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Leukämien: Ein ÜberblickDr. med. Anelia SiderowHämatologin, FMH / FAMHLeiterin Hämatopathologie15-Oct-181

Was will ich Ihnen erzählen Was ist Leukämie? Ursachen/Risikofaktoren Formen der Leukämie Welche Symptome verursacht die Erkrankung Diagnosestellung Therapie Fallbeispiele (am Mikroskop)15-Oct-182

Was ist Leukämie Leuk-ämie weisses Blut (λευκός leukós „weiß“ sowie αἷµα haima „Blut“) im 19. Jahrhundert entdeckt (J.H. Bennett, R. Virchow)* seit 1847: medizinischer Begriff Leukämie (Virchow), Synonym: “Blutkrebs”15-Oct-183

Was ist Leukämie Maligne (bösartige) Erkrankung des blutbildenden oder lymphatischenSystems Unkontrollierte Vermehrung und Freisetzung von unreifenfunktionsunfähigen Zellen (Blasten) aus dem Knochenmark ins Blut Die malignen (bösartigen) Zellen sind funktionslos und verdrängen diegesunden Knochenmarkszellen Störung der Blutbildung* LeukämieNormales Blutbild15-Oct-184

Leukämie in der Schweiz Ca. 990 Neuerkrankungen/Jahr (ca. 2.5% aller Krebsneuerkrankungen) Männer (57%) Frauen (43%) Ca. 550 Todesfälle/Jahr (ca. 3.5% aller Krebstodesfälle)15-Oct-185

Leukämie - Ursachen und Risikofaktoren Meist Idiopathisch (kein auslösender Faktor nachweisbar) gewisse Faktoren können das Erkrankungsrisiko erhöhen, müssenjedoch nicht zur Leukämie führen:Bekannte Risikofaktoren Chemikalien (z.B. Benzol, Formaldehyd), Medikamente (Zytostatika) Therapieassoziierte Leukämien (nach Chemo- oder Strahlentherapie) Erbliche Veranlagung (z.B. Down-Syndrom, ggf. bei gehäuftemfamiliärem Vorkommen postuliert) Knochenmarkschädigungen durch ionisierende Strahlen (radioaktiveStrahlung, Röntgenstrahlen) Andere: Rauchen, Pestizide, Viren (HTL-Viren in Japan) Hämatologische Erkrankungen: MDS, OMF, CML, MPN15-Oct-186

Welche Leukämieformen gibt esHämatopoeseMaligne Erkrankungdes blutbildendenSystems (KM, LK)1. Unterteilung nachbetroffener Zellreihe15-Oct-187Quelle:nach Aumüller et al., Dualen Reihe Anatomie,Thieme, 2014

Welche Leukämieformen gibt es2. Einteilung nach Verlaufsform akute Leukämie Kann sich innerhalb von kurzer Zeit «akut» entwickeln Führt unbehandelt rasch zum Tod Rascher Therapiebeginn entscheidendchronische Leukämie Langsamer Verlauf, oft über Jahre (häufig Zufallsbefund) Behandlungsnotwendigkeit meist nur bei Symptomen15-Oct-188

Welche Leukämieformen gibt esFolgende Formen von Leukämien werden loischAkute lymphatischeLeukämie (ALL)Akute myeloische Leukämie(AML)Chronische lymphatischeLeukämie (CLL)Chronisch myeloischeLeukämie (CML) wird den sog. Non-Hodgkin- gehört zu den myeloproliferativenLymphomen zugeordnetErkrankungen9

Akute Leukämie - Einteilung nach WHO 2016 Text TextQuelle: Daniel A., et al.; Blood 201615-Oct-1810

1. Akute lymphatische Leukämie (ALL) bösartige Erkrankung ausgehend von unreifen Vorstufen derLymphozyten lymphatische Blasten Häufigste Leukämieform im Kindesalter (ca. 80%) Am meisten erkranken Kinder unter 4 Jahren (5.3 Fälle/100’000/Jahr) Ab dem 6. Lebensjahr sinkt die Wahrscheinlichkeit, an einer ALL zuerkranken Bei Erwachsenen eher selten (ca. 1.1 Fälle/100’000/Jahr) Ab dem 50. Lebensjahr nimmt die Erkrankungshäufigkeit wieder stetig zu.Bei den über 80-Jährigen erkranken jährlich etwa 2,3 Menschen pro100.000/Jahr Männer sind etwas häufiger betroffen als Frauen. Je nach Risikogruppe schwankt die Überlebensrate zwischen 35-50%(bei Kinder ca. 90%!)15-Oct-1811

WHO- Klassifikation der ALL1. Allgemein: - Beurteilung zyto- als auch molekulardiagnostische Faktoren Unterteilung in lymphoblastische und lymphatische Leukämien- 25% Blasten Lymphom; 25% Blasten Leukämie2. Unterscheidung nach Reife (Vorläufer- und reifzellige Neoplasien)3. Unterscheidung in B-, T- oder NK-Zell-Neoplasie genet. Aberrationen4. Gemeinsame Einordnung der ALL mit den B-Zell-Lymphomen5. Klassifizierung:15-Oct-1812

1. Klassifikation der ALL Die Entartung der Vorläuferzellen kann aufverschiedenen Stufen der Zellentwicklunggeschehen B-ALL: Vorläuferzellen der B-Lymphozyten T-ALL: Vorläuferzellen der T-Lymphozyten Eine Entartung auf früher Entwicklungsstufeist gekennzeichnet durch die Vorsilbe „prä“oder „pro“ Die verschiedenen Formen der ALLunterscheiden sich im Krankheitsverlauf,Heilungsaussichten (Prognose) und Wahlder Behandlungsstrategie15-Oct-1813B-ALLT-ALL

Prognostische Faktoren der ALL Heilungschancen hängen von verschiedenen Risikofaktoren ab Diese Faktoren erlauben eine Prognose, wie gut ein Patient auf einekonventionelle Therapie reagiert und wie hoch die Wahrscheinlichkeit ist,dass der Patient einen Rückfall (Rezidiv) erleidet Risikofaktroren nach GMALL (German Multicenter ALL Study Group)AlterNiedriges RisikoHohes RisikoJunges AlterHöheres Alter ( 50 LMLL-AF4Komplexer aberranter Karyotyp 30 G/L 30 G/L (B-ALL) 100 G/L (T-ALL)Untergruppe der ALLZeit bis zur komplettenRemission15-Oct-18pro-B-ALLearly-T-ALL, mature T-ALL 4 Wochen14 4 Wochen

Mikroskopische Beispiele ALLT.D.*18.04.20042. Bild: Quelle: Google15-Oct-1815

2. Akute myeloische Leukämie (AML) Bösartige Erkrankung ausgehend von unreifen Vorstufen der Erythrozyten,Thrombozyten und Leukozyten myeloische Blasten Häufigste Form akuter Leukämien bei Erwachsenen (ca. 3-5Fälle/100’000/Jahr) Mittleres Alter bei Diagnose ca. 68 Jahren Männer sind etwas häufiger betroffen als Frauen. Bei Kinder zweithäufigste Leukämieform (20% aller Leukämien) Je nach Risikogruppe schwankt die Überlebensrate zwischen 30-50% (beiKinder ca. 70%)15-Oct-1816

Klassifikation der AML Grundsätzlich unterscheidet man zwischen primärer (de novo) AML unabhängig und ohne vorhergehende Knochenmark-/Krebserkrankungen sekundärer AML aus einer anderen Knochenmarkerkrankung (z.B. MDS) als Folge einer früheren Chemo-/Strahlentherapie Beide Formen unterscheiden sich hinsichtlich der Biologie derErkrankung sowie dem therapeutischen Vorgehen Eine sekundäre AML hat insgesamt eine schlechtere Prognose als dieprimäre Form, weil hier oft mehrere genetische Veränderungen vorliegen Akute Promyelozytenleukämie (APL): 15-Oct-18Unterform der AML (ca. 5%)Sonderrolle in Bezug auf Krankheitsverlauf, Prognose und BehandlungDiagnosestellung und der Therapiebeginn müssen umgehend erfolgen!!Gefahr: Hämorrhagische Diathese UND disseminierte intravasale Gerinnung(DIC)17

Klassifikation der AMLFAB-Klassifikation:WHO-Klassifikation: ältere Klassifikation neue Klassifikation Einteilung der Blasten aufgrund ihrenäusseren, mikroskopisch sichtbarenMerkmalen in acht Untergruppen(M0-M7) verbindet die ältere FAB-Klassifikation mitgenetischen Besonderheiten derleukämischen Zellen15-Oct-1818

Prognostische Faktoren der AML Nachweis von zytogenetischen Abnormitäten wichtiger prognostische Marker Prognostisch günstige Veränderungen zeigen in der Regel eine höhereRemissionsrate ( 85%) und ein relativ niedriges Rezidiv-Risiko (30–40%) Prognostisch ungünstige Veränderungen (ca. 15% aller Patienten) führen zueiner Überlebensrate 20% nach fünf Jahren Akute Promyelozytenleukämie: mit einer guten Prognose verbunden ( stiger KaryotypUngünstiger KaryotypAlter 60 JahreAlter 60 JahreSekundäre AMLSpätes Therapieansprechen (nach Zyklus 2)Leukozyten 20 G/LLeukozyten 20 G/LMulti-drug resistance (MDR) der BlastenMulti-drug resistance (MDR) der Blasten19

Mikroskopische Beispiele AMLMPOBiopsieKM-AspiratPeripheres Blut AML M5a (akute Monoblastenleukämie (FAB)) AML with recurrent genetic abnormalities (WHO2016): - Zytologie (Morphologie Aspirat)- Histologie (KM-Biopsie)- Karyotyp und FISH- Molekulardiagnostik NGS (Next generationsequencing)15-Oct-1820

3. Chronische myeloische Leukämie (CML) Bösartige Erkrankung des Knochenmarks Unkontrollierte Vermehrung von ausreifenden myeloischen Zellen (v.a.Granulozyten und deren Vorstufen, aber auch Erythrozyten undThrombozyten) Gehört zu den myeloproliferativen Neoplasien (MPN) Seltene Form von Leukämie mit ca. 1-2 Fälle/100’000/Jahr Kann alle Altersgruppen betreffen, Altersgipfel ist bei 55-60 Jahren Bei 95% der CML-Patienten kann eine bestimmte genetischeVeränderung, das Philadelphia-Chromosom, nachgewiesen werden15-Oct-1821

Chronische myeloische Leukämie (CML)Philadelphia-Chromosom Austausch von Chromosomabschnitten (Translokation t (9;22) Entstehung des veränderten Fusion-Gens BCR-ABL BCR-ABL1: dauerhaft aktivierte Tyrosinkinase die für eineungehemmte Teilung der weissen BlutkörperchenFluoreszenz-in-situ-Hybridisierung (FISH)verändertesChromosom 9 normalesChromosom 9normalesChromosom 2215-Oct-18BruchstelleverändertesChromosom 22PhiladelphiaChromosom22

CML: KrankheitsverlaufKrankheitsverlauf in 3 Phasen:1. Chronische Phase:- langsamer Krankheitsbeginn (6 Mte – 20 Jahre)- Leitsymptome: Leukozytose und Splenomegalie2. Akzelerierte Phase: - Übergangsphase zwischen chronischer Phase undBlastenschub, in der die Erkrankung an Dynamik gewinnt3. Blastenkrise:15-Oct-18- Tritt nach der Akzelerations- oder chronischen Phase auf- Übergang von einem chronischen zu einem Verlauf, der demeiner akuten Leukämie entspricht- schwere Erkrankung, die unbehandelt innerhalb wenigerWochen zum Tode führt23

Prognostische Faktoren der CML Früher sehr ungünstige Prognose ( Überleben 3-4 Jahre ohne Behandlung) 2001: Einführung von Thyrosinkinase-Hemmer (TKI) Ziel: Erkrankung so weit wie möglich zurückdrängen und Fortschreiten zurnächsten Phase verhindernJe besser ein Patient auf die Therapie anspricht, umso besser ist die PrognoseStammzelltransplantation nur noch sehr selten nötigHeute: beinahe normale Lebenserwartung!15-Oct-1824Quelle: Adapted from Harrison’sPrinciples of Internal Medicine,2014.

Mikroskopisches Beispiel CMLC.S.*02.01.1971KM - Hämatopoese im PB15-Oct-1825

Chronisch lymphatische Leukämie (CLL) Bösartige, indolente (langsam verlaufende) Erkrankung deslymphatischen Organsystems (Lymphknoten, Milz, Knochenmark) Unkontrollierte Vermehrung von reifen B-Lymphozyten nach WHO: reifzelliges, lymphozytisches B-Non-Hodgkin-Lymphom(B-NHL) mit leukämischem Verlauf Häufigste Leukämieerkrankung in Europa (5 Fälle/100’000/Jahr) Mittleres Alter bei Diagnose ca. 70 Jahren; nur 10% 55 Jahren Männer doppelt so häufig betroffen als Frauen. In 70% der Fälle wird die Diagnose durch einen Zufallsbefund bei einerRoutine-Blutuntersuchung entdeckt Kann bis zu 20 Jahre lang gutartig verlaufen (Patient beinahesymptomlos, ggf. vergrösserte Lymphkonten, Müdigkeit, Appetitlosigkeit)15-Oct-1826

Chronisch lymphatische Leukämie (CLL)15-Oct-1827

Klassifikation der CLL Klassifikation nach Binet in Europa (nach Rai in Nordamerika) Zur Bestimmung des Krankheitsstadiums nach Binet sind folgendeUntersuchungen erforderlich: körperliche Untersuchung: Tastbefund von Lymphknoten, Leber und Milz Blutbild: Hämoglobin-Wert, tlereÜberlebenszeitTherapieBinet A Hb 10,0 g/dlThrombozyten 100 G/l 3 Lymphknotenregionen 10 JahreKeine(„watch & wait“)Binet B Hb 10,0 g/dlThrombozyten 100 G/l 3 Lymphknotenregionen 5 JahreKeine(„watch & wait“)Binet C Hb 10,0 g/dlThrombozyten 100 G/l1.5 - 3 JahreJa28

Prognostische Faktoren der CLL Risikofaktoren hilfreich, um diePrognose insbesondere in einemfrühen Stadium der CLL zubeurteilen Identifizierung von Patienten, beidenen rascheres Fortschreiten derCLL wahrscheinlich ist Aussagekraft der Risikofaktorenzum Teil noch fraglich Ausnahme: 17p-Deletion/TP53Mutation CLL schreitet rascher voran schlechtes Ansprechen auf diegebräuchliche Chemoimmuntherapie schnelleres Rückfall-Risiko kürzere Lebenserwartung15-Oct-1829Quelle: Schweiz Med Forum 2011;11(6):93–97

Mikroskopische Beispiele CLLW.H.*11.05.1942Peripheres BlutDifferential-BB: nc nc Anämie, Leukozytose mit Lymphozytose,Gumprechtsche Kernschatten, ThrombopenieKM- Aspirat15-Oct-1830

Leukämie: Welche Symptome treten auf? Viele Symptome von Leukämien sind unspezifisch Akuten Leukämien:Symptome treten plötzlich, oft aus völliger Gesundheitheraus auf. Der Gesundheitszustand kann sichinnerhalb weniger Tage dramatisch verschlechtern. Chronische Leukämie: Schleichende Entwicklung. Es kann Monate/Jahredauern, bis Betroffene tatsächlich unter Symptomenleiden. Daher wird die Erkrankung oft zufällig entdeckt. Allgemeinsymptome sind: 15-Oct-18Anhaltendes Fiebernächtliche SchweissausbrücheB-Symtomatikungewollter GewichtsverlustMüdigkeit und Abgeschlagenheit Minderung der LeistungsfähigkeitBlutarmut, BlässeSchwindelgefühlSeltener: Herzrasen, Atemnot31

Klinische Symptomatik Symptome durch Verdrängung der normalen Hämatopoese: Leistungsminderung, Müdigkeit Blutungsneigung: Nasen-/Zahnfleischbluten, Neigungzu punktförmigen Hautblutungen (Petechien), blauenFlecken (Hämatomen), verzögerte Blutstillungnach Verletzungen InfektionenSymptome durch direkte Infiltration von Leukämiezellen: Knochenschmerzen (grippeähnliche Symptome) Vergrösserung von Leber, Milz, Lymphknoten (Hals, Achselhöhlen, Leiste) Selten Hautinfiltration (bräunlich-rote oder violette Flecken, Knötchen oderBlasen), Hypergingivismus Selten Befall des zentralen Nervensystems (starken Kopfschmerzen, Schwindel,Gefühlsstörungen oder Lähmungen15-Oct-1832

Wie wird die Diagnose gestellt? Körperliche Untersuchung Anamnese; Abtasten von Lymphknoten,Milz, Leber Blutuntersuchung (Differentialblutbild Morphologie) Informationen über Menge, Zusammensetzung und Morphologie der Blutzellen Unklare Lymphozytose,dysplastische Zellen, BlastenKnochenmarkpunktion routinemässig bei Erstdiagnose Gewinn von zusätzlichen Informationen Spezielle Labordiagnostik, inkl. Biopsie Ergänzende Diagnostik: Lumbalpunktion (v.a. ALL) Bildgebende Verfahren15-Oct-1833Normale Blutzellen

Differential-BlutbildFolgende Zelltypen können unterschieden werden: Erythrozyten (Rote Blutkörperchen) ca. 4-5 Millionen Zellen/µl Thrombozyten (Blutplättchen) ca. 160’000-370’000 Zellen/µl Leukozyten (Weisse Blutkörperchen) ca. 4000-10’000 Zellen/µl Heterogene Gruppe von Blutzellen mitverschiedenen Funktionen Granulozyten (neutrophile, eosinophile, basophile) Lymphozyten Monozyten15-Oct-1834

Mikroskopische Differenzierung1. Ausstrich anfertigen15-Oct-182. Zellen zählen353. Morphologie beschreiben

Automat. und Mikroskopische Differenzierung Bewertung der Leukozyten Stabkernige/Segmentkernige Neutrophile Vorstufen der Granulopoiese (Metamyelozyten, Myelozyten, Promyelozyten, Blasten) Bewertung der Erythrozyten Zellzahl, Zellgrösse, Zellanfärbung, Zellform Bewertung der ThrombozytenBestätigung von Thrombozytopenie(Ausschluss einer Pseudo-Thrombozytopenie) Thrombozytose (Zellgrösse, Granulation) Information über morphologische Merkmale der Zellen reaktive Geschehen (z.B. Infekte) vs. neoplastische Prozesse (z.B. Leukämien) Grösse, Form, Anfärbbarkeit, Kernform, Kern-Plasma-Relation, besondere Strukturen,Reifestadium, Blutparasiten, Zelleinschlüsse15-Oct-1836

Blutbild bei KM-Erkrankungen DD LeukämieAuerstäbchenALL15-Oct-18AMLCLL37CML

Knochenmarkdiagnostik15-Oct-1838

Knochenmarkspunktion Wird routinemässig bei der Erstdiagnostik aller Leukämiepatientendurchgeführt Die Untersuchung kann ambulant durchgeführt werden Punktion und Biopsie erfolgen meistens unter örtlicher Betäubung Entnahme von Knochenmark (ca. 5-10 ml) aus dem Beckenkammknochen(evtl. Brustbein) Spezialnadel wird bis zum Knochen,durch die feste Schicht bis in dieSpongiosa (Knochenmark)vorgeschoben Mittels dickerer Hohlnadel kann einca. 2 cm langer Gewebezylinder ausdem Knochen gestanzt werden(Knochenmarkstanzbiopsie) Verklebung der Einstichstelle15-Oct-1839

Zytomorphologie und Zytochemie Zytomorphologie: gewonnenes Knochenmark wird auf einemGlasplättchen ausgestrichen, gefärbt undunter dem Mikroskop begutachtet Zellen werden im Hinblick auf ihr Aussehenund ihre Anzahl beurteilt Zytochemie: Spezialfärbungen (je nach Zellart typischesAnfärbeverhalten) Morphologisch nicht eindeutig klassifizierbareZellen können näher charakterisiert werden15-Oct-1840

Zytomorphologie und ZytochemieNormales KnochenmarkKnochenmark bei AMLMPO-Färbung15-Oct-1841

Spezialuntersuchung: Durchflusszytometrie Synonyme:Immunphänotypisierung (FACS) Merkmale auf der Oberflächeder Leukämiezellen werden mitAntikörpern markiert und in einemSpezialgerät (FACS-Gerät)untersucht Einteilung der Zellen nach Zellreiheund Reifungsstadium Ergänzende Untersuchung zurZytomorphologie Dient zur unabhängigen Bestätigungder Diagnose15-Oct-1842

Spezialuntersuchung: Zytogenetik Mikroskopische Untersuchungen zum Nachweis von Veränderungen immenschlichen Erbmaterial (Genom) Leukämiezellen weisen häufig Veränderungen der Chromosomen auf Translokationen:Deletionen:Inversionen:Austausch zwischen zwei Chromosomen (häufig)Verlust von ChromosomabschnittenDrehung eines ChromosomenabschnittsFISH: Die in-situ-Hybridisierung erlaubt den Nachweis von DNA-Sequenzenmit Hilfe von Sonden (an ganzen Zellen oder an Chromosomen (M-FISH))Chromosomenanalyse: Bandenmuster. Die Chromosomen 1-22liegen natürlicherweise doppelt in den Zellen vor. Männer besitzenzudem ein X- und ein Y-Chromosom, Frauen zwei X15-Oct-18Chromosomen.43Multicolor Fluoreszenz-in-situ-Hybridisierung (M-FISH):FISH-Analyse der Chromosomen eines AML-Patienten mitvielen verschiedenen Veränderungen, z.B. Translokationzwischen Chromosomen 4 und 20 bzw. Chromosom 9 und 19,Verlust des zweiten Chromosom 7, Chromosom 8 liegt dreimalvor.

Spezialuntersuchung: Molekulargenetik Nachweis von Veränderungen im Erbmaterial, die nicht mit dem Mikroskoperkennbar sind Analyse von Nukleinsäureveränderungen (Mutationen) mittels PCR ration-Sequencing (NGS)Möglichkeit, den Erkrankungsverlauf bei einzelnenPatienten genau zu verfolgen Messung der minimalen Resterkrankung(MRD: minimal residual disease) Auskunft, ob sämtliche Leukämiezellen durchdie Therapie vernichtet wurden oder ob die Zahlder Leukämiezellen noch so hoch ist, dass eineweitere Intensivierung der Therapie erforderlich ist15-Oct-1844Sequenzierung: Nachweis einerPunktmutation

TherapieWie wird die Leukämie behandelt? Eine allgemeine Behandlungsstrategie für alle Betroffenen gibt es nicht Patienten benötigen einen individuellen Therapieplan Wichtige Fragen: Verläuft die Erkrankung akut oder chronisch? Ist es eine myeloische oder lymphatische Leukämie? Welcher Untertyp / Risikofaktoren liegt vor? Wie gut ist der allgemeine Gesundheitszustand?Leitlinien für anerkannte Untersuchungs- und Behandlungsmethoden15-Oct-1845

TherapieTherapieziele Komplette Krankheitsrückbildung Remission Hämatologische Remission: Normalisierung der Zusammensetzungdes Blutbildes; kein Nachweis vonLeukämiezellen in Blut und KM Zytogenetische Remission: Kein Nachweis von chromosomalenVeränderungen (z.B. BCR-ABL bei CML) Molekulare Remission:Kein Nachweis von molekularenVeränderungen/Mutationen mittels PCR komplett, inkomplettKein Nachweis bzw. Reduktion vonLeukämiezellen in Blut/KM.Erreichen einer Langzeitremission Heilung15-Oct-1846

Behandlungsmethoden Chemotherapie: Medikamentöse Behandlung mit verschiedenen chemischen Substanzen Leukämiezellen abtöten und sie in ihrer Vermehrung bremsen und stoppen Strahlentherapie: Als Erweiterung der Chemotherapie Erreichen von Körperbereichen, in welchen durch Chemotherapie die Leukämiezellen nurunzureichend abgetötet werden Stammzelltransplantation: Substitution von erkranktem Knochenmark durch gesunde Zellen (von Spender oderseltener vom Patienten selbst) Therapiestudien: medizinische Forschungsprogramme (Untersuchung neuer Behandlungsformen) Begleitbehandlung: Nebenwirkungen der Tumortherapie und die Folgen der Leukämieverhindern/abschwächen und die Lebensqualität der Patienten verbessern Alternativmedizin: Akupunktur, Homöopathie und verschiedene Naturheilverfahren15-Oct-1847

Remission am Beispiel CML:Wirkung von Thyrosinkinase-HemmerTyrosinkinase-Inhibitoren hemmen die Aktivität desabnormen Proteins Bcr-Abl-Kinase und dadurch dieBildung von Krebszellen. Sie binden in der Tasche derTyrosinkinase, in der normalerweise das ATP-Molekülgebunden wird, und verhindern damit den zentralenSchritt in der von Bcr-Abl katalysierten Reaktion, nämlichdie Übertragung eines Phosphatrests auf andereProteine.15-Oct-1848

Wie wird eine Leukämie behandelt? Je nach Leukämieart ist eine sofortige Therapie indiziert Behandlungsphasen:1. Induktionstherapie:Erreichen einer kompletten Remission undWiederherstellen einer normalenHämatopoiese (Chemotherapie)2. Konsolidierungstherapie:Elimination einer möglichen Resterkrankung3. Erhaltungstherapie:Behandlungserfolg stabilisieren und Rückfall(Rezidiv) verhindern4. Nachsorge:Regelmässige Kontrolluntersuchungen Behandlungserfolg kontrollieren und mögliche Rückfällefrühzeitig erkennen Nebenwirkungen und Langzeitfolgen der vorausgegangenen Chemotherapien behandeln15-Oct-1849

Stammzelltransplantation (SZT) Eine STZ kommt in Frage bei Patienten, bei denen sich die Leukämie trotz Chemotherapie nicht vollständigzurückbildet (refraktäre Erkrankung) Patienten, die einen Rückfall der Erkrankung erleiden (Rezidiv) Patienten, die eine Leukämieform haben, von der bekannt ist, dass dieHeilungschancen mit Chemotherapie alleine schlecht sind (HochrisikoPatienten)Blutstammzellen: aus Knochenmarkentnahme aus dem Beckenkamm(Knochenmarktransplantation) durch Aufreinigung aus dem Blut (peripheren Blutstammzelltransplantation) Eine Stammzelltransplantation ist für den Patienten eine sehrrisikoreiche und belastende Behandlung (z.T. mit lebensbedrohlichenKomplikationen!)15-Oct-1850

Arten der Stammzelltransplantation autolog: vom Patienten selbst (Eigenspende) allogen: von geeignetem Spender (Fremdspende)15-Oct-1851

StammzellspendeWo werden die Blutstammzellengespendet? Die Entnahme der Blutstammzellen erfolgtin einem der drei Entnahmezentren derUniversitätskliniken Basel, Genf oderZürich.Wer darf Spender werden? Erwachsene zwischen 18 und 55 Jahre, inguter gesundheitlicher Verfassung und inder Schweiz oder im FürstentumLiechtenstein krankenversichert.15-Oct-1852

Fragen?15-Oct-1853

Fallbeispiel 15-Oct-1854

B.V. (w)* 20.02.1944 Differentialblutbild (Sysmex): nc nc Anämie, Thrombozytopenie,Leukozytose und unreife Zellen Routine-Differential-Blutbild,Eingang: 17.22 Uhr15-Oct-1855

Fall 1: B.V. (w)* 20.02.1944 Peripheres Blutbild (Ausstrich):Cup like – BlastenBilobierte Blasten15-Oct-1856Blutentnahme vom 29.08.2018

B. V. (w)* 20.02.1944 Peripheres Blutbild (Ausstrich):R: leichte AnisozytoseW: 68% polymorphe Blasten,25% Promyelozyten, feinesKernchromatin, auroideEinschlüsse, 1-3 Auerstäbchen ,Kerne der Promyelozyten:bilobiert, wenig granuliertTc: stark vermindert, nichtbeurteilbar15-Oct-1857Blutentnahme vom 29.08.2018

Weiteres Vorgehen:HA nicht erreichbar regionaler Notarzt Pat. Ausfindig gemacht Spital Münsterlingen USZV.a. atypische Promyelozytenleukämie,AML M3, variantHäufigkeit: 5-8% aller Leukämien, 1/3 aller APLUngünstige Prognosefaktoren:- Hohe Lc-Zahl ( 10 G/L).- FLT3- internal tandem duplication (ITD).- Ungünstige Prognose: bei Hyperleucocytose und AML M3variant.- Bleeding episodes (anamnest. bei o.g. Patientin)Komplikationen: oft assoziiert mit disseminierter intravasaler Gerinnung (DIC) andHämorragische Diathese Ursächlich für schlechte Prognose, wenn Diagnostik undTherapie verzögert15-Oct-1858

B.V. (w)* 20.02.1944FACS: - unreifer Phänotyp- typisch: CD34 negative,HLA-DR negative, CD33positive, CD13 positive.- Aberrant expression ofCD56 (ca. 10% of APLpatients and is associatedwith a higher WBC count)15-Oct-1859Blutentnahme vom 29.08.2018

Fallbeispiele am MikroskopAPERO15-Oct-1860

jedoch nicht zur Leukämie führen: Bekannte Risikofaktoren Chemikalien (z.B. Benzol, Formaldehyd), Medikamente (Zytostatika) Therapieassoziierte Leukämien (nach Chemo- oder Strahlentherapie) Erbliche Veranlagung (z.B. Down-Syndrom, ggf. bei gehäuftem familiärem Vorkommen postuliert) Knochenmarkschädigungen durch ionisierende Strahlen .