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Nicola DöringZur Operationalisierung von Geschlecht imFragebogen: Probleme und Lösungsansätze aus Sichtvon Mess-, Umfrage-, Gender- und Queer-Theorie12ZusammenfassungSummaryEs existiert kaum ein Forschungsfragebogenin den Sozialwissenschaften, in dem nichtroutinemäßig auch das Geschlecht abgefragtwird. Die entsprechende Frage samt Antwortalternativen scheint aus Sicht der Umfragepraxis simpel: Man lässt die Befragten einfach„männlich“ oder „weiblich“ ankreuzen. Dervorliegende Beitrag problematisiert dieseErfassung von Geschlecht in Forschungsfragebögen. Es werden unterschiedliche Operationalisierungsformen (Einzel-Items undpsychometrische Skalen) vorgestellt und ausSicht der Gender- und Queer-Theorie, aberauch der Mess- und Umfragetheorie sowieder Forschungsethik kritisch hinsichtlich ihrer Vor- und Nachteile diskutiert. Der Beitragwill dazu anregen, a) Geschlecht reflektierter zu operationalisieren, b) verschiedeneOperationalisierungsformen in zukünftigenMethodenstudien zu prüfen und c) die Operationalisierungsprobleme beim Konstrukt„Geschlecht“ im Rahmen der Methodenlehre ausdrücklich zu behandeln.On the operationalization of sex and genderin research questionnaires: Problems and solutions from the perspective of measurement,survey, gender and queer tionalisierung, Gender-Theorie, Queer-Theorie,Messtheorie1There is hardly a research questionnaire in thesocial sciences that does not ask respondentsto indicate their sex or gender. The questionplus its possible answers appears simple:respondents only need to check “male” or“female”. This article questions these routinesex/gender items in surveys. Different ways ofoperationalizing sex and gender (single itemmeasures as well as psychometric scales) arepresented and discussed from the point ofview of gender and queer theory, measurement and survey theory, as well as researchethics. The article aims to inspire a) a morereflected operationalization of sex and gender, b) methodological studies on the characteristics of different types of sex/genderoperationalizations, and c) a more thoroughdiscussion of problems concerning sex/gender operationalizations in social science research teaching.Keywordsquestionnaire, gender, operationalization,gender theory, queer theory, measurementtheoryEinführungKein Fragebogen ohne Geschlechtsabfrage – das ist die Forschungsrealität in den Sozialwissenschaften. Dabei wird Geschlecht meist als dichotome Variable erhoben, indem mandie Befragten ankreuzen lässt, ob sie „männlich“ oder „weiblich“ sind. Der vorliegende12Der Beitrag entstand im Rahmen des Thüringer Verbundprojektes GeniaL „Gender in der akademischen Lehre an Thüringer Hochschulen“, gefördert vom Thüringer Ministerium für Bildung,Wissenschaft und Kultur (TMBWK).GENDER Heft 2 2013, S. 94–1137 Gender2-13 OT Döring 094 113.indd 9431.05.2013 13:30:57

Zur Operationalisierung von Geschlecht im Fragebogen95Beitrag diskutiert diese etablierte Operationalisierung von Geschlecht aus methodischen(Messtheorie, Umfragetheorie) sowie aus inhaltlichen Blickwinkeln (Gender-Theorie undQueer-Theorie) und nicht zuletzt aus Sicht der Forschungsethik. Die klassische Operationalisierung von Geschlecht erweist sich dabei als problematisch, wenn nicht gänzlichunbrauchbar. Mögliche Alternativen werden vorgestellt und in ihren Vor- und Nachteilenabgewogen. Der Beitrag endet mit Empfehlungen für einen reflektierten Umgang mit derOperationalisierung von Geschlecht in der Forschungspraxis sowie der Methodenlehre.2Wozu wird Geschlecht in der empirischen Sozialforschungerhoben?Die routinemäßige Erhebung von Geschlecht in der quantitativen wie qualitativen Sozialforschung verfolgt vor allem vier Zielsetzungen:a) Geschlecht als soziodemografische Variable zur Stichprobenbeschreibung: Zusammen mit anderen soziodemografischen Merkmalen (Alter, Wohnort etc.) dient dieGeschlechtsangabe später der Stichprobenbeschreibung der Studie. Sozialstatistische Variablen werden meist am Ende eines Fragebogens abgefragt; in qualitativenStudien wird vor oder nach einem Interview oft ein entsprechender Kurzfragebogengenutzt.b) Geschlecht als Filtervariable zur Auswahl passender Fragen: Zuweilen wird einFragebogen ausgeteilt oder im Internet bereitgestellt, bei dem ein Teil der Fragennur von einer bestimmten Geschlechtsgruppe zu beantworten ist (z. B. Fragen zuMenstruationsbeschwerden oder Prostatakrebsvorsorge). Hier wird dann ganz amAnfang des Fragebogens nach dem Geschlecht (sowie ggf. nach weiteren Filtervariablen) gefragt, sodass per Filterführung jeder Person nur die für sie passendenFragen präsentiert werden.c) Geschlecht als Kontrollvariable zur Verhinderung von Geschlechtsblindheit bei derAuswertung: Zunehmend wird die Variable Geschlecht nicht nur zur Stichprobenbeschreibung oder Filterführung genutzt, sondern auch routinemäßig in die inhaltlichen Auswertungen einbezogen. Eine Datenauswertung summarisch über Männerund Frauen hinweg abzuwickeln, wird heute oft als „geschlechtsblind“ kritisiert.Eine solche Geschlechtsblindheit könnte z. B. dazu führen, dass geschlechtsspezifische Benachteiligungen ignoriert oder gar verleugnet werden (so setzt eine Analysegeschlechtsspezifischer vertikaler und horizontaler Segregation des Arbeitsmarkteseine Aufsplittung der entsprechenden Statistiken nach Geschlecht voraus). GenderMainstreaming als offiziell von der Europäischen Gemeinschaft verfolgter Ansatzder Gleichstellungspolitik hat das Ziel, in allen gesellschaftlichen Bereichen dieLebenswirklichkeiten von Männern und Frauen gleichermaßen zu berücksichtigen,und verlangt es, statistische Auswertungen immer auch nach Geschlecht aufzuschlüsseln (zum Gender Mainstreaming von Umfragen siehe z. B. European Foundation for the Improvement of Living and Working Conditions 2007).d) Geschlecht als theoretisch relevante Variable zur Hypothesenprüfung oder Hypothesenbildung: Bei einigen empirischen Studien wird Geschlecht ausdrücklich inGENDER 2 20137 Gender2-13 OT Döring 094 113.indd 9531.05.2013 13:31:01

96Nicola Döringdie inhaltliche Hypothesenprüfung bzw. Hypothesenbildung einbezogen. Eine ungünstige Operationalisierung von Geschlecht hat in dieser Konstellation aus wissenschaftstheoretischer Sicht weitreichende Folgen, weil fehlerhafte Theorieentwicklungen resultieren würden. Der Stellenwert des Konstrukts „Geschlecht“ imRahmen der Theorie kann unterschiedlich sein: Theoretisch wird das biologische und/oder soziale Geschlecht in den Sozialwissenschaften meist als unabhängige Variable bzw. Ursachenfaktor betrachtet(z. B. wird theoriebasiert vorhergesagt, dass und wie sich Menschen aufgrundihres Geschlechts in ihrem Verhalten und Erleben unterscheiden). Wird Geschlecht nicht direkt als Ursachenfaktor betrachtet, dann oft zumindestals vermittelnde Moderator- oder Mediatorvariable: Geht man davon aus, dassein bestimmter Ursache-Wirkungs-Mechanismus bei einem Geschlecht stärkerausgeprägt ist als bei einem anderen, hat Geschlecht den Status einer Moderatorvariable. Beispiel: Ein Medikament (die unabhängige Variable) verändertden Blutdruck (die abhängige Variable), wobei es bei Männern besser wirktals bei Frauen – dann ist das Geschlecht die Moderatorvariable. Wenn dagegentheoriebasiert vermutet wird, dass Geschlecht in einer Kausalkette ein notwendiges Bindeglied darstellt, damit überhaupt ein Effekt zustande kommt, dannhat es den Status einer Mediatorvariable. Beispiel: Personen, die ihre Umweltund die Erwartungen ihrer Mitmenschen sensibel wahrnehmen (soziale Sensibilität als unabhängige Variable), sind stärker depressionsgefährdet (Depressivität als abhängige Variable), wobei dieser Effekt kausal vor allem dadurchzustande kommt, dass die Betreffenden sich bei sozialer Sensibilität stärker anGeschlechtsrollenerwartungen des Umfelds orientieren, und zwar auf Kostenihrer individuellen Bedürfnisse (Geschlechtsrollenkonflikte als Mediatorvariable; vgl. Blashill/Vander Wal, 2010). Seltener wird umgekehrt untersucht, wie sich bestimmte Determinanten aufdas Geschlecht einer Person als abhängige Variable auswirken (z. B. Einflussbiologischer, familiärer, kultureller Faktoren auf die Entwicklung maskuliner,femininer oder androgyner Geschlechtsidentität; Einfluss situativer Faktorenauf das aktuelle Geschlechtsrollenverhalten: Doing Gender).Wenn es also gute Gründe dafür gibt, Geschlecht zu erfassen, stellt sich die Frage, wiees geeignet zu erheben bzw. zu operationalisieren ist. Varianten der Operationalisierung (vgl. Bortz/Döring, 2006: 62ff.) laufen bei der Fragebogenmethode als der nebendem Interview in der empirischen Sozialforschung populärsten Datenerhebungstechnikdarauf hinaus, dass unterschiedliche Fragebogen-Items verwendet werden. Ein Fragebogen-Item besteht dabei immer aus einer Frage oder einem Statement inklusive derzugehörigen Antwortmöglichkeiten.In der Forschungspraxis sind formal zwei Varianten der Operationalisierung vonGeschlecht verbreitet: zum einen die Erfassung mittels eines einzelnen FragebogenItems (Einzel-Item, single item measure) und zum anderen mittels einer psychometrischen Skala (psychometric scale), die aus mehreren, zu einem Gesamtwert zusammenzufassenden Items besteht. Beide Typen der Operationalisierung werden im Folgendengetrennt betrachtet. Dabei liegt der Schwerpunkt auf Einzel-Items, da diese in nahezuGENDER 2 20137 Gender2-13 OT Döring 094 113.indd 9631.05.2013 13:31:01

Zur Operationalisierung von Geschlecht im Fragebogen97jedem Forschungsfragebogen genutzt werden, während Gender-Skalen viel seltenerzum Einsatz kommen.3Probleme bei der Erhebung von Geschlecht mittelseinzelner Fragebogen-ItemsDas typische Einzel-Item zur Erfassung von Geschlecht im Fragebogen lautet:Geschlecht: männlich weiblichHier wird also die Kurzform eines Statements („Geschlecht:“) mit einer zweifach gestuften Antwortvorgabe („ männlich, weiblich“) kombiniert. Von diesem EinzelItem existieren einige bedeutungsgleiche Formulierungsvarianten mit verschiedenenStatements bzw. Fragen (z. B. „Dein Geschlecht:“; „Was ist Ihr Geschlecht?“).Die Abfrage mit diesem Einzel-Item hat den Vorteil, dass sie kurz und knapp gehalten ist. Da das deutsche Personenstandsrecht nur die Geschlechtsausprägungen „männlich“ und „weiblich“ kennt und das Geschlecht in unserer Gesellschaft als zentralesPersonenmerkmal aufgefasst wird, findet in allen gesellschaftlichen Bereichen permanent eine entsprechende Einordnung und Abfrage statt (Personalausweis, Krankenakte,Versicherungsvertrag etc.). Damit sollte das Beantworten dieses Items für die Mehrheitder Befragten in der Regel problemlos möglich sein. Die Operationalisierung erzeugthier eine sogenannte nominalskalierte, kategoriale bzw. qualitative Variable mit zweiAusprägungen, die auch als dichotome oder binäre Variable bezeichnet wird. Den Ausprägungen werden in der Regel für statistische Analysen die numerischen Werte 0 und1 oder 1 und 2 zugeordnet.Obwohl sich diese Operationalisierung von Geschlecht stark etabliert hat, birgt siedoch eine Reihe von – selten diskutierten – ernsthaften Problemen.Messtheoretisch verlangen wir von nominalskalierten Variablen, dass sie die Kriterien der Eindeutigkeit, Exklusivität und Exhaustivität erfüllen (vgl. Bortz/Döring 2006:140), was im vorliegenden Fall jedoch nicht gegeben ist: Eindeutigkeit: Das gemessene Merkmal und jede Ausprägung müssen genau definiert sein. Ist den Forschenden wie Befragten eindeutig bewusst, was mit „Geschlecht“, mit „männlich“ und „weiblich“ gemeint ist? Woher weiß man bei demItem beispielsweise, ob nach dem biologischen oder dem sozialen Geschlechtgefragt wird? Bei der Operationalisierung von Geschlecht muss immer beachtetwerden, dass es sich um ein mehrdimensionales Konstrukt handelt. Mindestensbiologisches Geschlecht („sex“) und soziales Geschlecht („gender“) sind nach vorherrschendem Verständnis der Gender-Forschung in der Tradition von Rubin (1975)konzeptuell zu differenzieren, und weisen jeweils noch diverse Subdimensionenauf. In der empirischen Sozialforschung wird dies bis heute jedoch weitgehendignoriert. In der angloamerikanischen Literatur werden die Items „sex: male / female“ und „gender: male / female“ sogar meist synonym verwendet. VagheitGENDER 2 20137 Gender2-13 OT Döring 094 113.indd 9731.05.2013 13:31:01

98 Nicola Döringbei der Formulierung der Frage/des Statements ist jedoch messtheoretisch unzulässig, weil damit das zu messende Konstrukt uneindeutig ist.Exklusivität: Jede Befragungsperson muss genau in eine der vorgegebenen Variablen-Ausprägungen fallen, d. h., die Antwortalternativen müssen sich wechselseitig ausschließen. Dies ist bei der konventionellen Operationalisierung jedoch nichtgegeben. Denn eine Person kann sich als „weiblich und männlich“ oder als „weder weiblich noch männlich“ definieren. Wenn sie bei dem hier betrachteten Itemdementsprechend beide Antwortvorgaben ankreuzt bzw. beide unangekreuzt lässt,um ihr Geschlecht zu beschreiben, produziert sie einen ungültigen bzw. fehlendenWert, da ihr Antwortmuster nicht unterscheidbar ist von einer Scherzantwort oderAntwortverweigerung.Exhaustivität: Jede mögliche Merkmalsausprägung muss abgedeckt sein. Doch dasist nicht der Fall. Was ist beispielsweise mit Ausprägungen wie „intersexuell/intergeschlechtlich“ oder „transsexuell/transident“? Zwar ist im Alltagsverständnis undauch in vielen Teilen des wissenschaftlichen Diskurses ein binäres Geschlechtermodell verankert, Gender- und Queer-Forschung haben aber nachgewiesen, dassbei jeder Dimension von Geschlecht, also etwa beim sozialen wie auch beim biologischen Geschlecht, von mehr als zwei Ausprägungen auszugehen ist. Jede Dimension von Geschlecht ist damit als polytome Variable aufzufassen. Die Schwierigkeitbesteht darin, jeweils möglichst alle relevanten Ausprägungen jenseits der Männlich/Weiblich-Dichotomie zu identifizieren und angemessen zu etikettieren.3.1 Einzel-Items zur Erfassung des biologischen GeschlechtsEin pragmatischer Lösungsansatz für die genannten Probleme könnte eine leichte Modifikation des klassischen Geschlechts-Items darstellen, indem das zu messende Konstrukt präzisiert und aus dem geschlossenen binären Antwortformat ein halboffenesItem mit drei Antwortalternativen wird:Biologisches Geschlecht: männlich weiblich anderes, und zwar:Damit wäre gender-theoretisch zumindest klargestellt, welche Hauptdimension von Geschlecht angesprochen werden soll. Gleichzeitig ist das messtheoretische Kriterium derEindeutigkeit erfüllt.Das Konzept des biologischen oder körperlichen Geschlechts (englisch sex) beziehtsich auf körperliche Geschlechtsmerkmale, insbesondere auf genetische (Geschlechtschromosomen), hormonelle (Mengenverhältnis der Geschlechtshormone) sowie vor allem auf – teilweise sichtbare – anatomische Merkmale (äußere und innere Geschlechtsorgane). Dementsprechend sind beim biologischen Geschlecht diverse Subdimensionenzu unterscheiden, die im Einzelfall jeweils unterschiedliche Ausprägungen haben können (z. B. chromosomales, gonadales, hormonelles, morphologisches, zerebrales Geschlecht). Dass das biologische Geschlecht ein komplexes Konstrukt ist, zeigt sich in derPraxis z. B. anhand der sogenannten Geschlechtsüberprüfungen („sex tests“) im Wett-GENDER 2 20137 Gender2-13 OT Döring 094 113.indd 9831.05.2013 13:31:01

Zur Operationalisierung von Geschlecht im Fragebogen99kampfsport, bei denen ganz unterschiedliche Indikatoren genutzt wurden und werden,um eine Athletin als biologische „Frau“ zu klassifizieren, was dann auch zu unterschiedlichen Ergebnissen bei ein und derselben Person führen kann (z. B. Martínez-Patiño 2005).Oft wird das biologische Modell der Zweigeschlechtlichkeit als „natürlich“ oder„angeboren“ verstanden, tatsächlich ist es aber als soziale Konstruktion zu verstehen(vgl. Voß 2011). Denn nicht nur gibt es unterschiedliche biologische Geschlechtsindikatoren; auf den einzelnen Indikatoren gibt es zudem graduelle Abstufungen, sodassdie binäre Einteilung in biologisch männlich oder weiblich sozial vorgenommen wird.Dies geschieht heute meist bereits vor der Geburt, definitiv aber bei der Geburt. Manspricht deswegen auch vom Geburtsgeschlecht oder korrekter vom „bei der Geburtzugewiesenen Geschlecht“ (FAAB: female-assigned at birth; MAAB: male-assignedat birth). Diese Geschlechtszuweisung wird amtlich dokumentiert (Geburtsurkunde,Personalausweis) und spiegelt sich auch in einem geschlechtsspezifischen Vornamenwider. Damit wird ein essentialistisches Modell der Zweigeschlechtlichkeit verankert,das durch mindestens zwei Phänomene infrage zu stellen ist. Das Phänomen der Intersexualität (siehe Exkurs 1) verdeutlicht, dass es mehr als zwei biologische Geschlechtergibt. Und das Phänomen der Transsexualität (siehe Exkurs 2) belegt, dass körperlicheGeschlechtsmerkmale bei der Geburt nicht ausschlaggebend dafür sein müssen, welchem Geschlecht sich eine Person zugehörig fühlt.Bei der Erfassung des biologischen Geschlechts bzw. des Geburtsgeschlechts nur„männlich“ und „weiblich“ abzufragen ist somit unvollständig. Durch die Zusatzkategorie „anderes“ wird eine erschöpfende Abdeckung aller denkbaren biologischenGeschlechtsausprägungen gewährleistet (Exhaustivität). Auch die Exklusivität ist gesichert, denn wer das eigene biologische Geschlecht nicht eindeutig als männlich odereindeutig als weiblich einordnet, sondern sich beispielsweise beiden Kategorien oderkeiner der beiden Kategorien zuordnet, kann „anderes“ ankreuzen und durch das halboffene Format („anderes, und zwar: “) das eigene Geschlecht auch spezifizieren (z. B. „intersexuell“). „Anderes“ als offene Sammelkategorie zu belassen und nichtdurch weitere Antwortvorgaben auszudifferenzieren, hat vor allem zwei Vorteile: Zunächst einmal müssen im Sinne der Forschungsökonomie keine theoretischen und methodischen Anstrengungen zur angemessenen Untergliederung unternommen werden.Zudem bleibt das Item kurz und knapp.Exkurs 1: Intersexualität/ZwischengeschlechtlichkeitDass das biologische bzw. körperliche Geschlecht nicht „von Natur aus“ binär ist,sondern mit teilweise sehr radikalen Methoden erst dazu gemacht wird, zeigt sichbesonders eindrücklich am Phänomen der Intersexualität (bzw. zutreffender, da es sichnicht um eine sexuelle Orientierung handelt: Zwischen- oder Intergeschlechtlichkeit),das in den letzten Jahren an gesellschaftlicher Sichtbarkeit gewonnen hat. Man sprichtvon „Intersexuellen“, „zwischengeschlechtlich geborenen Menschen“, „Zwittern“oder „Hermaphroditen“, wenn Menschen bei der Geburt uneindeutige körperlicheGeschlechtsmerkmale aufweisen, was sehr unterschiedliche Ursachen haben kann.Zwischengeschlechtliche Anatomie wurde vor dem Hintergrund eines binärenbiologischen Geschlechtermodells lange als Anomalie betrachtet und oft unmittel-GENDER 2 20137 Gender2-13 OT Döring 094 113.indd 9931.05.2013 13:31:01

100Nicola Döringbar nach der Geburt chirurgisch entfernt. Abgesehen von medizinisch notwendigenOperationen, die gesundheitliche Beschwerden beseitigen oder reduzieren, geltennicht-reversible Genitaloperationen im Kindesalter, die allein aus ästhetischen und/oder sozialen Gründen vorgenommen werden, heute zunehmend als ethisch bedenklich.2 Stattdessen wird insbesondere von der Intersexuellen-Bewegung sowie auchin Fachdiskursen gefordert, die natürliche Vielfalt biologischer bzw. körperlicherGeschlechter inklusive Zwischengeschlechtlichkeit gesellschaftlich anzuerkennen.Behandlungsbedarf und Behandlungsstandards für Zwischengeschlechtlichkeit sindGegenstand laufender medizinethischer Auseinandersetzungen. Ebenso werden unterschiedliche Modelle der körperlichen und sozialen Geschlechtsentwicklung inder Geschlechterforschung diskutiert (vgl. Groneberg & Zehnder 2008). Menschenkönnen unter der Uneindeutigkeit ihres körperlichen Geschlechts leiden (v. a. auchangesichts gesellschaftlicher Stigmatisierung) und eine Vereindeutigung wünschen.Sie können aber auch ausdrücklich eine zwischengeschlechtliche Identität ausbilden und sich davon distanzieren, eindeutig weiblich oder männlich sein zu müssen(vgl. Preves 2003). Je nach Definition von Zwischengeschlechtlichkeit schwankendie Prävalenzangaben zwischen 1 700 (Fausto-Sterling 2000), 50 (Preves 2003) und18 (Sax 2002) Intersexuellen pro 100 000 Geburten.Exkurs 2: Transsexualität/TransidentitätDas essentialistische Modell „natürlicher“ biologischer Zweigeschlechtlichkeit wirdzudem infrage gestellt durch das ebenfalls in den letzten Jahren gesellschaftlichpräsenter gewordene Phänomen der Transsexualität (bzw. zutreffender, da es sichauch hier nicht um eine sexuelle Orientierung handelt: Transidentität). Nach heutigem Verständnis der Transidentität in Psychologie und Medizin ist letztlich nicht derKörper, sondern das Erleben – also die Geschlechtsidentität – ausschlaggebend fürdas Geschlecht einer Person: Wer sich selbst als Mann bzw. Frau fühlt, wahrnimmt,definiert, „ist“ Mann oder Frau (vgl. Meyerowitz 2004). Wenn körperliche Merkmale dieser Geschlechtsidentität nicht entsprechen, kann unter bestimmten Bedingungen (in Deutschland entsprechende psychiatrische Diagnose) eine medizinischeAngleichung des Körpers an das Identitätsgeschlecht erfolgen (chirurgische und hormonelle Maßnahmen etc.). Es findet somit keine „Geschlechtsumwandlung“ statt,sondern das Identitätsgeschlecht bleibt konstant, die davon abweichenden und alsstörend empfundenen angeborenen körperlichen Merkmale (vor allem primäre undsekundäre Geschlechtsmerkmale) werden angepasst, sodass die körperlichen Geschlechtsmerkmale dem Identitätsgeschlecht entsprechen (Geschlechtsangleichung).Zusammen mit einer Verhaltensmodifikation (Kleidung, Frisur, Mimik, Gestik etc.)kann im Zuge der Transition nicht nur eine Außenwahrnehmung gemäß Identitätsgeschlecht erreicht werden, sondern auch eine Änderung des geschlechtsspezifischenVornamens sowie des Personenstandes (u. a. Änderung der Geburtsurkunde) erfolgen. Entsprechende Abläufe sind in Deutschland durch das 1981 in Kraft getreteneTranssexuellengesetz TSG juristisch geregelt. Das TSG wurde inzwischen durch eine2Vgl. Online-Diskurs Intersexualität des Deutschen Ethikrates: http://diskurs.ethikrat.org/tag/anhorung/.GENDER 2 20137 Gender2-13 OT Döring 094 113.indd 10031.05.2013 13:31:01

Zur Operationalisierung von Geschlecht im Fragebogen101Reihe von Gerichtsurteilen in seiner Anwendung präzisiert und auch reformiert; es istGegenstand fortlaufender kritischer Debatten.Die Gestaltung der Transition und das Selbstverständnis von transsexuellenMenschen sind sehr vielfältig: Während manche Wert darauf legen, durch möglichstperfekte körperliche Angleichung innerhalb des binären Geschlechtermodells einganz „normaler Mann“ bzw. eine „richtige Frau“ zu sein, definieren sich andere ausdrücklich als transsexuell, transgender oder transident (die Angemessenheit unterschiedlicher Bezeichnungen wird unter Betroffenen wie Fachleuten kontrovers diskutiert) und leben bewusst auch mit uneindeutigen körperlichen Geschlechtsmerkmalen (z. B. Mann-zu-Frau-Transsexuelle mit Bart; Frau-zu-Mann-Transsexuelle mitVagina).Wie bei Intersexualität wird auch bei Transsexualität die medizinische Diagnostik und Behandlung unter ethischen Gesichtspunkten kritisch hinterfragt, so z. B. dieKlassifikation von Transsexualität als Störungsbild im Sinne einer „Gender IdentityDisorder“ gemäß ICD-10 (International Classification of Diseases, World Health Organization) und DSM-IV-TR (Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders,American Psychiatric Association). Eine entsprechende psychiatrische Diagnose istin Deutschland notwendig, damit bestimmte medizinische Maßnahmen durchgeführtwerden dürfen und Krankenkassen Behandlungskosten übernehmen.Ebenso wie bei Intersexualität hängen auch die Angaben zur Prävalenz vonTranssexualität von der Definition ab. Weit gefasste Definitionen schließen Menschenmit ein, deren Geschlechtsidentität teilweise bzw. zeitweise nicht dem Geburtsgeschlecht entspricht (z. B. Cross-Dresser, die temporär die Kleidung des „anderen“Geschlechts tragen), während eng gefasste Definitionen nur diejenigen Personeneinschließen, die eine Transsexualitäts-Diagnose haben und den Transitionsprozessinklusive medizinischer Maßnahmen durchlaufen bzw. durchlaufen haben. In derLiteratur genannte Prävalenzraten für Transsexualität liegen unter denen für Intersexualität und schwanken zwischen 200 (z. B. Olyslager/Conway 2007) und 4 (Veale2008; Baba et al. 2011) Transsexuellen pro 100 000 EinwohnerInnen, wobei offenbarkulturspezifische Unterschiede in der Häufigkeit von Mann-zu-Frau-Transsexuellenund Frau-zu-Mann-Transsexuellen zu verzeichnen sind.Gender- und vor allem queer-theoretische Ansätze weisen gesellschafts- und machtkritisch auf die Ausgrenzung von Geschlechter-Minoritäten wie zwischengeschlechtlichenund transidenten Personen hin (zu Gender- und Queer-Theorie siehe z. B. Gildemeister2010; Degele 2008). Aus queer-theoretischer Perspektive wäre das oben vorgeschlagenehalboffene Einzel-Item mit drei Antwortalternativen zur Erfassung von biologischembzw. körperlichem Geschlecht in verschiedener Hinsicht kritikwürdig und – in Abhängigkeit vom jeweiligen Forschungskontext – durch Alternativen zu ersetzen. Halboffenes Item mit vielfältigen Antwortalternativen: Die Präsentation der Antwortalternativen „ männlich, weiblich, anderes, und zwar: “ lässt sich alssymbolische Affirmation der gesellschaftlich vorherrschenden Geschlechter-Hierarchisierung lesen: Das Männliche steht an erster Stelle, das Weibliche folgt und wersich nicht eindeutig als männlich oder als weiblich einordnet, ist „anders“. Diese FormGENDER 2 20137 Gender2-13 OT Döring 094 113.indd 10131.05.2013 13:31:02

102Nicola Döringder Operationalisierung betreibt – angesichts einer so identitäts- und machtsensiblenKategorie wie Geschlecht – somit symbolisch „Othering“ und grenzt GeschlechterMinoritäten aus. Um dieses Problem abzumildern, könnte man es vorziehen, a) diePräsentationsreihenfolge zu ändern (z. B. Reihung gemäß Häufigkeit in der Zielgruppe; Reihung bewusst konträr zu gesellschaftlichen Hierarchien) sowie vor allem b)Varianten biologischer Geschlechtervielfalt ausdrücklich sichtbar zu machen.Biologisches Geschlecht: weiblich männlich Mann-zu-Frau-transsexuell/transident Frau-zu-Mann-transsexuell/transident intersexuell/zwischengeschlechtlich anderes, und zwar: Ob die Antwortalternativen vielfältig genug, korrekt bezeichnet sowie angemessengereiht sind und überhaupt „biologisches Geschlecht“ bzw. Geburtsgeschlecht betreffen – all dies kann dabei (je nach zugrunde gelegtem Theoriemodell) kontroversdiskutiert werden.Bewusster Verzicht auf die Erfassung von biologischem Geschlecht: Die QueerTheorie würde Forschenden empfehlen, häufiger auf eine Erhebung von biologischemGeschlecht zu verzichten, um dem gesellschaftlichen Vorurteil der allgegenwärtigenBedeutung des Geschlechts bzw. dessen permanenter „Dramatisierung“ entgegenzuwirken. Dies wäre im konkreten Fall eine Botschaft (ggf. in einer Fußnote explizit gemacht) sowohl an die Zielgruppe des Fragebogens (welcher diesmal keine Selbstkategorisierung nach Geschlecht abverlangt wird) als auch an die Wissenschaftsgemeinschaft (welcher eine Studie präsentiert wird, die nicht unreflektiert und „mechanisch“Geschlechtsunterscheidungen produziert; vgl. Frey et al. 2006). Ein völliger Verzichtauf die Erhebung von biologischem Geschlecht kann jedoch im negativen Fall auchzu Geschlechtsblindheit führen (vgl. Kap. 2), etwa wenn auf diese Weise in der Stichprobenbeschreibung gar nicht deutlich würde, dass in einer Studie ausschließlichmännliche Personen untersucht wurden und somit noch offen ist, ob es sich bei denBefunden um allgemeinmenschliche oder spezifisch männliche Phänomene handelt.Umfragetheoretisch stellt eine schriftliche Befragung mittels Fragebogen immer aucheine Kommunikation zwischen Forschungsteam und Befragten dar (vgl. Mummendey/Grau 2008; Bortz/Döring 2006: 252). Dabei sind sowohl sozialpsychologischeProzesse der Eindrucksbildung und Selbstdarstellung zu beachten als auch kognitionspsychologische Aspekte beim Lesen, Interpretieren und Beantworten der einzelnenFragen im jeweiligen Fragebogenkontext. Befragungspersonen, die sich durch die Artder Frageformulierung ausgeschlossen oder diskriminiert fühlen, werden negative Einstellungen gegenüber dem Forschungsprojekt – und schlimmstenfalls sogar gegenüberempirischer Sozialforschung allgemein – entwickeln, möglicherweise die Befragungabbrechen oder ihr Antwortverhalten systematisch modifizieren (z. B. weil sie einervermeintlich vorurteilsbehafteten Forschungsgruppe ganz gezielt ein bestimmtes Bildvermitteln wollen).GENDER 2 20137 Gender2-13 OT Döring 094 113.indd 10231.05.2013 13:31:02

Zur Operationalisierung von Geschlecht im Fragebogen103Während geschlechtersensibilisierte Personen mehr als zwei Antwortvorgaben erwarten, kann die Option „anderes“ für Nicht-Sensibilisierte bereits eine deutliche Irritation oder Provokation darstellen. Da eine Befragung nicht nur eine Datenerhebung,sondern automatisch auch eine Intervention dahingehend darstellt, dass die Art der Fragen die Befragten zum Nach- und ggf. auch Umdenken animieren kann (sogenannteinstrumentelle Reaktivität), mag angesichts der kulturellen Dominanz des Modells derZweigeschlechtlichkeit eine gewisse Irritation bei den Befragten durchaus wünschenswert sein. Diese kann etwa bewirken, dass a) sie darüber nachdenken, welche „anderen“Geschlechtsausprägungen es noch gibt und wie verbreitet sie sind, oder dass b) ihnendurch ein Item mit sechs oder mehr Antwortmöglichkeiten die biologische Geschlechtervielfalt bewusst(er) wird.Es ist jedoch empirisch abzuklären, wie eine wenig sensibilisierte Zielgruppe Geschlechts-Items mit mehr als zwei Ausprägungen aufnimmt. Der Wirkung eines vielleicht wünschenswerten Denkanstoßes steht die mögliche unerwünschte Nebenwirkungnegativer Einstellungen gegenüber dem Forschungsteam bzw. -projekt gegenüber, etwader Eindruck, es würden „unsinnige“

Zur Operationalisierung von Geschlecht im Fragebogen 97 GENDER 2 2013 jedem Forschungsfragebogen genutzt werden, während Gender-Skalen viel seltener zum Einsatz kommen. 3 Probleme bei der Erhebung von Geschlecht mittels einzelner Fragebogen-Items Das typische Einzel-Item zur Erfassung von Geschlecht im Fragebogen lautet: Geschlecht: männlichFile Size: 258KBPage Count: 20