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Gesundheit im AlterIch weiß nicht, was soll es bedeutenMusizieren mit Menschen mit Demenz

GrußwortMusik schafft Beziehung – sie ist eineganz ursprüngliche Ausdrucksform undbegleitet den Menschen von der Geburtbis zum Lebensende. Dabei wirkt Musikauf vielfältige Weise: Sie beruhigt oderregt an, sie ermöglicht Kommunikationund sie stärkt die kulturelle und emotionale Teilhabe am Leben.Musik eignet sich daher sehr gut fürdie psychosoziale Begleitung von Menschen mit Demenz. Denn wenn diekeiten der verbalen KommuniMöglich kation langsam schwinden, kann MusikMenschen mit Demenz immer noch aufemotionalem Weg erreichen. Sie kannErinnerungen wecken und Geborgenheitvermitteln.Die Broschüre „Ich weiß nicht, was solles bedeuten“ zeigt Fachkräften in derambulanten und stationären Pflege,ehrenamtlich tätigen Menschen undpflegenden Angehörigen Beispiele auf,wie sie mit Musik Menschen mit Demenzerreichen und ihre Stimmung positivIch weiß nicht, was soll es bedeuten Musizieren mit Menschen mit Demenzbeeinflussen können. Die Broschüre, diebereits in der fünften Auflage erscheint,begleitet auch das Fortbildungsangebot„Musik schafft Beziehung“ der Landeszentrale für Gesundheitsförderung inRheinland-Pfalz e.V.Wo Worte ihren Weg nicht mehr finden,kann Musik der Schlüssel zur Seele sein.In diesem Sinne wünsche ich Ihnen vielFreude beim gemeinsamen Musizieren.IhreSabine Bätzing-LichtenthälerMinisterin für Soziales, Arbeit,Gesundheit und Demografiedes Landes Rheinland-Pfalz3

InhaltEinführungBedeutungder Musik fürden MenschenHerzen imDreivierteltaktSag mir, wodie BlumensindMusizieren istVernetzungskunstAuswirkungeneiner Demenz aufden betroffenenMenschenSeite 7Seite 8Musik liegtin der LuftMusik alsSchlüssel zuMenschen mitDemenzSeite 12Sing ein Lied,wenn du maltraurig bistDie Bedeutungdes SingensMusizieren mitInstrumentenSeite 14Seite 10Die aufgeführten Fallbeispiele stammen zum Großteil aus den Praxiserfahrungen derFachlektorin Dr. Kerstin Jaunich. Sie ist Diplom-Kulturpädagogin und Musikwissenschaftlerinund arbeitet seit 2010 als Musikgeragogin mit Menschen mit Demenz in Einrichtungen derstationären Pflege.www.musikimalter.deDer Jungemit derMund harmonikaSeite 16Tanze Sambamit mirMusik undBewegungSeite 18

Hörst dudas Lied derBerge?Ich warnoch niemalsin New YorkEin Freund,ein guterFreundMusik hörenund erlebenMusik undBiografieMusik undGemeinschaftGute Nacht,Freunde,es ist Zeitfür mich zugehenSeite 20Seite 21Seite 23Musik undSterbebegleitungAber bittemit Sahne!Themen für dasMusizieren mitMenschen mitDemenzSeite 25Seite 24Wie esklingenkannBeispiele guterPraxisSeite 26Musik schafftBeziehungWeiterbildung zurMusikgeragogin/zum Musik geragogen inRheinland-PfalzSeite 29Literaturund MusikSeite 30ImpressumSeite 31

Richard Wagner

1EinführungBedeutung der Musik für den MenschenSeit Bestehen der Menschheit, durchalle Zeiten und Kulturen hindurch,spielt Musik eine herausragende Rolle.Musik spricht besonders die emotionaleSeite des Menschen an. Sie verstärktErlebnisse und sie weckt Erinnerungen.Musikhören, Singen und Musizieren –all das kann die Wahrnehmungsfähigkeit intensivieren, die Fantasie anregensowie Kreativität und Persönlichkeitsentfaltung fördern. Musik vermag Unsicherheit, Nervosität, Aggressionen undFrustrationen abzubauen, emotionaleSicherheit zu geben und das Selbstwertgefühl zu steigern. Damit hat sie großenEinfluss auf die seelische Gesundheit desMenschen.Die Wirkung von Musik zeigt sich auch insozialer Hinsicht. Gemeinsames Singen,Musizieren und Musikhören vermittelnGeborgenheit durch das Angenommenund Aufgehobensein in einer Gruppe.Musik kann ein Gespräch in Gang setzen.Wenn die Sprache für die Kommunikation nicht zur Verfügung steht, stelltsie eine Möglichkeit dar, sich mitzuteilen. Gemeinsames Musikerleben bringtBetreute und Betreuende auf Augenhöhemiteinander in Beziehung. Bei Menschen, die isoliert leben müssen, kannMusik das Gefühl von Gemeinschaft undGeselligkeit vermitteln.Dieser elementaren Bedeutung von Musikist es zu verdanken, dass sie universelleinsetzbar ist und in allen Altersgruppenpositive Wirkung zeigt. Mit dieser Broschüre wollen wir Sie dazu ermutigen,Musik als sinnvolle und wirksame Ergänzung in die pflegerische Arbeit mit Menschen mit Demenz einzubeziehen oderihr zu Hause, in der Betreuung von anDemenz erkrankten Angehörigen, einenPlatz zu geben. Sie werden die Erfahrungmachen, dass gemeinsames Musizierennicht nur die Lebensqualität und dasGemeinschaftsgefühl der Ihnen anvertrauten Menschen fördert, sondern auchIhr eigenes Wohlbefinden stärken undIhnen Befriedigung in der Arbeit schenken kann.Dr. Matthias KrellGeschäftsführer der Landeszentralefür Gesundheitsförderung inRheinland-Pfalz e.V.Ich weiß nicht, was soll es bedeuten Musizieren mit Menschen mit Demenz7

2Herzen im DreivierteltaktMusizieren ist Vernetzungskunst„Musizieren schütztmöglicherweise bis zueinem gewissen Gradevor der Entwicklungeiner Demenz.“Eckhart Altenmüller, 20108Bei der Wahrnehmung von Klang, und besonders beim aktiven Singen oder Musizieren, werden verschiedenste Regionen unseres Gehirns aktiviert und vernetzt. DieseRegionen sind unter anderem verantwortlich für rationales Denken, für Sprache,Bewegung, Motorik, Gedächtnis und vieles mehr. Zusätzlich sind beim MusizierenAreale im Stammhirn einbezogen, die für unsere Gefühle zuständig sind. In der Hirnforschung geht man davon aus, dass die Vernetzung unterschiedlicher Gehirnregionenbesser gelingt, wenn Gefühle beteiligt sind. Daher funktioniert die Vernetzung vonneuronalen Strukturen mit Hilfe von Musik besonders gut (vgl. Hartogh, 2008). Durchdas Musizieren wird unser Gehirn in einer Art und Weise angeregt, dass Alterungsprozesse zwar nicht aufgehalten, aber verlangsamt werden können. Der NeurophysiologeEckhart Altenmüller wagt sogar die These: „Musizieren schützt möglicherweise bis zueinem gewissen Grade vor der Entwicklung einer Demenz.”

Musik beeinflusst den KörperAber Musik kann noch mehr: Rhythmen, Klänge und melodischeStrukturen können nachweislich die Herz- und Kreislauftätigkeit des Menschen harmonisieren. Im Rahmen der Rehabilitation von Schlaganfall- und Parkinsonpatienten kann Musikunterstützend wirken. Bei anderen Krankheiten kann sie dasSchmerzempfinden verringern.Musik beeinflusst die PsycheDer Musikpsychologe und Sänger Karl Adamek hat die Wirkungdes Singens auf Körper und Seele erforscht. Seine Ergebnissezeigen, dass singende Menschen im Vergleich zu nicht singenden Menschen im Durchschnitt psychisch und physisch gesünder sind. Beim Singen entfalten sie ihre ureigenen, jederzeitverfügbaren musiktherapeutischen Selbstheilungskräfte. Fröhliches Singen scheint zur Ausschüttung körpereigener Botenstoffe zu führen, die den Hormonhaushalt und die Immunabwehr steuern (vgl. Adamek, 2009).Ich weiß nicht, was soll es bedeuten Musizieren mit Menschen mit DemenzFallbeispiel Frau B.„Frau B. hat in ihrem Leben sehr viel gesungen undschien sich gerne in geselliger Runde aufzuhalten.Nun leidet sie unter Wahnvorstellungen und äußertihre Gefühle und Ängste unkontrolliert laut. Sie nimmtnur noch selten an Gruppenaktivitäten teil, sondernlebt isoliert in ihrem Zimmer. In musikalischen Einzelstunden erkennt sie die unterschiedlichsten Liedersofort und singt nach Kräften, unter Einfluss ihrerGefühlsäußerungen, mit. Sie kommt dabei zeitweisezur Ruhe und wirkt entspannt und erfüllt. Manchmalgerät sie aber durch die Musik auch in große Auf regung. Dann wird deutlich, dass die Lieder in ihremBewusstsein Inseln der Erinnerung freigelegt haben,und sie kann Menschen und Erlebnisse in kurzenWorten schildern. Besonders Kinderlieder und geselligeVolkslieder wirken sich direkt auf ihren Körper aus: Siebeginnt, sich hin und her zu wiegen, zu klatschen, zudirigieren oder mit den Füßen zu tanzen – Ausdrucksformen, die man meistens im Beisein mit anderenzeigt. So wird deutlich, dass Musik und Musizieren fürsie Geselligkeit bedeuten.“9

3Sag mir, wo die Blumen sindAuswirkungen einer Demenz auf den betroffenen MenschenDie Verbesserung der Situation von Menschen mit Demenzwird damit zur gesamtgesellschaftlichen Aufgabe. Eine Heilungist bislang noch nicht möglich. Daher liegen die Schwerpunkteder Versorgung auf Betreuung, Begleitung, Pflege und insbesondere auf dem Erhalt und der Steigerung der Lebensqualitätder Betroffenen. Hierfür sind nicht nur Pflegekräfte, sondernauch viele pflegende Angehörige im Einsatz, denn über dieHälfte aller Menschen mit Demenz wird zu Hause versorgt.Was verbirgt sich hinter einer Demenz?Was Sie über Demenz wissen solltenDemenz ist keine normale Alterserscheinung, sondern eineKrankheit, die typischerweise im Alter auftritt. In Deutschland sind derzeit etwa 1,5 Millionen Frauen und Männer vonDemenz betroffen, davon etwa 80.000 in Rheinland-Pfalz. Dawir immer älter werden und somit der Anteil der Älteren inunserer Gesellschaft zunimmt, werden sich künftig immer mehrMenschen mit diesem Thema auseinandersetzen müssen. Prognosen für das Jahr 2050 sagen eine Verdoppelung der Demenzerkrankungen voraus.10Der Begriff „Demenz“ bezeichnet eine Vielzahl von Beeinträchtigungen höherer Hirnfunktionen. Betroffen sind dasErinnerungsvermögen eines Menschen – dort vor allem dieVerarbeitung neuer Informationen – sowie seine Denk- undUrteilsfähigkeit. Die Hauptsymptome, Gedächtnisstörungenund Verhaltensauf fälligkeiten, entwickeln sich in der Regellangsam und allmählich. Sie sind zunächst nur leicht, aber dochkonstant vorhanden. Betroffene verlieren zunehmend wichtigeKompetenzen wie „sich etwas merken“, „sich räumlich orientieren“, „sprechen“ und „etwas erkennen“.Ursächlich dafür sind Störungen des Hirnstoffwechsels und derRückgang von Hirngewebe. Am bekanntesten und häufigstenist die Alzheimerkrankheit, deren Ursache eine Veränderungvon Nervenzellen im Gehirn ist. Daneben gibt es etwas wenigerhäufig auftretende gefäß- und durchblutungsbedingte Demenz arten (vaskuläre Demenzen) und weitere, seltenere Formen. DieGrenzen sind allerdings fließend.

Die Alzheimer-Demenz ist bis heute nicht heilbar. Sie beginntoft schleichend und schreitet dann in unterschiedlichem Tempovoran. Betroffene verlieren nicht mit einem Mal alle ihre alltäglichen Fähigkeiten, sondern durchlaufen verschiedene Phasen.Unterschieden wird zwischen einer leichten Demenz („Vergessensphase“), einer mittelschweren Demenz („Verwirrtheitsphase“) und einer schweren Demenz („Phase der Hilflosigkeit“).Zu Beginn sind Menschen mit Demenz noch sehr selbstständigund häufig in der Lage, die Auswirkungen der Demenz zu kompensieren, so dass das Umfeld Veränderungen im Verhalten oftnicht bemerkt. Erst mit Fortschreiten der Krankheit werden dieFolgen sichtbarer. Auch wenn kein Heilverfahren zur Verfügungsteht, kann der Verlauf doch durch Therapien verlangsamtund in seinen Auswirkungen gemildert werden. Medikamentewirken den Folgen des neuronalen Abbauprozesses entgegen.Therapeutische Angebote helfen, Fähigkeiten zu trainieren undzu bewahren und die Lebensqualität zu verbessern. Die Musikspielt hierbei eine bedeutende Rolle, da sie Menschen mitDemenz in jedem Stadium erreicht und diese bis zum Schlussam Leben, an Emotionen und an Erinnerungen teilhaben lässt.Menschen mit Demenz begegnenWertschätzung, Selbstbestimmung und gesellschaftliche Mitwirkung haben für Menschen mit Demenz die gleiche Bedeutung wie für jedes andere Mitglied einer Gemeinschaft. Da siein einem frühen Stadium der Demenz ihren Alltag noch völlig selbstbestimmt gestalten können, meist mitten im Lebenstehen und für sich selbst sprechen wollen, ist es angebracht,ihnen auf Augenhöhe zu begegnen.haben diese Reaktionen einen Zweck: Sie sind Ausdruck oderFolge eines Bedürfnisses. Das Verhalten ernst zu nehmen undzu ergründen, wodurch es motiviert wurde, ist ein Zeichenvon Respekt – und es erleichtert die Kommunikation und denUmgang miteinander.Das emotionale Gleichgewicht stärkenGedächtnis- und Verhaltensstörungen stellen nicht nur dieBetroffenen selbst vor Schwierigkeiten, sondern auch dieAngehörigen und Pflegekräfte. Menschen mit Demenz in einemfortgeschrittenen Stadium leiden oft unter Symptomen wiefehlendem Antrieb, Unruhe, Aggressivität, Veränderungen desSchlaf-Wachrhythmus sowie Halluzinationen und Wahnvorstellungen. In diesen Situationen ist es hilfreich, das emotionaleGleichgewicht der Betroffenen zu stärken und zu stabilisieren.Dies kann beispielsweise mit Musik erreicht werden.Im Laufe der Zeit verändert die Demenz die Wahrnehmung,das Denken und das Erinnern. Auch die Fähigkeit, rationaleEntscheidungen zu treffen, nimmt ab. Das führt zu Reaktionen und Verhaltensweisen, die für Außenstehende mitunternicht nachzuvollziehen sind. Für die Betroffenen hingegenIch weiß nicht, was soll es bedeuten Musizieren mit Menschen mit Demenz11

4Musik liegt in der LuftMusik als Schlüssel zu Menschen mit DemenzMusik kann Menschen auf einer sehr individuellen und emotionalen Ebene ansprechen.Untersuchungen des Max-Planck-Instituts für Kognitions- und Neurowissenschaftenin Leipzig zeigten, dass das Langzeit-Musikgedächtnis von der fortschreitenden Degenerierung des Gehirns oft weitgehend verschont bleibt. Im Unterschied zu anderen Tei len des Gehirns scheint es fast bis zum Lebensende erhalten zu bleiben (vgl. Jacobsen,2015). Wir dürfen also annehmen, dass Menschen mit Demenz in jedem StadiumMusik aus ihrem Leben erkennen und dabei Gefühle empfinden können.Musik hören und Musizieren kannMusik fördert dasemotionale, geistige undkörperliche Befindenaller Menschen.12 positive Gefühle hervorrufenund Lebensfreude erhalten odervermitteln. die Erinnerung aktivieren. passive Betroffene zu Bewegungund Teilnahme anregen. sprachliche Fähigkeiten längererhalten bzw. vorübergehendreaktivieren. Gedächtnis, Konzentration undKoordination trainieren. Atmung, Motorik und Körperkraftstärken. das soziale Verhalten verbessern. Aufmerksamkeit bündeln, innereUnruhe und Anspannung herab setzen. Vorlieben und Abneigungen (Musikgeschmack) bewusst machen und soIdentität und Persönlichkeit stärken. den Kontakt und die Beziehungzu Angehörigen oder Pflegekräftenerleichtern. das Selbstwertgefühl steigernund von zunehmenden Defizitenablenken. helfen, Krisen und Trauer besser zubewältigen und Trost zu finden. Ängste und Depressionen mindern. Schmerzen vorübergehendvergessen lassen oder lindern. den Schlaf fördern. Alltagshandlungen unterstützenund die Selbstständigkeit längererhalten, indem z. B. immer einbestimmtes Lied das Essen oderWaschen einleitet bzw. begleitet.

Aus den positiven Erfahrungen mit Musik bei hochaltrigen unddemenziell veränderten Menschen hat sich die Fachdisziplin„Musikgeragogik“ entwickelt, die folgende Methoden der musikalischen Vermittlung im Alter anbietet: Musik mit der Stimme Musik mit Instrumenten Musik und Bewegung Musik hören und erlebenÄltere Menschen und MusikHeute hören junge Menschen Musik über verschiedene Medienund in den unterschiedlichsten Situationen. Als die ältere Generation aufwuchs, war das Radio das verbreitetste, oft sogar daseinzige Medium. Musikhören war in vielen Familien der Mittelpunkt der Abendgestaltung. Da der Rundfunk zunächst nurwenige Programme ausstrahlte, prägten dieselben klassischenMelodien, Schlager und Evergreens den Musikgeschmack dergesamten Nation. Daneben hatte das aktive Musizieren, vorallem das gemeinsame Singen, einen sehr hohen Stellenwert.Viele alte Menschen beherrschen daher eine Reihe von Liedern,vor allem Volkslieder, aber auch einstige Ohrwürmer oder Filmtitel. Die etwas Jüngeren sind vermutlich mit den Hits aus derfrühen Rock- und Popgeschichte groß geworden. Wenn wir diesen Erfahrungsschatz und diese Kompetenzen nutzen, könnenwir auch Menschen mit Demenz erreichen und ihre Lebenssituation verbessern.Ich weiß nicht, was soll es bedeuten Musizieren mit Menschen mit DemenzDie Musikgeragogik beschäftigt sich mit musikalischer Bildungim Alter und den besonderen musikbezogenen Aneignungsund Vermittlungsprozessen bei älteren Menschen. Das Fachwird als Weiterbildung für Fachkräfte aus Musik und Pflegean Hochschulen und Akademien angeboten. Auch die Landeszentrale für Gesundheitsförderung in Rheinland-Pfalz e.V.(LZG) bietet in Kooperation mit dem Referat Weiterbildung amFachbereich Sozialwesen der Fachhochschule Münster und derLandesmusikakademie Rheinland-Pfalz eine berufsbegleitendeWeiterbildung zur Musikgeragogin oder zum Musikgeragogenmit dem Schwerpunkt Demenz an (siehe Seite 29).Weitere Informationen zu Musikgeragogik finden Sie auf derInternetseite der Deutschen Gesellschaft für Musikgeragogik:www.dg-musikgeragogik.de.Vom gemeinsamen Musizieren mit Menschen, die von Demenzbetroffen sind, werden auch Sie selbst profitieren. Ob Sie Musikerin oder Musiker, Pflegefachkraft, Angehörige oder Angehöriger sind – Sie werden feststellen, dass die positive Wirkung derMusik eine Bereicherung für alle Beteiligten ist!13

5Sing ein Lied, wenn du mal traurig bistDie Bedeutung des SingensSingen kann heilsam wirken. Es wird bei vielen Menschen zueinem Ventil, über das unverarbeitete Erlebnisse oder verdrängte Gefühlsinhalte frei werden. Singen ist daher ein geeignetes Mittel, das Selbsterleben von Menschen mit Demenz zufördern, ihr Erinnerungsvermögen anzuregen und ihnen durchgemeinsamen Gesang in einer Gruppe soziale Erfahrungen zuvermitteln.Beim Singen mit Menschen im mittleren bis späten Stadiumder Demenz hat sich gezeigt, dass sich bei vielen der Einsatzvon Volksliedern besonders gut eignet. Die Jahrgänge der heuteüber 70-Jährigen haben diese Lieder meist in der Schule oderbeim gemeinsamen Singen in der Familie oder im Chor gelernt.Schlager und Folksongs sind oft genauso beliebt und werdenvor allem von Jüngeren bevorzugt.Volkslieder und Schlager sind für das gemeinsame Singen empfehlenswert, da sie dem Kreis der heute 60- bis 100-Jährigen vertraut sind. in der Melodie sehr einfach gehalten sind und sich dahergut zum Mitsingen und Mitmachen eignen.Darüber hinaus ist es natürlich wichtig, individuelle musikalische Vorlieben der Menschen, mit denen Sie gemeinsam musizieren, zu berücksichtigen. Versuchen Sie, über Gesprächeetwas über den persönlichen Musikgeschmack zu erfahren.Denn jeder Mensch singt am liebsten die Lieder, die ihm besonders gut gefallen.14Singen – aber wie?Da unsere Stimme im Alter tiefer und in hohen Lagen brüchigwird, sollten gemeinsame Lieder in tieferen Tonlagen angestimmt und langsam gesungen werden. In der Regel singenältere Menschen Volkslieder und Schlager auswendig, zumalein Notenblatt oder ein Liederbuch eher stört, wenn jemandnicht gut sehen oder lesen kann. Sie werden sehr wahrscheinlich immer wieder erleben, dass Betroffene, die sich an vielesnicht mehr erinnern, plötzlich mehrere Strophen eines Volksliedes vorsingen.Die Begleitung des gemeinsamen Singens mit einem Harmonie instrument, wie Gitarre, Klavier oder Akkordeon, überdecktUnsicherheiten in den einzelnen Stimmen und lässt einen harmonischen und vollen Gesamtklang entstehen. Selbstverständlichkönnen Sie auch CDs abspielen, zu denen gemeinsam gesungenund geschunkelt wird. Dies hat eine besondere Wirkung, weilder originale Klang der Aufnahme – zum Beispiel eines SwingOrchesters, das einen berühmten Filmschlager spielt, odereines frühen Folk- oder Rockklassikers – unmittelbar Erinnerungen und Gefühle auslöst.Wichtiger als die Instrumentalbegleitung oder die Musik voneiner CD ist, dass die Teilnehmenden Ihre Stimme hören. Esspielt dabei keine Rolle, wie gut oder schlecht Sie singen, sondern es zählt die menschliche Nähe, die durch den gemeinsamen Gesang entsteht. Wenn Sie das Singen abwechslungsreichgestalten, machen Menschen mit Demenz dabei nicht nur soziale Erfahrungen, sondern trainieren auch ihre Denkfähigkeit.

MethodenbeispieleFallbeispiel Frau U. Wechselgesang zwischen Vorsängerin bzw. Vorsänger undder Gruppe oder zwischen zwei Singenden Sprachspiele („Auf der Mauer, auf der Lauer “) Artikulationsübungen („Auf einem Baum ein Kuckuck,simsalabimbamba, saladu, saladim.“) Erfinden von eigenen Texten zu bekannten Melodien„Frau U. ist bettlägerig und antwortet nur noch sehrlangsam mit ‚Ja‘ oder ‚Nein‘ oder einzelnen Wörtern.Oft wirkt sie verängstigt und verzweifelt und verstecktsich unter der Bettdecke. In diesen Momenten kannein mit sanfter Stimme gesungenes Volkslied aus ihrerrussischen Heimat sie buchstäblich unter der Bettdeckehervorlocken. Sie beginnt zu lachen, öffnet sich freudigund vertrauensvoll und ergänzt die Textzeilen desLiedes. Als Russlanddeutsche ist sie mit deutschenKinderliedern aufgewachsen und kann daher auchderen Texte mit sprechen. Dies weckt Erinnerungen anihre Familie, und Frau U. erwähnt ihre Mutter. Obwohlsie dabei meistens sehr traurig wirkt und weint,scheint sie doch froh über die Erinnerungen zu sein.“Ich weiß nicht, was soll es bedeuten Musizieren mit Menschen mit Demenz15

6Der Junge mit der MundharmonikaMusizieren mit InstrumentenDer Einsatz von Instrumenten beiMenschen mit DemenzDie meisten Menschen zeigen spontan und aus eigenem Antriebdas Bedürfnis, zu einem Lied oder einem Hörbeispiel mit einfachen Instrumenten zu musizieren. Sie haben Freude daran, sichselbst zu hören und sich dadurch „hörbar“ zu machen.Es gibt aber auch Menschen, die Orff-Instrumente ablehnen,weil sie diese aus der elementaren Musikpädagogik, zum Beispiel für den Kindergarten, kennen. Gerade Menschen mitDemenz erleben in vielen Alltagssituationen, dass sie wie Kleinkinder behandelt werden. Aus diesem Grund müssen wir sehrsensibel sein und verhindern, dass sie sich auch beim Musizieren wie Kinder behandelt fühlen. Anstelle der Orff-Instrumentekönnen beispielsweise Instrumente der lateinamerikanischenMusik verwendet werden, die ähnlich oder sogar identisch sind,aber ein weitaus „erwachseneres“ Image besitzen. Hier gibt esMaracas, eine Rasselart mit bunten Motiven, Guiros aus derGruppe der Schrapinstrumente, Cabasas oder die auch bei unsbekannten Bongo-Trommeln.Für musikerfahrene Menschen mit Demenz ist es frustrierendfestzustellen, dass sie „ihr“ Instrument mit Fortschreiten derErkrankung immer weniger beherrschen. Klavier, Geige, Trompete und andere Instrumente, mit denen Betroffene vielleichtviele Jahre musiziert haben, können aufgrund der komplexenAnforderungen irgendwann nicht mehr zum Einsatz kommen. An deren Stelle eignen sich leicht spielbare Instrumentewunderbar zum Musizieren, beispielsweise Handtrommeln,Klanghölzer, Triangeln und Stabspiele (Xylophone und Metallophone) aus dem Orff-Instrumentarium oder ganz einfache,selbst gebaute Instrumente, wie Rasseln oder an alten Handschuhen angenähte Glöckchen.16Leicht spielbare Instrumente haben den Vorteil, dass damitauch Personen ohne Instrumentalerfahrung bei einfachen,rhythmisch gestalteten Melodien mitmachen können. Allerdings setzen sich Menschen mit Demenz im Anfangsstadiumhäufig selbst einem Leistungsdruck aus und verzeihen sichnicht, wenn sie beispielsweise „Alle meine Entchen“ auf demGlockenspiel nicht spielen können. Solche frustrierenden Erlebnisse können vermieden werden, indem wir keine bekanntenMelodien nachspielen lassen, sondern einzelne Töne als Klangfantasie oder Liedbegleitung vorschlagen.

„Musik machen“ als kreative HandlungIm späteren Stadium der Krankheit kann es gut sein, dassMenschen mit Demenz das Instrumentalspiel nutzen, um zumBeispiel Gefühle wie Trauer oder Wut auszudrücken, wennWorte nicht mehr funktionieren. Viele spielen in sich selbstversunken eine improvisierte Fantasie auf dem Glockenspielund wirken dabei erfüllt und zufrieden. Schöpferisches Tun jeglicher Art ist auch bei Menschen mit Demenz noch möglich.Gerade Musik kann ihre Kreativität wieder ansatzweise ent decken und fördern.Tipps für das Musizieren mit InstrumentenBeim Musizieren mit Instrumenten sollten Sie einige Regelnbeachten: Achten Sie auf die Reaktion der Mitspielenden beimEinsatz der verschiedenen Instrumente. Beobachten Sie,welche am liebsten gespielt werden. Motivieren Sie auch die Angehörigen zum Spielenvon Instrumenten. Unterbrechen Sie die Musizierenden während desSpielens nicht. Loben Sie, und zwar auf natürliche Weise und nichtzu überschwänglich. Suchen Sie nach dem Musizieren das Gespräch überdie entstandene Musik oder über Erinnerungen undAssoziationen, die das Musizieren ausgelöst hat. Sorgen Sie dafür, dass regelmäßig mit den Betroffenenmusiziert wird.Ich weiß nicht, was soll es bedeuten Musizieren mit Menschen mit DemenzFallbeispiel Herr E.„Herr E. ist halbseitig gelähmt, zeigt demenzielleVeränderungen und kann sich nur mit wenigen Gesten,nicht aber sprachlich verständigen. Mithilfe von Musikfindet Herr E. neue Formen des Ausdrucks und des Dialogs und er zeigt ein starkes Bedürfnis danach, obwohl– oder gerade weil – die Musik in besonderem Maßeseine Gefühle anspricht und ihn oft zu Tränen rührt.Da er in seinem Leben musikalisch sehr aktiv war undselbst Gitarre spielte, versucht er regelmäßig, mit derlinken Hand die bekannten Gitarrengriffe zu spielen.Manchmal gibt ihm dies ein Gefühl der Selbstbestätigung und Zufriedenheit, manchmal wirkt er dabei sehrfrustriert. Anders ist es mit alternativen Formen desMusizierens: Herr E. improvisiert, wirkt entspannt undspielt in sich versunken zum Beispiel auf einem Glockenspiel. Oder er entwickelt, ausgehend von seinemTremor in der „gesunden“ Hand, rhythmische Tisch percussion. Ich trete dann mit ihm in einen Dialog,indem ich ebenfalls rhythmisch auf dem Tisch klopfe.In einer heterogenen Musikgruppe zeigt er sich schnellunterfordert und rastlos, aber Einzelsitzungen forderter immer wieder mit deutlichen Handzeichen ein.“17

7Tanze Samba mit mirMusik und BewegungFallbeispiel Frau E.„Frau E. ist für mich die Musik in Person! Sie kannnicht mehr artikuliert sprechen oder singen, und siekann kein Instrument spielen, da sie die Motorik ihrerHände nicht mehr steuern kann. Sobald ich aber einLied zu singen beginne oder auf einem Instrument eineMelodie vorspiele, gerät ihr ganzer Körper in Bewegung. Frau E. tanzt im Sitzen mit Armen und Beinenzum Rhythmus der Musik – aus eigenem Antrieb undmit großer Begeisterung. Dabei erkennt sie auch beiihr unbekannten Melodien sofort den Charakter derMusik und illustriert ihn mit Gesten und ausgeprägterMimik: Freude, Wut, Verzweiflung, Angst, Erstaunen Oft übernimmt sie bei einer Improvisation selbst dieFührung und erzählt ausdrucksvoll mit Bewegungenund Mimik eine Geschichte, die ich dann mit Musikbegleite. Sie blüht förmlich auf und scheint die aus dauernde Betätigung zur Musik und den Dialog mit mirzu genießen.“www.wir-tanzen-wieder.de18Bewegung ist gesund – das wissen wir längst. Und das giltbesonders für ältere Menschen. Durch Bewegung versteifen dieGelenke langsamer, der Kreislauf bleibt stabiler und die Verdauung klappt besser. Zusätzlich hat Bewegung bei älteren Menschen dieselbe Wirkung, die sie auch bei Jungen hat: Sie hebtdie Stimmung!Dass Musik „in den Füßen kribbelt“, liegt daran, dass beimHören von Musik Areale im Gehirn aktiviert werden, die fürBewegungen zuständig sind. Bei kleinen Kindern sehen wirganz deutlich, wie sie sich spontan und mit großer Freu dezur Musik bewegen. Dieses natürliche Verhalten erlauben wiruns als Erwachsene oft nicht mehr. Jedoch kann jeder –also auch ein Mensch mit Demenz – diese gesunde Lustwieder entwickeln und ausleben, wenn wir Vorbild sind unddie Bewegungen mit Freude vormachen.

Die Möglichkeiten dafür sind vielfältig: Es gibt zahlreiche erprobte Sitztanz-Choreographien unddarauf abgestimmte CDs (siehe Kapitel Literatur und Musik).Wer eine Gruppe anleitet, kann natürlich auch eigeneBewegungsabfolgen entwickeln, die zur Gruppe passen. In einer Einzelsitzung kann Bewegung zu Musik zumBeispiel als „Spiegeltanz“ gestaltet werden. Hierbei werdendie Gesten des Menschen mit Demenz wie ein Spiegelbildgedoppelt. Statt Musik von der CD kann unser eigener Gesang mitTanzbewegungen oder mit zum Text passenden Gestenillustriert werden. Requisiten wie leichte Tücher, (Kunststoff-)Blumen,Servietten oder Fahnen lassen eine themenbezogeneAtmosphäre entstehen. Die Bandbreite der Musikstile reicht vom „Schuhplattler“zur „Amboss-Polka“, vom Disco-Tanz zu „Waterloo“.Erlaubt ist, was gefällt!Viele Menschen mit fortgeschrittener Demenz sind innerlichunruhig, scheinen ständig etwas zu suchen oder laufen hinund her. In solchen Situationen können sie mit Hilfe von Musikdazu animiert werden, sich gemeinsam mit anderen koordiniertzu bewegen oder gar zu tanzen. Die vorher ziellose Bewegungwird damit in einen Sinnzusammenhang gesetzt und ermöglicht es, Gefühle zum Ausdruck zu bringen, die verbal nichtmehr geäußert werden können.Ich weiß nicht, was soll es bedeuten Musizieren mit Menschen mit DemenzSchunkeln und TanzenSich zur Musik wiegen oder klatschen – den meisten Menschenmit Demenz bereitet das Freude. Wenn Sie trotz Musik körperliche Unruhe beobachten, könnte es an der Art der Musikliegen. Ist sie vielleicht zu laut? Oder zu schnell? Oder solltenSie den Musikstil ändern? Lenken andere Dinge im Raum zusehr ab?Tanzen ist meist mit körperlicher Berührung verbunden, undauch bei Tänzen im Sitzen können Berührungen eingebaut werden. Das kann ein Gefühl der Nähe, Geborgenheit und Sicherheit vermitteln und gleichzeitig an schöne Momente dieser Art– vielleicht mit den Lebenspartnern oder eigenen Kindern –erinnern.19

8Hörst du das Lied der Berge?Musik hören und erlebenIn der Gruppe oder zu zweit Musik aus früheren Lebensphasen zu hören und darüber zu sprechen, ist ein hervorragenderAnsatz für Biografiearbeit. Es stärkt das Gefühl für die eigeneIdentität und Persönlichkeit. Leider erschweren die Veränderungen des Gehörsinns bei älteren Menschen diese Methode,so dass Betreuerinnen und Betreuer für das gemeinsame Musikhören einige Besonderheiten beachten müssen: Viele ältere Menschen hören hohe Frequenzen entwedergar nicht mehr oder zu laut. Einige Klänge werden als unnatürlich laut oder sogarschmerzhaft laut empfunden. Das selektive Hören, der sogenannte Party-Effekt, lässt imAlter nach:

des Singens auf Körper und Seele erforscht. Seine Ergebnisse zeigen, dass singende Menschen im Vergleich zu nicht singen-den Menschen im Durchschnitt psychisch und physisch gesün-der sind. Beim Singen entfalten sie ihre ureigenen, jederzeit ver