeln zu erforschen, wobei die imFokus stehenden Problemstellungen oftmals auf normativen Vermutungen basieren (vgl.Donges & Jarren, 2017, S.1). Aus den dargelegten Gründen erscheint es sinnvoll, in einemersten Schritt Politik und Kommunikation getrennt voneinander zu definieren, um in weitererFolge politische Kommunikation aus einem spezifischeren Blickwinkel betrachten zu können.2.1.1 PolitikFür den aktuellen Forschungszweck folgt die Arbeit einer analytischen Begriffsbestimmung,die Politik ausgehend von ihrer Aufgabe und Relevanz für die allgemeine Öffentlichkeit hat.„Politik ist soziales Handeln, das auf Entscheidungen und Steuerungsmechanismenausgerichtet ist, die allgemein verbindlich sind und das Zusammenleben von Menschen regeln“(Bernauer, Jahn, Kuhn & Walter, 2013, S.24).2.1.1.1 Politische InformationInnerhalb der Arbeit stellt die Informationsbeschaffung der ProbandInnen ein zentralesUntersuchungselement dar. Aus diesem Grund soll neben einer generellen Definition vonPolitik auch festgelegt werden, was es unter politischer Information zu verstehen gilt.„Unter politischer Information sind Bedeutungsgehalte zu verstehen, welche es demIndividuum ermöglichen, sich in der politischen Welt zu orientieren. Politische Informationensind der Rohstoff politischer Entscheidungen“ (Schmitt-Beck, 2000, S.30).Weiters stellen politische Informationen ein zentrales Element der Meinungsformierung vonIndividuen dar. Die den WählerInnen zugänglichen politischen Inhalte beeinflussen undmodifizieren den kognitiven Prozess von Einstellungen (vgl. Butler & Stokes, 1969, S.215).Somit ist „[ ] der gesellschaftliche Informationsfluss von zentraler Bedeutung für dendemokratischen politischen Prozess“ (Schmitt-Beck, 2000, S.18).2.1.2 KommunikationBeim Begriff Kommunikation kann eine Differenzierung zwischen zwei unterschiedlichenTypen vorgenommen werden: Kommunikation als Transportmodell und Kommunikation alsVermittlungsprozess. Transportmodelle beschreiben Kommunikation als eine einseitigeÜbermittlung von Informationen beziehungsweise Mitteilungen. Dies bedeutet, dass sich dieInformationsweitergabe darauf beschränkt, von A nach B zu erfolgen, jedoch keine Interaktionzwischen den Akteuren stattfindet. Beim zweiten Typ wird Kommunikation als wechselseitigabhängiger Vermittlungsprozess begriffen. Hierbei bedienen sich Akteure verschiedenerKatja Röhm-6-

Symbole und Kommunikation basiert auf der Grundlage von Interaktionen zwischen zwei odermehr Akteuren (vgl. Beck, 2006; vgl. Donges & Jarren, 2017, S.4-5).Die im Fokus dieser Arbeit stehende Form von Kommunikation in sozialen Netzwerken wurdelange Zeit dem Typus Transportmodelle zugeschrieben. Innerhalb der Arbeit wird jedoch dieMeinung postuliert, dass der Austausch in sozialen Medien von komplexer Natur ist undInteraktion eine relevante Rolle spielt, auch wenn nicht von einer typischen Form vonunmittelbarer, zwischenmenschlicher Kommunikation gesprochen werden kann. Um dieseeiner eigenen Logik folgenden Kommunikation hier adäquat erfassen zu können, wird eineDefinition in Anlehnung an die Sichtweise von Kommunikation als n in Verbindung gebracht wird. Maletzke versteht unter seinem Konzeptvon Massenkommunikation „jene Form von Kommunikation, bei der Aussagen öffentlich,durch technische Verbreitungsmittel (Medien), indirekt (über räumliche, zeitliche oderraumzeitliche Distanz zwischen den Kommunikationspartnern) und einseitig (also ohneRollenwechsel zwischen den Kommunikationspartnern) an ein disperses Publikum (räumlichund mitunter zeitlich getrenntes, verstreutes und nicht organisiertes Publikum) verbreitetwerden“ (Maletzke, 1963, S.32).Die Vielschichtigkeit von Kommunikationsprozessen wird in unten nachfolgender Skizze desFeldschemas nach Maletzke deutlich, in der K für Kommunikator, A für Aussage, M fürMedium und R für Rezipient verwendet wird.Abbildung 2: Feldschema der Massenkommunikation, Maletzke 1963Katja Röhm-7-

2.2 Definition: Soziale MedienBetrachtet man den Terminus soziale Medien aus einem sehr allgemeinen Blickwinkel, „[ ]dient die Bezeichnung als Oberbegriff für digitale Medien und Technologien, deren Funktionenes [ ] Nutzern ermöglichen, untereinander zu kommunizieren und mediale Inhalte, die einzelnoder kombiniert aus Texten, Bildern, Audio oder Video bestehen können, zu gestalten“(Schwartmann & Ohr, 2015, S.1).Eine spezifischere Definition von sozialen Netzwerkseiten (SNS) und deren Funktionen lieferndie AutorInnen Boyd und Ellison, die soziale Netzwerke als webbasierten Serviceidentifizieren, welcher seinen NutzerInnen die folgenden Möglichkeiten offeriert (Boyd &Ellison, 2007, S.211):(1) Die Konstruktion eines halböffentlichen oder öffentlichen Profils innerhalb einesbeschränkten Systems(2) Das Artikulieren einer Liste von anderen UserInnen, mit denen eine gemeinsameVerbindung besteht(3) Die Ansicht der eigenen Verbindungen, sowie die der anderen NutzerInnen mitwelchen man innerhalb des Systems verknüpft istNach der Definition von Boyd und Ellison sind die oben angeführten Funktionen für sozialeNetzwerkseiten essentiell. Die Erstellung des Profils (1) obliegt allein der/ dem NutzerIn, wasinsofern Betonung finden muss, als die Informationen, die publik gemacht werden, individuellbestimmt werden können. Nach Fertigstellung des Profils erfolgt die Vernetzung (2) mitanderen NutzerInnen des sozialen Mediums. Die dritte Funktion umfasst die Möglichkeit dieProfile derer einzusehen, mit denen man eine direkte Verbindung teilt (3).Weiters wird von den AutorInnen betont, dass der Fokus von sozialen Netzwerkseiten nichtdarauf liegt, dass Individuen in Beziehung zu ihnen völlig unbekannten Personen treten.Vielmehr stellt das Hauptaugenmerk die öffentliche Präsentation des individuellen sozialenNetzwerkes dar. Es werden zwar durchaus auch Bekanntschaften unter Personen geschlossen,die auf anderem Wege nicht zustande gekommen wären. Diese stehen jedoch in den meistenFällen in einer direkten Verbindung zur intrapersonellen Offline-Welt, sei es, dass gemeinsameFreunde vorhanden sind oder auch nur gemeinsame Interessen oder Weltanschauungen geteiltwerden (vgl. Boyd & Ellison, 2007, S.211).2.2.1 FacebookDer Harvard-Student Mark Zuckerberg entwickelte im Jahr 2004 das soziale Netzwerk mit derIntention, ein Kommunikationsnetzwerk innerhalb der Universität zu schaffen

Kommunikation und Interaktion. Die Frage, die sich hierbei stellt, ist nicht nur, welche Rolle digitalen Netzwerken im politischen . sondern durch die Durchführung einer Fragebogen- und Interviewstudie bei Personen zwischen 16 und 24 Jahren empirisch überprüft. . Von der Schweigespirale zur Echokammer .