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IW-Trends 2. 2015Vierteljahresschrift zur empirischenWirtschaftsforschung, Jg. 42 Tobias HentzeDer Beitrag multinationaler Unternehmenzum deutschen Steueraufkommen

Vorabversion aus: IW-Trends, 42. Jg. Nr. 2Herausgegeben vom Institut der deutschen Wirtschaft KölnVerantwortliche Redakteure:Prof. Dr. Michael Grömling, Telefon: 0221 4981-776Dr. Oliver Stettes, Telefon: 0221 [email protected] · [email protected] · www.iwkoeln.deDie IW-Trends erscheinen viermal jährlich, Bezugspreis 50,75/Jahr inkl. Versandkosten.Rechte für den Nachdruck oder die elektronische Verwertung erhalten Sie ü[email protected], die erforderlichen Rechte für elektronische Pressespiegel unterwww.pressemonitor.de.ISSN 0941-6838 (Printversion)ISSN 1864-810X (Onlineversion) 2015 Institut der deutschen Wirtschaft Köln Medien GmbHPostfach 10 18 63, 50458 KölnKonrad-Adenauer-Ufer 21, 50668 KölnTelefon: 0221 4981-452Fax: 0221 [email protected]

IW-Trends 2. 2015UnternehmenssteuernDer Beitrag multinationaler Unternehmen zum deutschenSteueraufkommenTobias Hentze, Juni 2015Multinationale Unternehmen unterliegen der Besteuerung in verschiedenenLändern. Vor dem Hintergrund des internationalen Steuerwettbewerbs öffnensich dadurch Wege der Steueroptimierung. Nationalstaaten sehen deshalb ihreSteuereinnahmen in Gefahr. Für das deutsche Steueraufkommen sind international aufgestellte Unternehmen jedoch positiv zu bewerten. Sie tragen trotz derMöglichkeiten zur Gewinnverlagerung wesentlich zum Steueraufkommen inDeutschland bei.Stichwörter: Steuerwettbewerb, Gewinnverlagerung, VerrechnungspreiseJEL-Klassifikation: H25, H26Internationale Besteuerung zwischen Wettbewerb und KooperationMit der fortschreitenden Verflechtung der Weltwirtschaft fürchten Staaten zunehmend um ihre Steuereinnahmen. Komplexe Unternehmensstrukturen undtrickreiche Steuerplanung, so die Vermutung, öffnen Tür und Tor zur Verlagerungvon Gewinnen. Die Finanzbehörden sehen die Bemessungsgrundlage für dieUnternehmensbesteuerung in Gefahr und fühlen sich von multinationalen Unternehmen (MNU) übervorteilt.Die internationale Struktur eines Konzerns, aber auch die vieler mittelständischerUnternehmen machen eine konzernweit abgestimmte Steuerstrategie erforderlich. Dabei ergeben sich zwangsläufig Gestaltungsoptionen. Zur Steuerplanungist das Management eines Unternehmens im Interesse der Anteilseigner undMitarbeiter verpflichtet. Gleichzeitig müssen Unternehmen aber auch ihrenBeitrag zur Finanzierung des Allgemeinwesens leisten. In diesem Kontext ist dervon der OECD vorgeschlagene Aktionsplan gegen eine Aushöhlung der Steuerbasis einzuordnen (OECD, 2013a; 2013b).43

IW-Trends 2. 2015UnternehmenssteuernIn der Literatur ist das Ausmaß von Gewinnverlagerung umstritten, da eine Abschätzung äußerst schwierig ist (Heckemeyer/Spengel, 2009). Deshalb wird imFolgenden beleuchtet, welchen Beitrag multinationale Unternehmen zum Steueraufkommen in Deutschland leisten. Sollten MNU tatsächlich auf breiter Frontihre Gewinne auf dem Papier verschieben, müssten sie hierzulande relativ wenigzum Steueraufkommen beitragen, da sie das Hochsteuerland Deutschland umgehen und ihre Gewinne zum Beispiel in die aus Steuersicht paradiesische Karibik verlagern. Der These folgend müsste ein MNU weniger Steuern in Deutschland zahlen als ein hinsichtlich Umsatz und Kosten identisches nationales Unternehmen, das keine Möglichkeit zur Gewinnverlagerung ins Ausland hat. Bevordieser Frage auf Basis empirischer Daten nachgegangen wird, werden zunächstdie Instrumente der Steuergestaltung für MNU untersucht.Instrumente der Steuergestaltung für MNUDie OECD hat den Kampf gegen Base Erosion and Profit Shifting (BEPS) auf diepolitische Agenda gesetzt (OECD, 2013a). Der dazugehörige Aktionsplan bestehtaus 15 Maßnahmen, durch die MNU besonders zu mehr Transparenz bei derDarlegung von Steuerfragen verpflichtet werden und ein stärkerer Informationsaustausch zwischen nationalen Finanzverwaltungen ermöglicht werden soll(OECD, 2013b). Die EU und die G20-Staaten haben diese Initiative zu mehr internationaler Kooperation in Steuerfragen aufgegriffen. Beispielsweise müsseninnerhalb der EU die in die Kritik geratenen Tax Rulings, das heißt individuelleSteuervereinbarungen zwischen Fiskus und Unternehmen, in Zukunft von dennationalen Finanzbehörden an die Europäische Kommission gemeldet und veröffentlicht werden.Diese Regulierungsmaßnahme zeigt gleichzeitig die Intensität des herrschendenSteuerwettbewerbs. Länder senken in der Folge die Unternehmenssteuersätzeund verbreitern die Bemessungsgrundlage nach dem Prinzip „rate-cutting,base-broadening“ (Devereux et al., 2002, 452; Finke et al., 2013). Auch das Einrichten sogenannter Patentboxen in Irland, den Niederlanden oder Luxemburgist ein Beleg für den herrschenden Steuerwettbewerb. Dadurch werden steuerliche Anreize gesetzt, Patente und Markenrechte in diesen Ländern registrierenzu lassen (Ault et al., 2014, 276). In Deutschland existiert bislang keine Patentbox.44

IW-Trends 2. 2015UnternehmenssteuernVielmehr hat die deutsche Politik in den vergangenen Jahren verschiedene Gesetzesinitiativen auf den Weg gebracht, um steuerliche Gestaltungsmöglichkeitenfür MNU einzudämmen: Die Einführung von Regeln für die Ermittlung von Verrechnungspreisen für Waren, Dienstleistungen und immaterielle Vermögensgegenstände bei grenzüberschreitenden Transaktionen (§1 AStG in Verbindung mit§ 90 AO) gehört genauso dazu wie die Etablierung einer Zinsschranke (§ 4h EStG)gegen eine Unterkapitalisierung deutscher Gesellschaften.So folgt auch Deutschland dem Trend einer breiteren Bemessungsgrundlage beigeringeren Steuersätzen, da parallel der bundeseinheitliche Körperschaftsteuersatz gesenkt wurde (Brügelmann, 2014, 2). Der von Städten und Gemeindenfestgelegte Gewerbesteuerhebesatz variiert je nach Standort, er blieb im Durchschnitt der vergangenen 20 Jahre jedoch weitgehend auf konstantem Niveau.Das Spannungsfeld von Kooperation und Wettbewerb in der internationalenSteuerpolitik spricht dafür, dass steuerliche Gewinnverlagerung als relevantesPhänomen der globalisierten Wirtschaft erachtet wird. Als Mittel der Wahl zurinternationalen Steuerplanung stehen MNU maßgeblich zwei Instrumente zurVerfügung: die Entscheidung über die Kapitalisierung einer Gesellschaft und dieBestimmung von ch sollten Verrechnungspreise die Wertschöpfungsbeiträge innerhalbeines Konzerns widerspiegeln (Elitzer/Mintz, 1996). Multinationale Unternehmenkönnen jedoch mittels davon abweichender Preisbestimmung für konzerninterne Transaktionen zu versteuerndes Einkommen zwischen Ländern transferieren,also Preise höher oder geringer setzen, als es ihrem ökonomischen Wertschöpfungsbeitrag entspricht (Fuest et al., 2005). Als Vehikel werden im Rahmen derGeschäftsbeziehungen zu ausländischen Konzerngesellschaften alle Arten vonTransaktionen genutzt, also Waren und Dienstleistungen, aber gleichzeitig auchimmaterielle Vermögensgegenstände wie Patente oder Lizenzen sowie Finanzbeziehungen in Form von Darlehen oder Cash Pools.Um willkürliche Preisfestsetzung zu verhindern, basiert die Suche nach einemangemessenen Verrechnungspreis auf dem „arm’s length principle“ (ins Deutsche45

IW-Trends 2. 2015Unternehmenssteuernübersetzt: Fremdvergleichsgrundsatz). Demnach sind für Leistungen innerhalbeines Unternehmens Preise anzusetzen wie zwischen fremden Dritten üblich(OECD, 2010, 31). Für die Anwendung des Fremdvergleichsgrundsatzes hat dieOECD drei Standardmethoden – Preisvergleichsmethode, Kostenaufschlagsmethode, Wiederverkaufspreismethode – definiert, die sich auch im deutschenAußensteuergesetz wiederfinden (§1 Abs. 3 AStG). Zudem konkretisiert derdeutsche Gesetzgeber eine aus der Abgabenordnung (§90 Abs. 3 AO) hervorgehende Mitwirkungspflicht in der Gewinnabgrenzungsaufzeichnungsverordnung(BMF, 2003). Durch diese Dokumentationspflicht wird den international operierenden Unternehmen mit Sitz in Deutschland, aber auch ausländischen Konzernen mit deutschen Tochtergesellschaften eine bürokratische Hürde auferlegt.Seit 2008 wird die Regulierung in Deutschland zusätzlich durch die Funktionsverlagerungsverordnung (BMF, 2008) verschärft. Danach müssen MNU im Rahmeneiner Restrukturierung zum Beispiel die zu erwartenden Gewinne einer insAusland verlagerten Produktionsstätte als Barwert in Deutschland versteuern.In der Praxis ist das Prinzip des Fremdvergleichsgrundsatzes schwierig zu wahren, weil Transaktionen und ihre Rahmenbedingungen oftmals individuell sindund somit keine bekannten Marktpreise vorliegen (Desai et al., 2006). Letztlichbestehen bei allen Methoden Ermessensspielräume, sodass es zwischen Unternehmen und Finanzbehörden im Rahmen einer Betriebsprüfung zu Konfliktenbezüglich der korrekten Anwendung kommen kann. Dabei zeigen Betriebsprüferoftmals opportunistisches Verhalten: Fallen die Gewinne eines Unternehmensals steuerliche Bemessungsgrundlage aus ihrer Sicht zu gering aus, fordert dieBetriebsprüfung eine Anpassung des Gewinns. Im umgekehrten Fall, also beirelativ hohen Gewinnen eines Unternehmens, wird dagegen keine Reduktion derSteuerlast in Erwägung gezogen.Diese Problematik kann durch ein sogenanntes bilaterales Advance PricingAgreement (APA), eine zeitlich befristete Vereinbarung zwischen einem Steuerpflichtigen und mindestens zwei nationalen Steuerbehörden, umgangen werden(BMF, 2006). Sofern ein MNU eine solche Vereinbarung beantragt, müssen sichdie beiden jeweiligen Steuerbehörden über die Angemessenheit der Gewinnmargen innerhalb der Wertschöpfungskette verständigen. Für den Steuerpflichtigen ergibt sich daraus Planungssicherheit, da die als angemessen erachteteMarge im Vorfeld zumindest als Bandbreite festgelegt wird. Durch ein APA ver-46

IW-Trends 2. 2015Unternehmenssteuernschiebt sich der Konflikt zwischen den Steuerpflichtigen und der Steuerbehördehin zur Ebene der beiden beteiligten ierung (Thin Capitalization) bezeichnet eine Möglichkeit der Gewinnverlagerung für MNU durch Veränderung der internen Finanzierungsstruktur. Ein MNU mit Sitz in einem Hochsteuerland nimmt dabei zum Beispiel einenKredit bei einer Tochtergesellschaft in einem Niedrigsteuerland auf und kanndie Zinsaufwendungen von der Steuerbemessungsgrundlage im Hochsteuerlandabziehen. Die Zinseinkünfte der Tochtergesellschaft für die Bereitstellung desKredits unterliegen damit der geringen Besteuerung in dem Niedrigsteuerland.In der Praxis beschränkt der Fiskus die steuerliche Abzugsfähigkeit von Fremdkapitalzinsen durch die sogenannte Zinsschranke. In Deutschland wurde dieZinsschranke im Jahr 2007 eingeführt, indem die Obergrenze für die steuerlicheAbziehbarkeit von Nettozinsaufwendungen als Betriebsausgabe auf 30 Prozentdes EBITDA (Gewinn vor Zinsen, Steuern und Abschreibungen) festgesetzt wurde.Im internationalen Vergleich fällt die Zinsschranke in Deutschland damit eherrestriktiv aus.Wachsende Unternehmenssteuern in DeutschlandAngesichts einer Vielzahl von international aufgestellten und handelsstarkenUnternehmen in Deutschland treibt die Politik die Sorge um, dass das Gewinnvolumen für Deutschland zu klein ausfällt, da MNU ihre globalen Kapitalverflechtungen zur Verlagerung von Gewinnen aus Deutschland heraus nutzen.Deutsche Unternehmen halten insgesamt rund 35.000 Tochtergesellschaften imAusland. Umgekehrt werden etwa 15.000 Unternehmen in Deutschland vonausländischen Kapitalgebern kontrolliert (Deutsche Bundesbank, 2014).Eine Auswertung der Gewerbe- und Körperschaftsteuereinnahmen der vergangenen Jahre zeigt jedoch, dass trotz der theoretischen Möglichkeiten zur Gewinnverlagerung das Unternehmenssteueraufkommen eher wächst (Abbildung 1).Die Rückgänge in den Jahren 2001 bis 2003 sind dem Absenken des Körperschaftsteuersatzes geschuldet, während Einbußen in den Jahren 2008 und 200947

IW-Trends 2. 2015UnternehmenssteuernUnternehmenssteueraufkommen in DeutschlandAbbildung 1Aufkommen an Gewerbe- und Körperschaftsteuer in allen Bundesländern in Milliarden 01995199719992001200320052007200920112013Quelle: Statistisches 01vor allem durch die konjunkturellen Krisen und den entsprechenden Gewinnrückgängen bedingt waren.Auch wenn die Unternehmenssteuereinnahmen seit 2010 insgesamt wachsen,lässt Abbildung 1 keine Rückschlüsse auf die Rolle von MNU zu. Dies führt zuder Frage, ob MNU gemäß ihrer Wertschöpfung in Deutschland Steuern zahlen.Im Kern geht es darum, ob dem deutschen Staat durch MNU Nachteile entstehen,das heißt, ob die Globalisierung und die daraus folgende internationale Expansion von Unternehmen die steuerliche Basis des deutschen Staates gefährden.Ziel der Analyse ist daher eine Antwort auf die Frage, wie das Wirken von MNUmit dem Unternehmenssteueraufkommen zusammenhängt.Datengrundlage für die empirische AnalyseAusgangspunkt ist eine Studie von Becker und Fuest (2010), die für den Zeitraum1970 bis 2005 den Einfluss von Internationalität auf das Steueraufkommenuntersuchen. Dieser Ansatz wird im Folgenden für die Jahre 1995 bis 2012 im48

IW-Trends 2. 2015UnternehmenssteuernGrundsatz repliziert. Ein Beweggrund dafür ist, dass die Regulierung von MNUin Deutschland im Jahr 2003 mit Einführung der Verrechnungspreisdokumentationspflicht einen wesentlichen Einschnitt erfahren hat, gefolgt von Verschärfungen wie Zinsschranke und Funktionsverlagerungsverordnung. Gleichwohllässt sich die Wirkung der Regulierungsmaßnahmen nicht treffsicher datieren,da sich diese erst im Lauf der Jahre entfaltet.Als zentrale Variablen fungieren das Steueraufkommen, der Steuersatz, der Unternehmenserfolg und die Internationalität von Unternehmen. Pro Jahr ergibtsich für jedes Bundesland ein Datenpunkt, sodass das resultierende Panel aus288 Beobachtungen besteht (16 Bundesländer und 18 Jahre). Für das Steueraufkommen (abhängige Variable) werden ausschließlich die Gewerbesteuereinnahmen betrachtet, da diese von Kapital- und Personengesellschaften gezahltwerden, während die Körperschaftsteuer ausschließlich von Kapitalgesellschaften zu entrichten ist. Als Konsequenz wird der Hebesatz der Gewerbesteuer alsrelevanter Steuersatz berücksichtigt. Aus den einzelnen Hebesätzen je Gemeinde wird für jedes Bundesland ein Durchschnittssatz ermittelt. Ein höherer Steuersatz führt unter sonst gleichen Bedingungen zu mehr Steuereinnahmen.Für den Unternehmenserfolg, ein entscheidender Positivfaktor für die Höhe derSteuereinnahmen, wird eine Variable gesucht, die den unternehmerischen Erfolgabbildet, bevor steuerliche Gestaltungsmöglichkeiten zum Tragen kommen, also,bevor sich der zu versteuernde Gewinn als Bemessungsgrundlage ergibt. Hintergrund ist die Überlegung, dass für MNU unterstellt wird, Buchgewinne ausDeutschland heraus in Niedrigsteuerländer zu verlagern. Dies bedeutet, dass daszu versteuernde Einkommen des Unternehmens in Deutschland nicht dem Wertschöpfungsbeitrag entspricht. Daher soll die hier verwendete Variable für denUnternehmenserfolg eher den angesichts des Wertschöpfungsbeitrags angemessenen Gewinn reflektieren. Konkret wird zu diesem Zweck die Bruttowertschöpfung abzüglich der Arbeitnehmerentgelte betrachtet. Die daraus folgendeökonomische Kennzahl – hier als Bruttogewinn definiert – unterscheidet sichvon dem zu versteuerndem Einkommen durch die noch nicht erfolgte Berücksichtigung von Abschreibungen und Fremdkapitalzinsen (Statistisches Bundesamt, 2007). Die zentrale Annahme ist nun, dass MNU diese Instrumente stärkernutzen können als nationale Unternehmen, um einen geringeren Anteil desBruttogewinns tatsächlich versteuern zu müssen. Allerdings werden aus der49

IW-Trends 2. 2015UnternehmenssteuernDifferenz von Bruttogewinn und zu versteuerndem Gewinn nicht alle Formender Gewinnverlagerung erfasst. Insbesondere Gewinnverlagerungen mittelsVerrechnungspreisgestaltung für Waren, Dienstleistungen und Lizenzen bleibenaußen vor. Der Effekt dieser Instrumente beeinflusst bereits den Bruttogewinn.Aus Gründen der Datenverfügbarkeit können diese Aspekte nicht analysiertwerden.Der Internationalisierungsgrad wird anhand von zwei Variablen berücksichtigt.Zum einen wird die Summe aus jährlichen Exporten und Importen (Außenhandel) eines Bundeslandes ermittelt. Zum anderen wird die Summe des Bestandsdeutscher Direktinvestitionen im Ausland und ausländischer Direktinvestitionenim Inland (Foreign Direct Investment – FDI) eines Bundeslandes berechnet.Sofern die Unterstellung zutrifft, dass MNU mehr Möglichkeiten zur Gewinnverlagerung haben und diese auch nutzen, müsste der Zusammenhang zwischenInternationalität und Steuereinnahmen negativ sein. Zusätzlich werden dasnominale BIP als Indikator für die Wirtschaftskraft eines Bundeslandes und dasnominale BIP pro Kopf als Indikator für das Wohlstandsniveau eines Bundeslandesberücksichtigt. Von beiden Variablen wird grundsätzlich ein positiver Zusammenhang mit den Steuereinnahmen erwartet.Das Steueraufkommen weist mit den Variablen Bruttogewinn, Außenhandel, FDIund BIP einen stark positiven Zusammenhang auf. Der Korrelationskoeffizien tDeskriptive StatistikTabelle 1Angaben in Prozent des BIP; Steuersatz in Prozent; Angaben für den Zeitraum 1995 bis 8288Anzahl BeobachtungenAnzahl der Beobachtungen für alle Größen: 288.Quellen: Deutsche Bundesbank; Statistisches Bundesamt;Institut der deutschen Wirtschaft Kölnhttp://link.iwkoeln.de/iw-trends15-02-03-0250

IW-Trends 2. 2015Unternehmenssteuern(r) beträgt jeweils mindestens 0,93. Das BIP pro Kopf weist dagegen nur einenleicht positiven Zusammenhang mit dem Steueraufkommen auf (r 0,53). EinZusammenhang mit dem Hebesatz besteht dagegen kaum (r 0,32).Die deskriptive Statistik weist aus, dass der Anteil des Gewerbesteueraufkommensam BIP auf Bundesländerebene im Zeitraum 1995 bis 2012 je nach Jahr zwischen0,4 und 2,4 Prozent liegt (Tabelle 1). Der Gewerbesteuerhebesatz variiert je nachJahr und Bundesland zwischen 2,9 und 4,7 Prozent. Die Unternehmensgewinne(Bruttogewinne) machen im Durchschnitt gut ein Drittel des BIP aus. Die Anteilswerte für FDI und Außenhandel am BIP liegen teilweise bei Werten von mehrals 100 Prozent. Die FDI-Daten stammen von der Deutschen Bundesbank, alleanderen Angaben vom Statistischen Bundesamt.Hoher Internationalisierungsgrad stärkt das SteueraufkommenZur Beantwortung der Frage, ob von MNU eine Gefahr für die deutsche Steuerbasis ausgeht oder diese vielmehr das Fundament stärken, erfolgt auf BundesInternationalisierungsgrad und GewerbesteueraufkommenAbbildung 2Anteil am BIP je Bundesland; Durchschnittswerte für 2004 bis 20121,9HH1,7NWBW1,5NISH1,3SN SA1,1TH0,9SL RPHEBYBRBEBBMV0,70,5050100150200250BB: Brandenburg, BE: Berlin, BR: Bremen, BW: Baden-Württemberg, BY: Bayern, HE: Hessen, HH: Hamburg,MV: Mecklenburg-Vorpommern, NI: Niedersachsen, NW: Nordrhein-Westfalen, RP: Rheinland-Pfalz,SA: Sachsen-Anhalt, SH: Schleswig-Holstein, SL: Saarland, SN: Sachsen, TH: Thüringen.Quellen: Deutsche Bundesbank; Statistisches Bundesamt;Institut der deutschen Wirtschaft Kölnhttp://link.iwkoeln.de/iw-trends15-02-03-0351

IW-Trends 2. 2015Unternehmenssteuernländerebene ein Vergleich des Internationalisierungsgrads (gemessen als Au ßenhandel plus FDI in Prozent des BIP) mit dem Steueraufkommen (Gewerbe steuereinnahmen in Prozent des BIP). Abbildung 2 zeigt, ob ein höherer Grad derInternationalisierung in Form von Außenhandel und ausländischen Direktinves titionen mit mehr oder weniger Unternehmenssteuereinnahmen einhergeht. ZurGlättung von Ausreißern und zur Einbeziehung der dargelegten Regulierungs maßnahmen in Deutschland wird der Durchschnitt für den Zeitraum 2004 bis2012 dargestellt.Die Trendlinie unterstreicht den positiven Zusammenhang zwischen Internati onalität der Unternehmen und Steuereinnahmen. Dieser Trend zeigt sich imÜbrigen auch, wenn ausschließlich FDI als Indikator für die Internationalisierungbetrachtet werden. Demnach stehen aus steuerlicher Sicht besonders die Bun desländer gut da, die gemessen an ihrer Wirtschaftskraft zu einem hohen Gradinternational agierende Unternehmen beheimaten. Dazu zählt neben den Flä chenländern Hessen, Nordrhein-Westfalen, Bayern und Baden-Württemberg vorallem auch der Stadtstaat Hamburg. Die ostdeutschen Bundesländer einschließ lich Berlin fallen dagegen bei beiden Kennzahlen deutlich ab.International agierende Unternehmen leisten demnach einen wesentlichenBeitrag zur Finanzierung des deutschen Staates. Würde Steueroptimierung zueiner weitgehenden Gewinnverlagerung in Niedrigsteuerländer und Steueroasenführen, wäre der Zusammenhang zwischen Internationalität und Steueraufkom men tendenziell negativ. Allerdings sind bei der Interpretation zwei Einschrän kungen anzumerken: Zum einen können andere, nicht in die Abbildung eingehende Faktoren, wieder Unternehmenserfolg, entscheidend für die positive Korrelation sein. Umeinen möglichen Effekt des Unternehmenserfolgs zu berücksichtigen, wird inder Regressionsanalyse dieser als eigenständige Variable einbezogen. Zum anderen bedeuten die Ergebnisse im Umkehrschluss nicht, dass steuer liche Gewinnverlagerung von MNU nicht stattfindet. Der Zusammenhangzwischen Internationalisierungsgrad der Unternehmen und Steuereinnahmenkönnte zum Beispiel noch stärker ausfallen, wenn es eine steuerliche Gewinn verlagerung nicht gäbe.52

IW-Trends 2. 2015UnternehmenssteuernErfolg multinationaler Unternehmen begünstigt SteuereinnahmenAusgehend von Abbildung 2 wird der Zusammenhang zwischen Internationalisierungsgrad und Steuereinnahmen mittels einer multiplen Regressionsanalysegenauer untersucht und zerlegt. In das Schätzmodell finden die Bruttogewinne,der Gewerbesteuerhebesatz, der Außenhandel, die FDI-Bestände, das BIP unddas BIP pro Kopf als erklärende Variablen Eingang, wobei alle Variablen in logarithmierter Form verwendet werden (Tabelle 2). Dadurch lassen sich die Koeffizienten als Elastizitäten interpretieren. Zusätzlich werden Zeiteffekte berücksichtigt. Tests weisen für alle Regressionen eine statistische Relevanz der zeitlichen Komponente aus. Als Schätzverfahren fungieren Ordinary Least Squares(OLS) und Fixed Effects (FE). Gemäß dem Hausman-Test würde das RandomEffects-Modell zu verzerrten Schätzern führen.RegressionsanalyseTabelle 2Ordinary Least Squares (OLS) und Fixed Effects Modell (FE); obere Werte: Koeffizientenmit Signifikanzniveau; untere Werte: 0,1927*** 0447*** 1***1,1529***1,2818***1,1180*** 20,3769*** –0,12770,3655*** –0,27980,3317*** * –0,8528*0,08330,4745BIP pro KopfR2 within0,06190,0591***BIPR2 adjustedFE30,99310,99340,93890,2396–0,2718*** 0,99340,94040,9455Anzahl der Beobachtungen für alle Modelle: 288 (16 Bundesländer x 18 Jahre).Quellen: Deutsche Bundesbank; Statistisches Bundesamt;Institut der deutschen Wirtschaft Kölnhttp://link.iwkoeln.de/iw-trends15-02-03-0453

IW-Trends 2. 2015UnternehmenssteuernErwartungsgemäß zeigt der Unternehmenserfolg einen starken und statistischsignifikanten Zusammenhang mit dem Steueraufkommen: Je höher die Bruttogewinne ausgewiesen werden, umso mehr Steuern sind zu entrichten. DiesesErgebnis ist für alle sechs Varianten des Schätzmodells konsistent und damitsehr robust. Der Koeffizient für den Gewerbesteuerhebesatz weist dagegen nurin den drei Versionen des OLS-Modells eine statistische Signifikanz auf. DerKoeffizient zeigt an, dass ein höherer Steuersatz mit höheren Steuereinnahmeneinhergeht. Im FE-Modell kann die Variable keinen Erklärungsbeitrag zur Höhedes Steueraufkommens leisten. Dies kann daran liegen, dass Variationen desSteuersatzes im Zeitverlauf eher selten und zudem in kaum merklichem Ausmaßerfolgen. Fixe Effekte messen ausschließlich, welcher Effekt sich bei der abhängigen Variablen einstellt, wenn sich die unabhängige Variable verändert. ImOLS-Modell wird dagegen untersucht, wie das Niveau einer unabhängigen Variablen auf die abhängige Variable wirkt, das heißt, ein hoher Hebesatz gehtunter Berücksichtigung der weiteren Determinanten mit einem hohen Steueraufkommen einher.Die Bestimmungsfaktoren BIP und BIP pro Kopf dienen primär als Kontrollvariablen. Grundsätzlich ist zwar von einem positiven Zusammenhang zwischen derökonomischen Größe und dem Wohlstandsniveau eines Bundeslandes mit demSteueraufkommen auszugehen. Möglicherweise wird dieser Zusammenhangjedoch von den weiteren Determinanten, insbesondere der Gewinngröße, überlagert oder durch Multikollinearität verzerrt.Der Grad der Internationalisierung der Unternehmen eines Bundeslandes wirddurch zwei Variablen abgebildet: durch die Summe des Bestands an ausländischenDirektinvestitionen in Deutschland und der deutschen Direktinvestitionen imAusland (FDI) sowie die Summe aus Exporten und Importen eines Jahres (Außenhandel). Die Verwendung einer Bestands- und einer Stromgröße soll dabeidie Aussagekraft der Ergebnisse erhöhen, da sowohl das Niveau (Bestandsgröße)als auch die Dynamik (Stromgröße) der Internationalisierung berücksichtigtwerden. Es zeigt sich, dass in Bundesländern, in denen Unternehmen viele Berührungspunkte mit dem Ausland haben, die Steuereinnahmen unter Berücksichtigung der weiteren Faktoren höher sind als in Bundesländern, deren Unternehmerschaft hauptsächlich national agiert und die gleichzeitig verhältnismäßigwenig im Blickpunkt ausländischer Unternehmen als möglicher Standort stehen.54

IW-Trends 2. 2015UnternehmenssteuernDemnach fallen bei einer Steigerung des Außenhandelsvolumens um 1 Prozentdie Gewerbesteuereinnahmen um 0,2 Prozent bis 0,4 Prozent höher aus. Fürinternationale Direktinvestitionen ist der ökonomische Effekt schwächer. EineIntensivierung der internationalen Wirtschaftsbeziehungen in Form des FDI-Bestands um 1 Prozent geht einher mit einem Plus der Gewerbesteuereinnahmenzwischen 0,01 Prozent und 0,06 Prozent. Gleichwohl belegt auch dieses Ergebnis die Vorteilhaftigkeit international aufgestellter Unternehmen für das deutscheSteueraufkommen. Während im OLS-Modell die Koeffizienten beider Variablen– Außenhandel und FDI – auf einen statistisch signifikanten, positiven Zusammenhang mit dem Steueraufkommen hinweisen, verliert der Koeffizient für FDIim FE-Modell seine statistische Signifikanz (FE 1–3). Eine Erklärung hierfür kann– ähnlich wie beim Hebesatz – die im Zeitverlauf eher geringe Veränderungsrate der Bestandsgrößen sein.Robustheitsanalyse bestätigt den positiven Beitrag von MNUEin weiterer Grund für die statistisch weniger robusten Ergebnisse des FDI-Koeffizienten im FE-Modell kann die Interaktion mit der Variablen für Außenhandelsein (r 0,92). Als Robustheitstest werden daher die beiden Variablen Außenhandel und FDI separat in die Schätzung eingesetzt, wobei für FDI der gesamteBestand („inward plus outward“) und ausschließlich der Bestand deutscher Direktinvestitionen im Ausland (Outward FDI) betrachtet werden (Tabelle 3).Hintergrund für die Fokussierung auf FDI ist, dass Gewinnverlagerung grundsätzlich erst bei bestehenden Konzerngesellschaften im Ausland möglich ist.Alle genannten Varianten bestätigen die bisherigen Ergebnisse: Bundesländer,in denen die Unternehmen ihre wirtschaftliche Verflechtung mit dem Auslandvia Handel (OLS4 und FE4) oder FDI (OLS5, FE5, OLS6, FE6) intensivieren, weisenhöhere Steuereinnahmen auf. Dabei spiegelt der Koeffizient für FDI zum Teileinen leicht stärkeren Zusammenhang mit den Steuereinnahmen wider, als wennzusätzlich der Außenhandel berücksichtigt wird. Sofern die Summe aus Gewerbe- und Körperschaftsteuern als abhängige Variable betrachtet wird, verändertdas die Kernaussage der Analyse im Übrigen nicht.55

IW-Trends 2. 2015UnternehmenssteuernRobustheitsanalyseTabelle 3Ordinary Least Squares (OLS) und Fixed Effects Modell (FE); obere Werte: Koeffizientenmit Signifikanzniveau; untere Werte: 1***0,0861**0,01060,0301GewerbesteuerhebesatzBIPR2 adjustedR2 withinFE60,0610*** 0,0326***Outward **2,2335***0,08500,18070,12550,17990,00771,6993*** 2,2412***0,10830,18470,4684*** –0,25180,6559*** –0,5166***0,6149*** –0,4248***0,06460,06560,06390,2622–0,4396*** ** –2,4342*** –0,7007*** 99040,91940,9194Anzahl der Beobachtungen für alle Modelle: 288 (16 Bundesländer x 18 Jahre).Quellen: Deutsche Bundesbank; Statistisches 05Schlussfolgerung und AusblickIn den Bundesländern mit hohen Unternehmensgewinnen fällt das Aufkommenaus Unternehmenssteuern höher aus. Ebenso nachvollziehbar ist die Überlegung,dass bei gegebenem Gewinnvolumen ein höherer Steuersatz zu einem höherenAufkommen führt. Die entscheidenden Bestimmungsfaktoren Handelsvolumenund FDI zeigen ebenfalls einen positiven Zusammenhang mit dem Steueraufkommen, der sich im Schätzmodell weitgehend als statistisch signifikant erweist.Dies lässt wesentliche Schlüsse vor dem Hintergrund der aktuellen Diskussionzur Steuergestaltung großer Unternehmen zu. Aus makroökonomischer Sichttragen international operierende Unternehmen demnach – bei gleichem Bruttogewinn – nicht weniger zum Steueraufkommen bei als rein national agierende Unternehmen. Der Fiskus sollte daher Unternehmen wertschätzen, die auf56

IW-Trends 2. 2015Unternehmenssteuernden internationalen Märkten Erfolge e

ne Transaktionen zu versteuerndes Einkommen zwischen Ländern transferieren, also Preise höher oder geringer setzen, als es ihrem ökonomischen Wertschöp-fungsbeitrag entspricht (Fuest et al., 2005). Als Vehikel werden im Rahmen der Geschäftsbeziehungen zu