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Société suisse d'hygiène hospitalièreSchweizerische Gesellschaft für SpitalhygieneSocietà svizzera d'igiene ospedalieraSwiss society for hospital hygieneKongressbericht SGSHJahresversammlung02. - 04.09.2020, GenfDr. med. Felix FleischVorstandsmitglied SGSH

SSHH – SGSH – SSIO2/7Trotz der COVID-19-Pandemie entschlossen sich die Schweizerische Gesellschaft für Infektiologie(SGInf) und die Schweizerische Gesellschaft für Spitalhygiene (SGSH) ihre Jahresversammlungdurchzuführen. Die grosszügigen Räumlichkeiten im Palexpo Congress Center machten esproblemlos möglich, die nötigen Abstandsregeln einzuhalten.Wie in den letzten Jahren wurde das SGSH-Symposium (ehemaliges Hygienesymposium) in dieJahresversammlung integriert. Erfreulicherweise nahmen trotz der speziellen Situation bis zu 120interessierte Zuhörende am Symposium teil. Einige wichtige Punkte davon möchten wir hier kurzzusammenfassen.Der erste Block widmete sich dem Thema Das neue Spital – Hygienisch perfekt.Hugo Sax aus Zürich fragte sich, ob soziotechnische Systeme (Spitäler) designbar sind. DasSystem Spital muss eine hohe Produktivität aufweisen und sollte die Menschen gesund undglücklich machen. Beeinflusst wird das System durch den Menschen, die Arbeitsumgebung undmöglicherweise das Design. Der Mensch wird beeinflusst durch physikalische Ergonomie, dasKognitive (er kann sich nur auf eine Sache konzentrieren) und durch Psychosoziales (wir sindabhängig davon, was andere machen). Die Umgebung besteht aus Werkzeugen und Räumen. Esgibt viele Daten, zum Beispiel über den Einfluss der Belüftung. Weniger klar ist die Bedeutung vonEinzelzimmern bezüglich Nutzen zur Verhinderung nosokomialer Infekte. Nicht zu vergessen istauch die digitale Umgebung. Das Grundprinzip jedes Systems ist, dass es möglichst wenigEnergieaufwand betreiben will. Der Einfluss des Designs schliesslich ist noch wenig studiert und isteine sehr komplexe Wissenschaft. Das Ziel jeglicher Bemühungen muss sein, Infekte zuverhindern, und damit Menschenleben zu retten und zu verbessern.Carlo Colombo aus Zürich fragte sich, welche Anforderungen an das Spital der Zukunft zu stellensind. Er wies darauf hin, dass viele andere Aspekte als nur bauliche Massnahmen erforderlichsind, um nosokomiale Infektionen zu reduzieren oder möglichst zu vermeiden. Auf der Ebene„Patient“ ist good medical practice gefragt, die aus einer riesigen Palette besteht, welche vonrichtiger Desinfektion, Wärmemanagement, Indikationsstellung, Sedations-Stopp, 30 Oberkörperlagerung, Wundpflege bis hin zur Mobilisation reicht. Hoch sind auch dieAnforderungen an die Strukturqualität. Es muss genügend Raum und Platz vorhanden sein.Benötigt werden ruhige Arbeitsplätze beispielsweise für die Vorbereitung von Medikamenten, diesanitären Anlagen müssen einfach zu reinigen und desinfizieren sein, Wasserhähne solltenberührungsfrei sein, Händedesinfektionsspender gut sichtbar und zugänglich in Patientennähe, esbraucht glatte Oberflächen und gut zu reinigende Kanten. Bei der Einrichtung stellen sich hoheAnforderungen an die Ventilationssysteme, bei der Wasserversorgung muss dieLegionellenproblematik mit Trennung von Kalt- und Warmwasser-Zufuhr gut geregelt werden.Wichtige Punkte sind ausserdem die Bettenaufbereitung, die Textilwäsche mit gezieltem Einsatzvon Einmalwäsche wie auch die Abfallentsorgung. Unzulänglichkeiten sah Carlo Colombo vorallem darin, dass die Spitalhygiene häufig spät informiert und involviert wird über anstehendeProjekte, diese zu einem späteren Zeitpunkt geändert werden, Ausschreibungsverfahren häufignicht adäquat sind, Bereiche zu einem späteren Zeitpunkt umgenutzt werden und Baubegehungennicht stattfinden und somit keine Kontrolle erfolgt. Häufig ist auch das fachliche Knowhoweingeschränkt, so dass mögliche Fehlentwicklungen nicht absehbar sind.Pascal Forestier und Cristina Bellini aus Rennaz fragten sich, ob ein neues Spital mit nullInfektionen Utopie oder Realität sei. Sie stellten ihr neues Spital Riviera-Chablais vor, eininterkantonales Spital mit mehreren Standorten. Das Zentrumspital von Rennaz ging aus einerFusion von 5 alten Standorten von Akutspitälern hervor. Ferner gehören 2 Geriatrien undRehabilitationskliniken dazu sowie 3 Ambulatorien. Das Spital Riviera-Chablais besteht aus 195Zimmern, davon 113 Einzelzimmer, verteilt auf 3 Etagen. Die Abteilungen sind so angelegt, dassSektoren gebildet werden können und die Möglichkeit gegeben ist, im Fall von Epidemien einzelneSektoren abzutrennen. Bis Ende Juli wurden insgesamt 146 COVID-Patienten hospitalisiert, dabeigab es keinen einzigen nosokomialen Fall. Auch die Rate von positiven Mitarbeitern war sehr tief.Ebenfalls abgenommen haben die Fälle von Norovirus und Grippeübertragungen.Felix FleischKongressbericht SGSH, Jahresversammlung 202006.11.2020

SSHH – SGSH – SSIO3/7Zusammengefasst beinhalten die positiven Aspekte 12 Zimmer mit der Möglichkeit zurUnterdruckbelüftung, grosszügige Operationssäle, leicht zugängliche und zahlreicheHändedesinfektionsmittelspender und die Trennung des Patientenflusses von Erwachsenen undKindern. Eher problematisch ist, dass das Spital im Minergie-Standard gebaut wurde, was dasÖffnen der Fenster nur im zweiten Stock ermöglicht und in den üblichen Bereichen nur eineLüftung besteht mit einem bis zwei Luftwechseln pro Stunde (über 12 Luftwechsel jedoch inspezifischen Risikobereichen).Der zweite Block beschäftigte sich mit dem Thema Rollenwechsel: von Auditierenden zuAuditierten.Isabelle Praplan von H sprach über Peer Reviews, Verfahren zur kontinuierlichen Verbesserungder Behandlungsprozesse. H ist der Verband der öffentlichen und privaten Spitäler und Klinikenund fördert mit der FMH und Swiss Nurse Leaders die Peer Reviews in der Akutsomatik undPsychiatrie. Diese beinhalten eine Analyse und Bewertung (Review) durch gleichgestelltebeziehungsweise Fachkollegen (Peers). Dabei wird ein interdisziplinäres Verfahren zurQualitätssicherung angewandt mit einem interprofessionellen Ansatz. IQM (InitiativeQualitätsmanagement) ist ein gemeinnütziger Verein, der aus 450 Akutspitälern in Deutschlandund 39 in der Schweiz besteht. Isabelle Parplan legte Wert auf die Unterscheidung zwischen PeerReview und Audit/Zertifizierung. Bei ersteren geht es um die Analyse von Patientenakten in einemkollegialen Dialog, einem Austausch auf Augenhöhe zur Überprüfung insbesondere derProzessqualität. Im Zentrum steht das Lernen. Bei den Audits sind Interviews durch Auditoren mitChecklisten vorgesehen, geprüft wird vor allem die Strukturqualität, und im Zentrum steht dieKontrolle. Die Aufgabe des Peers besteht im Erfassen der spezifischen Situation in der besuchtenKlinik und im Geben eines konstruktiv kritischen Feedbacks.Barbara Ligresti aus Basel sprach über das Audit im Operationssaal: Durchführung undResultate. Das Universitätsspital Basel betreibt insgesamt 24 Operationssäle inklusive Hybrid- undRobotiksaal mit 4 Klastern, 13 Fachgebieten und ca. 930 interprofessionellen Mitarbeitenden. IhreAuditplanung beruht auf dem PDCA-Zyklus nach Deming. Wichtig ist eine seriöse Vorbereitung.Als erstes werden Checklisten erstellt. Diese fokussieren auf die Standardhygiene, räumlicheStrukturen, das Asepsisverhalten und Material/Logistik. Für das Audit soll genug Zeit eingeplantwerden (2–3 Stunden, je nach OP-Dauer, und 15 Minuten Feedback). Der festgestellteSachverhalt wird ausführlich dokumentiert auch mittels Fotos. Innert 1–2 Wochen werdenVerbesserungsmassnahmen konzipiert, nach rund 3 Monaten erfolgt ein Re-Audit, wobei dieUmsetzung derselben überprüft wird. Anschliessend wird dann der Abschlussbericht verfasst. Derzeitliche Aufwand pro Audit wird auf insgesamt rund 8 Stunden geschätzt.Delphine Perréard aus Genf berichtete über die Inspektion der Endoskop-Aufbereitung durchSwissmedic. Swissmedic hat den Auftrag, die Wiederaufbereitung und Instandhaltung vonmedizinischen Gerätschaften zu kontrollieren. Ziele dieser Inspektionen sind die Verbesserung derAufbereitungsqualität, in der Schweiz für die Einhaltung der Gesetze zu sorgen, die Spitäler zusensibilisieren, die nosokomialen Infektionen durch Endoskope zu reduzieren und die Sicherheitder Patienten und Anwender zu stärken. Es versteht sich von selbst, dass diese medizinischenGeräte sehr schwierig aufzubereiten sind. Beachtet werden muss unter anderem dieThermosensibilität der Endoskope, auch sind die Empfehlungen des Herstellers zuberücksichtigen. Delphine Perréard betonte, dass es bis anhin keine wissenschaftliche Beweisedafür gibt, dass die Lagerung der Endoskope in automatisierten Trockenschränken überlegenwäre. Im HUG gibt es 8 verschiedene Orte, wo endoskopiert wird. Swissmedic empfiehltmindestens 1 Tag Weiterbildung pro Jahr zum Thema Wiederaufbereitung. Eine jährlicheValidierung der Endoskope ist vorgeschrieben, auch mindestens 1-mal jährlich sollte einemikrobiologische Kontrolle erfolgen. Am Schluss empfahl sie bezüglich Umsetzung dernotwendigen Massnahme im Sinn von Bundesrat Alain Berset vorzugehen: so schnell wie möglich,aber so langsam wie nötig.Felix FleischKongressbericht SGSH, Jahresversammlung 202006.11.2020

SSHH – SGSH – SSIO4/7Der dritte Block befasste sich mit der Vorbeugung von SARS-CoV-2 im Spital.Christoph Fux aus Aarau sprach über Aerosole und den Umgang mit Masken im Spital. DieGretchen-Frage dabei ist, ob es nun chirurgische Masken oder FFP2-Masken braucht. Als"Beweis", dass es Aerosolübertragung geben muss, zitiert er eine Arbeit, die einen SuperspreaderEvent beschrieb, eine Chorprobe, nach welcher 87 % (53 von 61 Teilnehmern) infiziert wurden.Gegen eine Aerosolübertragung spricht jedoch, dass die Reproduktionsrate R0 von SARS-CoV-2um ein Vielfaches tiefer ist als von Masern (2.5 vs 18). Zudem beträgt die sekundäre Attack-Ratein Haushalten auch nur etwa 10–15 %. Von der Grippe wiederum weiss man, dass chirurgischeMasken gleich wirksam sind wie die N95-Respiratoren. Bei positiver PCR ist immer zu bedenken,dass ein Nachweis noch nicht bedeutet, dass es sich auch um übertragbare Viren handelt. Bei derganzen Diskussion darf ausserdem der Augenschutz nicht vernachlässigt wird. Bei wirklichaerosolgenerierenden Prozeduren wie Bronchoskopien etc. sind die FFP2-Masken aber indiziert.Céline Gardiol vom BAG präsentierte ihre Daten über die nosokomialen Infektionen mit COVID-19aus der Spital-Surveillance CH-SUR. Die Studie basiert auf einem Pilotprojekt zur GrippeSurveillance. Einschlusskriterien sind positive Abstriche und mindestens 24 Std. Hospitalisation.Insgesamt 20 Spitäler liefern ihre Daten. Bis zum 28. August sind 3752 Episoden gemeldetworden. Céline Gardiol hat nun eine Subanalyse der nosokomialen Fälle gemacht, also allerInfektionen ab dem 6. Spitalaufenthaltstag. 9.6 % der Fälle wurden als nosokomial eingestuft.Überproportional vertreten waren ältere Menschen. Das Verhältnis Männer zu Frauen warausgeglichen (im Gegensatz zu den community acquired Fällen, bei denen die Männer deutlichhäufiger vorkommen). Bei den nosokomialen Fällen bestehen mehr Co-Morbiditäten, und dieAufenthaltsdauer war deutlich verlängert. Dabei ist aber zu berücksichtigen, dass gewissePatienten schon vor der Diagnose längere Zeit hospitalisiert waren. Die Mortalität war mehr alsdoppelt so hoch bei den nosokomialen Fällen. Ferner wurden sie fast 4-mal seltener auf derIntensivstation gepflegt, dabei ist aber ihr höheres Alter zu berücksichtigen und dass dieHospitalisationen andere Gründe hatten. Zusammengefasst kann gesagt werden: Rund 10 % derCOVID-Hospitalisationen sind nosokomial bedingt, ältere Patienten mit vielen Risikofaktoren sindbesonders gefährdet, und diese Leute sollten speziell geschützt werden während ihresSpitalaufenthaltes.Harald Tuckermann vom Institut für systemisches Management und Public Governance derUniversität St.Gallen sprach über den Umgang mit COVID-19 aus Organisations- undManagementsicht. Er dozierte erstmals vor einem medizinischen Publikum. Sein Interesse gilt derFragestellung, wie Organisationen sich selber stabilisieren und ändern. Er führt an 2Kantonsspitälern eine vergleichende longitudinale Fallstudie durch. Als Quelle dienen vieleDokumente, Beobachtungen, Interviews, retrospektive Befragungen und spezielle Fokusgruppen,dazu sind Feedback-Workshops geplant. Bezüglich vorläufiger Ergebnisse kann sicherfestgehalten werden, dass COVID-19 nicht ein Ereignis wie ein Flugzeugabsturz, sondern einstörender, unterbrechender Prozess darstellt, welcher die Erwartung einer Stabilisierung weckt.Zentral sind viele Unsicherheiten bezüglich Virus, Übertragungsweise, Evidenz, die sichdynamisch über die Zeit entwickelt haben. Des Weiteren bestehen fortwährend ändernde und zumTeil mehrdeutige Empfehlungen und Regelungen zum Beispiel des BAG's, der Kantone,Berufsverbände, Swissnoso und manchmal verwirrliche Medienberichterstattung. Was bedeutetdies nun hinsichtlich Stabilisierung und wie können koordinierte Aktionen mit einfachen, klaren undeffektiven Richtlinien ermöglicht werden? Auf der einen Seite stehen nun die Verfasser derEmpfehlungen, welche als weniger exponiert wahrgenommen werden, und auf der anderen Seitedie Anwender, welche möglichst schnell klare und auf ihren spezifischen Bereich angepassteEmpfehlungen möchten. Der Erfolg hängt nun davon ab, dass es gelingt, eine Balanceherzustellen zwischen Informationsübertagung und Empfehlung auf der einen Seite und Verstehenund darin Sinnerkennen auf der anderen Seite. Dies erfordert einen gegenseitigen Austausch mitFragen, Besprechungen, Meetings, Training, Coaching etc.Felix FleischKongressbericht SGSH, Jahresversammlung 202006.11.2020

SSHH – SGSH – SSIO5/7Im vierten Block wurden die besten Bewerbungen für Innovation/Implementation vorgestellt.Pierre Deriaz aus Neuchâtel stellte die Standardhygienemassnahmen einmal anders vor. ÜberStandardhygienemassnahmen wird viel gesprochen, aber kaum jemand kennt sie wirklich. Da dasThema auch eher langweilig ist, wäre es schön, einen anderen Weg zu finden, diese zuunterrichten. So wurde ein sehr originelles Video-Game von Studenten der Uni Genf entwickelt,das unter folgendem Link gespielt werden kann: http://tecfa.unige.ch/jeux/jeux/.Philipp Kohler aus St. Gallen stellte eine digitale COVID-19-Surveillance bei Spitalmitarbeitendenvor. Diese Kohorte besteht aus über 1000 Teilnehmern. Neben regelmässigen SARS-CoV-2Antikörperbestimmungen wurde täglich via SMS ein Link auf eine Online-Plattform verschickt, wodie Teilnehmenden Symptome einer viralen Infektion zu melden hatten. Wenn die Testkriteriengemäss BAG erfüllt wurden, erfolgte die Aufforderung zum Nasopharyngeal-Abstrich. Der Rücklaufwar sehr gut, innerhalb von 5 Monaten kamen über 120'000 Antworten von 1005 Teilnehmenden,im Durchschnitt 4.55 Antworten pro Teilnehmer pro Woche. Um den 06. April herum zeigte sich einPeak in Atemwegs-Symptomen. Um dieselbe Zeit herum war auch der Anteil von getestetenMitarbeitenden mit positivem Nasopharyngeal-Abstrich am höchsten. Der Peak bei denSpitalmitarbeitenden kam rund 2 Wochen nach dem Peak in der allgemeinen Bevölkerung.Räumliche Analysen zeigten gewisse Klasterbildungen in spezifischen Gebieten. HinsichtlichSymptomatik hingen Geschmacksverlust und Gliederschmerzen am besten mit einer positivenPCR zusammen, mit einer negativen waren eine laufende Nase und rote Augen am nächstenkorreliert. Zusammengefasst korrelierte das Auftreten von Atemwegsinfekt-Symptomen gut mit derCOVID-19-Epidemiologie. Möglicherweise hat das System das Potential, Outbreaks in derAllgemeinheit oder in Spitälern frühzeitig zu entdecken.Mirjam Faes Hesse aus Zürich sprach über die Identifikation von Stakeholdergruppen durch dieMethode der formativen Evaluation. Im Rahmen einer laufenden Studie wurde ein Bündel vonPräventionsmassnahmen zur Verhinderung von Pneumonien bei nicht intubierten Patienten(nvHAP) entwickelt und in 9 Kliniken implementiert. Da die relevanten Stakeholdergruppen nichtimmer offensichtlich sind, versuchte man Faktoren zu identifizieren, welche die Implementierungbeeinflussen. Dazu wurden rund 150 Kurz-Interviews mit Vertretern der Basis der definiertenBerufsgruppen und Massnahmenplan-Gespräche durchgeführt. Dabei zeigten sich Bereiche, diezu wenig einbezogen wurden, nämlich die Patientenhotellerie und die Patienten selber. Diesewurden in der Folge in den Implementierungsprozess einbezogen, unter anderem durch dieSensibilisierung, Trinkröhrchen möglichst zu vermeiden und die Patienten zum Essen am Tisch zuermuntern sowie auf gute Mundhygiene zu achten.Tiziana Canzoniere Orlandi aus Olten untersuchte die Wahrnehmung des Gesundheitspersonalsder Influenza-Impfkampagne und mögliche Auswirkungen bei der Einführung einerMaskentragpflicht auf die Impfbereitschaft. Dies wurde mittels eines anonymisierten Fragebogensevaluiert, der an das gesamte Gesundheitspersonal verteilt wurde. Die Kampagne bestand ausPeer-Trainings, Bulletins und Plakaten sowie freien Impfpunkten. An gewissen Arbeitsplätzenwurden Nicht-Geimpfte gezwungen, zusätzlich zu den üblichen Hygienemassnahmen Masken zutragen. Wenig überraschend nahmen die Geimpften die Kampagne deutlich positiver wahr unddeklarierten auch eine viel höhere SARS-CoV-2-Impfbereitschaft, während bei den Ungeimpftender Anteil jener deutlich höher war, welche die Kampagne für überflüssig hielten. Ferner war dieSelbstdeklaration eines suffizienten Wissenstandes bei den Ungeimpften höher. BezüglichImpfmotivation wurde als häufigster Grund der Patientenschutz, gefolgt vom Selbstschutzangegeben. 18.9 % nannten die Vermeidung des Masken-Obligatoriums als Grund, in 5.4 % wardies sogar die einzige Motivation. Ob deshalb nach nun eingeführtem Masken-Obligatorium durchSARS-CoV-2 die Impfrate für Grippe sinken wird, wird sich im nächsten Winter zeigen.Oliver Wolffers aus Bern zeigte den Aufbau einer automatischen VAE-Surveillance an einemSchweizer Universitätsspital. Die Ventilator-assoziierte Pneumonie (VAP) tritt häufig auf und hateine substanzielle Morbidität und Mortalität, die Pneumonie-Diagnostik ist subjektiv und anfällig fürBias. Die Surveillance bindet Ressourcen. Ventilator-assoziierte Events (VAE) wurden 2013Felix FleischKongressbericht SGSH, Jahresversammlung 202006.11.2020

SSHH – SGSH – SSIO6/7eingeführt, sind objektiv und automatisierbar. Ziel war nun die Erstellung eines ComputerProgrammes für die VAE-Surveillance. Für den Aufbau der Automatisierung wurde ein Sample von2008 bis 2016 validiert. Das Setting bestand aus der interdisziplinären Intensivstation desInselspitals mit 37 Betten und 4500 Intensivpatienten pro Jahr. Überprüft wurden 24'000 beatmeteEintritte mit 37'221 Ventilator-Tagen. 592 Ventilator-assoziierte Events traten auf, wovon 194(34 %) möglicherweise infektiöser Ursache waren. Die automatisierte Surveillance hatte dabei eineSensitivität von 98 % und eine Spezifität von 100 %, während die manuelle Surveillance alleine nureine Sensitivität von 77 % und eine Spezifität von 93 % in der Entdeckung von Ventilatorassoziierten Events aufwies.Verena Schärer aus Zürich berichtete über die Beendigung eines Ausbruches mitmultiresistentem Pseudomonas aeroginosa auf der Intensivstation durch die Einführung einer"wasserfreien" Patientenbetreuung und Lavabo-Entfernungen. Insgesamt 29 Patienten mit einemmultiresistenten Pseudomonas wurden entdeckt, 25 davon waren auf der herzchirurgischenIntensivstation hospitalisiert, 17 der Patienten hatten eine Infektion und 9 der 29 verstarben.Pseudomonaden und andere gramnegative Bakterien persistieren oft in feuchten Umgebungen,zum Beispiel in Siphons. Das Öffnen eines Wasserhahnes verursacht Spritzer und Aerosole,welche diese Keime enthalten können. Zur Untersuchung des Outbreaks wurden über 250Umgebungsproben entnommen. Der Ausbruchsstamm wurde dabei in 9 Lavabo-Proben (jeweilsinklusive Siphons) auf 3 verschiedenen Intensivstationen im selben Gebäudetrakt, die an einemWassersystem angeschlossen sind, und in einem Gastroskop nachgewiesen. Sämtliche 10Umgebungsisolate wurden mittels Multilocus sequence typing (MLST) untersucht und bestätigtenden Ausbruchsstamm. Zuerst wurden die Siphons ersetzt, worauf aber erneute Kontrollen positivausfielen. Erst nach Entfernung sämtlicher Lavabos und der Einführung der wasserfreienPatientenbetreuung konnte der Outbreak gestoppt werden. Die wasserfreie Intensivstationbeinhaltete die Benutzung lediglich eines definierten Lavabos für das Händewaschen beisichtbarer Verschmutzung sowie das Auflösen von peroralen Medikamenten mit Flaschenwasser.Auch die Patienten erhielten nur noch Flaschenwasser (Eptinger). Für die Körperpflege wurdenabgepackte Waschhandschuhe (SinaquaTM mit oder ohne Chlorhexidin) eingesetzt. Nur bei groberVerschmutzung wurde die Benutzung von filtriertem Leitungswasser erlaubt. Auch die Wundpflegeerfolgte mit Flaschenwasser, für die Haarpflege setzte man Shampoo Caps ein, Rasieren erfolgtemit filtriertem Leitungswasser, und die Entsorgung von schmutzigem Wasser durfte nur noch ineinem definierten „schmutzigen“ Lavabo erfolgen. Somit stellt sich die Frage, ob nicht alleIntensivstationen auf eine "wasserfreie" Behandlung inklusiv Entfernung der Lavabos umgestelltwerden sollten.Um in Zukunft noch weitere Teilnehmer für den Wettbewerb Innovationen/Implementation zumotivieren, sprach Hugo Sax von Zürich darüber, wie jemand einen SGSH-Preise gewinnen kann,und wie es von der Idee zur Eingabe kommt. Man sollte sich immer fragen, welches Publikum mananspricht, welches Problem man hat und was andere verpasst haben, und natürlich was manselber macht. Für die Umsetzung ist es wichtig, dass das Abstract vor dem Studienbeginn fertigverfasst ist (Prototyping). Das Paper sollte als Draft geschrieben sein, damit nicht andere dieseIdee klauen. Und pro Abstract sollte man nur eine Idee haben. Der Titel sollte informativ und „sexy“sein, die Fragestellung nur aus einem Satz bestehen, die Methode in Stichworten beschriebenwerden, die Resultate möglichst graphisch und farbig dargestellt werden und die Schlussfolgerungmaximal 3 Punkte beinhalten. Schnell soll jeweils erkannt werden, was die Story ist, und etwasGefühl schadet auch nie.Pierre Deriaz aus Neuchâtel, der letztjährige Gewinner, beantwortete die Frage, wie ervorgegangen sei, um den Preis zu gewinnen, dass er es auch nicht wisse und man diese Frageeigentlich der Jury stellen müsste. Wesentlich ist, dass man überhaupt teilnimmt und nicht vieleEntschuldigungen hat, wieso man nicht mitmacht, beispielsweise nicht in einem Universitätsspitalzu arbeiten. Wichtig für das Erstellen eines Posters ist, dass es nicht zu viel Text enthält, dieSchrift genügend gross gewählt wird, die präsentierten Statistiken graphisch dargestellt sind, dasGanze ein bisschen farbig daherkommt und Illustrationen enthält. Das Poster soll Lust auf mehrInformationen machen und das Interesse wecken.Felix FleischKongressbericht SGSH, Jahresversammlung 202006.11.2020

SSHH – SGSH – SSIO7/7Und wer nun Lust bekommen hat, einen Poster-Preis zu gewinnen, die nächste Gelegenheit dafürbietet sich am Kongress anfangs September 2021 in Lugano.Felix FleischKongressbericht SGSH, Jahresversammlung 202006.11.2020

Überproportional vertreten waren ältere Menschen. Das Verhältnis Männer zu Frauen war ausgeglichen (im Gegensatz zu den community acquired Fällen, bei denen die Männer deutlich häufiger vorkommen). Bei den nosokomialen Fällen bestehen mehr Co-Morbiditäten, und die Aufenthaltsdauer war deutlich verlängert.