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Woher kommen Sonne, Mond und Sterne?Spielerisches Philosophieren über die großen Fragen jüngerer KinderBarbara BrüningJüngere Kinder beobachten alles, was um sie herum passiert. Und weil sie vieles, was sie mitden Sinnen wahrnehmen, genauer erforschen wollen, beginnen sie, Fragen zu stellen. Dadurchversuchen sie etwas zu entdecken, das ihnen bisher verborgen geblieben ist. Denn „Kindersind Fremdlinge gegenüber allem, das uns bekannt ist; und alles, was ihnen begegnet, ist ihnen zunächst unbekannt, wie es uns einmal unbekannt gewesen ist; und glücklich sind diejenigen, die umgängliche Menschen treffen, welche sich ihrer Unwissenheit annehmen und ihnen helfen aus ihr herauszufinden“ (Locke 1997, S. 152).Diese Gedanken stammen von dem englischen Philosophen John Locke (1638-1704), der dieBedeutung des Fragens für den Wissenserwerb bereits vor 300 Jahren herausgearbeitet hat.Mithilfe von Fragen versuchen Kinder, den Dingen der Welt auf den Grund zu gehen. Unddeshalb sollten Eltern und Erzieher/innen diese Fragen ernst nehmen und sie so beantworten,dass Kinder weiter darüber nachdenken. Denn nur, wenn eine Antwort Raum für eigene Ideenvon Kindern lässt, ist sie nach Ansicht von Locke eine gute Antwort.Der folgende Beitrag untersucht die verschiedenen Frageformen jüngerer Kinder und gibtanhand des Märchens „Das Häschen und das Frageknäuel“ (Brüning 2010) Anregungen, wiemit „Fragen an die Welt“ im Kindergarten philosophiert werden kann.1. Staunen und fragenDie 5-jährige Clara Sophie geht mit ihrer Großmutter abends am Strand spazieren und bleibtplötzlich ganz unvermittelt stehen. „Schau mal Oma“, sagt sie aufgeregt, „die Sonne stürzt sichgerade ins Meer hinein. Macht sie das immer?“Clara Sophie hat noch nie zuvor einen Sonnenuntergang am Meer erlebt und ist erstaunt darüber,wie der rote Feuerball im Ozean versinkt. Sie steht mit weit aufgerissenen Augen und halbgeöffnetem Mund da und schaut buchstäblich der Sonne hinterher.Der Sonnenuntergang war vielleicht Clara Sophies erste Entdeckungsreise in das Universum.Und bevor sie dann irgendwann weiter über die Sonne und ihre Bedeutung für die Weltnachdenken wird, hat sie erst einmal „ihre Augen weit aufgerissen“ und einen für unsErwachsene selbstverständlichen Vorgang in der Natur für sich entdeckt.Staunen ist eine ganz natürliche Eigenschaft von uns Menschen (nicht nur von Kindern), dieschon den griechischen Philosophen Aristoteles (384-322 v. Chr.) fasziniert hat. Er sah imStaunen über die Welt den ersten Schritt zum Philosophieren. Die Menschen „stolpern“ zunächstwie Clara Sophie über etwas Ungewöhnliches wie zum Beispiel die im Meer versinkende Sonne.Dann beobachten sie weiter und stellen schließlich Fragen: Warum? Wieso? Weshalb?1

Staunen bedeutet also, etwas als ungewöhnlich einzuschätzen, das wir bisher noch nicht kanntenoder als selbstverständlich hingenommen haben: Die Sonne versinkt am Abend im Meer. Warumist das so, und woher kommt sie eigentlich, wer hat sie gemacht?Das Staunen ist nach Aristoteles immer mit dem Bestreben verbunden, etwas wissen zu wollen.Denn wenn jemand zum Beispiel etwas am Himmel unerklärlich findet, bohrt er weiter und stelltdann Fragen über „Größeres“ wie das Weltall (Aristoteles 1984, S. 21 f.).Das Staunen von Kindern geht einher mit ihrer Lust, kleine und große Dinge in einer Schatzkistezu sammeln, wie zum Beispiel Muscheln oder Steine, aber auch Knöpfe oder Sticker. Und dieseDinge werden dann genauer unter die Lupe genommen: betastet, befühlt, geschmeckt. Kinderwollen die Farben und Formen sowie die kleinen Ecken und Kanten entdecken; sie entwickelneinen Forscherdrang. Dieser kann im Kindergarten gefördert werden, indem Erzieher/innenKinder auf bestimmte Dinge in ihrer unmittelbaren Umgebung aufmerksam machen: „Schau malda, ein vierblättriges Kleeblatt? Hast du schon gehört, wie der Vogel gezwitschert hat? Gesternhabe ich einen kleinen Stein gefunden, der gut in deine Sammlung passt. Wollen wir ihnzusammen ansehen?“Die Schatzkisten von Kindern bringen eine Wertschätzung für die kleinen Dinge des Lebenszum Ausdruck, über die große Fragen gestellt werden können. Deshalb sollten Kinder zubestimmten (ethisch-philosophischen) Themen wie Natur oder Freundschaft im Kindergarteneine Gruppen-Schatzkiste anlegen. Sie sammeln gemeinsam Dinge, die zum Thema passen, undlegen sie dort hinein. Wenn die Kiste voll ist, nehmen die Kinder einige Gegenstände heraus undbetrachten sie aufmerksam. Sie erzählen sich gegenseitig, was ihnen daran auffällt und was dieGegenstände mit dem (vorher festgelegten Thema) zu tun haben. Anschließend könnte dasfolgende Spiel gespielt werden.Spiel zum Philosophieren: Geschichten zur Schatzkiste erzählenAus der gemeinsamen Schatzkiste nimmt ein Kind einen Gegenstand heraus und erzählt dazueine kleine Geschichte. Danach holt das nächste Kind einen neuen Gegenstand heraus underzählt dazu ebenfalls eine Geschichte. In dieser Geschichte müssen nun beide Gegenständevorkommen. Nach vier Gegenständen in einer Geschichte wird das Spiel neu gestartet.Kinder staunen nicht nur über Dinge und Naturphänomene, sondern auch über das Aussehen vonLebewesen und menschliche Verhaltensweisen. Und hier beginnt dann die philosophischeDimension des Staunens, denn Kinder stellen fest: Es gibt Menschen, die anders aussehen als dieMehrheit der Menschen in ihrer unmittelbaren Umgebung. Sie haben zum Beispiel eine andereHautfarbe oder sprechen eine fremde Sprache. Und wenn jemand anders aussieht oder spricht, soist das vielleicht für ein jüngeres Kind anfangs ungewohnt. Je mehr es sich aber damitbeschäftigt, umso mehr wird ihm Fremdes allmählich vertraut. So sagt der Fuchs in demMärchen „Der kleine Prinz“ von Antoine de Saint-Exupéry, dass sich Menschen, die sich nichtkennen, miteinander vertraut machen sollten. Und das gilt für alles Unerklärliche auf der Welt(Antoine de Saint-Exupéry 2010, S. 66).Wenn Kinder frühzeitig lernen, dass jemand, der anders aussieht oder eine andere Meinungvertritt, eben anders, aber nicht automatisch böse ist, so werden sie Verständnis für das Fremdeund Andere entwickeln. Sie werden weiterhin staunen und nach Erklärungen suchen, ohne vonAnfang an eine ablehnende Haltung dazu einzunehmen.2

2. Was - ist - FragenAlice ist drei Jahre alt. Sie sieht eine CD auf dem Wohnzimmertisch liegen, greift danach undfragt neugierig ihre Mutter. „Was ist das?“ Die Mutter antwortet: „Das ist eine CD“. „Und wasmacht man damit?“ bohrt Alice weiter. „Wir hören damit jetzt gleich dein Lieblingslied ‚EinMännlein steht im Walde‘.“Jüngere Kinder wie Alice be-greifen Gegenstände, um sie zu erfassen. Und kaum haben siesprechen gelernt, beginnen sie auch schon, Fragen über Dinge ihrer unmittelbaren Umgebung zustellen, die sie noch nicht so gut kennen. Denn Gegenstände werden nicht nur mit den Händen,sondern auch im Kopf begriffen. Die ersten kindlichen Fragen sind deshalb zum größten Teil„Was – ist – das - Fragen“. Sie ermöglichen Kindern, sich mehr und mehr in der Welt zuorientieren, indem sie sich mit unterschiedlichen Dingen vertraut machen und dadurch ihreHandlungsräume erweitern.Für Erzieher/innen ist es deshalb wichtig, bei Kinderfragen genau darauf zu achten, was siebezwecken. Manchmal fragen Kinder wie Alice lediglich, wozu ein Gegenstand da ist. Dannerwarten sie eine Erklärung über die Funktion, im Sinne von: Was macht man damit?In anderen Fällen stellen Kinder grundsätzliche Fragen über die Welt. Solche wichtigenSinnfragen wie beispielsweise nach der Entstehung des Himmels lassen sich nicht mit einereinfachen Erklärung beantworten. Aus diesem Grund sollten Erzieher/innen genau hinhören, obKinder lediglich eine bestimmte Information über eine Sache erhalten möchten, oder ob dieFrage möglicherweise tiefer geht und weiter bearbeitet werden muss (siehe hierzu auch Punkt 4).Der griechische Philosoph Sokrates (ca. 470-399) hat bereits vor 2400 Jahren auf denErkenntnisgewinn des Fragenstellens hingewiesen. Sein berühmter Ausspruch „Ich weiß, dassich nichts weiß“ war ein Plädoyer für das Fragenstellen. Keine Antwort ist unwiderruflich,deshalb sollte weiter nachgefragt werden, um einen Gegenstand oder ein Problem von allenSeiten zu beleuchten.Spiel zum Philosophieren: Einen Fragewürfel bastelnKinder können im Kindergarten das Fragenstellen spielerisch üben. Dazu wird einFragewürfel gebastelt: Die sechs W-Fragewörter „Was, Warum, Wieso, Weshalb, Wohin undWoher“ werden auf die sechs Seiten des Würfels verteilt, und dann wird gewürfelt. Einerbeginnt und nennt das entsprechende Fragewort auf dem Würfel. Dann werden mit diesemFragewort verschiedene Fragen zu einem vorher festgelegten Thema wie zum BeispielFreundschaft oder Natur gestellt. Jeder sucht sich dann eine Frage aus, die er oder siebeantworten möchte.Wenn die Kinder noch nicht lesen können, würfeln sie trotzdem. Das entsprechendeFragewort wird ihnen dann vorgelesen.3

3. Warum - FragenDer 8-jährige Sebastian hat vor kurzer Zeit seinen Opa verloren, den er sehr geliebt hat.Verzweifelt fragt er nun seinen Papa: „Warum müssen eigentlich alle Menschen sterben?“ DerVater ist sehr erstaunt über diese Frage, aber er versteht Sebastians Intention: Das Leben wäreeinfacher, wenn Menschen ewig leben könnten. Dann würde ihnen viel Leid und Traurigkeiterspart bleiben.Mit ihren Warum - Fragen wollen Kinder vielen kleinen und großen Dingen unserer Welt aufden Grund gehen. Sie wollen nicht nur etwas über die Beschaffenheit oder den Namen einesGegenstandes wissen, wie bei den Was - ist - Fragen, sondern etwas über seinen Sinn und Zwecksowie die Beziehungen zu anderen Dingen und Menschen. Deshalb sind die Warum - Fragennach Ansicht von John Locke auch besonders wichtig. Sie sollten von den Erzieher/innen sobeantwortet werden, dass Kinder selbst weiter über dies Fragen nachdenken und neue Fragenstellen. Denn nur wer nach dem Warum einer Sache fragt, dringt bis ins Innere der Welt vor.Spiel zum Philosophieren nach einer Idee von John Locke: Neugier weckenLocke schlägt vor, Kinder gezielt anzuregen, Warum - Fragen zu stellen. Dazu solltenErzieher/innen (un)gewöhnliche Dinge auf den Tisch stellen. Die Kinder formulieren dazueine Warum - Frage und die Erzieherin beantwortet sie.Das Spiel kann auch umgekehrt gespielt werden: Die Erzieherin stellt eine Warum - Frage zuden Gegenständen und die Kinder beantworten sie. Die Fragen und die Antworten könnenjeweils gezählt werden.Am Schluss werden die unbeantworteten Fragen in einen Fragenkasten gelegt undaufbewahrt. Bei passender Gelegenheit können sie wieder herausgeholt und „neudurchdacht“ werden. Der Fragekasten lässt sich mit Fragezeichen und anderen lustigenGegenständen bemalen.Bei Kindern, die noch nicht schreiben können, legen die Erzieher/innen die Fragen in denKasten und lesen sie dann den Kindern vor.4

4. Fragen an die Welt„Ein (.) Kind hört die Schöpfungsgeschichte: Am Anfang schuf Gott Himmel und Erde ., undfragt alsbald: Was war denn vor dem Anfang?“(Jaspers 1998, S. 10 f.).Diese kleine Begebenheit erzählt der Philosoph Karl Jaspers (1885-1969) in seinem Buch„Einführung in die Philosophie“. Die grundlegenden Fragen von Kindern, die manchmal dieWelt aus den Angeln heben, sind für Jaspers „ein wunderbares Zeichen dafür, dass der Menschals solcher ursprünglich philosophiert.“Kinder staunen über die Rätsel der Welt und begeben sich noch nicht wie Erwachsene in das„Gefängnis der Konventionen“: Sie fragen unbefangen nach und nutzen jeden noch so kleinenAugenblick, um große Fragen über die Welt zu stellen. Tabus gibt es nicht; alles wird radikalhinterfragt, Gott ist genauso ein Thema wie Glück oder Gerechtigkeit. Denn Kinder sindergriffen von den vielen kleinen und großen Dingen und Augenblicken des Daseins. Und siegeben natürlich auch Antworten, die uns Erwachsenen zeigen, dass ihre Gedanken über die Weltin die Tiefe gehen, so wie die folgenden Gedanken eines Sechsjährigen: „Ich versuche immerwieder zu denken, ich sei ein anderer und bin doch immer wieder ich“ (Jaspers 1998, S. 10).Manche Erwachsene sind über die Gedanken von Kindern verblüfft und meinen dann, Kinderhätten sie irgendwo gehört. Sie würden nur nachplappern, was die Erwachsenen ihnenvorgedacht haben. Jaspers lässt diesen Einwand nicht gelten. Denn das, was aus den kleinenKöpfen herauskommt, sei teilweise so genial und umwerfend, dass es gar nicht von Erwachsenenkommen kann. Diese verlieren nämlich mit der Zeit die Fähigkeit des Weiterfragens und dieOffenheit für Neues in einer für sie selbstverständlichen Welt. Deshalb seien eigentlich dieKinder die wahren Philosophen.Für Jaspers sind auch Grenzsituationen des menschlichen Daseins wie zum Beispiel Tod oderAngst ein Thema, vor dem Kinder nicht zurückschrecken. So machen sie beispielsweise dieErfahrung, dass Oma eines Tages nicht mehr da ist oder das Meerschweinchen gestorben ist.Und sie fragen dann wie Sebastian mit schonungsloser Offenheit: „Warum müssen alleMenschen sterben? Ist Opa wirklich tot oder schläft er nur? Was passiert jetzt mit Opa, nachdemer gestorben ist? Wo geht er hin?“Hier sollten Erzieher/innen nicht davor zurückschrecken, mit Kindern über solche Fragennachzudenken – so gut es von ihrer emotionalen Verfassung her möglich ist. Dadurch erscheintder Tod als ein natürliches Phänomen, das selbstverständlich zu unserem Leben dazu gehört wiedas Werden und Vergehen in der gesamten Natur. Vielleicht sollte das Nachdenken über denTod mit einer verwelkten Blume beginnen und erst später die Menschen mit einbeziehen. Undnatürlich dürfen Erzieher/innen auch Gefühle wie Trauer und Angst zeigen, die zum Prozess desSterbens dazu gehören.Karl Jaspers hat uns darauf aufmerksam gemacht, dass wir Menschen mit Grenzsituationen wiedem Tod auf zweierlei Art und Weise umgehen: Wir können daran verzweifeln, weil wirerkennen, dass wir den Tod nicht abschaffen können. Oder wir gehen gestärkt aus einerGrenzsituation hervor und schöpfen neue Kraft für das Leben. Auf die natürlichen Kinderfragennach dem Tod sollten Erzieher/innen auch natürlich reagieren und den Kindern die Zuversichtgeben, dass diese Fragen „ganz normale“ Fragen an die Welt sind.5

Spiel zum Philosophieren: Fragen zuwerfenDie Kinder sitzen im Kreis. Ein Kind wirft einen Tennisball oder ein Tuch zu einem anderen Kind. Dieses muss nun ein Wort sagen, wie zum Beispiel „Himmel“. Dann wird derBall weitergeworfen. Der- oder diejenige, welche/r den Ball auffängt, stellt nun eine Frage, in der das Wort „Himmel“ vorkommen muss: Wie ist der Himmel entstanden? Danachwird der Ball weitergeworfen. Der oder die Dritte versucht, die Frage zu beantworten.Anschließend beginnt das Spiel von vorn.Wenn ein Kind die gestellte Frage nicht beantworten kann, dürfen die anderen Kinder helfen. Wenn keiner eine Antwort weiß, kann die Frage in den Fragenkasten geworfen werden(siehe auch das Spiel „Neugier wecken“) oder sie wird „einfach vergessen“.Für Erzieher/innen ist es wichtig, dass sie eine Sensibilität dafür entwickeln, welche Fragenvon Kindern zu den „Fragen an die Welt“ gehören.In der philosophischen Tradition werden grundlegende Fragen des menschlichen Lebens wiezum Beispiel die Entstehung des Universums oder die Frage nach Glück und Gerechtigkeitdurchdacht und in Theorien zusammen gefasst. Sie ziehen sich wie ein roter Faden durch die2500-jährige Geschichte der Philosophie. Die Antworten auf diese grundlegenden Fragen sindvielfältig und bilden als gemeinsame „Schatzkiste“ die philosophische Tradition. Der deutsche Philosoph Immanuel Kant (1724-1804) hat sie in vier Grundfragen eingeteilt:Einteilung der Fragen an die WeltWas kann ich wissen? (Erkenntnistheorie)Was soll ich tun? (Moral und Ethik)Was darf ich hoffen? (Religion und Gesellschaftstheorie)Was ist der Mensch? (Anthropologie).Diese vier Grundfragen der Philosophie dienen auch als Orientierung für die Unterscheidungverschiedener philosophischer Kinderfragen (siehe hierzu auch Brüning 2010, S. 9).Was kann ich wissen?Wie sind die Welt/ der Himmel/ die Erde/ die Menschen entstanden?Woher wissen wir, wie die Welt/ die Sterne entstanden sind?Wie groß ist unendlich?Was ist viel, was ist wenig?Warum gibt es Zahlen?Wie kommen die Gedanken/ die Wörter. in meinen Kopf hinein?Kann ich die Welt hören/ sehen/ riechen?Was ist Zeit? Kann ich Zeit sehen? Woher kommt die Zeit?Was soll ich tun?Warum darf ich bestimmte Dinge tun und andere nicht?Warum gibt es böse Menschen auf der Welt?Sind Tiere auch gut und böse?6

Was müssen Menschen machen, damit sie gute Menschen werden?Darf ich auch mal lügen?Warum sind manche Menschen arm und andere reich?Warum werde ich manchmal bestraft?Was darf ich hoffen?Wo wohnt Gott?Warum glauben Menschen an Gott?Warum kann man Gott nicht sehen?Wo ist die Mitte der Welt?Warum gibt es Kriege auf der Welt?Was wäre, wenn es keinen Streit auf der Welt gäbe?Warum soll ich zu anderen Menschen immer lieb sein?Wo kommen wir hin, wenn wir tot sind?Was ist der Mensch?Wer bin ich?Woher komme ich?Gibt es mich nur einmal auf der Welt?Wenn es mich nicht gäbe, würde das keiner merken?Wie wäre es, jemand anderes zu sein?Sind Menschen alle gleich?Wenn ich in Afrika . geboren worden wäre, wäre ich dann ein anderes Kind?Warum sind Jungen anders als Mädchen?Können Tiere auch fühlen/ denken/ sprechen?5. Das Häschen und das Fragenknäuel – ein Vorschlag für die KindergartenpraxisDas Märchen vom „Häschen und dem Fragenknäuel“ beschäftigt sich mit dem Fragenstellen undunterscheidet zwischen einfachen und schwierigen Fragen (Brüning 2010, S. 55-61).Die Kinder versetzen sich in einen Zauberwald. Dort tritt ein Fragenknäuel auf, das alleBewohner mit Fädchen umgarnt. Und kaum haben sie ein Fädchen erhascht, beginnen sie sofortFragen zu stellen. Diese Eingangsszene aus dem Märchen könnten die Kinder nachspielen –anschließend wird dann vorgelesen.Spiel zum Philosophieren: Ein Fragennetz gestaltenAls Material benötigen Sie eine Rolle dicken Paketfaden. Die Kinder stehen und oder sitzen ineinem engen Kreis. Ein Kind beginnt und wirft die Rolle zu einem anderen Kind. Dadurchwird ein Fädchen aufgespannt. Nachdem das zweite Kind die Rolle aufgefangen hat, stellt eseine Frage. Dann wird die Rolle weitergeworfen – das Kind behält den Faden in der Hand.Allmählich entsteht ein Fragennetz, weil jeder seinen Faden festhält. Das Spiel dauertsolange, bis alle Kinder an dem Netz beteiligt sind.Zum Schluss sollten sich die Kinder eine der gestellten Fragen aussuchen und eine Antwortdarauf geben.7

Nach dem Spiel wird das Märchen vorgelesen oder erst einmal das Bild auf der Seite 58 desMärchenbuches betrachtet, auf dem das Fragenknäuel den Fliegenpilz mit Fragen umgarnt. DieKinder können aufgrund ihrer eigenen Spielerfahrung das Bild gut beschreiben.Das Vorlesen könnte an der Stelle unterbrochen werden, als das Häschen eine letzte Frage an dasFragenknäuel stellen möchte. Hier sollten die Kinder raten, welche Frage das sein könnte. ImAnschluss erfahren sie dann die wirkliche Frage des Häschens: „Warum verteilst du kleine undgroße Fäden?“ (Brüning 2010, S. 61). Bevor die Antwort vorgelesen wird, sollen die Kinderwiederum darüber nachdenken, warum unterschiedlich lange Frage-Fäden verteilt werden.Das Fragenknäuel lüftet im Märchen dann das Geheimnis: Es gibt einfache und schwierigeFragen. Die einen lassen sich schnell beantworten; bei den anderen muss man etwas länger nacheiner Antwort suchen. Mit den schwierigen Fragen sind die „Fragen an die Welt gemeint“ (siehePunkt 4 in diesem Beitrag). Das Märchen gibt dafür ein Beispiel: „Woher kommen Sonne, Mondund Sterne?“Angeregt durch diese Frage können die Kinder nun selbst nach schwierigen Fragen suchen. DieZeichnung auf der Seite 60 gibt ihnen dafür einige Fragewörter vor – sie können aber auch miteinem Fragewürfel würfeln (siehe hierzu das Spiel „Einen Fragewürfel basteln“). DieErzieher/innen sollten dazu Hilfestellung geben und die Fragewörter vorlesen. WeitereAktivitäten und Spiele zu diesem Märchen finden Sie im Praxishandbuch „Mit Lara und demkleinen Saurier philosophieren“ auf den Seiten 65 f. (Brüning 2010).AusblickDurch verschiedene Formen von Fragen versuchen Kinder, Orientierung in der Welt zu findenund Wissen zu erwerben. Insbesondere „Fragen an die Welt“ tragen dazu bei, über das Woherund Wohin des Menschen nachzudenken. Kinder und Erwachsene machen dabei die Erfahrung,dass es nicht einfach ist, auf diese Fragen eindeutige Antworten zu finden und dass jedereingeladen ist mitzudenken.Beim gemeinsamen Nachdenken in der Kita-Gruppe lernen Kinder auch die Meinungen deranderen kennen und erfahren, dass sie mit ihren „Fragen an die Welt“ nicht allein sind, weilandere Kinder ähnliche Fragen haben. Die Suche nach Antworten muss nicht immer langedauern und erfordert keine große Vorbereitung – wichtig ist der Regelmäßigkeit desgemeinsamen Fragenstellens und Philosophierens.LiteraturAristoteles: Metaphysik. Stuttgart: Reclam 1984Brüning, Barbara: Kinder sind die besten Philosophen. Leipzig: Buchverlag für die Frau, 2. Aufl. 2008Brüning, Barbara: Prinzessin Lara und der kleine Saurier. Troisdorf: Bildungsverlag EINS 2010Brüning, Barbara: Mit Lara und dem kleinen Saurier philosophieren. Ein Praxisbuch zum Nachdenken überMenschen, Tiere und die Welt. Troisdorf: Bildungsverlag EINS 2010.Jaspers, Karl: Einführung in die Philosophie. München: Piper, 21. Aufl. 1998Locke, John: Einige Gedanken über Erziehung. Stuttgart: Reclam 1997Saint-Exupéry, Antoine: Der kleine Prinz. Düsseldorf: Karl Rauch Verlag 20108

zum Ausdruck, über die große Fragen gestellt werden können. Deshalb sollten Kinder zu bestimmten (ethisch-philosophischen) Themen wie Natur oder Freundschaft im Kindergarten eine Gruppen-Schatzkiste anlegen. Sie sammeln gemeinsam Dinge, die