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LogopädieErgotherapieTherapie LernenPhysiotherapieNovember 2014EditorialLiebe Kolleginnen und Kollegen,gemeinsam erreichen wir mehr.Der Zusammenschluss zu VAST imJahr 2013 hat den Fokus der Schulverbände auf die gemeinsame Basis derTherapieberufe gerichtet. Worin bestehtdiese gemeinsame Basis und was unterscheidet uns von einander, wie sieht dasberufsspezifische Profil aus?Wie und woran lehren und lernen wirInterprofessionalität und wie gestalten wirgemeinsam den Therapieprozess? Wokönnen wir uns bei den anstehenden Veränderungen der Ausbildungslandschafteinbringen, wie uns unterstützen, wohinuns entwickeln?Welches Kompetenzprofil, welcheQualifizierung brauchen Lehrerinnen undLehrer in den Gesundheitsberufen um alldies zu ermöglichen? Welche Lehr-Lernarrangements eignen sich, wie kann ELearning unterstützen und wie formuliereich Supervisionsanliegen?Sabine Dingerbdsl-ev.devdes.dephysiotherapievll.deMit der TL können wir uns über dieseFragestellungen informieren aber auchandere an unseren Erfahrungen und Erkenntnissen teilhaben lassen. Wir könnenuns besser kennen lernen, uns austauschen und voneinander lernen und denProfessionalisierungsprozess wesentlichvoranbringen.Die aktuelle Ausgabe der TL beinhaltetwieder ein vielfältiges Themenspektrum.Wir wünschen Ihnen erkenntnisreichesLesen.Herzlichst,die Redaktion der „TL“Sabine Dinger Karin Götsch Vera Wanetschka Karin Götschfür den VLLfür den VDESfür den BDSLVera Wanetschka03

Therapie LernenErgotherapieLogopädiePhysiotherapieNovember 2014INHALT6Therapie Lernen · · · · · Lehren · Lernen · Forschen · · · · ·Das Arbeitstypen-Modell in der Logopädieausbildung:Erste Erfahrungen und AnsätzeHilke Hansen, Osnabrück. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 6Anforderungen an Lehr-Lernarrangements in Gesundheits fachberufenRenate von der Heyden, Bielefeld. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 16E-Learning in der logopädischen AusbildungAngela de Sunda, Ferdinand Binkofski, Bernd Kröger,Peter Aretz, Stefanie Abel, Würzburg, Aachen. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 24Das Ulmer Kompetenzprofil UKP in der praktischen LogopädieausbildungMichaela Beyer & Christiane Müller, Ulm. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 32Kompetenzmessung in der Logopädieausbildung — konzeptionelle Überlegungenzur Implementierung von OSCE als PrüfungsinstrumentDenise Stammer, Kiel. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 40Kompetenzprofil für Lehrende in der LogopädieRegina Beling-Lambek, Bremen. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 5056Therapie Lernen · · · · · Reflexives Lernen in der Praxis · · · · ·Nutzen von Supervisions gruppen bei Veränderungs prozessen in Organisationen —Empirische Untersuchung im BSc-Studiengang Physiotherapie ZHAWDaniela Pernici, Zürich. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 56„Es ist mir ein Anliegen!“ Der Prozess der Anliegenformulierung in der Supervisionim Studiengang Logopädie der Hochschule Fresenius in HamburgStefanie Bühling, Hamburg. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 6472 VAST · · · · · Berufspolitik · · · · ·Ein Jahr „offiziell“ VAST – Verbund für Ausbildung und Studium in den Therapieberufen – gemeinsam ein Profil bildenAndreas Pust, Joachim Rottenecker, Vera Wanetschka . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 72Zum Beschluss des VAST zur Qualifizierung von Lehrkräften an Schulen fürTherapie fach berufeChristoph Dünnwald, Osnabrück. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 7404bdsl-ev.devdes.dephysiotherapievll.de

LogopädieErgotherapieTherapie LernenPhysiotherapieNovember 2014Wir freuen uns über die Unterstützung der BeiratsmitgliederProf. Dr. Heidrun Becker, WinterthurProf. Dr. Hilke Hansen, OsnabrückUlli Hild, UtrechtProf. Dr. Beate Klemme, Bielefeld82 Perspektivwechsel · · · · · Akademisierungsprozess · · · · ·Primärqualifizierende Akademisierung der Logopädie: Position des dbl . . . . . . . . . . . . . . . . . . 82Stellungnahme des DVE zum Akademisierungsprozess . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 84Resolution des Deutschen Verbandes für Physiotherapie zum Akademisierungsprozess. . . . . 86Neue Weiterbildungsangebote für Angehörige der Gesundheitsfachberufe ander Jade Hochschule in OldenburgFrauke Koppelin. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 87Von der höheren Berufsfachschule zur Hochschule – Gedanken zur Durchlässigkeitzwischen den Systemen in der Akademisierungsphase der LogopädieJulia Siegmüller, Katja Becker, Constanze Frenz,Christina Mainka, Bettina Führmann, Rostock. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 88„Chancen und Begrenzungen“ in der Akademisierungs debatteVera Wanetschka, Bremen. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 94100 Vermischtes · · · · ·Europäische Vergleichsstudie GesinE zur Ausbildung in den Gesundheitsfachberufen . . . . . 100Empowerment für die Promotion in den Gesundheitsfachberufen. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 101Kompetenzprofil für die LogopädieMonika Rausch, Katrin Thelen, Isabelle Beudert. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 102Position des BDSL zur klinisch-praktischen Kompetenzentwicklung in der LogopädieVera Wanetschka. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 106BDSL-Förderpreis. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 108Rezensionen. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 63, 99Die Fachartikel 2011 bis 2013 aus der BDSL aktuell und der Therapie Lernen. . . . . . . . . . . . 109110 Regularien · · · · ·Die Vorstände. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 110Impressum . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 110bdsl-ev.devdes.dephysiotherapievll.de05

Therapie LernenLogopädieErgotherapiePhysiotherapieNovember 2014Das ArbeitstypenModell in derLogopädieausbildung:Erste Erfahrungenund AnsätzeHilke Hansen, Osnabrück6bdsl-ev.devdes.dephysiotherapievll.de

LogopädieErgotherapiePhysiotherapieNovember 2014SchlüsselwörterLogopädieausbildung, Therapiearbeit, Arbeitstypen, Reflexion,PatientenarbeitZusammenfassungIm Mittelpunkt des vorliegenden Beitrags steht das Modellder Therapiearbeit, das – basierend auf den Ergebnissen einerFeldforschungsstudie – grundlegende Typen der Arbeit von Logopädinnen und ihren Patientenunterscheidet und charakteristische Muster ihrer alltäglichenUmsetzung beschreibt. Ausgehend von der Annahme, dassdas Modell als konzeptuellerRahmen geeignet ist, das vielschichtige interaktive Handeln ineinem logopädischen Therapieprozess bewusst zu machen undzu explizieren, werden Ansätzeund erste Erfahrungen mit derErprobung in der Logopädieausbildung vorgestellt.EinleitungIn der Sprachtherapieforschung gibt es bisher nur wenigeStudien, die sich basierend aufDaten aus alltäglichen Behandlungen mit der gemeinsamenArbeit von Logopädinnen undPatienten in Therapieprozessenauseinander setzen. Eine qualitative Studie, die diesen Versuchunternimmt, ist die 2009 erschienene Dissertation „Therapiearbeit“ (Hansen, 2009). Die Studiestützt sich dabei maßgeblich aufdas Konzept der Arbeitstypen(Strauss et al., 1985), das inder soziologischen Forschungentstanden ist. Arbeitstypen bezeichnen verschiedene thematische Anteile, die bei der Arbeitan einer bestimmten Aufgabe– in der Logopädie z.B. der ver Kompetenzen – erforderlich sind. Patienten und ihreAngehörigen werden, ebensowie die professionellen Helfer,als zentrale Akteure innerhalbeines arbeitsteiligen Prozessesverstanden.Nachdem, u.a. in der Zeitschrift BDSL aktuell (Hansen,2010b), das Modell der Arbeitstypen und Ideen für den Einsatzin der Logopädieausbildung vorgestellt worden sind, steht imMittelpunkt dieses Artikels derBericht über erste Erfahrungenmit der Erprobung an der Schulefür Logopädie in Bremen und derHochschule Osnabrück.Der Beitrag beginnt mit derVorstellung der Analyse einerkurzen Therapiesequenz, dieim Rahmen eines Seminars ander Hochschule Osnabrück diskutiert worden ist. Dieses Therapiebeispiel dient gleichzeitigauch der Erläuterung der grundlegenden Begriffe des Modellsder Therapiearbeit. Neben denvier Arbeitstypen sind das insbesondere die verschiedenenArbeitsmuster, mit denen die Arbeitstypen im Alltag umgesetztwerden. Abschließend werdenFragen vorgestellt, die die Reflexion einer Therapiesituationdurch Lehrende und Lernendeunterstützten können.Das zweite Beispiel beschreibt den Einsatz des Modells in der Auseinandersetzungmit den verschiedenen Facettentherapeutischen Handelns undden daraus entstehenden Entwicklungsaufgaben für angehende Therapeutinnen, wie er in derSchule für Logopädie in Bremenerprobt wird. Auch diesem Abschnitt folgt eine Sammlung vonReflexionsfragen.physiotherapievll.deTherapie LernenDas Arbeitstypen-Modell inder Analyse einer ausgewählten TherapiesituationDie untersuchte Therapiesituation stammt aus der Anfangsphase einer Therapiestunde. Die Logopädin T. und ihresiebenjährige Patientin, hierLea genannt, arbeiten an einerÜbung, die die auditive Merkfähigkeit verbessern soll. Die Logopädin spricht dazu jeweils dreiZahlen vor, die Lea sich merkenund in der richtigen Reihenfolgelaut wiederholen soll. Lea bekommt ein Bild mit einer Landschaft auf dem die Zahlenfolgenversteckt sind. Nachdem sie dieZahlen wiederholt hat, soll siesie auf dem Bild suchen und denentsprechenden Bereich anmalen. Dabei entsteht folgendeetwa dreieinhalb Minuten dauernde Sequenz:T.: Okay, dann fangen wir malan.Lea: Was denn, was machenwir denn wieder? [jammernd] Weil ich kann nichtdie Zahlen mehr.T.: Ich sag‘ dir gleich wiederZahlen.Lea: Drei erst mal.T.: Genau. Erst mal drei. Unddu wiederholst die danneinmal.Lea: [protestierend] Das weißich doch schon immer.T.: Weißt du schon? Ich dachtenach der langen Zeit.[L. greift nach dem Bild]Aber wir drehen das solange um.Lea: Warum?T.: Erst einmal wiederholen unddanach suchst du das dann.Lea: [unterbricht T.] Aber ichkann das, aber ich hab dasdoch immer gemacht.T.: Ne, wir haben das immerumgedreht.7

Therapie LernenLea: Leg das aber mir da. [ziehtden Zettel zu sich]T.: Ja, aber umgedreht lassen.Lea: Ja!T.: Okay! Gut zuhören.Lea: Mann, du bist aber gemein!T.: Ich bin nicht gemein. Geradehinsetzen wie immer, ne.Lea: Warum immer gerade. Ichwill krumm hinsetzen.T.: Aber da kann man nicht gutarbeiten.Lea: [mit Hand vor dem Mund]Warum?T.: So kann man nicht gut arbeiten, so, wenn man den Mundzuhält. [hält sich auch denMund und macht es vor]Lea: So! [lacht und hält beideHände vor den Mund]T.: Hände auf den Tisch! [L. legtdie Hände auf den Tisch]Genau [beide lachen]Lea: Ich kann die so durchsehen.T.: Dann legen wir da wasdrüber.Lea: Nein, ich weiß schon, ichkann ja nicht.T.: Okay, gut zuhören. [L. drehtsich weg] Guckst du michan? Vier, sechs, fünf.Lea: Vier, sechs, fünf.T.: Super! [T. dreht das Blattum und L. sucht die richtigeZahlenreihe heraus]Lea: Vier, vier. [sucht und wiederholt leise] .hier!T.: Ja, gut! [L. nimmt sich einenStift]Lea: In blauuu. Aber ich mal dierichtig aus [L. malt]T.: Okay dann wieder umdrehen.[L. dreht das Blatt um] Wieder gerade hinsetzen. Neun, sieben, zwei.Lea: Neun, sieben, zwei.T.: Super. Und wie du gesessenhast war ganz toll!Lea: Neun, äh? Was ist dasdenn? [Zeigt auf eine andereZahlenfolge] Oder hab ichmich vertan, ne? Oder hast8ErgotherapieLogopädiePhysiotherapieNovember 2014du dich oder hast du dichvertan?‚T.: Das ist, das ist ne andereZahl, guck noch mal.Lea: Neun, sieben, zwei. [zeigtauf die richtige Zahlenfolge]Das!T.: Genau!Lea: Welche Farbe soll ich das?Aber das dauert jetzt!T.: Mach ganz schnell. Den Restkannst du zu Hause ausmalen.Lea: Nööö. [fängt an zu malen]T.: Dann hast du noch was für zuHause. Sonst wird ich hab‘ja noch mehr mit, das schaffen wir sonst alles nicht.Lea: Noch mehr?T.: Ja.Lea: Wie viel?T.: Ja, noch Einiges.Lea: Was denn? Sach mal!T.: Zeig ich dir gleich.Lea: Was denn?T.: Zum Beispiel habe ich wiederdas mit den Magneten.Lea: Welchen Magneten?T.: Zeig ich dir gleich.Lea: Welchen, mit diese Zunge?T.: So was ähnliches, auch somit Magneten.Lea: Oh neiiiin!T: Das fandst du doch so gut?!Lea: Welche?T.: Schön! [T. schaut auf dasBild]Lea: Welche Magneten?T.: Zeig ich dir gleich.Lea: Siehste, ich hab das ganzgeschafft. [L. hat den Bildabschnitt vollständig angemalt]T.: Ja, schön. Okay, wiederumdrehen Wieder so tollhinsetzen wie gerade. Super! Eins, neun, vier.In der Therapiesequenz wirdklar erkennbar, dass Lea und ihreTherapeutin etwas Zielgerichtetes tun: Sie arbeiten an einerbestimmten, sich wiederholenden Aufgabenstellung. Das tunsie zu einem bestimmten Zweck,bdsl-ev.denämlich um eine spezifische Fähigkeit des Mädchens zu übenund positiv zu verändern. DieserAnteil wird im Modell der Arbeitstypen als Veränderungsarbeitbezeichnet. Veränderungsarbeitverweist auf den Ausgangspunktund die zentrale Orientierungder Zusammenarbeit von Patienten und Therapeutinnen: Siearbeiten daran Veränderungen zuerreichen. Im untersuchten Beispiel geht es dabei um die Veränderung einer spezifischen kognitiven Fähigkeit, der auditivenMerkfähigkeit, von der hier angenommen wird, dass es sich umeine Basisfähigkeit z.B. für dasErlernen der grammatikalischenStrukturen einer Sprache handelt.Veränderungsarbeit in einerlogopädischen Therapie kannsich auf sehr unterschiedliche Aspekte richten. Wenn als zentrales Arbeitsziel sprachtherapeutischer Tätigkeit die Verbesserungsprachlich-kommunikativer Kompetenzen formuliert wird, kann esneben kognitiven Veränderungenauch z.B. um motorische, emotionale oder interaktive Veränderungen gehen.Die Zielrichtung der Veränderungsarbeit in einer Therapiesteht in engem Zusammenhangzu einem weiteren grundlegenden Arbeitstyp: der so genanntenAusrichtungsarbeit. Damit wirddie Arbeit bezeichnet, die eingesetzt wird, um die Veränderungoder anders formuliert das Problem zu definieren, um das es ineiner logopädischen Therapie gehen soll. Neben dieser Problemdefinition richten die Beteiligtenihre Arbeit aber zudem auch aneiner bestimmten Therapieperspektive aus, d.h. sie entwickelnVorstellungen über den zeitlichenVerlauf und das zu erwartendeErgebnis einer Therapie. DieseVorstellungen bilden einen wichtigen Maßstab für die Bewertungdes Therapieverlaufs.vdes.dephysiotherapievll.de

LogopädieErgotherapiePhysiotherapieNovember 2014In vielen Behandlungen istAusrichtungsarbeit etwas, wasnicht nur in der anfänglichen Diagnostikphase stattfindet, sondern im Verlauf der Therapie immer wieder realisiert wird. Wennz.B. die Fortschrittsentwicklungin der Therapie eines Kindes mitSprachentwicklungsverzögerungnicht den Erwartungen der Beteiligten entspricht, kann es nichtnur zu einer Veränderung derTherapieperspektivekommen,sondern auch zu einer Veränderung der Problemdefinition. In einer logopädischen Therapie kannman eine Vielzahl von Aktivitätenbeobachten, mit denen Patienten,Angehörige und Therapeutinnenversuchen, eine als ausreichendwahrgenommene Übereinstimmung ihrer Ausrichtung zu erreichen. Eine sehr häufig zu beobachtende Aktivität ist z.B., dassdie Beteiligten über die Fortschritte in einer Therapie sprechen undversuchen zu einer gemeinsamenBewertung zu kommen. Eine solche gemeinsame Bewertung ist inder Praxis aus einer Vielzahl vonGründen durchaus keine Selbstverständlichkeit.Im vorgestellten Therapieausschnitt wird Ausrichtungsarbeitnicht explizit thematisiert. Interessant ist aber die Frage, mitwelcher Ausrichtung die Therapeutin T. und ihre Patientin Leadie Therapie angehen. Gibt es soetwas wie eine gemeinsame Problemdefinition? Hat Lea selbsteine Definition und was beinhaltetdann ihre Vorstellung davon, wasmit der Therapie erreicht werdensoll? Und: Wie sehen Leas Elterndas? Kann man davon ausgehen,dass ein siebenjähriges Kind überlängere Zeit anstrengende undeher langweilige Übungen absolviert, die in irgendeiner Weise miteinem fernen Veränderungszielverbunden sind?Gleichzeitig – und das machtder Ausschnitt sehr deutlich –bdsl-ev.devdes.dekann die Übung an der auditivenMerkfähigkeit nicht ohne LeasMitarbeit realisiert werden. DieNotwendigkeit einer aktiven Beteiligung ist ein zentrales Kennzeichen der Therapiearbeit. Logopädinnen arbeiten nur in denseltensten Fällen ‚an’ ihren Patienten, wie das z.B. in der ärztlichen Praxis der Fall sein kann.Logopädische Patienten sind infast allen Therapiesituationenaktiv beteiligt. Oftmals wird darüber hinaus die Weiterführung vonAufgaben und Übungen im alltäglichen Umfeld erwartet.Die hohen Anforderungen aneine aktive, eigenständige undüber längere Zeiträume andauernde Aktivität tragen dazu bei,dass viele Therapeutinnen der Arbeit an einer gemeinsamen Ausrichtung besonderes Gewicht beimessen. Allerdings, und das zeigtder Therapieausschnitt deutlich,gibt es in der Praxis eine Vielzahlvon Situationen, in denen dieAusrichtung an einem – im Idealfall gemeinsamen – Veränderungsziel nicht ausreicht. Die Vorstellung, dass die Abstimmungvon Zielen zu einer fortgesetzten,aktiven Mitarbeit in oftmals langwierigen Veränderungsprozessenführt, spiegelt eine idealisierendeSichtweise wider. Dazu trägt auchbei, dass viele Patienten sich inder Therapie mit sprachlichenund/oder kommunikativen Anforderungen auseinandersetzenmüssen, die sie zunächst oftmalsnicht bewältigen können.Vor diesem Hintergrund erhältein weiterer Arbeitstyp grundlegende Bedeutung für die Therapiearbeit: Die Arbeit an der Entwicklung und Aufrechterhaltungeiner aktiven Zusammenarbeit.Diese Kooperationsarbeit wirdim logopädischen Therapiealltagmit einer Vielzahl von Aktivitätenumgesetzt. Die Bedeutung diesesArbeitstyps wird auch im untersuchten Therapieausschnitt deut-physiotherapievll.deTherapie Lernenlich erkennbar: Leas Therapeutinsetzt z.B. wiederholt das Arbeitsmuster der Erfolgsarbeit ein, indem sie Lea ausdrücklich lobt,wenn es ihr gelingt die Zahlenfolgen zu wiederholen. Das Lobrichtet sich dabei nicht nur auf dieerfolgreiche Wiederholung, sondern auch auf die Sitzposition,die möglicherweisealseineDie hohen AnforderungenVoraussetan eine aktive, eigenständizung dieserge und über längere ZeitÜbungsräume andauernde Aktisituationvität tragen dazu bei, dassbetrachtetviele Therapeutinnen derwird.ErArbeitan einer gemeinsafolgsarbeitmenAusrichtungbesondewird in derresGewichtbeimessen.Alltagspraxis mit einerVielzahl vonStrategien realisiert, die dazu dienen, Erfolge herzustellen, sichtbar zu machen und hervorzuheben. Neben der Erfolgsarbeitbeinhaltet der Therapieausschnittnoch ein weiteres Arbeitsmusterder Kooperationsarbeit: die Verpackungsarbeit. Lea wird nichtnur aufgefordert die Zahlenfolgenzu wiederholen und zu zeigen,sondern sie darf auch noch etwastun, was sie offenbar sehr gernemacht: Ausmalen. Die Arbeitsanforderung wird in einem Rahmenverpackt, der für Lea attraktiv ist.Interessant ist dabei, wie intensiv T. und Lea bemüht sind, dasAusmaß der Arbeitsanforderungmöglichst in ihrem Sinne zu beeinflussen. Deutlich wird das z.B.in der Sequenz in der die Logopädin und Lea darüber verhandeln,ob das Arbeitsblatt offen oder verdeckt benutzt werden darf. AuchLeas Äußerung: „Welche Farbesoll ich das? Aber das dauertjetzt“ und die Reaktion ihrer Logopädin: „Mach, ganz schnell. DenRest kannst Du zu Hause ausmalen“ verdeutlichen diesen Aushandlungsprozess. Lea gelingt9

LogopädieErgotherapieTherapie LernenPhysiotherapieNovember 2014Die Fachartikel aus der Ausgabe 2 (2010) derBDSL aktuell (Vorläuferin der Therapie Lernen)- finden Sie im Internet -Die Fachartikel aus der Ausgabe 3 (2011) derBDSL aktuellKompetenzorientiert Unterrichten und Prüfen in der Logopädieausbildung – Die Reflektierte Präsentation (Stephanie Bednarz, Dortmund) ///////Möglichkeiten der Optimierung der schriftlichen Prüfung an Berufsfach schulen für Gesundheit (Ulrike Ott, Berlin) /////// Clinical Reasoning – EineEinführung in die Begrifflichkeit und Bedeutung für die Logopädieausbildung (Wenke Walther, Hildesheim) /////// Problemorientiertes Arbeiten imalltäglichen Unterricht: Vorgehen, Bewertung, Erfahrungen (Ann Rotmann,Konstanz) /////// Vertikale Durchlässigkeit im Bildungssystem (Karl Kälble, Freiburg) /////// Durchlässigkeit zwischen beruflicher und hochschulischer Bildung (Walburga Freitag, Hannover) /////// Qualitätssicherung in derLogopädie ausbildung (Anneke Ullrich, Stephan Kawski, Martin Härter, Hamburg) /////// Stimme und Stimmigkeitsregulation (Theodor Dierk Petzold, BadGandersheim) ///////Die Fachartikel aus der Ausgabe 1 (2012) derTherapie LernenZur Diskussion um eine Ausbildungsreform und die Akademisierung derGesundheitsfachberufe (Gerd Dielmann, Berlin, Zürich) /////// Akademisierung der Gesundheitsfachberufe – Curriculare und didaktische Potentialeentfalten (JProf. Dr. Karl-Heinz Gerholz, Paderborn) /////// Akademisierungund Praxisbezug: ein Widerspruch? (Rainer Brakemeier & Cécile Ledergerber, Winterthur) /////// Das therapeutische Gespräch (Literaturtipps) ///////Das Projekt 2get1care (Stephanie Jandrich-Bednarz, Sebastian Flottmann,Dortmund) /////// Kompetenzorientierte Ausbildung mit digitalen Medien(Kerstin Schrader, Stephan Jost, Berlin) /////// Theorie-Praxis-Transfer: Dasphysiotherapeutische Denkmuster als theoretische Grundlage für die Reflexion praktischen Handelns am Patienten (Prof. Dr. Katharina Scheel, Kiel)/////// Praktische Prüfung – Ergotherapeutische Mittel: Von handwerklichenAktivitäten hin zum Alltag unserer Klienten (Julia Schirmer, Essen) /////// Pädagogische Zusatzqualifikation für PraxisanleiterInnen in der Ergotherapie – mehr Sicherheit in der Anleitung durch pädagogische Kompetenzen(Susan Möller, Angermünde) /////// Lernberatung — mehr als ein Gespräch(Ulrike Ott, Berlin) ///////Die Fachartikel aus der Ausgabe 2 (2013) derTherapie LernenNeue Lehr- und Lernformen in Ausbildung und Studium Logopädie (Heidrun Zehner, Erlangen) /////// Fallbezogene Didaktik in der Ausbildung (Michael Bludszat, Bochum) /////// Kompetenzorientierte Prüfungsinstrumente— Der Objective Structured Clinical Examination (OSCE) in der Ergotherapieausbildung (Esther Goltz, Berlin) /////// Möglichkeiten der Optimierungder schriftlichen Prüfung an Berufsfachschulen für Gesundheit (Ulrike Ott,Berlin) /////// Ausbildungssupervision – (Ein) Blick in drei Ebenen (MechthildClausen-Söhngen, Aachen) /////// Achtsamkeit und Ungewissheitstoleranz(Heinrich Dauber, Kassel) /////// Glück im Aufbruch: Handlungskompetenzenund berufliche Aufgaben — Das Tätigkeitsprofil einer Lehrlogopädin heute (Kerstin Nonn, München) /////// Die interne praktische Logopädieausbildung (Katja Becker, Osnabrück) /////// Fachkräftesicherung in den Gesundheitsfachberufen (Karin Götsch, Frankfurt) /////// Anerkennungspunkte fürberufliches Lernen — ECVET (Christiane Alfes, Bad Neustadt) ///////!bdsl-ev.devdes.deRestexemplare sind noch beim Verlag erhältlich.Sonderpreis: 10,00 Euro zzgl. Versandkostenwww.edition-harve.de, E10109

Therapie LernenErgotherapieLogopädiePhysiotherapieNovember 2014BDSL e.V.Der VorstandVDES e.V.Der VorstandVLL e.V.Der VorstandImpressumVera Wanetschka, 1. Vorsitzende, [email protected] Kieß-Haag, 2. Vorsitzende, [email protected] Gramann, Schatzmeister, [email protected] Meffert, Schriftführerin, [email protected] Rottenecker, Vorsitzender, [email protected]ürgen Wöber, Stellv. Vorsitzender, [email protected]üdiger-Ingo Pohle, Schatzmeister, [email protected]ürgen Fürhoff, Stellv. Schatzmeister, [email protected] Albrecht, Schriftführerin, [email protected] Tola, Stellv. Schriftführerin, [email protected] Pust, 1. Vorsitzender, [email protected] Rohr, 2. Vorsitzende, [email protected] André, [email protected] Uelze, [email protected] Oster, [email protected] 2195-058X Heft 3 3. Jahrgang November 2014HerausgeberBundesverband Deutscher Schulen für Logopädie e.V. – BDSLInternet: www.bdsl-ev.deVertretungsberechtigter Vorstand:Vera Wanetschka, Waltraud Kieß-Haag, Peter Gramann, Katja MeffertVerband Deutscher Ergotherapie-Schulen e.V. – VDESInternet: www.vdes.deVertretungsberechtigter Vorstand: Joachim Rottenecker, Hans-Jürgen Wöber, Rüdiger-Ingo Pohle,Jürgen Fürhoff, Christine Albrecht, Martina TolaVerband Leitender Lehrkräfte an Schulen für Physiotherapie e.V. – VLLbdsl-ev.deInternet: www.physiotherapievll.deVertretungsberechtigter Vorstand: Andreas Pust, Stephanie Rohr, Ina-Maria André,Thurid Uelze, Wolfgang OsterRedaktion:Lektorat:vdes.deVerlag:Vera Wanetschka, [email protected] Götsch, [email protected] Dinger, [email protected] VoigtEdition HarVe, Bremen, www.edition-harve.de, [email protected] direkt an den Verlag ([email protected])Manuskriptzusendungen direkt an den Verlag ([email protected])Es gelten die Manuskriptrichtlinien des Verlages, abrufbar unter www.edition-harve.deBezugspreis: Einzelexemplar 19,50 Euro zzgl. Versand (als Abo ohne Versandkosten)Pdf zusätzlich zum gedruckten Exemplar 10 Euro f. Mgl., sonst 15 Euro (nur für das Intranet)physiotherapievll.deGestaltung, Illustration, Satz und Layout: Bremer VisKom, www.bremer-vis-kom.deDruck und Verarbeitung: Frick Kreativbüro & Onlinedruckerei e.K., 86381 Krumbach, Printed in GermanyFotos:edition-harve.de110Harald Wanetschka (3, 6, 16, 22, 23, 24, 32, 40, 48, 50, 56, 64, 72, 74, 83, 86, 88, 93, 94, 99, 107),VAST (73), Porträtfotos privat.Wir unterstützen den Gender-Gedanken ausdrücklich, aber zur Vereinfachung der Lesbarkeit verzichtenwir in der Zeitschrift auf die evll.de

Ergotherapie Logopädie Physiotherapie Therapie Lernen bdsl-ev.de vdes.de physiotherapievll.de Editorial Der Zusammenschluss zu VAST im Jahr 2013 hat den Fokus der Schulver-bände auf die gemeinsame Basis der Therapieberufe gerichtet. Worin besteht diese gemeinsame Bas