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ArbeitsheftFür die schulische und außerschulische BildungsarbeitÖkologische und konventionelleLandwirtschaft im Vergleich Düngung und Pflanzenschutz Tierhaltung Bedeutung für Umwelt und Gesundheit Bio und Welternährung Kennzeichnung und Kosten

2Ökologische und konventionelle Landwirtschaftim VergleichInhaltsverzeichnisVorwort31.4Einführung: Entwicklung der konventionellen und biologischen Landwirtschaft2.Pestizideinsatz in der konventionellen Landwirtschaft2.1. Das Risikobewertungs- und Zulassungssystem für Pestizideein angemessener Schutz vor Gefahren?2.2. Gesundheitsauswirkungen von Pestiziden2.3. Ökologische Auswirkungen des Pestizideinsatzes67103.Biologischer Pflanzenschutz – wie funktioniert das?104.Kann Bio die Welt ernähren?135.Wie wird in der konventionellen Landwirtschaft gedüngt?146.Wie wird in der ökologischen Landwirtschaft gedüngt?177.Tierhaltung in der konventionellen und ökologischen Landwirtschaft188.Warum sind Bio-Lebensmittel teurer?219.Bio-Kennzeichnung – Ist in deklarierten Bio-Produkten auch wirklich bio drin?2210. Umwelt- und Gesundheitskosten der konventionellen Landwirtschaft52311 Die Gesellschaftlichen und ökonomischen Vorteileder ökologischen Landwirtschaft2412. Mögliche politische Maßnahmen für mehr Umwelt-, Gesundheitsund Tierschutz in der Landwirtschaft25Weiterführende Informationen26

3VorwortSo elementar die Landwirtschaft für den Lebenserhalt allerist, so schwierig ist es, heutzutage für viele Bäuerinnen undBauern, von der Landwirtschaft zu leben. Die Existenz vielerbäuerlicher Betriebe ist gefährdet, da sie für ihre Produkte zuwenig Geld bekommen. Ein Verdrängungswettbewerb nachdem Motto „wachse oder weiche“ ist in vollem Gang. Unddas, obwohl die Landwirtschaft in der EU ein stark subventionierter Wirtschaftszweig ist. Jedoch bekommen die großenBetriebe immer noch am meisten Subventionen – je mehrlandwirtschaftliche Fläche, desto größer die Unterstützung.Schon seit Jahrzehnten wird an diesem System heftige Kritikgeäußert. KritikerInnen fordern angesichts der Probleme kleinbäuerlicher Betriebe und der negativen Umweltwirkungen derLandwirtschaft, dass Subventionen viel stärker an soziale undökologische Leistungen gebunden werden sollten. Doch dieAusrichtung der Agrarpolitik und der Förderprogramme fürdie Landwirtschaft ist ein hochpolitisches Thema, bei dem dieInteressen unterschiedlicher Akteure aufeinanderprallen.Auch die KonsumentInnen haben einen Einfluss darauf,wie Lebensmittel produziert werden. Sie können beimLebensmitteleinkauf zum Beispiel zwischen zwei unterschiedlichen Anbausystemen wählen – zwischen der ökologischen undder konventionellen Landwirtschaft. Für viele ist auch das eineFrage des Preises. Denn Bio-Lebensmittel kosten in der Regeldeutlich mehr als konventionell produzierte Produkte. Und beiden Lebensmitteln sparen die Deutschen traditionell gern. Imeuropäischen Vergleich geben die Deutschen einen besondersgeringen Anteil ihres Einkommens für Lebensmittel aus.Dieses Heft informiert über Grundlagen der Landwirtschaftund über die wesentlichen Unterschiede zwischen konventionellem und ökologischem Anbau. Wir möchten damit eineGrundlage dafür schaffen, dass sich zukünftig mehr Menschenbeteiligen an der gesellschaftlichen Auseinandersetzung zurFrage, welche Art der Landwirtschaft politisch gefördert werden sollte. Und wir möchten eine Grundlage dafür schaffen,dass beim Lebensmitteleinkauf nicht nur der Preis entscheidend ist, sondern auch das Wissen über die Vor- und Nachteileverschiedener Produktionsweisen für Aspekte wie Umwelt,Gesundheit und Tierwohl.Dieses Heft wurde konzipiert als Hintergrundinformationfür SchülerInnen, BerufsschülerInnen, Studierende und ihreLehrkräfte. Das Heft enthält Aufgaben, Arbeitsaufträge undIdeen für den Unterricht und bietet eine Grundlage für weitereRecherchen zu diesem Themenbereich.Im Rahmen unseres BIOPOLI-Bildungsprojektes können Sieunsere ReferentInnen einladen (siehe Heftrückseite). Wirfreuen uns über ein Feedback zu diesem Heft an: [email protected] Team der Agrar Koordination Sascha Hübers, pixelioWie werden unsere Lebensmittel heutzutage produziert?Wie funktioniert Düngung und Pflanzenschutz in derLandwirtschaft und welche Unterschiede gibt es bei denAnbaumethoden? Antworten auf diese Fragen gehören inDeutschland nicht mehr zum Allgemeinwissen. In unsererGesellschaft, in der nur noch 1,2% der Bevölkerung in derLandwirtschaft arbeiten, ist viel Wissen über Landwirtschaftverloren gegangen. Doch die Frage, auf welche Weise unsereLebensmittel produziert werden, sollte eigentlich immer nochalle Menschen etwas angehen. Denn Ernährung ist keineNebensache – sie ist unsere Lebensgrundlage und ein wesentlicher Faktor für die Gesundheit der Menschen. Außerdem hatdie Art und Weise der landwirtschaftlichen Produktion und derErnährungsgewohnheiten erhebliche Auswirkungen auf unsereUmwelt und das Klima.

41. Einführung: Entwicklung der ökologischen undkonventionellen LandwirtschaftHeutzutage wird in der Landwirtschaft unterschieden zwischen ökologischen Anbauverfahren und konventionellenAnbauverfahren. Wie ist diese Differenzierung entstanden undwelche Unterschiede gibt es?Die ökologische Landwirtschaft (auch Ökolandbau genannt)unterscheidet sich in einigen Aspekten grundlegend von derkonventionellen Landwirtschaft. Dazu gehören vor allem dieArt der Düngung und die Art und Weise, wie Pflanzen vorKrankheiten und Schädlingen geschützt werden. Auch dieBedingungen, unter denen Nutztiere gehalten werden und dieVorschriften bezüglich der Verwendung von Zusatzstoffen beider Lebensmittelverarbeitung weichen von den Vorgaben in derkonventionellen Landwirtschaft ab.Diese Unterschiede zwischen konventioneller und ökologischerLandwirtschaft werden in den folgenden Kapiteln näher beleuchtet. Doch bevor die Unterschiede dargestellt werden, ist auchein kurzer Blick auf die gemeinsamen Ursprünge wichtig. Denndie Unterscheidung zwischen „bio“ und „konventionell“ ist eineziemlich neue Entwicklung in der Jahrhunderte alten Geschichteder Landwirtschaft.Der gemeinsame Ursprung der konventionellen und der biologischen Anbaumethoden ist eine Landwirtschaft, die nochAnfang des 20. Jahrhunderts weitgehend ohne chemischePestizide und synthetische Düngemittel wirtschaftete. ImLaufe des 20. Jahrhunderts, insbesondere seit Ende des 2.Weltkriegs, wurden dann immer mehr chemische Pestizideund synthetische Düngemittel eingesetzt. Hintergrund ist,dass die Verwendungszwecke der in Kriegszeiten entwickeltenchemischen Kampfstoffe wegbrachen. In der Folge wurdenchemische Kampfstoffe wie zum Beispiel DDT oder 2,4-Dals sogenannte Pflanzenschutzmittel (Pestizide) eingesetzt, umUnkräuter abzutöten. Zudem wurden neue Technologien entwickelt, um Düngemittel herzustellen. Zum Beispiel war der fürdas Pflanzenwachstum wichtige Stickstoff nun nicht mehr nurüber die Exkremente der Tiere (Gülle, Mist) erhältlich, sondernkonnte produziert werden durch das sogenannte „Haber-BoschVerfahren“ (das ursprünglich zur Dynamit-Herstellung entwickelt wurde). Die technischen Errungenschaften zogen weitereVeränderungen nach sich. Während landwirtschaftliche BetriebeAnfang des 20. Jahrhunderts in der Regel sowohl Tierhaltung alsauch Ackerbau betrieben, spezialisierten sich die Landwirte in der2. Jahrhunderthälfte zunehmend auf einzelne Wirtschaftszweige:Ackerbau oder Tierhaltung. Diese neueren Anbauverfahren werden heutzutage als „konventionell“ deklariert.Die „Bio-Bewegung“ ist letztlich eine Gegenreaktion auf dieseneueren Entwicklungen in der Landwirtschaft. Während sieihre Ursprünge in den 1920er Jahren hat, bekam sie einenzunehmenden Auftrieb in den 1970er Jahren. Damals wurdendie negativen Auswirkungen der technischen Neuerungen fürdie Umwelt deutlich. Bio-Bäuerinnen und Bauern setzten in derFolge bewusst auf traditionelle Methoden des Pflanzenschutzesund der Düngung, die sie natürlich auch weiterentwickelten. Siesetzten sich für eine „Kreislaufwirtschaft“ ein, in der Tierhaltungund Ackerbau sich gegenseitig nützen.Hinter diesen sich unterschiedlich entwickelnden Anbauverfahrensteckten auch sehr unterschiedliche „Philosophien“. Auf der einenSeite standen Bäuerinnen und Bauern, die die Spezialisierungund die neuen technischen Möglichkeiten in der Landwirtschaftals „fortschrittlich“ und „effizient“ und damit der Traditionüberlegen betrachten – gerade im Hinblick auf die steigendenlandwirtschaftlichen Erträge. Auf der anderen Seite standenVertreterInnen der biologischen Anbauverfahren, die davonüberzeugt waren, dass Landwirtschaft im Einklang mit der Naturbetrieben werden sollte. Trotz vergleichsweise geringerer Erträgehielten sie an bestimmten landwirtschaftlichen Traditionen fest– aus Überzeugung, dass Qualität wichtiger als Quantität ist.Ein Großteil der Landwirtschaft in Deutschland wird heutzutage „konventionell“ betrieben. Doch immer mehr Bauern undBäuerinnen sowie VerbraucherInnen hinterfragen, ob mit denneuen Techniken der konventionellen Landwirtschaft wirklich diebesseren Lebensmittel produziert werden.Der Anteil der Bio-Anbaufläche ist in Deutschland in den vergangenen Jahren stark angestiegen – während die Bio-Anbaufläche1996 nur 2,1% der gesamten landwirtschaftlichen Flächenausmachte, lag der Anteil 2016 bei 7,5%.1 Auch die Zahl derlandwirtschaftlichen Bio-Betriebe nahm 2016 um 5,7% zu,während die Anzahl der konventionell wirtschaftenden Betriebeum 1,7% zurückging.2 Etwa 8,7% der landwirtschaftlichenBetriebe in Deutschland sind Bio-Betriebe. Die Nachfrage nachBio-Lebensmitteln ist in den vergangenen Jahren ebenfalls kontinuierlich gestiegen – sogar noch stärker als die Anbaufläche. Sowar zum Beispiel 2016 der Umsatz mit Bio-Lebensmitteln 9,9%höher als 2015. Jedoch machen Bio-Lebensmittel insgesamt nureinen Anteil von 4,8% des gesamten Lebensmittelumsatzes inDeutschland aus.Während „bio“ zwar immer noch eine Nische im heutigenErnährungssystem darstellt, sehen PolitikerInnen den Bedarf,den Bio-Anbau zu fördern. Hintergrund ist die Einschätzung vonExpertinnen und Experten, die die ökologische Landwirtschaftals besonders nachhaltig und umweltschonend bewerten – siesehen den Bioanbau als „Goldstandard“, d.h. als Vorbild für dieZukunft der Landwirtschaft.3 Die Bundesregierung hat sich –ohne konkrete Zeitvorgaben – zum Ziel gesetzt, den Bio-Anteilan der landwirtschaftlichen Fläche in Deutschland auf 20% zuerhöhen. Jedoch müsste viel mehr getan werden, um dieses Zielin absehbarer Zeit zu erreichen.Wichtige Unterschiede der ökologischen Landwirtschaft im Vergleich zur konventionellen Landwirtschaftuuuuu123Die Nutzung chemisch-synthetischer Pestizide ist verboten.Der Einsatz der meisten Mineraldünger ist verbotenEs gibt strengere Auflagen für die Tierhaltung: Tiere haben mehr Platz und bekommen anderes FutterGentechnik ist beim Anbau und in der Tierfütterung verboten.Geschmacksverstärker, künstliche Aromen sowie künstliche Farb- und Konservierungsstoffe sind bei Bio-Lebensmittelnnicht reichen.htmlRat für nachhaltige Entwicklung (2011): Goldstandard Ökolandbau: Für eine nachhaltige Gestaltung der Agrarwende

52. Pestizideinsatz in der konventionellen LandwirtschaftWas sind Pestizide?Chemisch-synthetisch hergestellte Pestizide werden in der konventionellen Landwirtschaft zum Schutz von Nutzpflanzen eingesetzt. Es gibt verschiedene Arten von Pestiziden – die in der Landwirtschaft bedeutsamsten sind:Insektizide schützen Pflanzen vor Zerstörung durch Insekten.Herbizide bewirken, dass unerwünschte Pflanzen (auch als Unkräuter bezeichnet) getötet werden oder ihr Wachstumgehemmt wird.Fungizide schützen Pflanzen vor Pilzerkrankungen.Die heutige konventionelle Landwirtschaft basiert auf demEinsatz hoher Mengen synthetischer, das heißt künstlichhergestellter Pestizide. Das ist eine relativ neue Entwicklungin der Geschichte der Landwirtschaft. Zwar wurden natürlich vorkommende Pestizidwirkstoffe wie z.B. das pflanzlichePyrethrum schon jahrhundertelang verwendet. Auch bedenkliche anorganische Stoffe wie zum Beispiel Arsen kamen zumEinsatz. Doch erst seit den 1930er Jahren konnten Pestizidemassenhaft und zu einem günstigen Preis hergestellt werden.Der Einsatz von Pestiziden in der Landwirtschaft und dieWeiterentwicklung von neuen Pestiziden hat seitdem starkzugenommen. Der zunehmende Pestizideinsatz hat zusammenmit der steigenden Düngung in der Landwirtschaft zu erheblichen Ertragssteigerungen geführt. So hat sich in der konventionellen Landwirtschaft zum Beispiel die Getreideernte in denletzten 40 Jahren ungefähr verdoppelt.Doch der Einsatz von synthetischen Pestiziden hat auch negative Auswirkungen. Pestizide schädigen unsere natürlichenLebensgrundlagen und sind mit gesundheitlichen Gefahrenverbunden.Die Geschichte des Pestizideinsatzes ist auch eine Geschichtevon Irrtümern hinsichtlich der vermeintlichen Unbedenklichkeitvon Pestiziden und eine Geschichte von zahlreichen Verboten,die auf Grund nachgewiesener Umwelt- und Gesundheitsrisikenerst nach jahrelangem Gebrauch erfolgten. Ein Beispiel dafürist DDT, das jahrzehntelang das weltweit am meisten eingesetzte Insektizid war. Nach und nach wurde jedoch festgestellt, dass DDT eine erbgutverändernde und krebserzeugendeWirkung hat. Seit den 1970er Jahren wurde es daher in immermehr Ländern verboten. Heute wird es allerdings immer nochzur Malariabekämpfung eingesetzt.Pestizidwirkstoff-Inlandsabsatz in Deutschland in Tonnen pro Jahr, 34.53135.49446.103tanguero5380/FotoliaQuelle: Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft: Statistische Jahrbücher über Ernährung, Landwirtschaft und Forsten(aus den Jahren 2006 und 2015)Ertragsteigerung durch Pestizide – zu welchem Preis?AufgabeIn der Landwirtschaft werden auch Bakterizide, Molluskizide und Nematizideeingesetzt. Finden Sie heraus, wovor diese Pestizidarten die Pflanzen schützen!

62.1 Das Risikobewertungs- und Zulassungssystem für Pestizide –ein angemessener Schutz vor Gefahren?Die Zulassung von Pestizidwirkstoffen erfolgt in einem komplexen Verfahren auf EU-Ebene, an der zahlreiche Behörden beteiligt sind. Regulierungen für die Pestizidzulassung sind in derEU-Verordnung 1107/2009 festgelegt. Wichtige Grundlagefür die Zulassung eines Pestizidwirkstoffs ist die Beurteilungder Auswirkungen auf die Gesundheit und die Umwelt. Sodürfen Pestizidwirkstoffe zum Beispiel nicht zugelassen werden, wenn sie eine krebserzeugende, erbgutverändernde oderfortpflanzungsgefährdende Wirkung haben.Die Prüfung möglicher Gesundheitsrisiken eines Pestizidwirkstoffs wird von einer ausgewählten Behörde einesEU-Mitgliedslandes durchgeführt und anschließend mit derEuropäischen Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA) sowiemit den zuständigen Behörden der anderen EU-Mitgliederabgestimmt. Grundlage für die Risikobewertung sindStudien, die von den Pestizidherstellern selbst durchgeführtoder in Auftrag gegeben wurden und im Rahmen einesumfangreichen Zulassungsantrags eingereicht wurden. DieseVorgehensweise steht stark in der Kritik. KritikerInnen sehendie Unabhängigkeit und Neutralität der Risikobewertung inGefahr, da sie auf – meist unveröffentlichten – Studien derPestizidhersteller basieren (siehe dazu das Beispiel Glyphosat).Auf Grundlage der gesundheitlichen Risikobewertung legendie Behörden einen maximal zulässigen Rückstandsgehalt fürPestizide in Lebensmitteln fest.Fertige Pestizide enthalten neben den Pestizidwirkstoffen auchverschiedene Beistoffe, die auch gesundheitsgefährdendeWirkungen haben können. Während Pestizidwirkstoffe aufeuropäischer Ebene zugelassen werden, erfolgt die Prüfung undZulassung fertiger Pestizide in den einzelnen Mitgliedsstaaten.In Deutschland ist für die Zulassung von Pestiziden das Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit(BVL) zuständig. Pavel Chernobrivets FotoliaUmstrittene Risikobewertung des Pestizidwirkstoffs GlyphosatWenn Glyphosat kurz vor der Getreideernte gespritzt wird, sindRückstände in Getreideprodukten die Folge. Die Anwendung kurz vor derErnte nennt man Sikkation – sie dient der gleichmäßigen Trocknung desGetreides, steht aber massiv in der Kritik.Glyphosat ist das meistverkaufte Pestizid weltweit. In Deutschland wird es auf 40 Prozent der Äcker gespritzt. Es ist einsogenanntes Totalherbizid, dass alle Pflanzen tötet – nur nichtgentechnisch veränderte Pflanzen, die extra darauf ausgerichtet wurden, das Spritzen mit Glyphosat zu überleben.Seit 2013 werden in der EU die gesundheitlichen Auswirkungenvon Glyphosat in einem mehrjährigen Prozess neu überprüft,damit auf dieser Grundlage darüber entschieden wird, obdie EU-Zulassung für Glyphosat für weitere 10-15 Jahre verlängert wird. Die gesundheitliche Risikobewertung hat das45Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) im Auftrag der EUdurchgeführt. Die Behörde ist zu dem Schluss gekommen,dass keine gesundheitlichen Risiken gegen eine erneuteZulassung von Glyphosat sprechen. Die Europäische Behördefür Lebensmittelsicherheit hat das Urteil des BfR bestätigt und eine Neuzulassung für Glyphosat empfohlen. VieleWissenschaftler bzw. wissenschaftliche Studien kommenaber zu anderen Ergebnissen.4 So geht die InternationaleKrebsforschungsagentur der Weltgesundheitsorganisation(WHO) davon aus, dass Glyphosat wahrscheinlich krebserregendist. Einige Studien weisen zudem darauf hin, dass GlyphosatMissbildungen bei Embryos verursachen, die Fortpflanzungschädigen und schwere Nierenerkrankungen verursachenkann. Wie kann es sein, dass Behörden wie das BfR Glyphosattrotz dieser wissenschaftlichen Studien für unbedenklich halten? Wissenschaftler und Nichtregierungsorganisationen übenheftige Kritik: Die Behördeneinschätzung verlasse sich weitgehend auf unveröffentlichte Studien, die die Glyphosatherstellerselbst durchgeführt oder in Auftrag gegeben haben. Bei derInterpretation und statistischen Auswertung dieser Studienseien jedoch schwere Fehler gemacht worden, auf Grundderer die krebserzeugenden Effekte von Glyphosat verschleiert wurden.5 Laut Kritikern wird den Glyphosatherstellernbei der Risikobewertung ein zu großer Einfluss gewährt. DieUnabhängigkeit und sachliche Richtigkeit der Risikobewertungsei fragwürdig, da die Behörden sich zu stark auf die Ergebnisseder von Glyphosatherstellern eingereichten Studien verlassen.Nichtregierungsorganisationen kritisieren zudem, dass dieEuropäische Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA), die einewichtige Rolle in europäischen Pestizidzulassungsverfahrenspielt, viele MitarbeiterInnen beschäftigt, die finanzielleInteressenskonflikte haben. So haben 46% der Expertenund Expertinnen in EFSA-Gremien enge Verbindungen zuKonzernen der Agrar- und Ernährungsindustrie und werdenteilweise von ihnen finanziert.Auf Grund der unterschiedlichen Einschätzungen zu denGesundheitswirkungen von Glyphosat konnten sich dieÜberblick über Studien in: Agrar Koordination/PAN (2014): Roundup & Co – Unterschätzte diapool/Downloads/01 Themen/05 Landwirtschaft/Pestizide/Analyse Dr. Peter Clausnig.pdf

7EU-Mitgliedsstaaten im Jahr 2016 nicht auf eine langfristige Zulassungsverlängerung einigen. Man einigte sich aufden Kompromiss, die Zulassung um 1½ Jahre zu verlängernund eine Beurteilung der Europäischen Chemikalienagentur(ECHA) abzuwarten, bevor über das weitere Schicksal vonGlyphosat entschieden wird. Nachdem die ECHA Glyphosatim März 2017 nicht als krebserregend klassifiziert hat, ist nuneine Verlängerung der EU-Zulassung wahrscheinlich. Doch derProtest dagegen ist enorm: Über 1 Millionen EuropäerInnenhaben sich in einer Europäischen Bürgerinitiative für ein Verbot von Glyphosat ausgesprochen. Die Kritik an der mangelnden Unabhängigkeit der Pestizidbewertung wurde derweil imFrühjahr 2017 bekräftigt: Ein Gerichtsverfahren in den USAergab neue Hinweise darauf, dass der Glyphosat-HerstellerMonsanto im Verborgenen an vermeintlichen unabhängigenwissenschaftlichen Studien zu Glyphosat mitgewirkt und siemanipuliert haben soll, um die gefährlichen Auswirkungen desPestizids zu verschleiern.6Entwurf: Sybilla Keitel / Gert Müller2.2 Gesundheitsauswirkungen von PestizidenDie Künstlerin Sybilla Keitel macht mit diesem Bild auf die Gefahren von Pestiziden aufmerksam.Pestizide können eine Vielzahl an akuten und chronischenGesundheitsschäden hervorrufen. Akute Erkrankungenund Vergiftungen durch Pestizide entstehen meist durchArbeitsunfälle, bei denen es zu einem erhöhten Kontaktmit einem Pestizid kommt. Das Pestizid Aktions-Netzwerk(PAN) hat auf Grundlage wissenschaftlicher Studieneine Überblickspublikation über die gesundheitlichenAuswirkungen von Pestiziden erstellt.7 Zu den typischenakuten Symptomen gehören u.a. Müdigkeit, Kopf- undGliederschmerzen, Hautausschlag, Empfindungsstörungender Haut, Konzentrationsstörungen, Schwächegefühl,Kreislaufstörungen, Schwindel, Übelkeit, Erbrechen, übermäßiges Schwitzen, Zittern, Krämpfe, Sehstörungen und in schweren Fällen Koma oder Tod.Chronische Erkrankungen entstehen, wenn Pestizide übereinen längeren Zeitraum aufgenommen wurden. Besondersgefährdet sind Menschen, die in der Landwirtschaft arbeitenund Menschen, die in ländlichen Gebieten neben Äckern lebenund von Pestizidverwehungen betroffen sind. Aber auch überdie Nahrung nehmen viele Menschen regelmäßig Pestizide auf.Die Folgen sind auf Grund der geringen Mengen diffuser underst langfristig spürbar.Diverse Studien zeigen, dass viele Pestizide langfristig Krebsauslösen können – u.a. Leukämie, Prostata-, Eierstock-, Brust-67und Darmkrebs sowie Gehirntumore. Pestizide können zudemdas Nervensystem schädigen. Zum Beispiel ist das Risiko vonPestizidanwendern, an Parkinson zu erkranken, 7 mal höherals bei anderen Menschen. Es gibt auch Hinweise darauf, dassPestizide neurologische Störungen bei Kindern auslösen können,u.a. Aufmerksamkeitsdefizite und Entwicklungsverzögerungen.Einige Pestizide können zudem das Hormonsystem beeinträchtigen. Bei Föten kann es dadurch zu Fehlbildungen derSexualorgane kommen. Hormonell wirksame Pestizide führenauch zu Fruchtbarkeitsstörungen, Fehl-, Tot- und Frühgeburten.Krebserregende und hormonell wirksame Pestizide könnenauch schon in geringsten Mengen schädigende Wirkungenhaben. Bei diesen Substanzen gibt es keinen Schwellenwert,unter dem Pestizide unschädlich sind.Quelle: PAN Deutschland (2012):Pestizide und Gesundheitsgefahren. Daten und Fakten(als Download bei: www.pan-germany.org)Welche Pestizide sind besonders gefährlich?Das Pestizid Aktionsnetzwerk (PAN) hat eine Liste hochgefährlicher Pestizide erstellt: rliche ulissen-agiert-1.3445002Siehe: PAN Deutschland (2012): Pestizide und Gesundheitsgefahren. Daten und Fakten (mit Literaturangaben)

8 peangdao Fotolia 77300844Rückstände in Lebensmitteln – kein Problem?Man sieht nicht, wo wieviele Pestizidrückstände enthalten sind. Besonders stark belastet mit Pestizidrückständen sind z.B. häufig Salat, Paprika undTrauben.Untersuchungen zeigen, dass unsere Lebensmittel regelmäßigmit Pestizidrückständen belastet sind. Fast 80% des konventionell erzeugten frischen Obstes und über 55% des konventionell erzeugten Gemüses enthalten Pestizidrückstände.Insgesamt 351 Pestizidwirkstoffe wurden im Rahmen deramtlichen Lebensmittelüberwachung in Lebensmitteln gefunden.8 Teilweise sind in einem Lebensmittel über 20 verschiedene Pestizidwirkstoffe nachweisbar. Laut der zuständigenBehörden stellen die Pestizidrückstände in Lebensmittelnmeistens kein Problem dar. Denn sie liegen in der Regel unterhalb der gesetzlich festgesetzten e werden abgeleitet von spezifischenSchwellenwerten, ab dem bei Tierversuchen schädliche Effektedurch einzelne Pestizide nachweisbar sind. Die Behördengehen davon aus, dass Pestizide erst ab diesen in Studienfestgestellten Schwellenwerten schädliche Wirkungen haben.Doch einige Argumente sprechen gegen die Annahme,dass die gängigen Pestizidrückstände in Lebensmittelnunbedenklich sind. Zum einen argumentieren kritischeWissenschaftlerInnen, dass die Grenzwerte zu niedrig angesetzt sind, weil Unzulänglichkeiten bei der Datenlage underhöhte Empfindlichkeiten gegenüber Pestiziden, z.B. beiKindern, unzureichend berücksichtigt werden. Zudem werden schädliche Kombinationseffekte verschiedener Pestizide– im Fall von Mehrfachrückständen – bei der gesundheitlichen Risikobewertung nicht berücksichtigt. Auch dieKombinationswirkungen von Pestizidwirkstoffen mit Beistoffenwerden bei der Festsetzung der Rückstandshöchstgehaltenicht einbezogen. Das ist problematisch, weil in wissenschaftlichen Studien nachgewiesen werden konnte, dass fertigePestizide teilweise um ein Vielfaches toxischer sind als diereinen Pestizidwirkstoffe – das liegt daran, dass die Beistoffedie Toxizität erhöhen. Das ist zum Beispiel der Fall bei glyphosathaltigen Pestiziden, die auf Grund des Beistoffs POETallowamin 125 mal toxischer sind als Glyphosat allein.9Darüber hinaus können Pestizide auch in Konzentrationenunterhalb der Rückstandshöchstgehalte langfristig gefährlichsein – das trifft auf krebserregende und hormonell wirksamePestizide zu. Bei derartigen Pestiziden erkennen auch dieBehörden an, dass es keinen Schwellenwert gibt, unterhalbdessen diese Pestizide unschädlich sind.Aufgaben3 Recherchieren Sie die Unterschiede, die es im Hinblick auf Pestizidrückstände bei konventionellproduzierten Lebensmitteln einerseits und ökologisch produzierten Lebensmitteln andererseits gibt.Welche Auswirkungen hat die konventionelle Landwirtschaft auf Rückstände in Bio-Lebensmitteln?3 Inwiefern geht von „Altlasten“ wie DDT und Atrazin noch eine Gefahr aus?3 Welchen Handlunsgbedarf sehen Verbraucher- und Umweltschutzorganisationen im Hinblick aufPestizidrückstände?Empfohlene Recherche-Quellen:Lars Neumeister (2015): Pestizide in ökologisch und konventionell produzierten tionen/Neumeister 15 Pestizide oeko vs konv.pdfBayrischer Rundfunk, 2015: Gefährliche Altlast. Pestizide im Trinkwasser (Titel in Suchmaschine eingeben, auf Youtube verfügbar)89Untersuchungszeitraum 2009/2010, siehe dazu: Greenpeace (2012): Essen ohne Pestizide. Einkaufsratgeber für Obst und oundup-co/glyphosat-infos/gesundheits-risiken/; abs/

9 Fotolia 83842249Anwendung von Pestiziden in EntwicklungsländernFehlende Schutzausrüstungen sind eine große GesundheitsgefährdungIn vielen Entwicklungsländern ist das Spritzen von Pestizidenmit stark erhöhten Gefahren verbunden. Das hat vor allemfolgende Gründe:u Es werden Pestizidwirkstoffe und Pestizidbeistoffe verwendet, die in Europa auf Grund der Gesundheitsgefahrenschon längst verboten sind.u Pestizide werden teilweise per Flugzeug gespritzt und eswerden dabei oft keine Schutzabstände zu Siedlungen eingehalten.u PestizidanwenderInnen tragen häufig keine Schutzkleidung.Pestizide werden gespritzt während ArbeiterInnen auf denFeldern sind.u PestizidanwenderInnen werden nicht oder nur unzureichend geschult. Auf Pestizidkanistern fehlen häufigWarnhinweise zu Gesundheitsgefahren. Zudem verstehendie AnwenderInnen die Anwendungs- und Warnhinweisehäufig aufgrund fehlender Lese- oder Sprachkenntnissenicht.u Pestizidkanister werden nicht angemessen gelagert undentsorgt, so dass sie zum Beispiel für spielende Kinder eineGefahr darstellen.Die Agrar Koordination machte mit diesem Postkartenmotiv von SybillaKeitel auf die Auswirkungen des Glyphosateinsatzes in Südamerika aufmerksam.u Es gibt in vielen Ländern keine oder nur unzureichendeKontrollen der Pestizidanwendung und der Rückstände inLebensmitteln.Mit giftigen Folgen: Ananas- und Bananenproduktion in Costa Rica und EcuadorDer Anbau von konventionell produzierten Bananen undAnanas in Südamerika hat für die Menschen vor Ort schwerwiegende negative Folgen, wie Oxfam Deutschland durchRecherchen aufgedeckt hat. Dazu gehören u.a. die Folgendes Einsatzes gefährlicher Pestizide. Beim Anbau vonAnanas in Costa Rica werden viele verschiedene Pestizideeingesetzt – viele von ihnen sind in Europa auf Grund derGesundheitsgefahren bereits verboten. Jährlich werden zwischen 30 und 38 Kilogramm Chemikalien auf einem HektarAnbaufläche gespritzt, darunter zum Beispiel das krebserregende und in der EU verbotene Paraquat. Die Pestizidewerden auch gespritzt, wenn die ArbeiterInnen auf demFeld sind. Für eine ausreichende Schutzkleidung wird nichtgesorgt. So berichtet ein ehemaliger Arbeiter bei AgrícolaAgromonte, Produzent für Aldi, Edeka und Rewe: „Ich wareinen Monat lang im Krankenhaus wegen einer Vergiftung.Als ich wiederkam, musste ich wieder mit Pestiziden und ohneSchutzkleidung arbeiten.“ Offenbar sorgen die Besitzer derAnanas-Plantagen bewusst dafür, dass der Einsatz giftigerPestizide bei Betriebsprüfungen nicht entdeckt wird. EinArbeiter beim Unternehmen Finca Once, Produzent für Lidl,berichtet: „Wenn die Leute aus San José kommen, versteckensie die rot gekennzeichneten Chemikalien, sie bringen sie zuanderen Plantagen“. Auch die AnwohnerInnen der AnanasPlantagen leiden unter den giftigen Pestiziden, die dasGrundwasser verseuchen. Mario Mirando Jimenes, Anwohnereiner Del-Monte-Plantage, berichtet von den Problemen in seinem Umfeld: „Ich habe einen Bruder, der ist vor zwei Jahren an

10Magenkrebs gestorben. Ich kann nicht beweisen, dass es aufgrund des verseuchten Grundwassers war, aber viele Personenhaben unter Magenkrebs gelitten und viele Menschen sinddaran gestorben.“Die Situation im Bananenanbau ist nicht besser – so zumBeispiel auf vielen Plantagen in Ecuador, aus denen deutscheSupermärkte ihre Bananen beziehen. Hier werden die Pestizideoft per Flugzeug gespritzt – mit schwerwiegenden Folgenfür die ArbeiterInnen, die während des Spritzens auf denPlantagen

Bio-Lebensmitteln ist in den vergangenen Jahren ebenfalls konti-nuierlich gestiegen – sogar noch stärker als die Anbaufläche. So war zum Beispiel 2016 der Umsatz mit Bio-Lebensmitteln 9,9% höher als 2015. Jedoch machen Bio-Lebensmittel insgesamt nur einen Anteil von 4