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WINTERREISENIAN BOSTRIDGEREMIXENSEMBLE26. MÄRZ 2018LAEISZHALLEGROSSER SAAL

Montag, 26. März 2018 20 Uhr Laeiszhalle Großer SaalElbphilharmonie für Kenner 4. Konzert19 Uhr Einführung im Kleinen Saal mit Meike PfisterWINTERREISENIAN BOSTRIDGE TENORREMIX ENSEMBLE CASA DA MÚSICADIRIGENT PETER RUNDELHans Zender (*1936)Schuberts »Winterreise«Eine komponierte Interpretation für Tenor und kleines Orchester (1993)Gute NachtDie WetterfahneGefror’ne TränenErstarrungDer LindenbaumWasserflutAuf dem eitDie PostDer greise KopfDie KräheLetzte HoffnungIm DorfeDer stürmische MorgenTäuschungDer WegweiserDas WirtshausMutDie NebensonnenDer LeiermannKeine Pause, Ende gegen 21:30 Uhr.Wir bitten Sie, zwischen den Liedern nicht zu applaudieren.

WILLKOMMENMODERNE KULTUR INEINZIGARTIGER GESTALT.WARUM NICHT GEMEINSAMDIE ZUKUNFT FORMEN?juliusbaer.com»Es gibt keine originalgetreue Interpretation«,meint der Komponist und Dirigent Hans Zender.»Es bedarf des schöpferischen Einsatzes desInterpreten, seines Temperaments, seiner Intelligenz und seiner Sensibilität, um eine wirklichlebendige Aufführung zustande zu bringen.«Deshalb hat er eine »komponierte Interpretation« von Schuberts Winterreise geschaffen, diestatt des begleitenden Klaviers ein Orchestereinsetzt und die Ausdruckskraft des düsterenLieder zyklus so noch steigert. Die Interpretationder Interpretation übernimmt mit Ian Bostridgeeiner der profiliertesten Schubert-Sänger überhaupt, begleitet von den Neue-Musik-Expertenvom Remix Ensemble unter Chefdirigent PeterRundel. Ein würdiger Abschluss der Elbphilharmonie-Serie Winterreisen, die Adaptionen vonSchuberts Meisterwerk versammelt.PRINCIPAL SPONSORDie Reihe »Winterreisen« wird gefördert durchJulius Bär ist Principal Sponsor der Elbphilharmonie Hamburg.Julius Bär ist die führende Private-Banking-Gruppe der Schweiz und weltweit an rund 50 Standorten präsent. Von Dubai, Genf, Guernsey,Hamburg, Hongkong, London, Lugano, Monaco, Montevideo, Moskau, Mumbai, Nassau, Singapur bis Zürich (Hauptsitz).

DIE KÜNSTLERIAN BOSTRIDGETENORDer 1964 in London geborene Tenor Ian Bostridge gehört zu denführenden Opern- und Liedsängern unserer Zeit. Seine internationale Karriere hat ihn nach Salzburg, Edinburgh, München,Wien sowie in die Carnegie Hall New York und die MailänderScala geführt.Er hatte Residenzen am Wiener Konzerthaus und bei derSchubertiade Schwarzenberg, gestaltete eine Carte-BlancheReihe mit Thomas Quasthoff am Concertgebouw Amsterdamsowie Reihen am Londoner Barbican, der Philharmonie Luxembourg, der Londoner Wigmore Hall und der Hamburger Laeisz halle. Im Opernbereich trat er als Lysander (A Midsummer Night’sDream) an der Opera Australia, als Tamino (Die Zauberflöte) undAschenbach (Death in Venice) an der English National Opera auf.An der Bayerischen Staatsoper sang er Nerone (L’incoronazionedi Poppea) und Tom Rakewell (The Rake’s Progress), an der Wiener Staatsoper gab er den Don Ottavio (Don Giovanni).Bisherige Höhepunkte der Saison 2017/18 waren die Aufführung von Berlioz’ Liederzyklus Les nuits d’été mit dem SeattleSymphony, die Titelrolle in Händels Jephtha an der Opéra National de Paris sowie ein Auftritt mit Brittens War Requiem mit derStaats kapelle Berlin unter der Leitung von Antonio Pappano.Darüber hinaus wurde er zum Artist in Residence des SeoulPhilharmonic Orchestra ernannt. Bostridge ist schon mehrfachin der Laeiszhalle und auch zweimal in der Elbphilharmonieaufgetreten: Zum Abschluss des Festivals »Lux aeterna« vor guteinem Jahr sang er die Titelpartie in Brittens Kirchen parabelCurlew River; im Mai gestaltete er einen Liederabend mit LarsVogt.Ian Bostridges zahlreiche Aufnahmen wurden mit allen international führenden Schallplattenpreisen ausgezeichnet und fürinsgesamt 15 Grammys nominiert. Im Oktober 2017 erhielt erin der Hamburger Elbphilharmonie zum wiederholten Mal denECHO Klassik für sein Album Shakespeare Songs.Vor seiner Gesangskarriere studierte Bostridge Geschichteund Philosophie in Oxford und Cambridge, wo er auch promovierte. Anschließend forschte er am Fachbereich Geschichte desCorpus Christi College in Oxford und wurde 2001 zum Ehrenmitglied ernannt, ebenso wie später vom St John’s College. Zudemerhielt er den Ehrendoktortitel der University of St Andrews.2004 wurde er als Commander of the Order of the British Empiregeehrt.Ian Bostridge ist Autor des BuchesSchuberts Winterreise – Liedervon Liebe und Schmerz über dengleichnamigen Liederzyklus desKomponisten. Es erschien 2015 undwurde im vergangenen Jahr mitdem Pol Roger Duff Cooper Prizeausgezeichnet.

DIE KÜNSTLERDIRIGENTPETER RUNDELDer Dirigent Peter Rundel gehört zu den führenden Spezialisten für die Musikder Avantgarde. Die tiefe Durchdringung komplexer Partituren unterschied licher Stilrichtungen und Epochen sowie seine dramaturgische Kreativität habenihn zu einem gefragten Partner namhafter europäischer Orchester gemacht.Regelmäßig dirigiert Rundel Ensembles wie das Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks, das Deutsche Symphonie-Orchester Berlin sowie die Rundfunkorchester des NDR, WDR und des SWR. Auch bei Klangkörpern wie demOrchestre National de Lille, dem Brussels Philharmonic und dem Orchestra delTeatro dell’Opera di Roma war der Dirigent zu Gast. Eine langjährige Kooperationverbindet ihn mit dem Ensemble Recherche, dem Asko Schönberg Ensembleund dem Klangforum Wien. Regelmäßig arbeitet er mit dem Ensemble intercontemporain Paris und dem Ensemble Musikfabrik zusammen. Seit 2005 leitetRundel das Remix Ensemble Casa da Música in Porto.Nach einem erfolgreichen Start in die Saison 2017/18 bei den Salzburger Festspielen und beim Musikfest Berlin debütierte er im Herbst bei den Wiener Symphonikern. Wiedereinladungen führten ihn außerdem zum hr-Sinfonie orchesterFrankfurt und dem Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks. Im Juni ister zu Gast beim Orchestre Philharmonique de Radio France.Peter Rundel leitete Uraufführungen bei den Wiener Festwochen, an derDeutschen Oper Berlin, der Bayerischen Staatsoper, am Gran Teatre del Liceuund bei den Bregenzer Festspielen. Seine Operntätigkeit umfasst sowohl traditionelles Repertoire als auch bahnbrechende Produktionen zeitgenössischenMusiktheaters wie Karlheinz Stockhausens Donnerstag aus Licht und Uraufführungen von Georg Friedrich Haas’ Opern Nacht und Bluthaus, Isabel Mundrys EinAtemzug – die Odyssee sowie Emmanuel Nunes’ Das Märchen und La Douce. Dievon ihm dirigierte Inszenierung von Carl Orffs Prometheus bei der Ruhrtriennalewurde 2013 mit dem Carl-Orff-Preis gewürdigt.Für seine Aufnahmen mit Musik des 20. Jahrhunderts erhielt Peter Rundelzahlreiche Auszeichnungen, darunter den Preis der Deutschen Schallplattenkritik (für Luigi Nonos Prometeo, Steve Reichs City Life und Beat Furrers Klavierkonzert) sowie den Grand Prix du Disque, eine Grammy-Nominierung undden Echo Klassik.

DIE KÜNSTLERREMIX ENSEMBLE CASA DA MÚSICASeit seinem Debütkonzert im Jahr 2000 hat das Remix Ensemble, das Kammerensemble für zeitgenössische Musik der Konzerthalle Casa da Música in Porto, mehr als 85 neue Kompositionen zur Uraufführung gebracht. Dazu gehören zweiAuftragskompositionen von Wolfgang Rihm, der 2011 Composer in Residence an der Casa da Música war, außerdem Le soldat inconnu von Georges Aperghis und Da capo von Peter Eötvös. Zu den Dirigenten, die das Remix Ensemble leiteten, zählenneben Peter Rundel so prominente Künstlerpersönlichkeitenwie Matthias Pintscher, Paul Hillier, Jonathan Stockhammer undHeinz Holliger.Als international angesehene Formation gastierte das RemixEnsemble in Musikmetropolen in ganz Europa. Das Projekt TheRing Saga mit Adaptionen der Musik Richard Wagners führtedie Musiker zum Festival Musica Strasbourg, in die Cité de laMusique Paris sowie an die Opernhäuser von Caen, Nîmes,Reims und Luxemburg. Außerdem spielten sie die Premiere vonPascal Dusapins Jetzt genau! beim Festival Musica Strasbourgsowie anschließend in der Berliner Philharmonie.Zu den Höhepunkten des Jahres 2017 zählten eine Retro spektive von Harrison Birtwistles Schaffen, die portugiesischePremiere von James Dillons Stabat Mater dolorosa und ein KinoKonzert mit neuer Musik zum Horrorfilm-Klassiker Nosferatuvon Friedrich Wilhelm Murnau. Das Remix Ensemble ist auf 15CDs vertreten, unter anderem mit Werken von António PinhoVargas, Unsuk Chin und Georges Aperghis. Eine Aufnahme mitMusik von Pascal Dusapin wurde 2013 von der Zeitschrift Gramophone in die »Critics Choice« aufgenommen.VIOLINEAngel GimenoJosé PereiraKlarinetteVítor J. Pereira*Ricardo AlvesViolaTrevor McTaitAida-Carmen SoaneaFagottRoberto ErculianiLurdes CarneiroVioloncelloOliver ParrHornNuno VazKontrabassAntónio A. AguiarTrompeteAles KlancarFlöteStephanie WagnerAna Raquel LimaPosauneRicardo PereiraOboeJosé Fernando Silva*Francesco SammassimoAkkordeonJosé ValenteHarfeCarla BosGitarreJulio GuerreiroSchlagwerkMário TeixeiraManuel CamposJoão CunhaPedro Fernandes*auch HarmonikaSaxofonRomeu Costa

DIE MUSIKSCHAUERLICHE SCHMERZENSLIEDERDas Original: Franz Schuberts »Winterreise«Franz Schubert schrieb seinen Liederzyklus Winterreise Anfang 1827, gut anderthalb Jahre vor seinem (viel zu frühen) Tod. Er basiert auf Gedichten von WilhelmMüller, die Schubert in der Zeitschrift Urania entdeckt hatte. Der Autor war fürSchubert kein Unbekannter: Schon sein Liederzyklus Die schöne Müllerin beruhteauf Gedichten des Dessauer Lateinlehrers und Brockhaus-Redakteurs. Persönlich getroffen haben sich die beiden aber nie. Vermutlich ahnte Müller nicht einmal, dass ein Komponist im entfernten Wien seine Gedichte so unwiderstehlichin Musik setzte. Er starb im Oktober 1827, ähnlich jung wie Schubert, und durftenicht mehr miterleben, wie dessen atemberaubende Musik im Verbund mit seiner Lyrik ein ganz neues, eigenständiges Genre etablierte: das Kunstlied.Die beiden Zyklen unterscheiden sich allerdings in einer Hinsicht gravierend.Die schöne Müllerin erzählt mit Liedern die Geschichte eines Müllerburschen aufder Wanderung. In der Winterreise dagegen ist die Handlung schon vor dem ersten Lied abgeschlossen: die Liebe ist zerbrochen, das Glück dahin.Franz SchubertDie folgenden Lieder stellen nun keine fortschreitende Entwicklung dar, sondern eine Art permanenten Zirkelschluss.Die Gedanken des Wanderers kreisen unaufhörlich um dieselben Gefühle, um Liebeskummer, Schmerz, Wut, Hoffnung undResignation. Zwar ändern sich von Lied zu Lied die Metaphern,die den Gemütszustand des Protagonisten in Analogie zu denStationen seiner Reise beschreiben. Doch inhaltlich geht derWanderer nur im Kreis herum. Wo sollte der Weg auch hinführen? Ins Wirtshaus, das in Wahrheit der Friedhof ist? Selbst dortfindet sich kein Platz für den Herumirrenden.Die Ausweglosigkeit wird zusammengefasst im finalen Bilddes Leiermanns. Auf ewig muss er seine Leier drehen, wie eineSchallplatte, die einen Sprung hat. Völlig sinnlos, denn niemandhört ihm zu. Es bleibt offen, ob der Leiermann mit seinen hohlenQuinten der Tod ist oder ein Bild für den Komponisten.Mit dem Protagonisten jedenfalls konnte sich Schubertbestimmt sehr gut identifizieren. »Stark angegriffen« habe ihndie Komposition der »schauerlichen Lieder«, berichtete er seinem Freund Joseph von Spaun. Und schon früher hatte er inseinem Tagebuch notiert: »Meine Erzeugnisse sind durch meinen Verstand für Musik und durch meinen Schmerz entstanden.Und jene, die der Schmerz allein erzeugt hat, scheinen die Weltam wenigsten zu erfreuen.«Diese Einschätzung bestätigte sich, als Schubert seinenFreunden die Winterreise im Herbst 1827 zum ersten Mal vorsangund -spielte. Gastgeber Spaun reagierte bestürzt und konnteeinzig dem Lindenbaum etwas Positives abgewinnen. Erst später, nachdem Schuberts Lieblingssänger Johann Michael Voglmehrfach mit der Winterreise geglänzt hatte, änderte Spaunseine Meinung: »Bald waren wir begeistert von diesen wehmütigen Liedern, die Vogl unübertrefflich vortrug.« Zahlreiche Bearbeitungen – wie die heutige »komponierte Interpretation« vonHans Zender zeigen: Bis heute gehört Schuberts Winterreise zuden erschütterndsten Werken der Musikgeschichte.CLEMENS MATUSCHEKDie Winterreise lässt sich übrigensauch politisch deuten: Müllerschrieb seine Gedichte in der Zeitdes Wiener Kongresses nach demEnde der Napoleonischen Kriege.Um Revoluzzern das Leben schwerzu machen, erließen viele Staatendrakonische Zensurgesetze.Künstlern, die der autoritärengeistigen Enge entkommen wollten,blieb nur die Flucht ins Häusliche(Biedermeier) oder in subversiveMetaphern. So etwa im GedichtLetzte Hoffnung, das freiheitlicheHoffnungsträger als einzelne»bunte Blätter« codiert, und ImDorfe, wo (menschliche) Kettenhunde den Künstler verbellen.Nicht zufällig war die ZeitschriftUrania, in der Müllers Gedichteerschienen, verboten.

DIE MUSIKDER INTERPRET ALS MIT-AUTORHans Zender über seine »komponierte Interpretation«von Schuberts »Winterreise«Hans Zender hat sich sowohl alsDirigent wie auch als Komponistein großes Renommee erarbeitet.Geboren 1936 in Wiesbaden,studierte er in Frankfurt undFreiburg. Als Chefdirigent wirkteer an der Oper Bonn, in Kiel, beimRundfunk-SinfonieorchesterSaarbrücken und von 1984 bis 1987an der Hamburgischen Staatsoper.Als ständiger Gastdirigent desinzwischen aufgelösten SWRSinfonieorchesters Baden-Badenund Freiburg setzte er sich in den90er und 2000er Jahren besondersfür die Musik unserer Zeit ein.Zudem hatte er eine Professur fürKomposition an der FrankfurterMusikhochschule inne.Seit Erfindung der Notation ist die Überlieferung von Musikgeteilt in den vom Komponisten fixierten Text und die klingende Umsetzung durch den Interpreten. Ich habe ein halbesLeben damit verbracht, möglichst textgetreue Interpretationenanzustreben, insbesondere von Schuberts Werken, die ich tiefliebe. Dennoch muss ich mir heute eingestehen: Es gibt keineoriginalgetreue Interpretation. So wichtig es ist, den Notentextgenauestens zu lesen, so unmöglich ist es, ihn lediglich rekonstruierend zum Leben zu erwecken.Abgesehen davon, dass sich im Laufe der Zeit viele Dingeverändert haben – Instrumente, Konzertsäle, Bedeutung vonZeichen etc. –, muss man verstehen, dass jede Notenschrift inerster Linie eine Aufforderung zur Aktion ist und nicht eine eindeutige Beschreibung von Klängen. Es bedarf des schöpferischen Einsatzes des Interpretierenden, seines Temperaments,seiner Intelligenz, seiner durch die Ästhetik der eigenen Zeitentwickelten Sensibilität, um eine wirklich lebendige und erregende Aufführung zustande zu bringen. Dann geht etwas vomWesen des Interpreten in das aufgeführte Werk über: Er wirdzum Mitautor. Verfälschung? Ich sage: schöpferische Veränderung. Musikwerke haben – ebenso wie Theaterstücke – dieChance, sich durch große Interpretationen zu verjüngen. Diesesagen dann nicht nur etwas über den Interpreten aus, sondernsie bringen auch neue Aspekte des Werkes zu Bewusstsein.Die Illusion historischer AuthentizitätDie Winterreise ist eine Ikone unserer Musik tradition, eines dergroßen Meisterwerke Europas. Wird man ihm ganz gerecht,wenn man es nur in der heute üblichen Form – zwei Herren imFrack, Steinway, ein meist sehr großer Saal – darstellt? Vielehalten es für wichtig, sich darüber hinaus dem Klang des historischen Originals anzunähern.Hans Zender an seinem SchreibtischDieses »heilige Original« wird heute viel gepflegt, auf Hammerklavieren, Schubert-Flügeln, Kurzhalsgeigen und Holzflöten. Und das ist auch gut so, obwohlwir nicht der Illusion verfallen dürfen, dass Aufführungen mit historischen Instrumenten uns so ohne weiteres den Geist der Entstehungszeit zurückbringenkönnten. Zu sehr haben sich unsere Hörgewohnheiten und unsere Ohren verändert, zu sehr ist unser Bewusstsein geprägt von Musik, die nach Schubertgeschrieben wurde. Oft hören wir eine »historisch-getreue« Aufführung eherals Verfremdung dessen, was wir gewohnt sind; auf jeden Fall als Brechung desbisher einfachen Bildes, das wir von dem betreffenden Komponisten hatten. Hierliegt die Wichtigkeit der Erfahrung mit historischen Rekonstruktionen: Man siehtdas Bild eines geliebten Meisters plötzlich doppelt und dreifach, sozusagen vonverschiedenen Seiten, aus verschiedenen Perspektiven. Und hier ist auch derAnsatz für einen völlig unorthodoxen Umgang mit alten Texten, für das, was dieFranzosen »lecture« nennen – was man mit »individuell-interpretierender Lesart« übersetzen könnte.

DIE MUSIKDer Keim der MusikMeine »lecture« der Winterreise sucht nun nicht nach einer neuen, expressivenDeutung, sondern macht systematisch von den Freiheiten Gebrauch, welche alleInterpreten sich normalerweise auf intuitive Weise zubilligen: Raffung oder Dehnung des Tempos, Transposition in andere Tonarten, Herausarbeiten charakteristischer farblicher Nuancen. Dazu kommen die Möglichkeiten des »Lesens«von Musik: innerhalb des Textes zu springen, Zeilen mehrfach zu wiederholen,die Kontinuität zu unterbrechen, verschiedene Lesarten der gleichen Stelle zuvergleichen All diese Möglichkeiten werden in meiner Version kompositorischer Disziplin unterworfen und bilden so autonome formale Abläufe, die Schuberts Original übergelegt werden. Die Verwandlung des Klavierklangs in die Vielfarbigkeitdes Orchesters ist dabei nur einer unter vielen Aspekten. Keineswegs handeltes sich hier um eine eindimensionale »Einfärbung«, sondern vielmehr um Permutationen von Klangfarben, deren Ordnung von den formalen Gesetzen derSchubert’schen Musik unabhängig ist.Eine getanzte Interpretation: die Winterreise als Ballett von John NeumeierDie an wenigen Stellen auftretenden »Kontrafakturen« (alsodie Hinzufügung frei erfundener Klänge zur Schubert’schenMusik, als Vorspiele, Nachspiele, Zwischenspiele oder simultane »Zuspiele«) sind nur ein Extrem dieser Verfahrensweisen.An dieser Stelle sei darauf verwiesen, dass etliche große Pianisten vergangener Zeiten es liebten, Überleitungen von einemStück ihres Programmes zum nächsten zu improvisieren.Eine andere extreme Möglichkeit, von der meine BearbeitungGebrauch macht, ist die Verschiebung der Klänge im Raum.Hier spätestens wird deutlich, dass alle beschriebenen formalen Kunstgriffe ja auch eine poetisch-symbolische Seite haben.Die Musiker selbst werden auf Wanderschaft geschickt, dieKlänge »reisen« durch den Raum, ja sogar bis ins Außerhalb desRaumes.So werfen auch manche der früher beschriebenen Eingriffeins Original ein Schlaglicht auf die poetische Idee des einzelnen Liedes. Schubert arbeitet ja in seinen Liedkompositionenmit klanglichen Chiffren, um die magische Einheit von Text undMusik zu erreichen, welche insbesondere seine späten Zyklenauszeichnet. Zum »Kernwort« eines jedes Gedichtes erfindeter eine keimhafte musikalische Figur, aus der sich das ganzeLied zeitlich entfaltet. Die geschilderten strukturellen Veränderungen meiner Bearbeitung entspringen immer diesen Keimen und entwickeln sie sozusagen über den Schubert’schenNotentext hinaus: die Schritte in Gute Nacht und Rückblick, dasWehen des Windes (Die Wetterfahne, Täuschung, Mut), das Klirren des Eises (Gefror’ne Tränen, Auf dem Flusse), das verzweifelte Suchen nach Vergangenem (Erstarrung, Wasserflut), Halluzinationen und Irrlichter (Irrlicht, Frühlingstraum, Täuschung),der Flug der Krähe, das Zittern der fallenden Blätter, das Knurren der Hunde, die Geräusche eines ankommenden Postwagens .Stilistisch betrachtet enthalten ja die Spätwerke SchubertsKeime, die erst Jahrzehnte später bei Anton Bruckner, HugoWolf und Gustav Mahler aufgehen. An manchen Stellen nimmtdie Winterreise fast schon den Expressionismus des 20. Jahrhunderts vorweg. Auch diese Zukunftsperspektiven Schubertswill meine Bearbeitung aufzeigen.Im Vorwort der Partitur notiertZender präzise, wann und wie dieMusiker sich im Raum bewegensollen: »Sehr ruhig, fast rituell,immer sehr langsam und in sichversunken. Es muss der Eindruckvon ›Traumwandeln‹ entstehen.«Nur in Nr. 8 und Nr. 13 ist dieBewegung lebhafter.Einen besonderen Hinweis gibt erOboisten und Klarinettisten: »Dasie auch Mundharmonika spielenmüssen, ist eine Tragevorrichtungnötig!«

27Apr—30MaiUTOPIEStockhausenMetropolisJ. Dvořák: FrankensteinSciarrino: LohengrinBeethoven: Missa solemnisLa Scala: Verdi-RequiemDavid Bowie: BlackstarWeill: Aufstieg und Fall der Stadt MahagonnyBritten: The Rape of Lucretiau.v.m.Ermöglicht durchwww.musikfest-hamburg.deDIE MUSIKEbenso allerdings die Verwurzelung Schuberts in der Folklore. So werden schonim ersten Lied mehrere ästhetische Perspektiven überblendet: die Archaik vonAkkordeon und Gitarre, die biedermeierliche Salonkultur des Streichquartetts,die extravertierte Dramatik der spätromantischen Sinfonik, die brutale Zeichenhaftigkeit moderner Klangformen. Für jedes Lied musste im Übrigen eine eigeneLösung gefunden werden, sodass sich die Gesamtheit des Zyklus wohl eher wieeine abenteuerliche Wanderung als wie ein wohldefinierter Spaziergang ausnimmt.Die Wucht spürenEin letzter Gedanke sei hier skizziert. Wird bei Schubert die Winterreise im zweiten Teil zunehmend zu einer Auseinandersetzung mit dem Tod, der Abschied vonder Geliebten zu einem Abschied vom Leben überhaupt, so zwang dies zu einerbesonderen Strategie in der Gestaltung des Schlusses. Die am Anfang trotzaller Verfremdung noch eindeutige Beziehung zum historischen Original wird inmeiner Bearbeitung immer labiler, die »heile Welt« der Tradition verschwindetimmer mehr in eine nicht rückholbare Ferne.So flattern in Der stürmische Morgen die Strukturen Schuberts – analog zumText – nur noch als (Wolken-)Fetzen »umher in mattem Streit«. Die freundlicheMelodie von Täuschung wird zu einer täuschenden Ausgeburt eines wie eine Idéefixe auftauchenden Einzeltones; in Mut pfeift der Wintersturm dem Hörer der artig um die Ohren, dass er ihn immer wieder zur Ausgangsposition zurückwirft.Der seltsame Gesang von den drei Nebensonnen wird als endgültiger Verlust derRealität gedeutet: Der Notentext erscheint gleichzeitig in drei konkurrierendenTempi, wobei es unmöglich ist, eines davon als Koordinatensystem für die beiden anderen zu nutzen. Beim Leiermann endlich verschwindet außer der zeitlich-metrischen Orientierung auch noch die harmonisch-räumliche Stabilität,indem durch immer neu hinzugefügte tiefe Töne die Gestalten ihre Beziehungzum Boden verlieren und am Schluss gleichsam in die Erde sinken.Es wird berichtet, dass Schubert während der Komposition dieser Lieder nurselten und sehr verstört bei seinen Freunden erschien. Die ersten Aufführungen müssen eher Schrecken als Wohlgefallen ausgelöst haben. Wird es möglichsein, die ästhetische Routine unserer Klassiker-Rezeption, die solche Erlebnissefast unmöglich gemacht hat, zu durchbrechen, um eben diese Ur-Impulse, dieseexistentielle Wucht des Originals neu zu erleben?

GESANGSTEXTEGute NachtDie WetterfahneErstarrungDer LindenbaumFremd bin ich eingezogen,Fremd zieh’ ich wieder aus.Der Mai war mir gewogenMit manchem Blumenstrauß.Das Mädchen sprach von Liebe,Die Mutter gar von Eh’,Nun ist die Welt so trübe,Der Weg gehüllt in Schnee.Der Wind spielt mit der WetterfahneAuf meines schönen Liebchens Haus.Da dacht’ ich schon in meinem Wahne,Sie pfiff den armen Flüchtling aus.Ich such’ im Schnee vergebensNach ihrer Tritte Spur,Wo sie an meinem ArmeDurchstrich die grüne Flur.Er hätt’ es eher bemerken sollen,Des Hauses aufgestecktes Schild,So hätt’ er nimmer suchen wollenIm Haus ein treues Frauenbild.Ich will den Boden küssen,Durchdringen Eis und SchneeMit meinen heißen Tränen,Bis ich die Erde seh’.Am Brunnen vor dem ToreDa steht ein Lindenbaum;Ich träumt’ in seinem SchattenSo manchen süßen Traum.Ich schnitt in seine RindeSo manches liebe Wort;Es zog in Freud’ und LeideZu ihm mich immer fort.Der Wind spielt drinnen mit den HerzenWie auf dem Dach, nur nicht so laut.Was fragen sie nach meinen Schmerzen?Ihr Kind ist eine reiche Braut.Wo find’ ich eine Blüte,Wo find’ ich grünes Gras?Die Blumen sind erstorben,Der Rasen sieht so blass.Ich kann zu meiner ReisenNicht wählen mit der Zeit,Muss selbst den Weg mir weisenIn dieser Dunkelheit.Es zieht ein MondenschattenAls mein Gefährte mit,Und auf den weißen MattenSuch’ ich des Wildes Tritt.Was soll ich länger weilen,Dass man mich trieb hinaus?Lass irre Hunde heulenVor ihres Herren Haus.Die Liebe liebt das Wandern,Gott hat sie so gemacht,Von einem zu dem andern.Fein Liebchen, gute Nacht!Will dich im Traum nicht stören,Wär’ schad’ um deine Ruh’.Sollst meinen Tritt nicht hören.Sacht, sacht die Türe zu!Schreib’ im VorübergehenAns Tor dir: Gute Nacht!Damit du mögest sehen,An dich hab’ ich gedacht.Gefror’ne TränenGefror’ne Tropfen fallenVon meinen Wangen ab:Ob es mir denn entgangen,Dass ich geweinet hab’?Ei Tränen, meine Tränen,Und seid ihr gar so lau,Dass ihr erstarrt zu EiseWie kühler Morgentau?Und dringt doch aus der QuelleDer Brust so glühend heiß,Als wolltet ihr zerschmelzenDes ganzen Winters Eis!Soll denn kein AngedenkenIch nehmen mit von hier?Wenn meine Schmerzen schweigen,Wer sagt mir dann von ihr?Mein Herz ist wie erstorben,Kalt starrt ihr Bild darin;Schmilzt je das Herz mir wieder,Fließt auch ihr Bild dahin!Ich musst’ auch heute wandernVorbei in tiefer Nacht,Da hab’ ich noch im DunkelnDie Augen zugemacht.Und seine Zweige rauschten,Als riefen sie mir zu:Komm her zu mir, Geselle,Hier find’st du deine Ruh’!Die kalten Winde bliesenMir grad’ ins Angesicht;Der Hut flog mir vom Kopfe,Ich wendete mich nicht.Nun bin ich manche StundeEntfernt von jenem Ort,Und immer hör’ ich’s rauschen:Du fändest Ruhe dort!

GESANGSTEXTEWasserflutManche Trän’ aus meinen AugenIst gefallen in den Schnee;Seine kalten Flocken saugenDurstig ein das heiße Weh.Wenn die Gräser sprossen wollenWeht daher ein lauer Wind,Und das Eis zerspringt in SchollenUnd der weiche Schnee zerrinnt.Den Tag des ersten Grußes,Den Tag, an dem ich ging;Um Nam’ und Zahlen windetSich ein zerbroch’ner Ring.Mein Herz, in diesem BacheErkennst du nun dein Bild?Ob’s unter seiner RindeWohl auch so reißend schwillt?IrrlichtFrühlingstraumIn die tiefsten FelsengründeLockte mich ein Irrlicht hin;Wie ich einen Ausgang finde,Liegt nicht schwer mir in dem Sinn.Ich träumte von bunten Blumen,So wie sie wohl blühen im Mai;Ich träumte von grünen Wiesen,Von lustigem Vogelgeschrei.Bin gewohnt das Irregehen,’s führt ja jeder Weg zum Ziel;Uns’re Freuden, uns’re Wehen,Alles eines Irrlichts Spiel!Und als die Hähne krähten,Da ward mein Auge wach;Da war es kalt und finster,Es schrien die Raben vom Dach.Durch des Bergstroms trock’ne RinnenWind’ ich ruhig mich hinab,Jeder Strom wird’s Meer gewinnen,Jedes Leiden auch sein Grab.Doch an den Fensterscheiben,Wer malte die Blätter da?Ihr lacht wohl über den Träumer,Der Blumen im Winter sah?RückblickSchnee, du weißt von meinem Sehnen,Sag’, wohin doch geht dein Lauf?Folge nach nur meinen Tränen,Nimmt dich bald das Bächlein auf.Wirst mit ihm die Stadt durchziehen,Munt’re Straßen ein und aus;Fühlst du meine Tränen glühen,Da ist meiner Liebsten Haus.Auf dem FlusseDer du so lustig rauschtest,Du heller, wilder Fluss,Wie still bist du geworden,Gibst keinen Scheidegruß.Mit harter, starrer RindeHast du dich überdeckt,Liegst kalt und unbeweglichIm Sande ausgestreckt.In deine Decke grab’ ichMit einem spitzen SteinDen Namen meiner LiebstenUnd Stund’ und Tag hinein.Es brennt mir unter beiden Sohlen,Tret’ ich auch schon auf Eis und Schnee,Ich möcht’ nicht wieder Atem holen,Bis ich nicht mehr die Türme seh’.Hab’ mich an jedem Stein gestoßen,So eilt’ ich zu der Stadt hinaus;Die Krähen warfen Bäll’ und SchloßenAuf meinen Hut von jedem Haus.Wie anders hast du mich empfangen,Du Stadt der Unbeständigkeit!An deinen blanken Fenstern sangenDie Lerch’ und Nachtigall im Streit.Die runden Lindenbäume blühten,Die klaren Rinnen rauschten hell,Und ach, zwei Mädchenaugen glühten.Da war’s gescheh’n um dich, Gesell!Kommt mir der Tag in die Gedanken,Möcht’ ich noch einmal rückwärts seh’n.Möcht’ ich zurücke wieder wanken,Vor ihrem Hause stille steh’n.RastNun merk’ ich erst wie müd’ ich bin,Da ich zur Ruh’ mich lege;Das Wandern hielt mich munter hinAuf unwirtbarem Wege.Die Füße frugen nicht nach Rast,Es war zu kalt zum Stehen;Der Rücken fühlte keine Last,Der Sturm half fort mich wehen.In eines Köhlers engem HausHab’ Obdach ich gefunden.Doch meine Glieder ruh’n nicht aus:So brennen ihre Wunden.Auch du, mein Herz, in Kampf und SturmSo wild und so verwegen,Fühlst in der Still’ erst deinen WurmMit heißem Stich sich regen!Ich träumte von Lieb um Liebe,Von einer schönen Maid,Von Herzen und von Küssen,Von Wonne und Seligkeit.Und als die Hähne krähten,Da ward mein Herze wach;Nun sitz’ ich hier alleineUnd denke dem Traume nach.Die Augen schließ’ ich wieder,Noch schlägt das Herz so warm.Wann grünt ihr Blätter am Fenster?Wann halt’ ich mein Liebchen im Arm?

GESANGSTEXTEEinsamkeitDer greise KopfLetzte HoffnungDer stürmische MorgenWie eine trübe WolkeDurch heit’re Lüfte geht,Wenn in der Tanne WipfelEin mattes Lüftchen weht.Der Reif hatt’ einen weißen ScheinMir übers Haar gestreuet;Da glaubt’ ich schon ein Greis zu seinUnd hab’ mich sehr gefreuet.Hie und da ist an den BäumenManches bunte Blatt zu seh’n,Und ich bleibe vor den BäumenOftmals in Gedanken steh’n.Wie hat der Sturm zerrissenDes Himmels graues Kleid!Die Wolkenfetzen flatternUmher im matten Streit.So zieh’ ich meine StraßeDahin mit trägem Fuß,Durch helles, frohes LebenEinsam und ohne Gruß.Doch bald ist er hinweggetaut,Hab’ wieder schwarze Haare,Dass mir’s vor meiner Jugend graut –Wie weit noch bis zur Bahre!Schaue nach dem einen Blatte,Hänge meine Hoffnung dran;Spielt der Wind mit meinem Blatte,Zittr’ ich, was ich zittern kann.Und rote FeuerflammenZieh’n zwischen ihnen hin;Das nenn’ ich einen MorgenSo recht nach meinem Sinn!Ach, dass die Luft so ruhig!Ach, dass die Welt so licht!Als noch die Stürme tobten,War ich so elend nicht.Vom Abendrot zum MorgenlichtWard mancher Kopf zum Greise.Wer glaubt’s? Und meiner ward es nichtAuf dieser ganzen Reise!Ach, und fällt das Blatt zu Boden,Fällt mit ihm die Hoffnung ab;Fall’ ich selber mit zu Boden,Wein’ auf meiner Hoffnung Grab.Mein Herz sieht an dem HimmelGemalt sein eig’nes BildEs ist nichts a

Atemzug – die Odyssee sowie Emmanuel Nunes’ Das Märchen und La Douce. Die von ihm dirigierte Inszenierung von Carl Orffs Prometheus bei der Ruhrtriennale wurde 2013 mit dem Carl-Orff-Preis gewürdigt. Für seine Aufnahmen mit Musik des 20. Jahrhunderts erhielt Peter Rundel zahlre