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402019DIW WochenberichtAUF EINEN BLICKVermögensungleichheit in Deutschlandbleibt trotz deutlich steigender Nettovermögenanhaltend hochVon Markus M. Grabka und Christoph Halbmeier Nettovermögen steigen nominal von 2012 bis 2017 im Schnitt um ein Fünftel Vermögensungleichheit in Deutschland verharrt im internationalen Vergleich auf hohem Niveau Vermögen in Westdeutschland im Schnitt doppelt so hoch wie im Osten Oberste Vermögensdezile halten besonders häufig Immobilien und Betriebsvermögen, die starkim Wert stiegen Staatliche Förderinstrumente müssen effizienter ausgestaltet und Beträge deutlich erhöhtwerden, um Vermögensungleichheit zu reduzierenDie reichsten zehn Prozent in Deutschland besitzen mehr als die Hälfte des Vermögens, die ärmere Hälfte verfügtnur über 1,3 ProzentAnteil am Nettogesamtvermögen 20171,3%56%Zieht man nur das reichste Prozent heran,so beläuft sich dessen Vermögensanteil aufschätzungsweise 18 Prozent.Die untere Hälfte der erwachsenen Bevölkerung hatte 2017einen durchschnittlichen Anteil am Nettogesamtvermögenvon 1,3 Prozent.Die reichsten zehn Prozent der Erwachsenenhalten einen Anteil von 56 Prozent desgesamten Vermögens.Quellen: SOEPv34, mit 0,1 Prozent Top-Coding;eigene Berechnungen.Anmerkung: Individuelle Nettovermögen der Personen ab 17 Jahren in Privathaushalten, ohne Personen der Flüchtlingssamples M3 bis M5.Ohne den Wert von Kraftfahrzeugen und ohne die Restschuld von Ausbildungskrediten.ZITAT DIW Berlin 2019MEDIATHEK„Um die Vermögensungleichheit zu reduzieren, wird es nicht reichen,große Vermögen ein wenig zu besteuern. Statt eine Vermögensteuer einzuführen,sollte besser die Vermögensbildungspolitik neu ausgerichtet werden.“— Markus M. Grabka —Audio-Interview mit Markus M. Grabkawww.diw.de/mediathek

VERMÖGENVermögensungleichheit in Deutschlandbleibt trotz deutlich steigenderNettovermögen anhaltend hochVon Markus M. Grabka und Christoph HalbmeierABSTRACTDas private Vermögen in Deutschland hat sich im Zeitraumvon 2012 bis 2017 im Schnitt um nominal 22 Prozent erhöht.Das individuelle Nettovermögen in Deutschland betrug imJahr 2017 im Durchschnitt rund 108 500 Euro für Personenab 17 Jahren. Der Medianwert, der die untere von der oberenHälfte der Vermögensverteilung trennt, liegt dagegen nurbei 26 000 Euro. Den Vermögensanstieg trieben vor allemWert steigerungen beim Betriebsvermögen und bei Immo bilien. Die Vermögensungleichheit verharrt seit zehn Jahrenauf einem auch im internationalen Vergleich hohen Niveau:Die reichsten zehn Prozent besitzen mehr als die Hälfte desgesamten Vermögens. Um die Ungleichheit zu reduzieren,müsste die Vermögensbildungspolitik neu aufgestellt werden,mit höheren Fördersummen und einer Neuausrichtung derprivaten Altersvorsorge, die sich an Ländern wie Schwedenorientiert, oder mit einem staatlichen Mietkaufmodell.Die Themen Vermögensungleichheit und Vermögensteuerals Instrument zur Bekämpfung dieser Ungleichheit habenin diesem Sommer in Politik und Medien wieder mal fürviel Diskussionsstoff gesorgt, was sicherlich auch den Landtagswahlen in einigen ostdeutschen Ländern geschuldet war.Für viele geht gefühlt die Schere zwischen Arm und Reichimmer weiter auf. Der Frage, ob die Vermögensungleichheittatsächlich zunimmt, geht die vorliegende Studie nach, diebisherige Untersuchungen des DIW Berlin zur Vermögensungleichheit in Deutschland für den Zeitraum 2002 bis 2017aktualisiert. 2017 ist das Jahr mit den aktuellsten verfügbaren sowie aufbereiteten Vermögensdaten (Kasten).1 Unterdie Lupe genommen werden in diesem Bericht sowohl dieEntwicklung der Nettovermögen als auch die Verteilungüber die Vermögensdezile2, Alterskohorten, Regionen (Ost/West) und Vermögenskomponenten sowie der Zusammenhang von Einkommen und Vermögen.Empirische Grundlage sind die vom DIW Berlin in Zusammenarbeit mit Kantar erhobenen Daten des Sozio-oekonomischen Panels (SOEP).3 Im Gegensatz zu anderen Bevölkerungsbefragungen, in denen das Vermögen lediglich aufHaushaltsebene erfasst wird,4 wird im SOEP das Vermögen von allen Personen ab 17 Jahren eines Privathaushaltsseparat erfragt.51 Vgl. Markus M. Grabka und Christian Westermeier (2014): Anhaltend hohe Vermögensungleichheit inDeutschland. DIW Wochenbericht Nr. 9, 151–165 (online verfügbar, abgerufen am 04.09.2019. Dies gilt auchfür alle anderen Onlinequellen in diesem Bericht, sofern nicht anders vermerkt).2 Sortiert man die Bevölkerung nach der Höhe des Vermögens und teilt diese in zehn gleich großeGruppen auf, so erhält man Dezile. Das unterste (oberste) Dezil gibt die Vermögenssituation der ärmsten(reichsten) zehn Prozent der Bevölkerung an.3 Das SOEP ist eine repräsentative jährliche Wiederholungsbefragung privater Haushalte, die seit1984 in Westdeutschland und seit 1990 auch in Ostdeutschland durchgeführt wird: vgl. Jan Goebel et al.(2019): The German Socio-Economic Panel (SOEP). Journal of Economics and Statistics, 239(2), 345–360(DOI: https://doi.org/10.1515/jbnst-2018-0022). Dem Bericht liegt die Version 10.5684/soep.v34 der SOEPDaten zugrunde.4 Vgl. die Einkommens- und Verbrauchsstichprobe (EVS) des Statistischen Bundesamtes (online verfügbar) oder die Studie „Private Haushalte und ihre Finanzen (PHF)“ der Deutschen Bundesbank (online verfügbar).5 Ausgeschlossen werden Personen der IAB-BAMF-SOEP-Stichprobe von Geflüchteten (M3 bis M5), beidenen bislang keine Vermögensinformationen erhoben wurden.736DIW Wochenbericht Nr. 40/2019DOI: https://doi.org/10.18723/diw wb:2019-40-1

VermögenKastenErfassung von Vermögen durch BefragungenAnalysen der Vermögensverteilung auf Basis von bevölkerungs repräsentativen Mikrodaten sind mit einer Reihe von methodi schen und statistischen Problemen konfrontiert. In Bevölkerungs befragungen werden Vermögensbestände gewöhnlich auf derHaushaltsebene erfasst.1 Das SOEP weist hier eine methodischeBesonderheit auf, da das individuelle Vermögen von jeder Befra gungsperson ab einem Alter von 17 Jahren erhoben wird.2 Damitlassen sich im Vergleich zu Haushaltsvermögen auch Unterschie de innerhalb von Haushalten oder Partnerschaften darstellen.Ein Vergleich aggregierter Vermögensbestände auf Basis desSOEP mit den sektoralen und gesamtwirtschaftlichen Vermö gensbilanzen des Statistischen Bundesamtes wird durch eineReihe von Abgrenzungs- und Definitionsunterschieden erschwert.Erstens weist das Statistische Bundesamt die privaten Haushaltezusammen mit den privaten Organisationen ohne Erwerbszweckaus. Zweitens werden neben dem Gebrauchsvermögen auch wei tere Vermögensarten ausgewiesen, die im SOEP nicht erhobenwerden. Hierzu zählen das Bargeld, der Wert von Nutztieren undNutzpflanzen, Ausrüstungen, immaterielle Anlagegüter, Ansprüchegegenüber privaten Krankenversicherungen, gewerbliche Krediteund gewerbliche Anteile von Wohnbauten. Drittens wird im SOEPgenerell der aktuelle Marktwert erfragt, während beim Statisti schen Bundesamt Immobilien nach dem Wiederbeschaffungswertangesetzt werden. Der Marktwert weicht aber bei Bestandsimmo bilien signifikant vom Wiederbeschaffungswert ab.Ein Vergleich mit der Vermögenserhebung der Deutschen Bun desbank von 2017 (PHF) zeigt ein im Durchschnitt etwas höheresNettohaushaltsvermögen im PHF mit rund 233 000 Euro imVergleich zu rund 200 000 Euro im SOEP. Bis zum 60. Perzentilunterscheiden sich die Nettohaushaltsvermögen der beiden Da tenquellen aber nahezu kaum. Oberhalb dessen weist das PHFetwas höhere Nettovermögen aus, was sich durch ein speziellesOversampling von wohlhabenden Haushalten im PHF erklärt.Zieht man alternativ die Einkommens- und Verbrauchsstich probe (EVS) des Statistischen Bundesamtes heran, so liegt dasdurchschnittliche Nettohaushaltsvermögen in der EVS aus derErhebung 2018 mit rund 163 000 Euro deutlich unter dem desSOEP mit rund 200 000 Euro. Auch der Median fällt in der EVSmit rund 47 000 Euro deutlich geringer aus als im SOEP mit knapp67 000 Euro.Dem in Bevölkerungsumfragen verbreiteten Problem einernicht aussagekräftigen Repräsentation hoher Einkommen undVermögen wird im SOEP seit 2002 durch die Teilstichprobe„Einkommensstarke Haushalte“ verstärkt Rechnung getragen.Vor dem Hintergrund der hohen Ungleichheit in der personellenVermögensverteilung kommt dieser Teil-Stichprobe und der aus reichend großen Fallzahl reicher Haushalte im SOEP besondereBedeutung zu.3 Insbesondere kann der Zusammenhang zwischenEinkommens- und Vermögensverteilung auch für die Gruppe derHocheinkommensbeziehenden detaillierter dargestellt werden,da Vermögensbestände, Vermögenseinkommen und Ersparnisvom verfügbaren Einkommen abhängen. Dennoch bleibt das Pro blem bestehen, dass besonders wohlhabende Personen in einerStichprobe wie dem SOEP faktisch nicht vorkommen. Dies giltinsbesondere für Milliardäre und für Millionäre mit einem Vermö gen in dreistelliger Millionenhöhe. Im Ergebnis bedeutet dies, dassdas wahre Ausmaß an Vermögensungleichheit unterschätzt wird.Externe Statistiken zur Validierung dieser Unterschätzung, zumBeispiel eine Vermögensteuerstatistik, liegen in Deutschland abernicht vor.Die Schätzung des Verkehrswerts einer Immobilie im Rahmeneiner Befragung ist schwierig, insbesondere wenn das Objektererbt oder bereits vor längerer Zeit gekauft wurde und die Be fragten nicht über ausreichende aktuelle Marktkenntnis verfügen.Auch die Bewertung von Betriebsvermögen ist besonders schwie rig. Vermögenswerte können im Gegensatz zu regelmäßigen Ein kommen sehr volatil sein und damit die Bewertung zusätzlich er schweren. Dies führt wiederum, neben der generellen Sensitivitätdieser Thematik, auch zu erhöhten Antwortverweigerungen oderzu fehlenden Angaben bei vermögensrelevanten Fragen.Neben einer umfassenden Konsistenzprüfung der individuellenAngaben werden im SOEP alle fehlenden Vermögenswerte mittelsmultipler Imputation ersetzt.4 Die Qualität der Imputation fällt da bei aufgrund der Verwendung von Längsschnittdaten im Rahmender wiederholten Messung der Vermögenserfassung in den Jahren2002, 2007, 2012 und 2017 besser aus, als dies bei nur einmaligerErhebung der Fall ist.Die hier präsentierten Vermögensangaben für die Jahre 2002 bis2012 weichen von denen früherer Veröffentlichungen leicht ab.5Dies erklärt sich zum einen durch notwendige Revisionen derGewichtungsfaktoren im SOEP als auch durch das verwendeteImputationsverfahren, bei dem mit jeder neuen Erhebungswellemit Vermögensinformationen sämtliche fehlenden Werte auchrückwirkend neu imputiert werden und damit gegenüber der vor hergehenden Datenversion abweichen können.3 Vergleiche Jürgen Schupp et al. (2009): Zur verbesserten Erfassung von Haushaltsnettoeinkommenund Vermögen in Haushaltssurveys. In: Thomas Druyen, Wolfgang Lauterbach und Matthias Grundmann(Hrsg.): Reichtum und Vermögen – Zur gesellschaftlichen Bedeutung der Reichtums- und Vermögensforschung. Wiesbaden: VS-Verlag für Sozialwissenschaften, 85–96.1 Vgl. die Einkommens- und Verbrauchsstichprobe (EVS) des Statistischen Bundesamtes (online ver fügbar) oder die Studie „Private Haushalte und ihre Finanzen (PHF)“ der Deutschen Bundesbank (onlineverfügbar).4 Markus M. Grabka und Christian Westermeier (2015): Editing and Multiple Imputation of Item-Non- Response in the Wealth Module of the German Socio-Economic Panel. SOEP Survey papers Series C.,No. 272, Berlin: DIW Berlin.2 Das von Kindern (Personen unter 17 Jahren) gehaltene Vermögen wird vernachlässigt, wobei davonauszugehen ist, dass dieses nur einen sehr geringen Anteil am Gesamtvermögen ausmacht.5 Vgl. Markus M. Grabka und Christian Westermeier (2014): Anhaltend hohe Vermögensungleichheit inDeutschland. DIW Wochenbericht Nr. 9, 151–165.DIW Wochenbericht Nr. 40/2019737

VermögenTabelle 1Vermögensverteilung1 in DeutschlandInklusive dem Wert vonKraftfahrzeugen und nachAbzug von StudienkreditenIndividuelle 5,25,96,55,86,16,54,85,05,277 72180 46983 23378 41782 18985 94881 12684 53087 93398 745102 868107 026104 246108 449112 620p99723 280767 952823 932740 579812 943888 565782 080839 408899 442928 876 1 035 0001 153 155p95310 922323 941335 968308 572324 148340 145315 676331 800349 719389 606406 365427 219400 576419 766437 215p90205 187211 867218 737201 147209 789218 551210 813219 100226 544254 388263 500273 594267 511275 770284 490p7595 34699 568102 00088 28592 48296 64797 616100 190103 558118 957122 792126 609125 396130 040134 269Median14 47015 00015 80813 13314 52015 65415 15917 12019 10118 67120 01021 96724 52826 26028 116p250000000000001 2591 5902 131p10000000000000000p5 2 914 1 920 887 4 656 3 960 3 119 4 504 3 718 2 791 3 665 3 000 2 239 2 688 2 044 1 577p1 33 594 30 000 24 925 27 551 24 374 20 953 26 661 23 107 19 441 23 246 20 360 18 140Mittelwert in Euro11,2Perzentile in Euro941 178 1 045 680 1 167 932 22 698 20 255 18 293Anteil der Personen miteinem Nettovermögenunter 0 Euro in ,9Anteil der Personen miteinem Nettovermögengleich 0 Euro in 122,914,014,515,1Nettovermögen2insgesamt in Mrd. Euro5 7755 9185 9207 3907 7761 Individuelle Nettovermögen der Personen ab 17 Jahren in Privathaushalten, ohne Personen der Flüchtlingssamples M3 bis M5.2 Ohne Top-Coding.Anmerkungen: Statistisch signifikante Veränderungen gegenüber dem jeweiligen Erhebungsjahr zuvor sind grün markiert. Untere bzw. obere Grenze geben die Schwellenwerte eines 95-Prozent-Konfidenzintervalls an.Quelle: SOEPv34, mit 0,1 Prozent Top-Coding; eigene Berechnungen. DIW Berlin 2019Zehn verschiedene Vermögenskomponenten werden imSOEP erhoben: (1) selbstgenutztes Wohneigentum, (2) sonstiger Immobilienbesitz (unter anderem unbebaute Grundstücke, Ferien- und Wochenendwohnungen), (3) Geldvermögen (Sparguthaben, Spar- und Pfandbriefe, Aktien undInvestmentanteile), (4) Vermögen aus privaten Versicherungen (Lebens- und private Rentenversicherungen einschließlich sogenannter Riester-Verträge), (5) Bausparguthaben,(6) Betriebsvermögen (Besitz von Einzelunternehmen undBeteiligung an Personen- oder Kapitalgesellschaften; nachAbzug von betrieblichen Verbindlichkeiten), (7) Sachvermögen in Form wertvoller Sammlungen wie Gold, Schmuck,Münzen oder Kunstgegenstände sowie Verbindlichkeiten inForm von (8) Hypothekenkrediten auf selbstgenutzte Immobilien, (9) Hypothekenkrediten auf sonstige Immobilien alsauch (10) Konsumentenkrediten. Im Jahr 2017 wurden erstmals zwei weitere Vermögenskomponenten erfragt: der Wertvon Kraftfahrzeugen und die Höhe der Restschuld aus Ausbildungs- beziehungsweise Studienkrediten.Werden die Verbindlichkeiten vom Bruttovermögen abgezogen, ergibt sich das wohlfahrtsökonomisch relevante Nettogesamtvermögen, das üblicherweise für Analysen zur personellen Vermögensverteilung herangezogen wird. Folgende738DIW Wochenbericht Nr. 40/2019Vermögenskomponenten bleiben hingegen beim hier analysierten Nettovermögen ausgeblendet: das Bargeld, der Wertdes Hausrats (ohne Kraftfahrzeuge), der Wert von Nutztieren und Nutzpflanzen, Ausrüstungen, immaterielle Anlagegüter, Ansprüche gegenüber privaten Krankenversicherungen, Verbindlichkeiten aufgrund gewerblicher Kredite undgewerbliche Anteile von Wohnbauten als auch Anwartschaften an Alterssicherungssysteme.6Nettovermögen wächst seit 2012 um mehr als20 ProzentDas individuelle durchschnittliche Nettovermögen lag nominal im Jahr 2017 bei mehr als 108 000 Euro (Tabelle 1 letzteSpalte).7 Der Median der Vermögensverteilung, also derWert, der die reichsten 50 Prozent der Bevölkerung von derärmeren Hälfte trennt, lag mit rund 26 000 Euro oder einemViertel wesentlich niedriger als der Durchschnitt, was auf6 Berücksichtigt man das Alterssicherungsvermögen, verdoppelt sich das Nettogeld- und -sachvermögen in Deutschland. Vgl. Timm Bönke et al. (2018): The joint distribution of net worth and pension wealth inGermany. Review of income and wealth, (online verfügbar, DOI: 10.1111/roiw.12371).7 Das Nettogesamtvermögen des SOEP fällt im Vergleich zur Vermögensbilanz des Statistischen Bundesamtes geringer aus. Zu den Unterschieden der Abgrenzung als auch der Vermögensmessung sieheKasten.

Vermögeneine hohe ungleiche Verteilung hinweist. Rund 15 Prozentaller Erwachsenen verfügten über kein persönliches Vermögen – bei sechs Prozent waren die Verbindlichkeiten sogarhöher als das Bruttovermögen. Wer zum reichsten Zehntelder Bevölkerung ab 17 Jahren gehört, besitzt ein nominalesNetto vermögen von mehr als 275 000 Euro, beim reichstenProzent liegt der Schwellenwert bei etwas mehr als einerMillion Euro.8Für einen Vergleich des Nettovermögens über die Zeit wirdder Wert von Kraftfahrzeugen und die Restschuld von Ausbildungskrediten aus den Angaben des Jahres 2017 herausgerechnet, da diese erstmals im Jahr 2017 erhoben wurden.Das individuelle Nettovermögen im Jahr 2017 fällt ohne diesebeiden Vermögenskomponenten mit 103 000 Euro um etwa5 000 Euro niedriger aus.Von 2002 bis 2012 zeigen sich über die Verteilung hinwegnur leichte Veränderungen.9 Anders verhält es sich jedoch fürden Zeitraum von 2012 bis 2017: Das durchschnittliche individuelle Nettovermögen legte nominal um knapp 22 Prozentsignifikant zu. Diese relative Veränderung betraf nahezu diegesamte Verteilung mit Ausnahme derjenigen mit einemVermögen von null, während die absolute Zunahme vorallem in der oberen Hälfte der Vermögensverteilung stattfand.Vermögensungleichheit verharrt auf hohemNiveauEin Standardmaß zur Messung von Vermögensungleichheitist der Gini-Koeffizient. Je höher der Wert ist, desto ausgeprägter ist die gemessene Ungleichheit.10 Von 2002 bis 2007stieg der Gini-Koeffizient von 0,776 auf 0,799 signifikant. Seitdem verharrt die Vermögensungleichheit auf einem hohenNiveau, vor allem im Vergleich zur Einkommensverteilung,wo der Gini-Koeffizient der bedarfsgewichteten verfügbarenHaushaltseinkommen bei knapp 0,3 liegt.11 Wird beim Vermögen der Wert von Kraftfahrzeugen berücksichtigt und dieRestschulden von Ausbildungskrediten abgezogen, fällt derGini-Koeffizient im Jahr 2017 mit 0,759 nur geringfügig kleiner aus als ohne diese Komponenten. Im internationalen8 Hierbei ist zu beachten, dass das SOEP wie andere derartige Studien den oberen Rand der Vermögensverteilung nicht vollständig abdeckt und damit unterschätzt, da Milliardäre oder Multimillionäre nichtoder nur unzureichend in der Stichprobe enthalten sind.9 Allerdings sind in diesem Zeitraum real, also nach Abzug der Inflation, die Nettovermögen in Deutschland sogar gesunken, vgl. hierzu Markus M. Grabka und Christian Westermeier (2015): Reale Nettovermögen der Privathaushalte in Deutschland sind von 2003 bis 2013 geschrumpft. DIW Wochenbericht Nr. 34,727–738 (online verfügbar).10 Zum Gini-Koeffizienten vgl. auch DIW Glossar. Bei durchgängig positiven Vermögensbeständen liegtder Gini-Koeffizient zwischen 0 und 1. Ein Wert von 0 bedeutet, dass alle Personen genau das gleiche Vermögen haben. Ein Wert von 1 dagegen bedeutet, dass eine Person das gesamte Vermögen besitzt undalle anderen nichts haben. Tatsächlich kann indes das Nettovermögen auch negativ sein. Im Jahr 2017traf dies bei gut sechs Prozent der Erwachsenen in Deutschland zu. Der Gini-Koeffizient könnte dann imExtremfall auch Werte oberhalb von 1 annehmen.11 Vgl. Markus M. Grabka, Jan Goebel und Stefan Liebig (2019): Wiederanstieg der Einkommensungleichheit – aber auch deutlich steigende Realeinkommen. DIW Wochenbericht Nr. 19, 343–353 (online verfügbar).Abbildung 1Verteilung des Nettovermögens nach DezilenAnteile am Nettogesamtvermögen 201756,110. Dezil19,59. Dezil8. Dezil12,07. Dezil7,26. Dezil3,85. Dezil1,74. Dezil0,73. Dezil0,22. Dezil0 1,21. Dezil 505152535455565Anmerkung: Individuelle Nettovermögen der Personen ab 17 Jahren in Privathaushalten, ohne Personen der Flüchtlingssamples M3 bis M5.Quelle: SOEPv34, mit 0,1 Prozent Top-Coding; eigene Berechnungen. DIW Berlin 2019Die reichsten zehn Prozent der Bevölkerung halten einen Anteil am Gesamtvermö gen von 56 Prozent.Vergleich ist Deutschland eines der Länder im Euroraummit der höchsten Vermögensungleichheit.12Ein alternatives Verteilungsmaß ist das 90/50-Dezilverhältnis, das die untere Vermögensgrenze der reichsten zehnProzent der Bevölkerung auf den Median der Vermögensverteilung bezieht. Diese Kennziffer gibt also das Vielfachedes Vermögens „reicher“ Personen im Verhältnis zum Mittelpunkt der Vermögensverteilung an. Im Jahr 2017 hatte die„ärmste“ Person innerhalb der Top-Zehn-Prozent-Gruppemehr als zehnmal so viel Vermögen wie die Person in derMitte der Verteilung. Gegenüber den Vorjahren hat sich dieser Wert nur geringfügig geändert.Den reichsten zehn Prozent der Bevölkerunggehören 56 Prozent des GesamtvermögensDie Vermögenskonzentration kann auch durch den Anteilam deutschen Gesamtvermögen beschrieben werden (Abbildung 1). So hatte im Jahr 2017 die untere Hälfte der Bevölkerung ab 17 Jahren einen durchschnittlichen Anteil amNetto gesamtvermögen von 1,3 Prozent. Am oberen Ende derVerteilung halten die reichsten zehn Prozent einen Anteilvon 56 Prozent des Gesamtvermögens. Zieht man nur dasreichste Prozent heran, so beläuft sich deren Vermögensanteil12 Innerhalb des Euroraums weist Deutschland damit neben Lettland und Irland die höchste Vermögensungleichheit auf. So liegt der Gini-Koeffizient für Frankreich bei 0,68 und für Italien und Belgien bei0,60. Vgl. European Central Bank (2017): The Household Finance and Consumption Survey. Wave 2. Statistical tables. April (online verfügbar). Die relativ geringe Vermögensungleichheit in südeuropäischenLändern erklärt sich unter anderem durch einen höheren Anteil von BesitzerInnen einer selbstgenutztenImmobilie im Vergleich zu Deutschland. Höher als in Deutschland ist die Vermögensungleichheit in denUSA (Gini-Koeffizient 0,877 für das Jahr 2016). Vgl. Edward N. Wolff (2017): Household Wealth Trends in theUnited States, 1962 to 2016: Has Middle Class Wealth Recovered? NBER Working Paper No. 24085 (onlineverfügbar).DIW Wochenbericht Nr. 40/2019739

VermögenAbbildung 2Durchschnittliche individuelle Nettovermögen nach GeburtskohortenIn Tausend 50 1951–1955 19801981–19851986–19901991–1995 1996–2000Anmerkungen: Individuelle Nettovermögen der Personen ab 17 Jahren in Privathaushalten, ohne Personen der Flüchtlingssamples M3 bis M5. Ohne den Wert von Kraftfahrzeugen und ohne der Restschuld von Ausbildungskrediten.Quelle: SOEPv34, mit 0,1 Prozent Top-Coding; eigene Berechnungen. DIW Berlin 2019Das Nettovermögen der 1966 bis 1970 Geborenen ist in den vergangenen Jahren am stärksten gewachsen – zwischen 2012 und 2017 um 46 000 Euro.auf schätzungsweise 18 Prozent. Dies ist ungefähr so viel,wie die ärmsten 75 Prozent der Bevölkerung zusammen anVermögen halten.Abbildung 3Individuelle Nettovermögen nach Region und AlterIn Tausend Euro im Jahr 2017Bei der Interpretation dieser Ergebnisse muss beachtetwerden, dass eine bevölkerungsrepräsentative Stichprobewie das SOEP den Bereich sehr hoher Vermögen tendenziell untererfasst und somit das Ausmaß der tatsächlich inDeutschland vorhandenen Vermögensungleichheit unterschätzt. Vermutlich ist es in den vergangenen zehn Jahrenzu einem Anstieg der Vermögensungleichheit gekommen,da die Zahl der Vermögensmillionäre seit 2008 um 69 Prozent oder gut 550 000 Personen zugenommen hat.13240210West18015012090Ost60Individuelle Vermögensposition stark abhängigvon Alter, Region und Einkommen300bis 2026 3036 4046 5056 6066 7076 80Anmerkungen: Individuelle Nettovermögen der Personen ab 17 Jahren in Privathaushalten, ohne Personen der Flüchtlingssamples M3 bis M5. Die unterlegte Fläche gibt ein 95-Prozent-Konfidenzintervall an.Quelle: SOEPv34, mit 0,1 Prozent Top-Coding; eigene Berechnungen. DIW Berlin 2019Das individuelle Nettovermögen ist in Westdeutschland in allen Altersgruppen höherals in Ostdeutschland.Ein Vergleich der Vermögensbestände nach Geburtskohorten zeigt ein deutliches Lebenszyklusmuster (Abbildung 2).Bis zu einem Alter von 25 Jahren verfügen junge Erwachseneüber sehr geringes oder gar kein Vermögen. Mit Abschlussder Ausbildungsphase und dem Eintritt in das Erwerbs leben besteht die Möglichkeit, zu sparen und eigenes Vermögen aufzubauen. Mit zunehmendem Lebensalter steigt dasdurchschnittliche Nettovermögen deutlich. Mit dem Übergang in die Rentenphase geht das Vermögen leicht zurück,weil Lebensversicherungen ausgezahlt und Vermögen verzehrt werden, um das wegfallende Erwerbseinkommen zu13 Vgl. Capgemini (2019): World Wealth Report 2019; und Capgemini und Merrill Lynch Wealth Management (2009): World Wealth Report 2009. Dem Problem einer Untererfassung von Top-Vermögenden wirdaktuell im SOEP durch die Befragung von Personen aus dem obersten Vermögensbereich Rechnung getragen. Mit ersten Befragungsergebnissen ist im Jahr 2020 zu rechnen.740DIW Wochenbericht Nr. 40/2019

Vermögenkompensieren. In der mittleren Ruhestandsphase steigt dannsignifikant die Wahrscheinlichkeit von Erbschaften oderSchenkungen, sowohl durch die Elterngeneration als auchdurch Ehe- und LebenspartnerInnen. Im höheren Rentenalter findet tendenziell ein Entsparen statt, weil sowohl private Ausgaben für Krankheit und Pflege steigen als auch vermehrt Schenkungen an Dritte getätigt werden.Abbildung 4Durchschnittliche individuelle Nettovermögen1 nach Dezilendes HaushaltsnettoeinkommensIn Tausend Euro für die Jahre 2012 und 2017350300Die Geburtskohorte der zwischen 1966 und 1970 Geborenen hat zwischen 2012 und 2017 mit 46 000 Euro den größten Vermögenszuwachs erzielt (im Jahr 2017 waren diesePersonen zwischen 47 und 51 Jahren alt).Westdeutsche mit durchschnittlich höherenNettovermögen als Ostdeutsche2502012201720015010050Das individuelle Nettovermögen in Westdeutschland ist imDurchschnitt mit 121 500 Euro mehr als doppelt so hochwie in Ostdeutschland mit 55 000 Euro (Abbildung 3). Mitzunehmendem Lebensalter nimmt zudem auch der Vermögensabstand zwischen Ost- und Westdeutschland zu: Während im Jahr 2017 bei den 21- bis 25-Jährigen diese Differenzbei 5 000 Euro liegt, beträgt sie bei den 51- bis 55-Jährigen51 000 Euro und erreicht seinen höchsten Unterschied beiden 76- bis 80-Jährigen mit 133 000 Euro.Die große Differenz insbesondere im höheren Lebensaltererklärt sich aus den wenigen Sparmöglichkeiten zu DDR-Zeiten, einem niedrigen Lohnniveau nach der Wiedervereinigung, durch geringe Marktwerte von Immobilien in weitenTeilen Ostdeutschlands sowie kleineren Anteilen an Hausund Wohnungseigentum im Vergleich zu Westdeutschland.Je höher das Haushaltseinkommen, desto höherdas Vermögen01.Dezil2. Dezil3. Dezil 4. Dezil 5. Dezil 6. Dezil7. Dezil8. Dezil 9. Dezil 10. Dezil1 Individuelle Nettovermögen der Personen ab 17 Jahren in Privathaushalten, ohne Personen der FlüchtlingssamplesM3 bis M5.Anmerkungen: Haushaltsnettoeinkommen bedarfsgewichtet mit der modifizierten OECD-Skala.Quelle: SOEPv34, mit 0,1 Prozent Top-Coding; eigene Berechnungen. DIW Berlin 2019Bei einer Einteilung der Dezile nach Haushaltsnettoeinkommen statt nach Ver mögen zeigt sich, dass in den unteren Einkommensdezilen das Vermögen seit 2012gesunken ist.Abbildung 5Individuelle Nettovermögen nach Alter und EigentümerstatusIn Tausend Euro für das Jahr 2017300EigentümerNeben Wertsteigerungen, Erbschaften und Schenkungenzählt das Sparen zu den wichtigsten Quellen für den Vermögensaufbau. Die Höhe des Sparbetrags ist dabei im Wesentlichen abhängig von der Höhe des verfügbaren Einkommens. Im Folgenden wird das bedarfsgewichtete Haushaltsnettoeinkommen in Beziehung gesetzt zum Nettovermögen(Abbildung 4). Legt man bei der Einteilung der Dezile nichtdas individuelle Nettovermögen, sondern das Haushaltsnettoeinkommen zugrunde, zeigt sich zunächst wenig überraschend, dass je höher das Einkommen ist, desto höherauch das Nettovermögen ausfällt. Vergleicht man die beiden Zeitpunkte 2012 und 2017 miteinander, so hat sich inden beiden untersten Einkommensdezilen das bereits vergleichsweise geringe Nettovermögen dieser Personen umnominal 3 500 bis etwa 5 000 Euro reduziert.14 Ab dem dritten Einkommensdezil zeigen sich nennenswerte Zuwächse,die aber je nach Position unterschiedlich stark ausfallen. Sobeläuft sich der Zuwachs in den Dezilen drei, acht und neun250200150100Mieter500bis 2026 3036 4046 5056 6066 7076 80totalAnmerkungen: Individuelle Nettovermögen der Personen ab 17 Jahren in Privathaushalten, ohne Personen der Flüchtlingssamples M3 bis M5.Quelle: SOEPv34, mit 0,1 Prozent Top-Coding; eigene Berechnungen. DIW Berlin 2019Das Nettovermögen der Personen in Eigentümerhaushalten ist in allen Altersgrup pen größer als bei solchen in Mieterhaushalten.14 Dabei werden in den Jahren 2012 und 2017 nicht die identischen Personen miteinander verglichen,sondern das Vermögen der Personen aus dem jeweiligen Einkommensdezil des Jahres 2012 verglichenmit den Personen des Einkommensdezils aus dem Jahr 2017. Für intrapersonelle Vermögensveränderungen über die Zeit vgl. Grabka und Westermeier (2015), a. a. O.DIW Wochenbericht Nr. 40/2019741

Vermögenauf rund zehn Prozent, im siebten Dezil auf annähernd einViertel und in den Dezilen vier, fünf und zehn auf mehrals ein Drittel. Der absolute Zuwachs ist im obersten Dezilmit 90 000 Euro am höchsten. Dies bedeutet im Ergebnis,dass sich bei einer gemeinsamen Betrachtung von Einkommen und Vermögen die Vermögenssituation in den beideneinkommensschwächsten Dezilen verschlechtert hat, während gleichzeitig im einkommensstärksten Dezil signifikante Zuwächse beim Vermögen stattfanden.Abbildung 6Individuelle Nettovermögen nach EigentümerstatusIn Tausend Euro in den Jahren 2002 bis 2017EigentümerIn einerselbstgenutzten Immobiliedarunter:ohne Hypothekenschuldendarunter:mit HypothekenschuldenPersonen, die in einerselbstgenutzten Immo

Empirische Grundlage sind die vom DIW Berlin in Zusam - menarbeit mit Kantarerhobenen Daten des Sozio-oekono - mischen Panels . gungsperson ab einem Alter von 17 Jahren erhoben wird.2 Damit . Schmuck, Münzen oder Kunstgegenstände sowie Verbindlichkeiten in