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PUNKTE Vorwort:PUNKTE Vorwort 30.08.09 12:41 Seite 29PUNKTE (1952 / 62)für Orchester1(Aus dem Vorwort der Partitur. )PUNKTE für Orchester, eine Partitur punktueller Musik von 1952, habe ich1962 neugeschrieben. In der Neuschrift sind Punkte nur selten einfache Tonpunkte: sie werden zu Zentren von Gruppen, Pulks, Schwärmen, vibrierenden Massen; zu Kernen mikromusikalischer Organismen.Zur Differenzierung der ursprünglichen Punkte habe ich vier Gestalttypenverwendet: ein Punkt wird nach oben oder nach unten zunehmend breiter;oder ein Tongemisch wird von oben oder von unten zunehmend schmäler, bises in einen Punkt mündet. Verbreiterungen und Verengungen haben charakteristische Texturen (kontinuierliche Töne, Tremolo, Triller; staccato, portato,legato; Glissandi, chromatische Melodien usw.) und charakteristische Farben, Intensitäten, Geschwindigkeiten.Intervallbreiten und Tempi, in denen sich solche Bewegungen vollziehen,bleiben für mehr oder weniger lange Perioden konstant und fassen dadurchgrößere Strukturen zusammen.Beim Komponieren schoben sich zuweilen so viele Klangflächen übereinander, daß mehr Klangvolumen entstand, als leerer Klangraum übrigblieb. (Warum verstehen wir Musik immer nur als Tongebilde im leerenRaum, als schwarze Noten auf weißem Papier? Kann man nicht genausogutvon einem homogen gefüllten Klangraum ausgehen und die Musik aussparen,die musikalischen Figuren, Formen herausradieren?)Ähnlich den erwähnten Positiv-Formen komponierte ich also auchNegativ-Formen: Löcher, Pausen, Schächte mit verschiedenen Gestalten,deren Ränder mehr oder weniger scharf markiert sind.Im weiteren Verlauf der Komposition wechselte ich vom einen zum anderen: einmal formte ich das aus Klangwänden Ausgelassene, ein andermaldas in den leeren Raum projizierte Klingende. Im Grenzbereich sind PositivNegativ-Formen in der Schwebe. Bei Grenzübergängen werden die Formenvieldeutig.1Der Beginn dieses Vorwortes greift zurück auf die 1964 geschriebene Einführung,die bereits in TEXTE Band 3, S. 12–13, veröffentlicht wurde.29

PUNKTE Vorwort:PUNKTE Vorwort 30.08.09 12:41 Seite 30Nach der Uraufführung (1963) überarbeitete ich die Partitur noch zweimal. An einigen Stellen habe ich die Musik angehalten, einen Akkord odereine Gestalt mehrmals wiederholt: Momentaufnahmen. Hier und da habe ichmehrere Kernpunkte mit derselben Farbe – mit demselben Instrument – zumelodischen Zeichen verbunden, die aus dem Klanggrund auftauchen undandeuten, wie man aus dieser Musik zahllose figürliche Gebilde durch diefreie Verknüpfung einzelner Punkte heraushören kann.Ich sehe ein Orchester, in dem jeder Musiker jeden – scheinbar so unbedeutenden – einzelnen Ton mit Sorgfalt und Liebe spielt und mit dem Bewußtsein, daß für ein lebendiges Ganzes jedes noch so kleine Teilchen wichtigund gut ist.Ich sehe einen Dirigenten, der die atomistischen Strukturen so sehr mit Bewußtsein durchdrungen hat, daß er die höheren Gestaltbildungen zu einemgroßen Organismus zusammenwachsen läßt, in dem sich die einzelnen Elemente nicht mehr gegenseitig zerstören, sondern einander erhöhen. EinenDirigenten, der die geheime Identität der musikalischen Schwingungen mitden Schwingungen alles mikro- und makrokosmischen Lebens kennt.Ich sehe ein Auditorium mit Menschen, die genügend empfindsam gewordensind, sich des Zusammenhangs zwischen der Existenz jedes Punktes in derMusik und ihrer eigenen Existenz ganz bewußt zu sein: der Teilchen ihrerPerson und ihrer Person im Kosmos. Die bis in die letzten Atome ihrer unbewußten Schichten die Schwingungen der Musik eindringen lassen und sodie Musik dazu benutzen, sich selbst tiefer kennenzulernen, sich selbst undihre Bedeutung im Ganzen. Menschen, die durch diese Musik selbst zuMusik werden.Die PUNKTE sind Francesco Agnello gewidmet, in dessen Haus in Siculiana(Sizilien) ich die Neuschrift 1962 begonnen habe.Die Partitur der PUNKTE ist bei der Universal Edition Wien erschienen.30

PUNKTE Vorwort:PUNKTE Vorwort 30.08.09 12:41 Seite 31Am 15. Mai 1975 dirigierte ich die PUNKTE mit dem Sinfonie-Orchesterdes Norddeutschen Rundfunks in einem öffentlichen Konzert in Hamburg.Zu diesem Anlaß entstand eine Aufnahme, die 1991 auf Compact Disc e2 inder Stockhausen-Gesamtausgabe beim Stockhausen-Verlag, 51515 Kürten,veröffentlicht wurde.Die Universal Edition Wien ließ die Partitur bei einer ungarischen Firma inBudapest stempeln. Die Korrekturen der Andrucke zogen sich über etwa 14Jahre hin, und ich änderte im Verlaufe dieses Prozesses manche Details.Vom 1. bis 6. Februar 1993 dirigierte ich die korrigierte Fassung derPUNKTE mit dem Sinfonie-Orchester des Hessischen Rundfunks Frankfurt inProben, zwei Aufführungen im gleichen Konzert am Abend des 5. Februars,und in Aufnahmen am 5. und 6. Februar.Besetzung3 Flöten (alle 3 auch kleine Flöte, 3. Flöte auch Altflöte)3 Oboen (1. auch Oboe d’amore, 3. auch Englisch Horn)1 kleine Klarinette (EB-Klarinette)1 Klarinette (B-Klarinette)1 Baßklarinette3 Fagotte (3. auch Kontrafagott)3 Hörner (1. hoch, 2. mittel, 3. tief), jedes auch mit Dämpfer, gestopft.3 Trompeten1 Tenorposaune1 Baßposaune (oder Tenorposaune mit Quartventil)1 Baßtuba (auch mit Dämpfer)31

PUNKTE Vorwort:PUNKTE Vorwort 30.08.09 12:41 Seite 322 Klaviere (2. auch Celesta)2 Harfen3 Schlagzeuger: 1. Röhrenglocken, Kastenglockenspiel,2 Pedalpauken (hoch, tief) harte Schlägel,2. Vibraphon(mit Motor)88864Violinen IViolinen IIBratschenCelliKontrabässe14424433. Marimbaphon weiche Schlägel:verschiedene harteund verschiedeneweiche Schlägel nachAngabe des Dirigenten verwenden.individuelle StimmenFür c. l . col legno (mit Holz und Haaren gezogen), zweiten Bogenvorbereiten. Jede Spielvorschrift p iz z. , ar co , s. p . (sul ponticello), c. l . (col legno), n or m. (normal) löst die vorige ab.Alle Töne klingen wie notiert. Ein Vorzeichen ( #, b) gilt immer nur für dieeine Note, vor der es steht; n dienen manchmal zur Lesehilfe.32

PUNKTE Vorwort:PUNKTE Vorwort 30.08.09 12:41 Seite 33Die Tempi müssen genau eingehalten werden:Metronom 50 ,5 53 ,5 57 60 63 ,5 67 71 75 ,5 80 85 90 95 10 1 10 7 11 3, 5 12 0 usw.accel.molto accel.rit.molto rit. bis zum doppelten Tempo,bis zum vierfachen Tempo,bis zum halben Tempo,noch mehr verlangsamen.Programmierung – ProbenAm 5. Februar 1993 dirigierte ich die PUNKTE mit dem Sinfonie-Orchesterdes Hessischen Rundfunks in Frankfurt zweimal nacheinander. Zwischen denbeiden Aufführungen hielt ich eine Einführung in die Aufführungspraxis desWerkes, wobei das Orchester sitzen blieb. Es folgte eine Pause, in der dasPodium abgeräumt und mit dem Aufbau der Synthesizer, spanischen Wändeund einer besonderen Beleuchtung die anschließende Aufführung vorbereitetwurde:ENTFÜHRUNG für Piccolo-Flöte (Kathinka Pasveer)WOCHENKREIS für Bassetthorn und elektr. Tasteninstrumente(Suzanne Stephens und Simon Stockhausen)Klang- und Lichtregie: K. Stockhausen.Man sollte wegen der umfangreichen Proben, besonderen Sitzordnung usw.außer PUNKTE kein anderes Orchesterwerk im gleichen Programm aufführen.Folgende Proben sind mit einem guten Orchester das Minimum, vorausgesetzt, daß in den ersten beiden Tagen ein zweiter Dirigent in einem anderenSaal mit einstudiert. In Frankfurt übernahm Lukas Vis, der PUNKTE schonvorher dirigiert hatte, diese Aufgabe.33

PUNKTE Vorwort:PUNKTE Vorwort 30.08.09 12:41 Seite 34Stockhausen1. Tag9.30–14.00 Violinen16.30–21.00 Bläser2. Tagidem3. Tag9.30–14.00 Streicher16.30–21.00 alle anderen4. Tag9.30–14.00 Tutti(nachmittags Proben derKammermusik-Werke)5. Tag10.00–13.00 Tutti(mit Aufnahme)VisBratschen, Celli, Kontrabässe2 Klaviere, Harfen,SchlagzeugidemWenn kein zweiter Dirigentmit einstudiert, sind bis zurAufführung 7 Tage notwendig.20.00 Konzert2 Aufführungen mit AufnahmeKammermusik6. Tag3410.00–13.00 NachaufnahmeSpieldauer:ca. 27 Minuten

PUNKTE Vorwort:PUNKTE Vorwort 30.08.09 12:41 Seite 35Orchester-Sitzplan35

K. StockhausenPUNKTE für OrchesterDie Aufführungen von PUNKTE haben ergeben, daß folgende Instrumente mit Mikrophonen verstärktwerden müssen:1Jede der beiden Harfen mit 2 Mikrophonen, eines unten und eines oben neben den Saiten;2jeder der beiden Flügel (ohne Deckel!) mit 2 Mikrophonen, eines über der obersten Oktave, ein zweitesdaneben schräg zu den unteren Saiten gerichtet, gezielt auf C1;3die 4 Kontrabässe mit je einem Mikrophon.4Dirigent und Klangregisseur sollten mit 2 Sendern zum Orchester und miteinander sprechen können.Sie benötigen dazu 2 Monitor-Lautsprecher auf der Bühne und einen beim Mischpult.In der Mitte des Saales regelt ein Klangregisseur an einem kleinen Mischpult (14 –π 2) die Balancezwischen diesen Instrumenten und dem Orchester, sowie die Sender.2 x 2 Lautsprecher werden für die Verstärkung links und rechts am Rande des Orchesters etwa 4 m hochgehängt:Die Verstärkung der genannten Instrumente ist auch während der Proben notwendig.

Man sollte wegen der umfangreichen Proben, besonderen Sitzordnung usw. außer PUNKTE kein anderes Orchesterwerk im gleichen Programm auf-führen. Folgende Proben sind mit einem guten Orchester das Minimum, vorausge-setzt, daß in den ersten beiden Tagen ei