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N UTZT IE RH A LTUN GSPEZIALINFORMATION ÜBER DIE 27. IGN-TAGUNG:Tierzucht und Tierschutz-Herausforderungenan eine tierschutzgerechte Zucht von Nutztieren03. – 04.DEZEMBER 2014FRIEDRICH-LOEFFLERINSTITUTINSTITUT FÜR TIERSCHUTZUND TIERHALTUNGDÖRNBERGSTR. 25 – 2729223 CELLETIERZUCHTInformationsbroschüre der IGN e.V. über aktuelle Ergebnisse aus der Forschung zum Wohlbefinden der Tiere.

REDAKTIONDr. Antonia PattDepartment of Animal and Avian SciencesUniversity of MarylandCollege Park, MD 20742, [email protected] SPEZIAL – Information über die27. IGN-Tagung: Tierzucht und Tierschutz-Herausforderungenan eine tierschutzgerechte Zucht von NutztierenHerausgegeben mit Unterstützungder Felix-Wankel-Stiftung, Heidelberg,des Schweizer Tierschutzes, Basel,des Zürcher Tierschutzes und vonVier Pfoten International Wien.REDAKTIONSKOMMISSIONDr. A. C. Wöhr · MünchenDr. N. Keil · TänikonDr. C. Maisack · Bad SäckingenProf. Dr. B. Puppe · DummerstorfProf. Dr. J. Troxler · WienProf. H. Würbel · BernInternetadresse: www.ign-nutztierhaltung.chISBN 978-3-9524555-0-02NUTZTIERHALTUNG SPEZIAL TIERZUCHT

N U T Z T I E R H A L T U N GVORWORTSehr geehrte Leserin, sehr geehrter Leser,mit der zweiten Ausgabe der Informationsschrift NUTZTIERHALTUNG SPEZIAL der Internationalen Gesellschaft für Nutztierhaltung, dürfen wir Ihnen die Vorträge und Diskussionsergebnisse der 27. IGN-Tagung Tierzucht und Tierschutz –Herausforderungen an eine tierschutzgerechte Zucht von Nutztieren vorstellen. Die Tagung fand vom 03. –  04. Dezember2014 in Kooperation mit dem Institut für Tierschutz und Tierhaltung des Friedrich-Loeffler-Instituts in Celle statt.S P E Z I A LDie IGN hat zum Ziel, auf wissenschaftlicher Grundlage dietiergerechte Haltung, Zucht, Ernährung und Behandlung vonNutztieren zu fördern. Durch ein breitgefächertes Fachwissensollen langfristig tragende, nachhaltige Lösungen erarbeitetwerden, die eine tiergerechte Tierzucht und Tierhaltung ermöglichen. Diese Tagung hatte zum Ziel, nicht nur das aktuelleWissen zu leistungsassoziierten Problemen bei Geflügel,Rindern und Schweinen aufzuzeigen, sondern auch Lösungsmöglichkeiten zu diskutieren: Was muss getan werden, umZielkonflikte zwischen Tierzucht und Tierschutz aufzulösen?I G N - T A G U N GUm sich dieser Frage zu stellen, hat die Internationale Gesellschaft für Nutztierhaltung (IGN) gemeinsam mit dem Institut fürTierschutz und Tierhaltung des Friedrich-Loeffler-Instituts Referentinnen und Referenten aus den Bereichen Politik, Wissenschaft,Tierschutzverbänden, Zuchtunternehmen und Ethik eingeladen,ihre Sichtweise und Einschätzung der Problematik darzulegenund gemeinsam zu diskutieren.Liebe Leserin und lieber Leser, wir freuen uns, Ihnen nun eineZusammenfassung der Referate und eine Darstellung derErgebnisse mit dieser NUTZTIERHALTUNG SPEZIAL vorstellen zu können. Die NTH-Spezial wird auch als PDF auf derWebsite der IGN ng-spezial) zur Verfügung stehen. Ich möchtemich an dieser Stelle herzlich bei Frau Dr. Antonia Patt für dieZusammenstellung und wissenschaftliche sowie redaktionelle Bearbeitung der Referate bedanken sowie bei allenReferentinnen und Referenten der Tagung für Ihre aktiveMitarbeit an dieser Ausgabe.DR. CAROLINE WÖHR · PRÄSIDENTIN DER IGN3

EDITORIALHAUPTGEBÄUDE DES INSTITUTSFÜR TIERSCHUTZ UNDTIERHALTUNG, FLIIm Zusammenhang mitder hohen Leistungseffizienz von Nutztieren werden unter anderem Gesundheitsprobleme und kurze Nutzungsdauern diskutiert.Derartige Tierschutzprobleme wie auch dasTöten nicht „nutzungsfähiger“, männlicher Legeküken werden von derÖffentlichkeit immerweniger akzeptiert.Die von der IGN und dem Institut für Tierschutz und Tierhaltungdes Friedrich-Loeffler-Instituts im Dezember 2014 organisierteTagung Tierzucht und Tierschutz – Herausforderungen an einetierschutzgerechte Zucht von Nutztieren‘ beleuchtete möglicheZielkonflikte zwischen Leistungsselektion und Tierschutz von unterschiedlichen Seiten. Als Referierende und Diskutierende warenVertreterinnen und Vertreter aus Politik, Wissenschaft, Tierschutzverbänden, Zuchtunternehmen und Justiz beteiligt.Berichtet und diskutiert wurden über staatliche Förderprogrammefür die stärkere Berücksichtigung funktionaler Merkmale in derTierzucht und die Perspektive eines Tierschutzverbandes aufleistungsassoziierte Probleme. In tierartspezifischen Beiträgenwurden diese Probleme vertieft dargestellt, es wurden aber auchmoderne züchterische Ansätze zur Verbesserung funktionalerMerkmale erläutert und dargestellt, zu welchem Anteil sie inaktuellen Zuchtwertschätzungen berücksichtigt werden. Konkretwurde auch auf Strategien zur Vermeidung des Tötens männlicher Legeküken, züchterische Anstrengungen zum Verzicht aufSchnabelkupieren bei Legehennen, die Folgen sehr großerWürfe in der Schweinehaltung und die tierschutzgerechteTötung lebensschwacher Ferkel eingegangen. Weitere Beiträgebeschäftigten sich mit Ergebnissen der Diversitätsforschung undNutzungspotentialen alter Hühnerrassen, mit den Auswirkungendes sogenannten „Qualzuchtparagrafen“ des Tierschutzgesetzessowie mit philosophischen Gedanken zur Sichtbarkeit vonNutztieren in der Gesellschaft.Deutlich wurde, dass Tierzucht zu tierschutzrelevanten Problemenführen kann, wenn sie zu einseitig auf Leistungsmerkmaleabzielt, gleichzeitig aber auch Lösungschancen für bestehendeProbleme bietet, etwa zur Vermeidung nicht-kurativer Eingriffeam Tier. Einzigartig an dieser Tagung war, dass die Vertreterinnen und Vertreter der Pole der Diskussion um leistungsassoziierteTierschutzprobleme sich auf fachlich hohem Niveau miteinanderausgetauscht haben. Dies ist der Offenheit und Sachlichkeit derReferierenden, aber auch der Mit-Diskutierenden zu verdanken.So konnten Folgen züchterischer Selektion auf die Tiere,gesellschaftliche Ansprüche an Tierzucht und Tierhaltung, sowieMöglichkeiten und Schwierigkeiten bei der züchterischenUmsetzung dieser Anforderungen auf konstruktive Weise dargelegt und diskutiert werden.Die Beiträge dieser Tagung und auch die spannenden Diskussionen sind in diesem Sonderheft nachzuvollziehen. Wir dankenden Referierenden für ihre Bereitschaft, sich offen der Diskussiongestellt zu haben und dafür, dass sie ihre Beiträge auch in schriftlicher Form zur Verfügung gestellt haben.DR. LARS SCHRADER4NUTZTIERHALTUNG SPEZIAL TIERZUCHT

Förderung von Gesundheit undRobustheit landwirtschaftlicher Nutztiere6Tierzucht aus Sicht des Tierschutzes –Was erwarten Tierschutzverbändevon der Forschung?8Entwicklung der Selektion aufTierschutz-Merkmale und Nachhaltigkeitbei Aviagen – Hähnchen und Puten14Tierschutzaspekte in der Legehennenzucht22Genetische Diversität beim Haushuhn –Potenziale alter Rassen26Änderung des § 11 b des DeutschenTierschutz-gesetzes – eine Chance fürden Tierschutz?30Politiken produktiver Körper –Zur Sichtbarkeit von Nutztieren34Die hochleistende und gesundeMilchkuh – ein Traum?38Aktuelle Zuchtmerkmale undderen Gewichtung in der Milchviehzucht42Aktuelle Zuchtmerkmale undderen Gewichtung in der Schweinezucht46Die Folgen der großen Ferkelwürfefür den Tierschutz50Anforderungen an eine tierschutzgerechteTötung von Saugferkeln im Bestand54Zusammenfassung der Diskussionsbeiträge60I G N - T A G U N G12S P E Z I A LTierschutz beim MastgeflügelN U T Z T I E R H A L T U N GINHALTSVERZEICHNIS5

Förderung von Gesundheit und Robustheit landwirtschaftlicher NutztiereDR. BERNHARD M. POLTENReferat für Tier und Technik, Bundesministeriumfür Ernährung und Landwirtschaft, D-53123 Bonn,[email protected] Quellen beschreiben den Einzug von Ackerbauund Viehzucht in Europa aus Kleinasien und terminieren diesvor etwa 10 bis 15 Tausend Jahren. Die Tiere wurden versorgtund gegen Feinde beschützt. Der Tierhalter gewann von diesenTieren Milch, Eier, Fleisch aber auch Felle, Häute u.a. mehr.Erste Züchtervereinigungen sollen im 19. Jahrhundert entstandensein. Diese hatten vorrangig das Ziel, bestimmte Merkmaleim Rahmen der Auswahl zu verstärken oder abzuschwächen.Diese organisierte Zucht ist deshalb so interessant, weil auchin diesem Zeitrahmen 1838 Charles Darwin seine Evolutionstheorie vorstellte. Im weiteren Sinne sind dies Beispiele für Theorieund Praxis.bisherigen Förderungsgrundsatz „Genetische Qualität landwirtschaftlicher Nutztiere“ ab. Ziel ist dabei die Gesundheitund Robustheit landwirtschaftlicher Nutztiere zu verbessern.In diesem Zusammenhang wurden fünf Ziele unter „1.1 Verwendungszweck“ festgelegt.DIE FÖRDERUNG ZIELT AB AUF: Züchterische Verbesserung der Gesundheit und Robustheitlandwirtschaftlicher Nutztiere. Dabei werden dafür relevanteMerkmale erhoben, ausgewertet und für die Abschätzungder genetischen Qualität der Tiere zur Erreichung eines züchterischen Fortschritts aufbereitet. V erbesserung der Datengrundlage für züchterische Beurteilungen und züchterische Entscheidungen bei Merkmalen derGesundheit und Robustheit. Erhöhung der Gewichtung von Merkmalen der Gesundheitund Robustheit bei Selektionsentscheidungen.Unabhängig davon entwickelten sich ab 1850 auch erste Tierschutzvereine. Zunächst im Vereinigten Königreich und späterauch in Deutschland. Rechtliche Regelungen wurden erst in derzweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts festgelegt. Seit Mitte des20. Jahrhunderts hat die Tierzucht durch gezielte Selektionsprogramme mit Leistungsprüfung und Zuchtwertschätzung eineerhebliche Veränderung erfahren. Die Erzeugung von Milch,Eiern oder Fleischzuwachs wurde pro Tier erheblich gesteigert.Ab den 80er Jahren wurde auch EU-einheitlich ein entsprechendes Tierzuchtrecht geschaffen. Die unterschiedlichen Richtlinienund Entscheidungen wurden in einem nationalen Tierzuchtgesetz und dazugehörigen Verordnungen umgesetzt. Zuletzt wurde das Gesetz im Jahre 2006 umfassend geändert und andie EU-Vorschriften angepasst. Auf der Grundlage des europäischen und der Umsetzung des nationalen deutschen Tierzuchtrechtes haben insbesondere die Züchtervereinigungen erhebliche Möglichkeiten. Sie müssen zwar formale Vorgaben fürein Zuchtprogramm einhalten, wie sie die einzelnen Merkmalejedoch auswählen und gewichten, bleibt ihnen überlassen. ImRahmen der behördlichen Prüfungen für eine Anerkennung einerZuchtorganisation nach Tierzuchtrecht müssen diese formalenVorgaben geprüft werden, Zuchtziele und Gewichtung könnenjedoch nicht beeinflusst werden. Verbesserte Information für Abnehmer von Zuchtprodukten(Landwirte) über die Veranlagung im Bereich Gesundheitund Robustheit auch im Rahmen von Stichproben oderWarentests.Mit dem Ziel, dennoch Einfluss auf die Gestaltung der Merkmale zu nehmen, bestehen im Grundsatz verschiedene Möglichkeiten, eine davon ist eine Förderung geeigneter Programme.Milchkühe/Rinder: Beschleunigung des züchterischen Fortschritts in Bezug aufgesundheits- und robustheitsrelevante Merkmale und damiteine Verbesserung der Tiergesundheit und Robustheit inder Praxis und, in geeigneten Fällen, der Verlängerung derNutzungsdauer der landwirtschaftlichen Nutztiere.Förderfähig sind nur die in einem landwirtschaftlichen Unternehmen entstehenden Kosten für die Datenerhebung und Datenauswertung von Merkmalen zu Gesundheit und Robustheit.Dies muss durch eine tierzuchtrechtlich anerkannte Zuchtorganisation oder eine Kontrollvereinigung, und zwar unter Aufsichtder Fachbehörde, erfolgen. Routinekontrollen oder andereMerkmale und deren Erfassung werden von einer Förderungausgeschlossen.Die Zuwendungen werden in Form von Zuschüssen bis zu 60 %der förderfähigen Kosten als sub-ventionierte Dienstleistunggewährt. Die Höhe des Zuschusses ist auf folgende Höchstbeträge begrenzt: 10,23 je kontrollierte Kuh/Jahr, 8,70 je kontrollierte Mutterkuh/Jahr,FörderungIm Rahmen der Gemeinschaftsaufgabe des Bundes und derLänder zur Verbesserung der Agrarstruktur und des Küstenschutzes (GAK) konnte im GAK-Rahmenplan 2015 eine neueMaßnahme der Förderbereich 6 „Gesundheit und Robustheitlandwirtschaftlicher Nutztiere“ eingeführt werden. Sie löst den6NUTZTIERHALTUNG SPEZIAL TIERZUCHT 3,36 je vollständig erfasstes Mastrind,Schweine: 0,55 je vollständig erfasstes Mastschwein, 6,35 je kontrollierte Sau und Jahr,

Nutzungsdauer 8,70 je kontrolliertes Tier/Jahr, natürliche Hornlosigkeit (nur bei Ziegen) 0,61 je kontrolliertes Mastlamm.In der Anlage 1 sind die mindestens zu erhebenden Merkmale bei Milchkühen, Mutterkühen, Mastrindern, Sauen, Mastschweinen, Schafen, Ziegen und Mastlämmern erfasst. Damitsind Schafe und Ziegen erstmalig in einen derartigen Fördergrundsatz aufgenommen.MINDESTENS ZU ERHEBENDE MERKMALEMilchkühe: Eutergesundheit (somatische Zellen,Auftreten von Mastitits) Robustheit (Exterieurbeurteilung, Geburtsverlauf) F ruchtbarkeit (Erstkalbealter, Zwischenkalbezeit,Anzahl Kalbungen, Totgeburtenrate) natürliche HornlosigkeitMutterkühe: Robustheit (Exterieurbeurteilung) natürliche HornlosigkeitMastrinder:Entscheidend für die Beurteilung im Rahmen der GAKFörderung ist, dass die einzelnen Bundesländer entsprechendeProgramme auflegen und kofinanzieren müssen. Das bedeutet,dass eine Förderung von Bundesseite nur gewährt wird, wennauch das Land selber Finanzmittel zur Verfügung stellt und einentsprechendes Programm auflegt. So können die Länder z.B.bestimmte Tierkategorien aussuchen oder zusätzliche Merkmalevorgeben.Durch die Festlegung von Merkmalen, die einen starken Bezugzu Gesundheit und Robustheit besitzen, soll als Mindestauflagedie für eine Zuchtwertschätzung zur Verfügung stehende Datenmenge und damit die Sicherheit der ermittelten Zuchtwertegesteigert werden. Damit können diese Merkmale höher imGesamtzuchtziel gewichtet und daher besser in den Fokus derZuchtprogramme gerückt werden. Dies ist insbesondere deshalb wichtig, weil diese Merkmale von Natur aus eine geringere Erblichkeit als die klassischen Leistungsmerkmale besitzen.Dieser Nachteil lässt sich nur durch eine höhere Menge anInformationen kompensieren. Genau dies soll mit der Neuausrichtung des Fördergrundsatzes erreicht werden.Derzeit werden beispielsweise bei Milchkühen auch genomischeDaten zur Zuchtwertschätzung herangezogen. Die Kombinationmit qualitativ hochwertigen phänotypischen Informationen sollteden Zuchtfortschritt für Merkmale der Gesundheit und Robustheit in besonderem Maße dienlich sein. Dies ist derzeit Ansatzvieler Forschungsprojekte im Bereich der Nutztierzucht. Gesundheit (vorzeitige Abgänge, Abgangsursachen) Entwicklungsvermögen (Wachstum) SchlachtbefundeSauen: Nutzungsdauer (Anzahl Würfe, Abgängeund Abgangsursachen) Fruchtbarkeit(Anzahl tot und lebend geborener Ferkel)Mastschweine: Robustheit (vorzeitige Abgänge und Ursachen) SchlachtbefundeSchafe/Ziegen: Eutergesundheit (nur bei Milchschafen/Milchziegen) Robustheit FruchtbarkeitDR. BERNHARD M. POLTEN7I G N - T A G U N G Nutzungsdauer RobustheitS P E Z I A L Stoffwechselstabilität (Fett/Eiweiß-Quotient,Harnstoffgehalt der Milch)MASTLÄMMER:N U T Z T I E R H A L T U N GSchafe/Ziegen:

Tierzucht aus Sicht des Tierschutzes – Was erwarten Tierschutzverbändevon der Forschung?DR. BRIGITTE RUSCHEDeutscher Tierschutzbund e.V., Akademie für Tierschutz,Spechtstr. 1, D-85579 Neubiberg,[email protected] Tierzucht hat erhebliche, häufig auch negative Auswirkungen auf das Wohlergehen landwirtschaftlich genutzter Tiere.Tierzucht ist daher schon lange ein Thema für den DeutschenTierschutzbund.Wir haben bei dem Versuch eines Sachverständigengutachtens des BMEL zur Zucht von Nutztieren mitgewirkt,waren auf EU Ebene an dem Projekt SEFABAR (SEFABAR 2003)beteiligt und haben in der Allianz für Tierschutz eine Tagungzum Thema in Deutschland ausgerichtet (Allianz für Tiere in derLandwirtschaft 2008).Es existieren sowohl auf deutscher als auch auf EU-Ebene tierschutzrechtliche Grundlagen für die Tierzucht. Laut dem Abschnitt„Zuchtmethoden“ im Anhang der EU-Richtlinie (98/58/EG)zum Schutz landwirtschaftlicher Nutztiere ist es untersagt, natürliche oder künstliche Zuchtmethoden, die den Tieren Leidenoder Schäden zufügen, anzuwenden. Zudem dürfen Nutztierenur gehalten werden, wenn aufgrund ihres Phäno- oder Genotyps davon ausgegangen werden kann, dass die Haltung ihreGesundheit und ihr Wohlergehen nicht beeinträchtigt (Richtlinie98/58/EG). Auch Paragraph 11 Abschnitt 1 des deutschenTierschutzgesetzes verbietet züchterische Maßnahmen, die beiden Tieren zu derart umgestalteten Organen führen, dass dieseSchmerzen, Leiden oder Schäden verursachen, bzw. die zuVerhaltensstörungen führen oder eine Haltung nur unter Schmerzen und Leiden möglich machen (TierSchG §11b). Trotz dieserVorschriften leiden bis heute Millionen Tiere allein in Deutschland unter den Folgen der Zucht auf hohe Mastleistung, hoheReproduktionsleistung, sowie unerwünschten Zuchtfolgen. Alsein Beispiel für Probleme aufgrund des Wachstums sind hierdie Masthühner zu nennen, denn bei diesen wurde in den letzten 30 Jahren die Zeit bis zum Schlachtgewicht von 10 aufweniger als 6 Wochen verringert. Erhöht wurde dagegen seitden 50 er Jahren der Brustanteil, von 18 auf ca. 24 Prozent derGesamtkörpermasse. Die Lauffähigkeit dieser Tiere ist vor allemzum Ende der Mast hin häufig erheblich eingeschränkt. Da dieZuchtziele bei Puten ähnlich sind, treten bei diesen ebenfallsdeutliche Einschränkungen der Mobilität auf. In Studien wurde festgestellt, dass bis zu 90 Prozent aller Tiere in schnellwachsenden Masthühner- und Putenherden Gangauffälligkeiten aufweisen (Erhard und Rauch 2014, Berk 2006) (Abb. 1).Die möglichen Ursachen für eine verminderte Lauffähigkeit beiGeflügel sind vielfältig und bisher noch nicht abschließendgeklärt. Ein hoher Brustmuskelanteil kann zu einer Störung desGleichgewichts und einer Hemmung der Bewegungsmotivation8NUTZTIERHALTUNG SPEZIAL TIERZUCHTAbb. 1: NICHT LAUFFÄHIGES MASTHUHN EINERSCHNELLWACHSENDEN ZUCHTLINIEführen. Zudem treten häufig, vermutlich aufgrund der hohenWachstumsgeschwindigkeit, verschiedene, möglicherweiseschmerzhafte, degenerative Prozesse in Knochen und Stützapparat der Tiere auf. Ausserdem führen diverse Fehlstellungen derExtremitäten zu einer verminderten Mobilität. Fraglich ist weiterhin, ob auch durch züchterische Manipulation des Verhaltenseine allgemein verringerte Bewegungsmotivation hervorgerufenwurde. Fest steht, dass noch erheblicher Forschungsbedarf zuUrsachen und Zusammenhängen der verminderten Lauffähigkeitbesteht. Studien mit freiwilliger Schmerzmittelaufnahme durchlahmende Masthühner und Schmerzmittelverabreichung an BUT6 Putenhähne haben gezeigt, dass die Tiere nach Schmerzmittelapplikation eine verbesserte Lauffähigkeit aufwiesen (Danburyet al. 2000, Buchwalder und Huber-Eicher 2005). Noch zuklären ist allerdings, ab welchem Schweregrad von Gangauffälligkeiten tatsächlich Schmerzen auftreten und was genaudiese verursacht. Da es sich hierbei höchstwahrscheinlich umein multifaktorielles Geschehen handelt, muss das Gesamtbildan möglichen Ursachen berücksichtigt werden, nicht lediglicheinzelne Komponenten wie z.B. die Tibiale Dyschondroplasie. Nicht zu bezweifeln ist allerdings die Tatsache, dass daserheblich gesteigerte Gewicht der schnellwachsenden PutenElternhähne dazu führt, dass sie zu schwer für den natürlichenTretakt sind und daher die Fortpflanzung nur durch künstlicheBesamung möglich ist. Aus der Sicht der Tierschutzverbändesind spätestens hier nicht nur die biologischen sondern auchdie ethischen Grenzen für den Umgang mit den Tieren überschritten.Aufgrund der negativen Korrelation von Mast- und Fortpflanzungsleistungen kommt es auch bei der züchterischen Spezialisierung auf die Reproduktionsleistungen von Tieren zu tierschutzrelevanten Problemen bei beiden Geschlechtern (Abb. 2).Bei Legehennen beispielsweise wurde die Legeleistung von

KagfreilandMastküken4 TageLegehenneMasthuhn18 TageLegehenne 400 gMasthuhn 2000 g34 TageAbb. 2: UNTERSCHIEDE IM WACHSTUM VON MASTHÜHNERN UND LEGEHENNENI G N - T A G U N GNicht nur Mast- und Reproduktionsleistungen können zu Schmerzen, Leiden oder Schäden führen, auch das Verhalten führt zuerheblichen Problemen in der heutigen Tierhaltung. Ob diverseVerhaltensweisen auch durch die Zucht beeinflusst wurden bzw.überhaupt beeinflusst werden können, ist zum Teil noch nichtabschließend geklärt. Klar ist, dass beispielsweise die Futteraufnahme von Masthühnern züchterisch manipuliert wurde.Bei Masttieren ist eine hohe Futteraufnahme sehr erwünscht,um ein schnelles Wachstum der Muskulatur zu gewährleisten.Bei den Masthuhn-Elterntieren ist hingegen eine hohe Reproduktionsleistung erwünscht, diese wird jedoch durch eine hoheFutteraufnahme und darauf folgender Verfettung gemindert undkann aus diesem Grunde nur durch eine restriktive Fütterungder Elterntiere realisiert werden. Der Futterentzug führt zu einemerheblichen Hungergefühl und daraus entstehenden Stereotypien und ist daher tierschutzwidrig (Heyn et al. 2006). Versuchemit modifizierter Fütterung (weniger energiedicht) haben keineErfolge gezeigt. Unklar ist, ob das Verhalten der landwirtschaftlich genutzten Tiere während der Zucht unabsichtlich beeinflusstwurde beziehungsweise zukünftig manipuliert werden kann. Soist insbesondere der Problemkomplex Federpicken/Kannibalismus in der Puten- und Legehennenhaltung ein enormes Problem,welches zurzeit mit der Maßnahme des Schnabelkürzens lediglich kaschiert wird (Abb. 3).S P E Z I A Letwa 150 Eiern im Jahr 1960, auf heutzutage fast 300 Eier/Jahr gesteigert. Gleichzeitig sind zunehmende Erkrankungender Legeorgane und eine verstärkte Brüchigkeit der Knochenbei Legehennen zum Problem in der Eierproduktion geworden. Da die männlichen Küken der Legelinien zuchtbedingtnur eine sehr schlechte Mastleistung aufweisen, werden diese direkt nach dem Schlupf getötet, allein in Deutschland sinddies etwa 45 Millionen Küken pro Jahr. Ein aus ethischer Sichtunhaltbarer Zustand. Ähnlich stellt sich die Situation bei denRindern dar: die Milchleistung von hochleistenden Milchkühenbetrug im Jahr 1990 noch durchschnittlich 4700kg/Jahr. Biszum Jahr 2013 hat sich diese auf durchschnittlich 7400 kg/Jahr erhöht. Die Folgen sind vermehrt Mastitiden, Stoffwechselerkrankungen und Klauenprobleme. Auch hier ergibt sich für diemännlichen Nachkommen eine problematische Situation, dadiese aufgrund der züchterischen Spezialisierung ebenfalls eineschlechte Mastleistung aufweisen und sich deren Mast daherwirtschaftlich kaum rentiert. Eine Zeit lang hat die EU sogar denLandwirten eine so genannte Herodesprämie bezahlt, wenn sieauf die Aufzucht der männlichen Kälber verzichtet haben. Inder Schweinezucht führt die verstärkte Selektion auf hohe Wurfzahlen und Einkreuzung dänischer Linien zu Problemen. DieFerkelzahlen pro Wurf sind zum Teil so hoch, dass vermehrt besonders leichte und lebensschwache Ferkel vorkommen. Zudemübersteigt die Anzahl der Ferkel häufig die der Zitzen der Sau,sodass Ammensauen oder eine künstliche Aufzucht zum Einsatzkommen müssen.Vielfach werden die lebensschwachen Tiereauch getötet, um sich die aufwändigere Aufzucht zu ersparen.N U T Z T I E R H A L T U N GLegekükenAbb 3: PUTE MIT PICKVERLETZUNGEN IN KONVENTIONELLER HALTUNGBesonders Putenhähne zeigen zum Teil erhebliche Aggressionen ihren Artgenossen gegenüber, was zu hohen Verlustenführen kann. Bei Legehennen geht man heute davon aus, dassdas Federpicken aus einem fehlgeleiteten Futtersuchtrieb herausentsteht. Es wurde eine geringe Heritabilität für dieses Merkmalfestgestellt, es kann also züchterisch beeinflusst werden (Rodenburg et al. 2003). Unklar ist, ob eine hohe Legeleistung derHenne zu Federpicken oder Kannibalismus führen kann. Vorallem bei Puten stellt sich die Frage, ob das Federpicken in diesem Ausmaß zum natürlichen Verhaltensrepertoire der Tiere gehört, und wenn ja, ob man das Verhalten überhaupt züchterischbeeinflussen kann und sollte? Da das Problem auch in extensiver Haltung auftritt, stellt sich die Frage nach der prinzipiellenEignung dieser Tierart für die landwirtschaftliche Tierhaltung.In der Schweinehaltung stellt das Schwanzbeißen ein großesProblem dar, dem, analog zum Schnabelkürzen beim Geflügel,mit dem Kürzen der Schwänze begegnet wird. Schwanz-9

beißen ist ein multifaktorielles Geschehen. Es kann als Folgevon Schwanzspitzennekrosen oder anderen Umweltfaktorenauftreten oder in Zusammenhang mit geschwisterlichen Rangkämpfen (Jaeger 2013). Wie weit es auch genetisch beeinflussbar ist, muss noch geklärt werden. Anzeichen dafür gibtes jedenfalls (Breuer et al. 2005, Camerlink et al. 2015,Brunberg et al. 2013). Es wird deutlich, dass ohne differenzierte Untersuchungen nur schwer abzuschätzen ist, auf welcheUrsache eine beobachtbare Verhaltensänderung zurückzuführen ist. Auch das bereits erwähnte Bewegungsverhalten vonMasthühnern zählt zu diesem Problemkomplex. Es stellt sichdie Frage, ob die verminderte Mobilität der Tiere verhaltensbedingt ist und somit durch die Zucht beeinflusst wurde, oder aberaufgrund von schmerzhaften Erkrankungen des Bewegungsapparates bzw. durch das unphysiologisch hohe Gewicht undBrustmuskelanteil, auftritt. Auch das Haltungssystem muss hierbei in Betracht gezogen werden, denn eventuell bewegt sichdas Masthuhn auch aufgrund der herrschenden Reizarmut unddes begrenzten Platzangebotes nur ungern. Wahrscheinlichist eine Kombination der verschiedenen Faktoren. Durch dentechnischen Fortschritt auch in der Tierzucht entstanden Zuchtmethoden wie das Klonen und der Embryotransfer. Aus SichtAbb. 4: ARTGEMÄSSE FREILANDHALTUNG VON SCHWEINENder Tierschutzorganisationen bergen diese Methoden, abgesehen von der Belastung dieser Eingriffe für betroffene Tiere, dasPotential zuchtbedingte Probleme noch zu verschlimmern undderen Verbreitung zu fördern, und sollten deshalb nicht verwendet werden. Auch die weit verbreitete künstliche Besamung birgtGefahren. So führt die Verbreitung der Gene nur weniger Tieremit Hochleistungsmerkmalen zu einer genetischen Verarmungund Inzuchtgefahr. Diese fragwürdige Entwicklung zeichnetsich heutzutage vor allem in der Milchrinderzucht ab (DanchinBurge et al. 2011).Es bleibt also festzuhalten, dass der Fokus der Tierzucht nachwie vor auf Leistungssteigerungen liegt und damit teilweiseerhebliche Schmerzen, Leiden und Schäden für die Tiere einhergehen. Die erste Forderung im Interesse des Tierschutzesist daher: das bereits geltende Tierschutzrecht muss umgesetztund Qualzuchten müssen verboten werden. Zudem müssen die10NUTZTIERHALTUNG SPEZIAL TIERZUCHTgeltenden Zuchtziele verändert werden, weg von der einseitigen Hochleistungszucht, hin zu Merkmalen wie Langlebigkeitund langer Nutzungsdauer, Robustheit, Anpassungsfähigkeit anverschiedene Gegebenheiten, vielseitige Nutzungsmöglichkeiten, sowie Freilandtauglichkeit. Robustheit und Anpassungsfähigkeit ist dabei so zu verstehen, dass die Tiere z.B. klimatische Schwankungen ebenso verkraften wie ein vielseitigesFutterangebot und nicht, dass sie die Unfähigkeit eines Haltersverkraften sollen (Abb. 4). Sowohl für die Durchsetzung desTierschutzrechtes als auch für die Konzeption einer tierschutzgerechten Zucht wird die Hilfe der Wissenschaft benötigt,die eine umfassende Analyse der zuchtbedingten Problemedurchführen muss. Besonders muss hier auf eine klare Differenzierung von Ursache und Wirkung der Probleme geachtetwerden, die Belege im Fall eines Rechtsstreites liefern kann.Zudem müssen die Leistungen und deren direkte und indirekte Folgen für das Tier evaluiert, sowie lang- und kurzfristigeLösungsansätze für akute Tierschutzprobleme entwickelt werden. Für die Tierzucht in der Zukunft sollte die Wissenschafteinen systematischen Rahmen mitgestalten, dazu gehört die Festlegung von vertretbaren Zuchtzielen mit dem Wohl des Tieresim Fokus, sowie die Festlegung von wissenschaftlich fundiertenGrenzwerten für Mast-, Milch- und Legeleistungen. Zudem mussjeglicher züchterischer Maßnahme eine Folgen- und Risikoabschätzung für direkte und indirekte Zuchtfolgen vorausgehen.Neue Zuchtziele sollten nicht von den vorhandenen Hochleistungs-Zuchtlinien ausgehen, sondern von robusten Rassen, diekeine oder wenige zuchtbedingte Probleme aufweisen. Eineerneute Nutzung dieser vorhandenen alten Rassen würde auchder erheblich bedrohten genetischen Vielfalt der landwirtschaftlich genutzten Tiere zugute kommen. Die Verfügbarkeit diesertraditionellen Rassen ist zumindest im Geflügelbereich laut derZuchtunternehmen gesichert. Zudem wäre es wünschenswert,wenn die Wissenschaft die Zuchtaktivitäten der Unternehmentransparent begleiten könnte. Dies setzt allerdings die Veröffentlichung von Zuchtdaten durch die Unternehmen voraus, wasoffenbar aufgrund des Wettbewerbs in der Branche laut derZuchtfirmen nicht möglich ist. Eine größere Transparenz in derMasthuhn-Zucht wird jedoch auch seitens der European FoodSafety Authority (EFSA) befürwortet (EFSA 2010). Falls eine Einsichtnahme in Zuchtdaten nicht möglich ist, sollte die Wissenschaft versuchen Zuchtprogramme nachzustellen und auf ihreTierschutzkonformität hin zu überprüfen. All diese Maßnahmenmüssen darauf fokussiert sein, dass jedes Tier – auch ein vomMenschen gezüchtetes – ein artgerechtes Leben ohne Leidenund Schmerzen führen kann.DR. BRIGITTE RUSCHE

Die aktuelle Hochleistungszucht führt für die Tiere zuSchmerzen, Leiden und Schäden und verstößt gegengeltendes Tierschutzrecht. Korrekturen sind dringenderforderlich. Hierzu sind aktuell Verbote und weiterhinVeränderungen der Zuchtziele erforderlich. In beidenFällen ist der aktive Beitrag der Wissenschaft dringenderforderlich.L I T E R AT U R A N G A B E NJaeger F, 2013. Das Projekt „intakter Ringelschwanz“ beimSchwein - stehen wir vor dem Durchbruch? TierärztlicheUmschau 68, 3-11Rodenburg TB et al. 2003. Heritability of feather peckingand open-field response of laying hens at two different ages.Poultry Science 82, 861-867SEFABAR, 2003. SEFABAR - Sustainable European FarmAnimal Breeding and Reproduction Deutsche InformationsbroschüreS P E Z I A LAllianz für Tiere in der Landwirtschaft, 2008. Tagung „Aspekteder Zucht landwirtschaftlicher Nutztiere“. Berlin: s.n.Heyn E et al., 2006. Vergleichende Untersu

27. IGN-Tagung: Tierzucht und Tierschutz-Herausforderungen an eine tierschutzgerechte Zucht von Nutztieren Herausgegeben mit Unterstützung der Felix-Wankel-Stiftung, Heidelberg, des Schweizer Tierschutzes, Basel, des Zürcher Tierschutzes und von Vier Pfoten International Wien. IMPRESSUM