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KARL DITTWestfalen wird erleuchtetDer Aufbau der Elektrizitätswirtschaft bis zum Zweiten Weltkrieg1I. FragestellungDie Elektrizität ist eine Energie, die von Beginn revolutionäre Wirkungen entfaltet hat. Ihre rasche Verbreitung erschien aufgrund ihrer leichten Transportierbarkeit, Handhabung und Sicherheit sowie ihrer vielfältigen Anwendungsmöglichkeiten in Beleuchtung, Kraftantrieb und Kommunikation als selbstverständlich,ja geradezu als zwangsläufig. Die etablierte Gasindustrie, die sich durch die neueEnergie existentiell herausgefordert sah, hoffte vergebens, dass die Probleme derVerwendung von Gleich- oder Wechselstrom, der starken Energieverluste beimTransport über weite Strecken und der hohen Preise die Durchsetzung der Elektrizität bremsen würden. Auch die Verbesserungen der Leuchtkraft des Gases undihre deutlich günstigeren Preise reichten nicht aus, um den Siegeszug der Elektrizität aufzuhalten. Immerhin zeigte sich, dass die Elektrizitätsindustrie die Gasindustrie nicht niederkonkurrieren konnte; stattdessen kam es zu Formen derArbeitsteilung.2Die Erfindung neuer Produkte, ihre wechselseitige Konkurrenz und ihre Substitution bzw. Koexistenz waren typische Prozesse, die die Industrialisierung unddie entstehende Konsumgesellschaft charakterisierten. Im Falle der Energieversorgung beschränkte sich die Auseinandersetzung nicht auf die Produzenten, d. h.die Privatwirtschaft und die Kommunen, die jeweils Gas- und Elektrizitätswerkebetrieben, und die Konsumenten, die die Wahl zwischen den alten Energien Wasserkraft, Holz und Kohle sowie den neuen Energien Gas, Petroleum und Elektrizität hatten. Vielmehr schaltete sich auch der Staat mit eigenen Interessen in diesesAngebots- und Nachfrageverhältnis ein. Die Entwicklung dieser konfliktträchtigen Konstellation soll in ihren Konsequenzen für die Verbreitung der Elektrizitätin Westfalen zwischen dem Beginn der Elektrizitätsversorgung in den 1880er-Jahren und dem Zweiten Weltkrieg dargestellt werden.3 Zum einen wird der Aufbauder Stromversorgung, insbesondere das Verhältnis zwischen der Privatwirtschaftund der öffentlichen Hand, näher verfolgt. Zum anderen werden die Motive derBevölkerung behandelt, die Elektrizität einzuführen bzw. sich ihrer Einführungzu verweigern. Abschließend werden einige Folgen skizziert, die die Einführungder Elektrizität für die Lichtnutzung der Bevölkerung hatte.1 Der Aufsatz basiert z. T. auf Karl Ditt, Zweite Industrialisierung und Konsum. Energieversorgung,Haushaltstechnik und Massenkultur in nordenglischen und westfälischen Städten 1880–1939, Paderborn 2011. Er geht auf einen Vortrag vor dem Verein für Geschichte und Altertumskunde Westfalens,Abt. Münster, am 28. Januar 2013 in Münster zurück.2 Vgl. generell Hans-Joachim Braun, Gas oder Elektrizität? Zur Konkurrenz zweier Beleuchtungssysteme, 1880–1914, in: Technikgeschichte 47 (1980), S. 1–19.3 Vgl. generell Theo Horstmann, Die „Zweite Industrielle Revolution“ in Westfalen. Zur Elektrifizierung einer Region, in: Horst A. Wessel (Hg.), Elektrotechnik für mehr Lebensqualität. Sechstes VDEKolloquium am 10. Oktober 1990 anläßlich des VDE-Kongresses in Essen, Berlin 1990, S. 13–30;VEW AG (Hg.), Mehr als Energie. Die Unternehmensgeschichte der VEW 1925–2000, Essen 2000.Quelle: Westfälische Zeitschrift 164, 2014 / Internet-Portal "Westfälische Geschichte"URL: http://www.westfaelische-zeitschrift.lwl.org

80Karl DittII. Aufbau der ElektrizitätsversorgungIm Jahre 1881 stellte Thomas Edison auf der Ersten Internationalen Elektrizitätsausstellung in Paris der Öffentlichkeit seine zwei Jahre zuvor gemachte Erfindungder Glühbirne vor. Im Unterschied zu der bisherigen elektrischen Beleuchtung,den seit dem Jahre 1876 breit eingesetzten Bogenlampen, die ein grelles, nur für dieBeleuchtung von Straßen und Plätzen geeignetes Licht gaben,4 war die Glühbirneaufgrund ihres weicheren Lichtes für die Beleuchtung kleinerer Räume geeignet.Diese Erfindung trug wesentlich zur Gründung von Elektrizitätswerken bei.Ihr Gründungsprozess verlief in mehreren Stadien. Das erste Stadium begannin der Regel damit, dass in einer Gemeinde ein technisch interessierter Gewerbetreibender für den Beleuchtungs- und Kraftbedarf seines Betriebes und meistauch seines Wohnhauses einen Generator installieren ließ. Hatte sich die Nutzung bewährt, schlossen sich ihm weitere gewerbliche Interessenten, z. B. Fabrikanten, Hotelbesitzer, Ladengeschäfte, Theater usw. an, sodass sog. Blockzentralen entstanden.5 Ihre Motive lagen zumeist in dem Wunsch, durch die elektrischeBeleuchtung mehr Sicherheit und Bequemlichkeit, Attraktivität und Prestige zugewinnen. Stieg die Nachfrage, beantragten privatwirtschaftliche Elektrounternehmen, z. B. die AEG, Siemens, Schuckert, Helios, Lahmeyer u. a., bei der jeweiligen Stadtverwaltung eine langfristige Monopolkonzession für die lokale Elektrizitätsversorgung. Konkurrenz, wie sie in kleineren Städten der USA herbeigeführt wurde,6 war damit nicht möglich. Dahinter stand die Auffassung, dassdie Einwohner nicht durch mehrfaches Aufreißen der Straßen zur Leitungsverlegung belästigt werden sollten und dass Doppelinvestitionen wirtschaftlich unsinnig seien, schließlich auch die angelsächsische Erfahrung, dass es trotz der Konzessionierung von Konkurrenten zu Preisabsprachen komme.Die Stadtverwaltungen diskutierten über die Gründung von E-Werken meistjahrelang.7 Ein wesentlicher Gesichtspunkt war, ob die Interessen der Gaswerkbetreiber verletzt würden. Sie hatten vielfach das Beleuchtungsmonopol für denöffentlichen Raum in der Stadt und suchten es zu verteidigen, schien doch derAufbau eines E-Werks die Einbuße von Expansion und Gewinn zu bedeuten. Inder Tat fielen die Aktienkurse der börsennotierten Gasgesellschaften in den frühen 1880er-Jahren, als die ersten E-Werke geplant wurden. Als jedoch die hohenInvestitions- und Elektrizitätskosten deutlich wurden und als im Jahre 1885 der4 Vgl. Carl Basch, Die Entwickelung der elektrischen Beleuchtung und der Industrie elektrischerGlühlampen in Deutschland, Berlin 1910; Bei Licht besehen. Kleines ABC der Beleuchtung. Ausstellungskatalog des Rheinischen Museumsamtes, Abtei Brauweiler, Pulheim 1987; Brian Bowers, Lengthening the Day. A History of Lighting Technology, Oxford 1998.5 Vgl. z. B. Hans Eberhard Brandhorst, Das Elektrizitätswerk der Stadt Minden. Die Anfänge derVersorgung Mindens mit elektrischem Strom, in: Mitteilungen des Mindener Geschichtsvereins 49(1977), S. 137–141, 137f.; Ferdinand und Ludger Blanke, Aus den Anfängen der Stromversorgung inLegden, in: Unsere Heimat. Jahrbuch des Kreises Borken 1984, S. 248–250; Gitta Böth u. a. (Hg.), DerWeg ins Licht. Zur Geschichte der Elektrifizierung des märkischen Sauerlandes, Hagen 1989; Walter Fritzsch / Jutta Heutger-Berost, Stromversorgung im Sauerland 1891–1935. Ein Beitrag zur Wirtschafts- und Technikgeschichte, Arnsberg 1991.6 Vgl. William M. Emmons III, Franklin D. Roosevelt, Electric Utilities, and the Power of Competition, in: Journal of Economic History 53 (1993), S. 880–907, 882f.7 Vgl. z. B. Brandhorst, Elektrizitätswerk (wie Anm. 5), S. 138.Quelle: Westfälische Zeitschrift 164, 2014 / Internet-Portal "Westfälische Geschichte"URL: http://www.westfaelische-zeitschrift.lwl.org

Westfalen wird erleuchtet81österreichische Chemiker Carl Auer von Welsbach den Gasglühstrumpf erfand,der den Gasverbrauch reduzierte, die Leuchtkraft deutlich steigerte sowie dasGaslicht weniger flackern ließ und augenfreundlicher machte,8 erholten sie sich.Noch im Jahre 1895 erklärte der Magistrat der Stadt Münster seiner Stadtverordnetenversammlung, dass „die Zeit, wo es scheinen konnte, daß das elektrischeLicht die Gasanstalten zu schädigen vermöchte, . vorüber [ist]. Seit das Gasglühlicht den vollständigen Sieg errungen, werden überall Gasanstalten vergrößert und neugebaut. Münster kann zufrieden sein, noch keine öffentliche elektrische Anlage eingerichtet zu haben.“9 Andere Diskussionspunkte waren die Vorund Nachteile des Gleich- und Wechselstroms,10 die Größe des Versorgungsraumsoder die Seriösität und die Strompreisvorstellungen der Betreiber.Das zweite Stadium des Aufbaus der Elektrizitätsversorgung begann mit derKonzessionserteilung für den Bau eines E-Werks. Die Stadtverwaltungen nutzten ihr Wegerecht, mit dem sie eine weiträumige Stromkabelverlegung blockieren konnten, dazu, um in die Verträge mit den Privatunternehmen zahlreicheKautelen einzubauen, die ihnen einen Anteil an deren Gewinn sichern, Vorzugspreise für die Stromlieferung garantieren und die Laufzeit begrenzen sollten11 –ein Resultat ihrer schlechten Erfahrungen, die sie bei den vorangegangenen Konzessionierungen von Gaswerken gemacht hatten. Die erste Konzession für einöffentliches Elektrizitätswerk in Deutschland erteilte im Jahre 1884 die Stadt Berlin der von Emil Rathenau gegründeten Städtische Electricitätswerke AG zu Berlin für die elektrische Beleuchtung der Innenstadt. Ein Jahr später gab es als erstes öffentliches Elektrizitätswerk des Deutschen Reiches Strom ab.12 Ihm folgten8 Zum Auerlicht vgl. Arthur Fürst, Das elektrische Licht. Von den Anfängen bis zur Gegenwart.Nebst einer Geschichte der Beleuchtung, München 1926, S. 51ff.9 Schreiben des Magistrats an die Stadtverordnetenversammlung vom 10. 6. 1895, in: StadtarchivMünster [StdA Ms], Stadtverordnetenregistratur, Nr. 365, Bd. VI.10 Vgl. W. Schrader, Die electrische Beleuchtung im Verhältnis zur Stadtverwaltung, Magdeburg1889; ders., Die Lage der öffentlichen elektrischen Beleuchtungen im Jahre 1890, Magdeburg 1890;Georg Dettmar, Die Entwicklung der Starkstromtechnik in Deutschland. Teil 1: Die Anfänge bis etwa1890, Berlin 1940, ND Berlin 1989, S. 109ff. – Gleichstrom ließ sich nur über kurze Entfernungentransportieren, d. h. beschränkte den Radius der Elektrizitätsversorgung; Wechsel- und Drehstromermöglichte den Stromtransport über größere Entfernungen, sodass E-Werke kostengünstiger außerhalb der Innenstädte, dem Hauptabsatzmarkt, gebaut werden konnten. Vgl. Horst A. Wessel (Hg.),Moderne Energie für eine neue Zeit. Siebtes VDE-Kolloquium am 3. und 4. September 1991 anläßlichder VDE-Jubiläumsveranstaltung „100 Jahre Drehstrom“ in Frankfurt am Main, Berlin 1991; DavidGugerli, Technikbewertung zwischen Öffentlichkeit und Expertengemeinschaft. Zur Rolle der Frankfurter elektrotechnischen Ausstellung von 1891 für die Elektrifizierung der Schweiz, in: Andreas Ernstu. a. (Hg.), Kontinuität und Krise. Beiträge zur Wirtschafts- und Sozialgeschichte der Schweiz. Festschrift für Hansjörg Siegenthaler, Zürich 1994, S. 139–160; Beate Binder, Elektrifizierung als Vision.Zur Symbolgeschichte einer Technik im Alltag, Tübingen 1999, S. 104ff.11 Vgl. generell Clemens Heiß, Die gemischtwirtschaftlichen Unternehmungen bei der öffentlichenElektrizitätsversorgung, in: Schmollers Jahrbuch 40 (1916), S. 313–385; Leoni, Die Verbindung vonGemeinde und Privatkapital zu wirtschaftlichen Unternehmungen, in: Technik und Wirtschaft 7(1914), S. 1–27; Wolfgang R. Krabbe, Städtische Wirtschaftsbetriebe im Zeichen des „Munizipalsozialismus“. Die Anfänge der Gas- und Elektrizitätswerke im 19. und frühen 20. Jahrhunderts, in: HansHeinrich Blotevogel (Hg.), Kommunale Leistungsverwaltung und Stadtentwicklung vom Vormärz biszur Weimarer Republik, Köln 1990, S. 117–135, 129f. Vgl. als Beispiel Carmelita Lindemann, Chancenund Grenzen kommunaler Elektrizitätspolitik. Die Entwicklung des Elektrizitätswerks Aachen undder Rurtalsperren-Gesellschaft von 1890 bis 1928, Frankfurt 1996, S. 45ff.12 Vgl. 50 Jahre Berliner Elektrizitätswerke 1884–1934. Im Auftrage der Berliner Städtische Elektrizitätswerke Akt.-Ges. bearb. von C. Matschoß u. a., Berlin 1934; Fritz Haubner, Aus den AnfängenQuelle: Westfälische Zeitschrift 164, 2014 / Internet-Portal "Westfälische Geschichte"URL: http://www.westfaelische-zeitschrift.lwl.org

82Karl Dittgegen Ende der 1880er-Jahre Elberfeld, Barmen, Lübeck und Darmstadt. Westfalens erstes öffentliches Elektrizitätswerk wurde im Jahre 1890 in der KleinstadtGevelsberg bei Hagen errichtet. Ausschlaggebend hierfür war offenbar, dass vorder Alternative, ein Elektrizitäts- oder Gaswerk zu gründen, die Hagener Accumulatorenfabrik Büsche und Müller die Anlage einer elektrischen Beleuchtungsanlage kostenlos übernehmen wollte.13 Die Mehrzahl der großen Elektrizitätswerke in Westfalen entstand dagegen erst um die Jahrhundertwende.Erteilte sich die Stadt selbst eine Konzession für den Bau eines E-Werks,wurde sie zumeist von drei Motiven geleitet. Zum Ersten machten Erhebungen und Gutachten über den erwarteten Stromverbrauch eine hohe Nachfrageund damit eine sichere Rendite wahrscheinlich, die die Kommune nicht der Privatwirtschaft, sondern der eigenen Kasse zugutekommen lassen wollte.14 ZumZweiten wuchs der Energiebedarf für den Betrieb der Straßenbeleuchtung, derKommunalgebäude und gegebenenfalls auch der Straßenbahnen deutlich, sodassdie Eigenerzeugung eine beträchtliche Kosteneinsparung versprach. Zum Dritten schließlich betrachteten viele Kommunalpolitiker unter dem Einfluss des sog.Munizipalsozialismus Strom – ähnlich wie Gas und Wasser – als ein elementaresVersorgungsgut der gesamten Bevölkerung. Es sollte nicht nur den Bessergestellten, sondern der gesamten Bevölkerung dienen.15Während sich im Jahre 1890 von den 45 Elektrizitätswerken des DeutschenReiches nur ein Drittel in kommunaler Trägerschaft befand,16 stieg bis zumJahre 1913 die Quote derjenigen öffentlichen E-Werke, die in kommunalem odergemischtwirtschaftlichem, mit kommunaler Mehrheit ausgestattetem Besitz war,auf 61 und bis zum Jahre 1932 auf 74 %.17 Stärker noch als der rein kommunale stieg der gemischtwirtschaftliche Besitz. Die Bereitschaft der Kommunen,der öffentlichen Elektrizitätsindustrie in Berlin (1882–1899), in: Tradition 7 (1962), S. 1–11; HeinrichBüggeln, Die Entwicklung der öffentlichen Elektrizitätswirtschaft in Deutschland. Unter besonderer Berücksichtigung der süddeutschen Verhältnisse, Stuttgart 1930; Arnold Th. Gross, Zeittafel zurEntwicklung der Elektrizitäts-Versorgung, in: Technikgeschichte 25 (1936), S. 126–138, 127f.; Rüdiger von Zastrow, Elektrizitätswirtschaft von Berlin, in: Jan Wilhelm van Heys (Hg.), DeutschlandsElektrizitätswirtschaft, Dresden 1931, S. 243–275.13 Vgl. Horstmann, Zweite Industrielle Revolution (wie Anm. 3), S. 15ff.; Birgit Bedranowsky, NeueEnergie und gesellschaftlicher Wandel. Strom und Straßenbahn für das Paderborner Land, Köln 2002,S. 43.14 Vgl. für Aachen Lindemann, Chancen (wie Anm. 11), S. 41ff. Vgl. generell Krabbe, Wirtschaftsbetriebe (wie Anm. 11), S. 125ff.15 Vgl. Wolfgang R. Krabbe, Munizipalsozialismus und Interventionsstaat. Die Ausbreitung der städtischen Leistungsverwaltung im Kaiserreich, in: Geschichte in Wissenschaft und Unterricht 30 (1979),S. 265–283; Uwe Kühl (Hg.), Der Munizipalsozialismus in Europa, München 2001; Karl Ditt, Munizipalsozialismus und Elektrizitätswirtschaft in Deutschland im ersten Drittel des 20. Jahrhunderts, in:Heinz Reif / Moritz Feichtinger (Hg.), Ernst Reuter. Kommunalpolitiker und Gesellschaftsreformer1921–1953, Bonn 2009, S. 51–65.16 Vgl. Lindemann, Chancen (wie Anm. 11), S. 43f.; Jürgen Reulecke, Geschichte der Urbanisierungin Deutschland, Frankfurt 1985, S. 126. Eine Liste der Gründung privatwirtschaftlicher und öffentlicher Elektrizitätsunternehmen findet sich in: Günther E. Braun / Klaus-Otto Jacobi, Die Geschichtedes Querverbundes in der kommunalen Versorgungswirtschaft, Köln 1990, S. 56ff. Zu Beginn des20. Jahrhunderts verfügten alle Städte über 50 000 Einwohner und 77 % aller Städte zwischen 20 000und 50 000 Einwohner über ein E-Werk. Vgl. Krabbe, Wirtschaftsbetriebe (wie Anm. 11), S. 126f.;ders., Die deutsche Stadt im 19. und 20. Jahrhundert, Göttingen 1989, S. 121.17 Vgl. Büggeln, Entwicklung (wie Anm. 12), S. 37; o. A., Wirtschaftliche Grundlagen der Elektrizitätswirtschaft, in: van Heys, Deutschlands Elektrizitätswirtschaft (wie Anm. 12), S. 17–25, 18; HeinzQuelle: Westfälische Zeitschrift 164, 2014 / Internet-Portal "Westfälische Geschichte"URL: http://www.westfaelische-zeitschrift.lwl.org

Westfalen wird erleuchtet83gemeinsam mit der Privatwirtschaft ein Elektrizitätswerk zu betreiben, resultiertehäufig aus der Auffassung, dass ein ausschließlich öffentliches Unternehmen wirtschaftlich zu inflexibel sei.Angesichts der wachsenden Bedeutung der Elektrizität sowie der Heterogenität ihrer Träger und Systeme war es eigentlich naheliegend, dass das Reich frühzeitig wegweisende Funktionen übernahm. Dieses Engagement blieb jedoch langeZeit aus. Die systematische, reichsweite Übernahme einer Stromversorgung hätteden Staat wohl finanziell und organisatorisch überfordert, und technisch-organisatorische Vorgaben waren in der Anfangsphase dieser Innovation schwer zumachen. Erst seit dem Jahre 1907 interessierte sich das Reich für die Stromversorgung. Sein Motiv war jedoch nicht der Wunsch, zu steuern und zu vereinheitlichenoder die demokratische Teilhabe an dieser Errungenschaft zu fördern, als vielmehrdas Bestreben, von der raschen Verbreitung der Elektrizität durch die Erhebungeiner Steuer finanziell zu profitieren. Erst kurz vor dem Ersten Weltkrieg verband das Reich den Gedanken der Besteuerung mit Überlegungen zu einer rationalen, reichsweiten Organisierung der Elektrizitätsversorgung, scheiterte jedocham Widerstand der Länder, die jetzt ihrerseits auf die Organisation der Stromversorgung unter den Aspekten Infrastrukturpolitik und GewinnerwirtschaftungEinfluss nehmen wollten.18Das Land Preußen ließ dagegen den Elektrizitätsunternehmen weitgehendfreie Hand. Auch die preußischen Provinzialverbände, die Dachorganisationender Kreise und kreisfreien Kommunen, engagierten sich kaum. Das dritte Stadium des Aufbaus der Elektrizitätswirtschaft wurde deshalb in Westfalen nichtdurch Übernahmen oder regulatorische Eingriffe seitens des Reichs oder Preußens als vielmehr durch regionale Initiativen der Privatwirtschaft und der Kommunen bestimmt. Ausgangspunkt dafür war die im Jahre 1898 gegründete Rheinisch-Westfälische Elektrizitätswerk AG, deren Aktienmehrheit vier Jahre spätervon dem Zechenbesitzer und Kohlenhändler Hugo Stinnes sowie von dem Eisenund Stahlindustriellen August Thyssen übernommen wurde. Der neue Aufsichtsratsvorsitzende Stinnes verfolgte nicht nur das Ziel, Absatzmöglichkeiten für dieKohlen seiner Zeche Viktoria Matthias zu erhalten und die Stadt Essen mit Stromzu beliefern, sondern er entwickelte auch eine Expansionsstrategie. Nach seinenVorstellungen sollte die RWE das gesamte rheinisch-westfälische IndustriegebietKellner, Die grundsätzlichen Auseinandersetzungen über die kommunale Wirtschaftsbetätigung inder Nachkriegszeit, Diss. Münster, Emsdetten 1936, S. 3.18 Vgl. Walther Windel, Die Monopolisierung der Erzeugung und Verteilung elektrischer Energie,Diss. Würzburg 1911; Gustav Siegel, Der Staat und die Elektrizitätsversorgung, in: Preußische Jahrbücher 160 (1915), S. 423–451; Richard Passow, Staatliche Elektrizitätswerke in Deutschland, Jena 1916;N. Hochström, Die öffentliche Elektrizitätsversorgung als Einnahmequelle für den Staat. Studie überdie Frage „Besteuerung oder Verstaatlichung“, Stuttgart 1916; Richard Hartmann, Das Reichs-Elektrizitätsmonopol, Berlin 1917; Büggeln, Entwicklung (wie Anm. 12), S. 40ff.; Helga Nussbaum, Versuche zur reichsgesetzlichen Regelung der deutschen Elektrizitätswirtschaft und zu ihrer Überführungin Reichseigentum 1909 bis 1919, in: Jahrbuch für Wirtschaftsgeschichte 1968/II, S. 117–203; HelmutGröner, Die Ordnung der deutschen Elektrizitätswirtschaft, Baden-Baden 1975, S. 238ff.; Nobert Gilson, Konzepte von Elektrizitätsversorgung und Elektrizitätswirtschaft. Die Entstehung eines neuenFachgebietes der Technikwissenschaften zwischen 1880 und 1945, Stuttgart 1994, S. 100ff.; Jan OttoClemens Kehrberg, Die Entwicklung des Elektrizitätsrechts in Deutschland. Der Weg zum Energiewirtschaftsgesetz von 1935, Frankfurt 1997, S. 21ff.; Bernhard Stier, Staat und Strom. Die politischeSteuerung des Elektrizitätssystems in Deutschland 1890–1950, Ubstadt-Weiher 1999, S. 230ff., 355ff.Quelle: Westfälische Zeitschrift 164, 2014 / Internet-Portal "Westfälische Geschichte"URL: http://www.westfaelische-zeitschrift.lwl.org

84Karl Dittmit Strom versorgen. Dass dieser Plan technisch realisiert werden konnte, hatteerstmals im Jahre 1891 die Fernübertragung von Drehstrom durch ein Kraftwerkin Lauffen am Neckar zur 176 km entfernten Internationalen ElektrotechnischenAusstellung in Frankfurt gezeigt. Stinnes schloss in der Folgezeit im westlichenTeil des Ruhrgebiets mit zahlreichen Gemeinden Stromlieferungsverträge ab.19Binnen weniger Jahre beherrschte daraufhin die RWE die dortige Stromversorgung.Seit dem Jahre 1904 wollte Stinnes auch das östliche Ruhrgebiet und dasmärkische Sauerland mit Strom versorgen. Er machte zahlreichen Ämtern undStädten günstige Strompreisangebote, gewann den Kreis Hörde als ersten Großabnehmer und wollte schließlich auch das größte E-Werk in Westfalen, das Unternehmen der Stadt Dortmund, übernehmen.20 Als diese Absicht jedoch publikwurde, entstand eine kontroverse Diskussion über die Vor- und Nachteile einesprivatwirtschaftlichen Monopols der Elektrizitätsversorgung des Industriebezirks. Auf der einen Seite lockten die Preisvorteile, die eine economy of scale boten,auf der anderen Seite entstanden Befürchtungen, die RWE würde zu großenEinfluss auf die Versorgungssicherheit und die Preisentwicklung der Elektrizität erhalten. Letztlich lehnte die Stadt Dortmund das Angebot von Stinnes ab,weil sie sich mit ihrer Stromversorgung nicht auf so lange Zeit, wie von der RWEgewünscht, festlegen wollte. Niemand könne die Rationalisierungsvorteile dertechnischen Entwicklung einschätzen; das Risiko, gegen Ende der Laufzeit überteuerte Strompreise zahlen zu müssen, sei zu hoch.21Stinnes gab jedoch nicht auf und machte im Dezember 1905 ein neues Angebot. Die Industriebezirkskommunen, der rheinische und der westfälische Provinzialverband sowie der Preußische Staat sollten sich finanziell an der RWE beteiligen, ja mit 55 Prozent sogar die Mehrheit des Aktienkapitals übernehmen, abernur 25 Prozent der Stimmen erhalten, sodass die Geschäftsführung in privatwirtschaftlicher Hand verbleiben würde.22 Obwohl die zuständigen preußischen19 Vgl. Edmund Neville Todd, Technology and Interest Group Politics: Electrification of the Ruhr,1886–1930, Diss. University of Pennsylvania 1984, S. 73ff.; Gerald D. Feldman, Hugo Stinnes. Biographie eines Industriellen 1870–1924, München 1998, S. 41ff., 118ff. Vgl. zur Geschichte der RWERichard Passow, Die gemischt privaten und öffentlichen Unternehmungen auf dem Gebiete der Elektrizitäts- und Gasversorgung und des Straßenbahnwesens, Jena 1912; Ernst Henke, Das RWE nachseinen Geschäftsberichten 1898–1948, Essen 1948; Hans Pohl, Vom Stadtwerk zum Elektrizitätsgroßunternehmen. Gründung, Aufbau und Ausbau der „Rheinisch-Westfälischen ElektrizitätswerkAG“ 1898–1918, Stuttgart 1992; Wolf Thieme / Dieter Schweer (Hg.), „Der gläserne Riese“. RWE. EinKonzern wird transparent, Wiesbaden 1998; Helmut Maier (Hg.), Elektrizitätswirtschaft zwischenUmwelt, Technik und Politik. Aspekte aus 100 Jahren RWE-Geschichte 1898–1998, Freiberg 1999.20 Vgl. Theo Horstmann, Die Vorläufergesellschaften der VEW, in: VEW AG (Hg.), Mehr als Energie. Die Unternehmensgeschichte der VEW 1925–2000, Essen 2000, S. 11–77, 25; Pohl, Stadtwerk (wieAnm. 19), S. 25; Manfred Rasch / Gerald D. Feldman (Hg.), August Thyssen und Hugo Stinnes. EinBriefwechsel 1898–1922, München 2003, S. 300.21 Vgl. Protokoll vom 31. 7. 1905, in: Stadtarchiv Dortmund [StdA Do], 3-1975, Magistratsprotokollvom 28. 11. 1905, und Rheinisch-Westfälische Zeitung 13. 1. 1906, in: ebd., 3-1976; Horstmann, Vorläufergesellschaften (wie Anm. 20), S. 25f.22 Vgl. Schreiben des Regierungspräsidenten in Arnsberg an den Minister des Innern vom 7. 12. 1905,Protokoll einer Besprechung zwischen Stinnes sowie den Ministern für Finanzen und der öffentlichenArbeiten vom 21. 12. 1905 und Schreiben des Ministers der öffentlichen Arbeiten vom 23. 12. 1905 anden Oberpräsidenten in Münster, in: Landesarchiv NRW, Abt. Westfalen [LAV NRW W], Oberpräsidium Münster [OP Ms], Nr. 6238; StdA Do, 3-1976; 11-281.Quelle: Westfälische Zeitschrift 164, 2014 / Internet-Portal "Westfälische Geschichte"URL: http://www.westfaelische-zeitschrift.lwl.org

Westfalen wird erleuchtet85Minister, der westfälische Oberpräsident, die Regierungspräsidenten in Düsseldorf und Arnsberg sowie zahlreiche westfälische Landräte und Bürgermeister diesem Plan durchaus positiv gegenüberstanden,23 konnte Anfang 1906 der Bochumer Landrat Karl Gerstein die Verständigung mit Hinweis auf einen geplantenSonderweg des Kreises Bochum verhindern.24 Ihm schwebte letztlich vor, für dieStädte des östlichen Ruhrgebiets eine eigene, interkommunale Stromversorgungzu schaffen.25 Hinzu kam, dass sich die Vertreter der öffentlichen Hand überihre tatsächlichen Einflussmöglichkeiten auf die Geschäftspolitik der RWE uneinig waren. Sowohl die kommunale als auch die staatliche Seite fürchtete, dassdie jeweils andere Seite mit der privatwirtschaftlichen Führung koalieren könne.Auch industrielle Kreise um Walther Rathenau von der AEG lehnten ein Strommonopol der RWE im entstehenden Ruhrgebiet ab.26Letztlich wollten die Städte sowohl ihre Elektrizitätswerke und damit ihrePlanungsautonomie und Geldquelle behalten als auch von den Vorteilen einerzentralisierten Großerzeugung profitieren. Dafür sollte ihnen ein kommunalgetragenes Gemeinschaftswerk billigen Strom liefern. Gerstein gelang es zunächstim Jahre 1906, ein gemischtwirtschaftliches Unternehmen, das ElektricitätswerkWestfalen (EWW), zu gründen, das anfangs den Landkreis, dann auch die StadtBochum und die weitere Umgebung mit Strom belieferte.27 Zwei Jahre später initi-23 Vgl. Protokoll der Sitzung vom 2. 1. 1906, in: StdA Do, 3-1976, und in: LAV NRW W, OP Ms,Nr. 6238; Herbert Otremba, Die Anfänge der Elektrizitätsversorgung im einstigen Kreis Bochum, dieGründung des Elektrizitätswerkes Westfalen und seine Entwicklung bis zur Bildung der VereinigtenElektrizitätswerke Westfalen (VEW), Staatsexamensarbeit Bochum 1978 [LWL-Institut für westfälische Regionalgeschichte, Münster], S. 14ff.24 Vgl. Schreiben Gersteins an den Regierungspräsidenten in Arnsberg vom 28. 11. 1907, in:LAV NRW W, Regierung [Reg.] Arnsberg, 6-480. Vgl. generell Edmund N. Todd, Prussian Landräteand Modern Technology: Electricity as a Source of Power in the Ruhr, 1900–1915, in: ICON 2 (1996),S. 83–107.25 Vgl. Schreiben des Landrates Gerstein vom 3. 8. 1905 an den Magistrat der Stadt Dortmund in:StdA Do, 3-1975, und die Satzungsentwürfe in: StdA Do, 3-1990; Fritz Bürger, Das Kommunale Elektrizitätswerk Mark, Diss. Münster, Essen 1937, S. 33ff.; Erster Geschäftsbericht des Verbands-Elektrizitätswerks für das Geschäftsjahr 1908/9 in: StdA Do, 3-1979; Schreiben des Regierungspräsidenten in Arnsberg vom 2. 8. 1904 und 25. 7. 1905 an den Oberpräsidenten Münster sowie Schreiben desLandrats Gerstein an das Rheinisch-Westfälische Kohlensyndikat vom 12. 8. 1905, in: LAV NRW W,OP Ms, Nr. 6238. Vgl. generell Todd, Technology (wie Anm. 19), S. 98ff.; Feldman, Stinnes (wieAnm. 19), S. 129ff.26 Vgl. Schreiben des Ministers für öffentliche Arbeiten vom 11. 1. 1906 an den Oberpräsidenten inMünster, in: StdA Do, 3-1376, und in: LAV NRW W, OP Ms, Nr. 6238; Edmund N. Todd, Von Essenzur regionalen Stromversorgung, 1886 bis 1920. Das Rheinisch-Westfälische Elektrizitätswerk, in:Helmut Maier (Hg.), RWE-Geschichte (wie Anm. 19), Freiburg 1999, S. 17–49, 31f.; Schreiben desRegierungspräsidenten in Arnsberg an Kommerzienrat Müser vom 6. 4. 1907, in: LAV NRW W, Reg.Arnsberg, 6-131; Johannes Kopsch, Interkommunale gewerbliche Unternehmungen in Deutschland,Berlin 1913, S. 54f.27 Vgl. Schreiben des Landrats Gerstein an den Regierungspräsidenten in Arnsberg vom 17. 12. 1906,in: LAV NRW W, Reg. Arnsberg, 6-203; Denkschrift über den Erwerb von Aktien des Elektricitätswerkes Westfalen durch die beteiligten Kommunalverbände, Bochum 1909, in: Historisches Konzernarchiv der RWE [HKR]; Schriftwechsel und Protokoll der Besprechung vom 2. 1. 1906 in: StdA Do,3-1976; Otremba, Anfänge (wie Anm. 23), S. 18ff.; Horstmann, Vorläufergesellschaften (wie Anm. 20),S. 29ff.; Karl Brinkmann, 100 Jahre Stadtwerke Bochum. 1855–1955, Bochum 1955, S. 36ff.; LotharWagner, 125 Jahre im Dienste des Bürgers. Stadtwerke Bochum GmbH, Bochum 1980, S. 44ff.; PeterDöring, „. eine neue Errungenschaft unserer Stadt.“ Die Geschichte der öffentlichen Energieversorgung in Recklinghausen, in: ders. (Hg.), 100 Jahre Strom für Recklinghausen 1905–2005, EssenQuelle: Westfälische Zeitschrift 164, 2014 / Internet-Portal "Westfälische Geschichte"URL: http://www.westfaelische-zeitschrift.lwl.org

86Karl Dittierte er die Gründung des ebenfalls gemischtwirtschaftlich organisierten Westfälischen Verbandselektrizitätswerks (WVE), das das östliche Ruhrgebiet und dasMärkische Sauerland mit Strom beliefern sollte.28 Hauptgesellschafter waren dieStadt Dortmund und das Elektrizitätswerk Westfalen.29 Damit hatte sich die kommunale Seite im Kampf um die Stromversorgung des Ruhrgebiets durchgesetzt.Kurz darauf verkaufte Stinnes seine geplante Zentrale auf Zeche Wiendahlsbankbei Kruckel im Kreis Dortmund an das Westfälische Verbandselektrizitätswerkund zog sich aus dem westfälischen Teil des Ruhrgebiets zurück. Ursprünglich aufden westlichen Teil des Kreises Recklinghausen, die Stadt und den Kreis Hörde,Teile der Kreise Hagen und Hamm beschränkt, dehnte das WVE in der Folgezeitsein Stromlieferungsgebiet in das Münste

Haushaltstechnik und Massenkultur in nordenglischen und westfa lischen Sta dten 1880–1939, Pader-born2011. Er geht auf einen Vortrag vor dem Verein fu r Geschichte undAltertumskunde Westfalens, Abt.Mu nster, am 28.Januar 2013 in Mu nster zuru ck. 2 Vgl. generell Hans-Joachim Braun, G