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Vorbemerkung:Mit der Reiseplanung habe ich mir dieses Jahr Zeit gelassen. Im Wikinger-Katalog findet manzahlreiche lohnenswerte Reiseziele. Die Entscheidung wird einem daher nicht leicht gemacht. Soll esGriechenland, Italien oder die iberische Halbinsel sein? Immer wieder bleibe ich bei denReiseangeboten in die Bretagne oder Normandie hängen. Als Birgit – eine Reisebekanntschaft voneiner anderen Wikinger-Reise - im März bei mir anruft, fällt die Entscheidung. Birgit hat sichebenfalls auf Frankreich konzentriert - und so entscheiden wir uns für die Normandie-Reise.Fährt man in die Normandie, so wird man von vielen Zeitgenossen eher als kulturbesessen oder alsRomantiker betrachtet. Die meisten Deutschen zieht es nach wie vor in den Süden Frankreichs, andie Côte d’Azur oder in die Provence. Viele wissen nicht, dass gerade das herrliche und auch imSommer erträgliche Klima der Normandie körperliche Entspannung und einen nicht alltäglichenUrlaub für Körper, Geist und Seele bietet, was ich nach der Reise uneingeschränkt bestätigen kann.Natur und Kultur in der Normandie(oder: Die „Wikinger“ kommen!)vom 4. 7. 2009 – 16. 7. 2009Ein Reisebericht von Monika Merkert ([email protected])1.Tag (Anreise - Bonjour Normandie):Hurra, der lang ersehnte Urlaub ist da! Endlich Ruhe und Entspannung. Heute geht es in dieNormandie. Die meisten deutschen Urlauber reisen mit dem Auto, Wohnmobil oder dem Zugdorthin. Wikinger hat für die Anreise einen Flug nach Paris vorgesehen, wo wir dann von derReiseleitung und dem Begleitbus in Empfang genommen werden sollen. Die Reisezeiten sindangenehm, wir fliegen erst nach 12.00 Uhr ab Frankfurt am Main. So kann ich noch in Ruhe zu Hausemeinen Kaffee trinken und die letzten Reisevorbereitungen treffen. Das Wetter ist sommerlich undunser Flug verläuft ruhig. Am Flughafen Charles de Gaulle angekommen, wird man erst einmal durchein Gewirr von Gängen geleitet, bis man endlich zur Gepäckausgabe gelangt. Dort werde ichaufgrund meines Gepäckanhängers am Rucksack bereits von zwei „Wikingern“ (Martina und Maria)angesprochen. Später erfahre ich, dass auch Gundula uns bereits entdeckt hatte. An der Information1

müssen wir noch etwas warten, bis Barbara, die Reiseleiterin (mir schon aus der Provence bekannt),uns in Empfang nehmen kann. Wie oben beschrieben, ist der Flughafen Charles de Gaulle nichtgerade besucherfreundlich; wir haben ja auch Mitreisende (wir sind insgesamt 21 Personen) ausanderen deutschen Städten in der Gruppe, die Barbara zunächst an unterschiedlichen Stellen„einsammeln“ muss. Dann kann es endlich losgehen! Unsere Route führt an Paris vorbei. Man kannsogar einen Blick auf den Eiffelturm erhaschen. Die Tour geht teilweise durch das Seine-Tal überRouen nach Fécamp, dem ersten unserer drei Standorte. Auf der Fahrt können wir uns bereits einBild von der wunderbaren Landschaft machen. Die Anreise zieht sich hin, es ist fast 18.30 Uhr, als wirunser Hotel, das sinnigerweise „Normandy“ heißt, erreichen. Das Geschrei der Möven macht unsdeutlich, dass wir uns hier am Meer befinden.Bonjour Fécamp! Die „Wikinger“ sind (wieder) da. Denn die Wikinger, die man "Nortmanni" nannte,ließen sich einst in der Normandie nieder. Als sie um 900 aus dem eisigen Norden hierher kamen,musste ihnen die Gegend mit ihrem milden Seeklima, den grünen Wiesen und wildreichen Wäldernvorgekommen sein wie ein Land, in dem Milch und Honig fließen. Kein Wunder also, dass dieWikinger hier schnell Fuß fass(t)en.Nach unserem schmackhaften Abendessen und Barbaras Informationen für den nächsten Tag ziehensich die meisten zurück. Alle sind müde; es ist doch ein anstrengender Tag gewesen.Schlaraffenland Normandie: Während der gesamten Reise erwarten uns kulinarische Genüsse undGaumenfreuden. Das Essen besteht in der Regel aus traditionellen Gerichten wie Fisch, Geflügelund Lamm. Unser absoluter „Spitzenreiter“ ist die Tarte au Citron!2. Tag (An der Alabasterküste):8.00 Uhr Frühstück, das u. a. aus leckeren Croissants und frischem Baguette besteht. Die Franzosenbieten morgens mittlerweile auch Käse, Wurst und Müsli an. So können wir gestärkt bei gutemWetter zunächst unsere Provianteinkäufe erledigen, denn es erwartet uns heute eine gut 20 kmlange Wanderung an der Côte d’Albatre auf dem GR 21 zwischen Veulettes-sur-Mer und Sottevillesur-Mer. Die Alabasterküste erstreckt sich über 130 km, gesäumt von Kieselstränden. Der GR 21verläuft größtenteils direkt an der Abbruchkante der Felsen. Die Kreidefelsen erreichen anbestimmten Stellen eine Höhe von 120 m. Durch Einwirkung von Wind und Wellen entstanden imLauf der Jahrhunderte faszinierende Felsformationen. Man muss schon schwindelfrei sein, dafürwerden einem außergewöhnliche Aussichtspunkte geboten. Nur wo aufgrund von ErosionEinsturzgefahr besteht, zweigt der Weg ins Landesinnere ab. Unsere erste Station ist St. Valéry-enCaux. Dort sind die Klippen so majestätisch hoch wie sonst nur noch in Etretat. Ein kleiner Bach hatüber Jahrtausende eine Kerbe in das bis 100 m hohe Kalkgestein gefräst. Bei unserem Rundgangstellen wir fest, dass die einzelnen Viertel von St. Valéry-en-Caux sehr verschieden wirken: zum einen2

Kopfsteinpflastergassen und Mauern aus glasigem Flintstein, zum anderen Wiederaufbauarchitekturin vom Zweiten Weltkrieg zerstörten Quartier d’Amont, davor weiß-blaue Strandhäuschen undKieselstrand. Da gute Sicht herrscht, können wir Le Tréport erkennen. Barbara zeigt uns am StrandFeuersteine, wie ich sie bereits von der Insel Rügen her kenne, die hier – wie oben erwähnt – zumHausbau verwendet werden. Es geht weiter nach Manneville-es-Plains, wo wir auf einemwunderschön (an einem Weiher) gelegenen Dorfplatz unsere Mittagsrast machen. Auf unsererweiteren Wanderung gelangen wir ins Hinterland. Hier wechseln sich die lichten Buchenwälder mitweiten Flachsfeldern, die ein Drittel des französischen Leinenbedarfs decken, ab. Valeuses heißendie kleinen Täler, die tiefe Einschnitte in die Felsküste graben und dafür sorgen, dass der Weg immerwieder bergab und bergauf führt. Wir erreichen das Dorf Veules-les-Roses. Es ist nach der Veulesbenannt , mit ca. 1190 m angeblich der kürzeste Fluss Frankreichs, und zum anderen haben die vielenRosensträucher als Namensgeber fungiert. Veules-les-Roses soll zu den schönsten Dörfern an derAlabasterküste zählen, was ich durchaus bestätigen kann. Wir haben hier die Möglichkeit, eineKaffeepause zu machen. Kurz hinter dem Dorf werden wir das erste Mal mit Zeugnissen derVergangenheit konfrontiert. Es wird daran erinnert, dass im Juni 1940 deutsche Panzertruppen vorSt. Valéry lagen. Die letzte Etappe an diesem Tag, vorbei an weidenden Schafen und Kühen, führtuns nach Sotteville-sur-Mer. Hier findet gerade das „Festival du Lin“ statt. Eigentlich am Endpunktder Wanderung angelangt und „ausgepowert“, kann Barbara doch einen großen Teil der Gruppedazu bewegen, noch einen viertelstündigen „Umweg“ und 230 Stufen zum Meer hinab zu gehen; derAbstecher ist durchaus lohnenswert. Wir werden hier von unserem Bus wieder abgeholt. UnsereRoute zurück zum Hotel führt vorbei an stilvollen kleinen Landhäusern, aber auch prunkvollenHerrenhäusern. Nach dem Abendessen genießt ein Teil der Gruppe noch den Sonnenuntergang amMeer.3

3. Tag (Fécamp):Ich glaube, in der Normandie kann man die Wetterlage morgens nicht einschätzen. Es ist fast immerbewölkt, dann klart es im Laufe des Vormittags auf, evtl. gibt es mal einen minutenlangen Schauer,dann wird es aber in der Regel sonnig. So auch heute. Der klimatische Einfluss des Golfstromes machtsich hier bemerkbar. Man sagt, es regnet in dieser Gegend längst nicht so häufig, wie viele Menschenglauben. Der durchschnittliche Niederschlagswert liegt in Le Havre deutlich unter dem Wert vonMünchen. Nach dem Frühstück ist Stadtrundgang in Fécamp angesagt, um die Sehenswürdigkeitenunseres Standortes kennen zu lernen. Hier, wo das Flüsschen Valmont eine Senke in die Klippengefräst hat, wurde der Legende nach vor mehr als 1000 Jahren ein Feigenbaumstamm (fiscia campus Feld des Feigenbaums Namensgeber für Fécamp) angeschwemmt, der einige Blutstropfen Christienthielt. Heute werden die berühmten Tropfen in einem Tabernakel in der Abteikirche Ste-Trinitéaufbewahrt, die wir als erstes besichtigen. Richard I. legte den Grundstein für die Abteikirche, einemder größten Sakralbauten Frankreichs. Ein anderer berühmter Tropfen führt uns danach in das PalaisBénédictine. Der mit seinen Türmchen und der verspielten Fassade märchenhaft anmutende Palastentstand Ende des 19. Jahrhunderts. Camille Albert entwarf ihn. Hier wird der gleichnamigeKlosterlikör hergestellt, der untrennbar mit Fécamp verbunden ist. Der Wein- und SpirituosenhändlerAlexandre Le Grand fand bei seinen geschichtlichen Nachforschungen das Rezept für das Elixierwieder, erneuerte es und gab dem Likör den Namen Bénédictine in Erinnerung an die Mönche, die esentwickelt hatten. Die ganze Welt der Kräuter, ob Muskat oder Zitrone, Koriander oder Vanille – dieköstlichsten Gewürze finden sich am Ende in einer einzigen Flasche wieder. Für uns ist der „Saal derSinne“ ein Dufterlebnis – mit der Nase über die Kräutermärkte dieser Welt. Das Palais ist ein Mussfür Touristen. Mehrere Säle des noblen Renaissance-Gebäudes sind der Entstehungsgeschichte desKlosterlikörs gewidmet, darüber hinaus ist es auch ein Kunstmuseum, ein kleiner „Louvre“, denn LeGrand war Kunstliebhaber. Man erlebt hier eine Zeitreise in das Mittelalter, die Renaissance oderauch die Gründerzeit. Natürlich dürfen wir zum Abschluss des Rundganges auch eine Probe desKräuterlikörs zu uns nehmen. So gestärkt treten wir unseren weiteren Rundgang an. Wir gehendurch die Gässchen mit den kleinen Fischerhäusern. Guy de Maupassant verbrachte seine Kindheit inFécamp in einem dieser Häuser. Die Handlungen der erzählenden Werke spielen überwiegend in derheimatlichen Normandie. Barbara liest uns einige Passagen aus seinen Erzählungen vor. Mittlerweileist es Mittag. Die Läden haben geschlossen, aber wir haben ja unseren Proviant. Wir sind amFischereimuseum in der Nähe des Hafens angekommen. Im Mittelalter war Fécamp Umschlagplatzfür Räucherhering. Der Himmel ist dunkel, da braut sich etwas zusammen. Als wir unser Picknickmachen wollen, beginnt es zu regnen – ein Gewitter. Einige von uns beschließen daher den Besuchdes Fischereimuseums. Es zeigt einige Schiffsmodelle und bietet Informationen überFischereitraditionen. Man erfährt Interessantes über die Fischer von Yport, die „ohne Hafen“. Siezogen ihre Boote auf ähnliche Weise wie die Türken oder Griechen an Land. Völlig unterwartet stehtman plötzlich vor wunderbaren Gemälden, die man hier sicher nicht vermutet. Die gezeigten Szenenwirken außerordentlich lebendig. Beim Verlassen des Gebäudes muss ich darüber nachdenken, obwir bei Sonnenschein dem Museum auch einen Besuch abgestattet hätten? Dann wäre uns wasentgangen. Eigentlich war eine kleine Wanderung zum Aussichtsberg mit der Kapelle Notre Damede Salut vorgesehen. Die können wir nun nachholen, denn inzwischen scheint längst die Sonnewieder. Nach einem kurzen, steilen Aufstieg in der heißen Sonne genießen wir den Blick von dem4

steilen Felsen auf die Stadt und den Hafen. Auch hier finden wir wieder Bunker und Zeugnisse ausdem Zweiten Weltkrieg. Später bummeln wir noch ein wenig durch das Städtchen und genießeneinen Café au lait. Nach dem Abendessen nutzen wir die Gelegenheit, uns endlich einmal etwasausführlicher bekannt zu machen. Einige Gruppenmitglieder haben schon zahlreiche Wikinger-Reisenmitgemacht. Es gibt Berichte über Reiseabenteuer in Namibia, Botswana, Südamerika Bei derVorstellung des Programms für den nächsten Tag gibt Barbara bekannt, dass Regen angekündigtwurde!4. Tag (Felsentore von Etretat):Beim Frühstück schauen wir alle gespannt zum Himmel. Es sieht düster aus. Aber aufgrund derErfahrungen der letzten Tage hoffen wir doch wieder auf Sonnenschein. Zunächst tätigen wirunseren üblichen Provianteinkauf. Die heutige Wanderung über die Klippen nach Etretat soll einerder Höhepunkte unserer Reise werden. Wir gehen in Richtung Strand und steigen dann am Ortsrandvon Fécamp steil auf. Wir sind gerade unter einer schützenden Baumgruppe angekommen, als einetwa 15minütiger Regenguss auf uns niederprasselt. Da haben wir noch einmal Glück, dass dieBäume und Sträucher uns ein wenig abschirmen. Bei der Weiterwanderung nach Yport auf gutenWanderwegen begleiten uns Sonne und Wolken im Wechsel. Bei strahlendem Sonnenscheinkommen wir in Yport an und beschließen, eine kurze Kaffeepause zu machen, die dann wiederumdurch ein paar Regentropfen unterbrochen wird. Weiter geht es entlang des GR 21. Nach wenigenKilometern kommen wir an eine Stelle, die hinab zum Meer führt, wo wir bei Sonnenschein unsere5

Mittagsrast einlegen. Ab hier wird der Weg schmaler und ist kaum noch zu erkennen. Es ist einständiges Auf und Ab auf einem sehr engen und eingewachsenen Pfad, der durch die Feuchtigkeitziemlich glitschig ist. Wir haben immer wieder herrliche Blicke auf die berühmte Küste: Nicht vonMenschenhand, sondern vom Wind und Meer gemeißelt und ausgespült bietet sich uns dasunvergleichliche Panorama der Alabasterküste – senkrecht ins türkisblaue Meer abstürzendeKreidefelsen mit Felsnadeln. Der Wind, der heute unser ständiger Begleiter ist, verstärkt sich undmacht das Vorankommen schwieriger. Als erneut ein starker Regenguss einsetzt, stellt Barbara dieÜberlegung an, auf der Straße weiter nach Etretat zu laufen. Dies hätte aber bedeutet, dass wir dieherrlichen Ausblicke hätten entbehren müssen. Die Gruppe entscheidet sich daher mehrheitlich fürein Weitergehen auf dem Wanderweg, was sich im Nachhinein als richtig herausstellt. Der Regen hatnämlich ab diesem Zeitpunkt seine Aktivitäten eingestellt. Die wundervolle Szenerie gipfelt im Falaised’Aval, einem gigantischen Felsentor, das im Laufe von Jahrmillionen von der Brandung aus demGestein „modelliert“ worden ist. Darüber hinaus ragt eine einzeln stehende imposante Felsnadelvon etwa 70 m aus dem Wasser. Von einem Plateau oberhalb von Etretat aus, das wir gegen 15.00Uhr erreichen, können wir diese wunderbare Aussicht genießen. Ein attraktives Denkmal beherrschtdiese Ebene: Das steinerne Relief eines Flugzeuges und ein schwungvoll in den Himmel ragendesMonument erinnern an zwei französische Piloten. Kurz vor der ersten Atlantiküberquerung durchLindbergh sind die beiden von hier aus zum letzten Mal gesehen worden, als sie die Überquerung inder Gegenrichtung von Paris nach New York versucht haben. Hier in Etretat ließen sich vielebekannte Künstler, u. a. der Impressionist Claude Monet (siehe letztes Bild unten), von deneindrucksvollen Felsformationen inspirieren. Für mich ist es einer der eindrucksvollsten Orte an derAlabasterküste. Das Dröhnen der Steine in der Brandung, der Wind, die weißen Felsen, dieFlugkünste der Möven, das alles zusammen ergibt ein schönes Stimmungsbild. Die kleineStrandpromenade von Etretat wirkt ungezwungen und gemütlich. In den Straßen findet man einigehübsche Fachwerkhäuser. Ein besonderes Schmuckstück stellt die mittelalterliche Markthalle dar.Birgit und ich machen einen Spaziergang auf die westliche Klippe, dem Falaise d’Aval. Einenraffinierten Kontrast zu den wilden Klippen und dem Meer bietet der Golfplatz in den Dünen. Nachder anstrengenden Wanderung gönnen wir uns nun einen Cidre im Strandcafé. Bald danach holt unsder Busfahrer ab, um uns nach Fécamp zurück zu bringen. Heute müssen wir Koffer packen, dennmorgen geht es weiter zu unserem zweiten Standort. In der Normandie nur an einem Ort zu bleiben,würde an Verschwendung grenzen. Zu viele schöne Dörfer, Städte und Landschaften sind zuentdecken und zeigen, dass es in dieser Region nicht nur Camembert, Calvados und Kühe gibt.6

5. Tag (Schönes Rouen):Heute Morgen erleben wir wieder den üblichen Sonne-Wolken-Mix. Wir haben alle pünktlich unserGepäck in den Bus verladen und können um 9.00 Uhr abreisen. Adieu Fécamp! Wir fahren mitunserem neuen Busfahrer Bruno in Richtung Rouen. Bruno ist mit Leib und Seele Normanne undbestrebt, uns die schönsten Seiten seiner Heimat aufzuzeigen. Als wir am Parkplatz in Rouenaussteigen, zweifle ich daran, ob sich ein Besuch hier lohnt: Banale Nachkriegsbauten reihen sich amUfer der Seine. Aber dann fädeln wir uns direkt in eine Fachwerkzeile ein und stehen kurz darauf vorder grandiosen Kathedrale. Hier treffen wir die uns zugeteilte örtliche Führerin. Rouen, das VictorHugo als Stadt der hundert Türme bezeichnet hat, ist die zweitgrößte Stadt Frankreichs und wurdeEnde des 3. Jahrhunderts zur Metropole eines römischen Verwaltungsbezirks. Die ausgedehntenWälder, die noch heute die Stadt umschließen, haben in früherer Zeit bis ins 19. Jahrhundert die fürden Bau der Häuser erforderlichen Eichen geliefert. 2000 Fachwerkhäuser sind hier noch erhalten.Rouen ist die einstige Hauptstadt der Normandie und wichtige Handels- und Hafenstadt am rechtenSeine-Ufer. Auf dem heutigen Platz Vieux-Marché wurde die Freiheitskämpferin Jeanne d’Arc voneinem kirchlichen Tribunal 1431 zum Tode verurteilt und bei lebendigem Leib verbrannt. DerRundgang beginnt mit dem Besuch der Kathedrale Notre-Dame. Die gotische Kathedrale imnormannischen Flamboyantstil ( flammender Stil) inspirierte Claude Monet zu dem berühmtengleichnamigen Bilderzyklus. Ihr Glockenturm ist 151 m hoch. Claude Monet hatte direkt gegenüberder Kathedrale, wo heute die Touristeninformation untergebracht ist, sein Atelier. Der Glockenturmwird von zwei weiteren Türmen flankiert, dem Turm Saint-Romain und dem „Butterturm“, der mitden Ablassbriefen der Fastenzeit bezahlt wurde. Der Spaziergang führt uns dann weiter in diemalerischen Gassen des alten Viertels, gesäumt von alten Fachwerkhäusern. Inmitten derFachwerkgassen finden wir den aître Saint-Maclou, ein altes Massengrab. Der ruhige und gleichzeitiggeheimnisvolle Ort ist von Fachwerkhäusern umgeben und im Innenhof bepflanzt. Die schlimmstenZerstörungen an der mittelalterlichen Stadt zog der Zweite Weltkrieg nach sich; 1940 brannte Rouenunter deutschem Beschuss, und 1944 richteten alliierte Bombardements noch größere Schäden an.Dabei wurden u. a. die Kathedrale und der Justizpalast stark beschädigt und Fabrikgebäude, Brückenund ganze Viertel völlig zerstört.Gut, dass es nette Lokale in der Altstadt gibt, wo wir unser Mittagessen einnehmen können (Crêpesund Cidre). Auf dem Weg zum Bus erstehen wir zum Nachtisch noch eine Tarte au Citron, bevor wirdie Weiterreise zur Abtei Jumièges antreten, die die Franzosen gern die schönste Ruine des Landesnennen. Zwei 46 m hohe Türme kündigen die Überreste eines mächtigen im Jahr 654 gegründetenBenediktinerklosters an. Der Ort strahlt Spiritualität und romantisches Flair aus. Schade, dass dieRevolutionäre von 1789 die Abtei zu einem Steinbruch degradiert haben! Unser Führer gibt infranzösischer Sprache Erläuterungen, die von Barbara übersetzt werden. Die auffälligstenarchitektonischen Elemente des Baus sind die Doppelturmfassade, ein mächtiger quadratischerVierungsturm, Rechteckvorlagen als Verstärkung der Außenmauern, Wandgliederung durchhalbrunde Dienste, Schwibbögen und offener Dachstuhl im Mittelschiff, von Halbsäulen gestützteUnterzüge in den Arkadenbögen und Kreuzgratgewölbe zwischen Gurtbögen in den Seitenschiffen. Esist eine imposante Anlage, die zu Recht als eine der attraktivsten Sehenswürdigkeiten derNormandie bezeichnet werden kann. Die Fahrt nach Lisieux, unserem nächsten Standort, zieht sichin die Länge. Wir werden aber dadurch entschädigt, dass wir fruchtbare Landschaften mit weidendenRindern, Apfelplantagen und Fachwerkhäusern im englischen Stil zu sehen bekommen. Das Best7

Western-Hotel (3 Sterne) liegt sehr zentral und bietet neben einer guten Zimmerausstattung auch einausgiebiges Frühstücksbüffet. Unser Abendessen nehmen wir außerhalb ein. Bei der Rückkehr zumHotel stellen wir fest, dass auf dem Platz davor eine Gruppe fetzige Musik macht; das lassen wir unsnatürlich trotz vorgerückter Stunde nicht entgehen.6. Tag (Camembert und Bilderbuchlandschaft):Und wieder haben wir einen Sonne-Wolken-Mix. Gestern haben wir Barbara mitgeteilt, dass inunserem Programm ein wichtiger Punkt fehlt: Der Besuch einer Käserei. Wir sind der Meinung, dassdort, wo die Wiege des berühmten Camembert steht, unbedingt auch eine Produktionsstätteaufgesucht werden sollte. Über den Käse, der den Ruf des Pays d’Auge noch mehr als Calvados undCidre geprägt hat, muss man unbedingt mehr erfahren. Deshalb sollte der Besuch einerProduktionsstätte ins Wikinger-Konzept mit aufgenommen werden. Wie gut, dass wir Bruno haben!Barbara hat ihn darauf angesprochen und er wusste sofort Rat. Wir haben daher unser heutigesProgramm etwas umgestellt und fahren gegen 10.30 Uhr vom Hotel ab. So hatten wir auchgenügend Zeit, um uns noch mit Proviant zu versorgen. Unser erstes Ziel ist die Käserei Graindorge inLivarot. Dort sehen wir zunächst einen Film. Es gibt in der Normandie herrliche Käsesorten. ZumBeispiel den weltbekannten Camembert. Schon 1791 wurde ein revolutionärer Käse, der seinenNamen von dem französischen Ort Camembert erhalten hat, erwähnt. Der Camembert ist einWeichkäse aus geronnener dicker Milch, leicht gesalzen in einer runden Form. Eine andere Käsesorteist der Livarot. Dieser Käse fand im 17. Jahrhundert seinen Weg auf die Tische. Er wird ebenfalls ineiner runden Form hergestellt. Den Namen hat er von der kleinen Stadt Livarot. Der Livarot ist auchein Weichkäse aus frischer Kuhmilch mit einer gewaschenen Kruste. Sein Aroma ist intensiv und seinGeschmack unnachahmlich. Charakteristisch für den Käse ist, dass er mit Riedgrashalmen umwickeltwird.8

Zurzeit gerät der 200 Jahre alte „König der Käse“ in eine existenzielle Krise. Sein Feind ist dieKäseindustrie, die unter seinem Namen Produkte auf den Markt wirft, die nicht mehr aus der sog.Rohmilch, sondern aus pasteurisierter Milch, der man vorher die wertvollsten Bestandteile entzogenhat, gewonnen werden. Deshalb sollte man nur Original-Camembert mit dem Gütezeichen „AOC“erwerben.Nun werden wir durch die Käseproduktion geführt. Hinter Glas können wir die einzelnenHerstellungsphasen verfolgen und erhalten jeweils über Lautsprecher die entsprechende Erklärung.Zum Abschluss können wir die produzierten Käsesorten probieren und uns für das Picknick in dennächsten Tagen „eindecken“.Unsere Wanderung beginnt in Pierrefitte en Auge. Das Pays d’Auge ist ein intensiv landwirtschaftlichgenutzter Landstrich, der sich seinen romantischen Charakter bewahrt hat. Welliges,abwechslungsreiches Gelände, wo sich zahlreiche schöne Herrenhäuser hinter hohen Heckenverbergen. Im Sommer wetteifern blühende Flachsfelder, Meer und Firmament um das schönsteBlau. Und dann erst das Grün. Weiden, auf denen sommersprossige Kühe grasen, schier unendlicheReihen von Apfelbäumen und lichte Laubwälder. Eine echte Farbtherapie zum Entspannen. Das mildeKlima macht die Normandie zu einem einzigen Garten. Kaum ein Haus, das nicht von Blumenprachtumgeben ist. Selbst größere Anwesen sind hinter einer üppig blühenden Vegetation kaumauszumachen. Kleine Dörfer mit von riesigen Hortensienbüschen gesäumten Fachwerkhäusernwirken wie aus dem Bilderbuch.Unsere Mittagsrast machen wir heute erst gegen 14.00 Uhr, da wir von der „Käseprobe“ nochgestärkt sind. Barbara findet eine wunderschöne Wiese, wo wir, angelehnt an große Strohballen,unser Picknick einnehmen können. Das Wetter hat es übrigens bisher gut mit uns gemeint. Spätergelangen wir nach St. Hymer, einem idyllischen Dorf mit einem netten Fachwerk-Gasthaus. Hiertrinken wir unseren üblichen Espresso. Danach setzen wir unsere Rundwanderung fort und erreichengegen 16.30 Uhr wieder Pierrefitte en Auge. Von dort bringt uns Bruno wieder zurück zum Hotel.7. Tag (Seebad-Eleganz):Heute wagt keiner eine Wetterprognose. Der Himmel ist grau. Als wir gegen 9.00 Uhr von Bruno amHotel abgeholt werden, fallen gerade ein paar Regentropfen. Und das, wo wir doch heute dieBlumenküste, die Côte Fleurie, besuchen wollen! Wir fahren wieder durch einige romantische Dörfer.9

Viele dieser normannischen Ansiedlungen sind im Zweiten Weltkrieg nicht zerstört worden undzeugen noch von der einstigen Geruhsamkeit, die aber auch hier abzunehmen scheint. Hier kann mannoch richtig „die Seele baumeln lassen“. Je näher wir der Küste kommen, desto heller wird derHimmel. Nach einer etwa 3/4stündigen Fahrt gelangen wir zunächst nach Cabourg. Der Sandstrandhier ist ebenso bekannt wie die Strände an der Riviera, aber – wie wir feststellen – nicht annäherndso überlaufen. Mitte des 19. Jahrhunderts war Cabourg ein kleines Fischerdorf. Zur damaligen Zeitbeschloss ein Pariser Advokat, neben dem „alten“ Cabourg ein Seebad zu errichten. Er gründete eineGesellschaft, die die Strände aufkaufte, und ein junger Architekt aus Caen entwarf die Pläne der„neuen“ Stadt. Das erste Casino wurde 1854 aus Holz erbaut, und kurz danach entstand das ersteGrand Hotel in Cabourg. Fächerartig laufen die Straßen auf die gepflegten Gartenanlagen vor demehemaligen Nobelhotel zu. Als Barbara während des Rundgangs Erläuterungen gibt, fallen gerademal wieder ein paar Regentropfen auf uns herab.Der Schriftsteller Marcel Proust verbrachte jeden Sommer von 1907-1914 in Cabourg. Er schrieb imGrand Hotel seinen Roman „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“. Promenade Marcel Proustheißt konsequenter Weise die 2 km lange Strandpromenade. Das Grand Hotel wurde im ErstenWeltkrieg als Hospital genutzt. Im Zweiten Weltkrieg wurde Cabourg von der deutschen Armeebesetzt.Unsere Fahrt nach Deauville/Trouville und Honfleur entlang der Côte Fleurie gleicht einer Zeitreisedurch die Belle Epoque. In Deauville, unserem nächsten Ziel, entstanden elegante Jugendstilvillen,die sich gegenseitig in ihrer Pracht zu übertreffen suchten. Das im 19. Jahrhundert entstandeneDeauville hat sein Kulturerbe konstant bereichert und erneuert. Zur vollen Blüte erwachte Deauvillejedoch erst in den 1920er Jahren und dann, nach dem Zweiten Weltkrieg, wieder ab den 1960erJahren. Seine Anziehungskraft auf die Reichen und Schönen hat der Ort trotz der sich wandelndenZeiten bis heute nicht eingebüßt. Dieses elegante Städtchen bietet totale Abwechslung zwischenVillen aus dem frühen 20. Jahrhundert, seinen typischen normannischen Fachwerkhäusern, denbunten Sonnenschirmen am feinen Sandstrand und der berühmten Promenade „Les Planches“, diewir langsam entlang schreiten. Hier haben sich viele Promis „verewigt“. Zum Festival desamerikanischen Films geben sich die Stars aus Hollywood jährlich ein Stelldichein in Deauville. AuchPferdezucht und Pferderennen spielen hier eine große Rolle. Barbara weist uns auf dasKongresszentrum hin, das hinter dem Strand in die Erde hinein gebaut wurde, um die Sicht vom nahegelegenen Luxushotel auf das Meer nicht zu beeinträchtigen. Bei unserem Bummel entdecken wiralle wichtigen Modegeschäfte der Pariser Metropole und können noch über den kleinen Marktschlendern, der im Zentrum aufgebaut ist. Wir gelangen abschließend an den Fischerhafen vonTrouville, der Schwesterstadt. Hier wirkt es weniger mondän, aber es soll hervorragendeFischrestaurants geben, die wir leider nicht testen können.Weiter geht es zu unserem letzten Ziel am heutigen Tag: Honfleur. Doch zuvor macht Bruno nocheinen kleinen Umweg, um uns die 1995 fertiggestellte Pont de Normandie zu zeigen. Mit einer Längevon über 2100 m und einer Spannweite von 856 m auf zwei Pylonen ist dieses Wunderwerk eine derlängsten Schrägseilbrücken der Welt. Der Spitzname „Die Harfe“ passt gut dazu; wir sind von demAnblick überwältigt.10

Das alte Fischerstädtchen Honfleur ist das Prunkstück unseres heutigen Ausflugs. Rund um dasHafenbecken mit wunderbaren alten Holzsegelschiffen drängen sich die hohen, historischen undzum Teil sehr schmalen (manchmal nur zwei Fenster breiten) schieferverkleideten Häuser mit ihrenBars und Brasserien, ebenso viele Galerien, Andenkenläden, Fromagerien, Fischhändler undFeinkostläden. Der historische Stadtkern hat die Unbilden der Vergangenheit in wunderbarer Weiseüberstanden. Am Schleusentor steht noch ein letzter erhaltener Teil der Stadtbefestigung. InHonfleur treffen sich auch heute noch viele Amateur- und Profimaler. Boudin hat dort das Malen beiTageslicht erlernt und Monet davon überzeugt. So entstand das, was wir heute Impressionismusnennen. Bevor wir uns in der freien Zeit die Stadt oberhalb des Hafens anschauen, nehmen wir einverspätetes Mittagsmahl in einem der Restaurants am Hafen ein und genießen den herrlichen Blick.Wir haben Glück, dass seit einiger Zeit die Sonne wieder scheint. Sabine hat sich für Austernentschieden, Gundula für Muscheln, und ich esse eine Soup de Poisson. Nach dieser Stärkung gehenwir auf Entdeckungstour. Oberhalb des Hafens befindet sich die hölzerne Kathedrale von Honfleur,die Kirche St-Cathérine aus dem 15./16. Jahrhundert. Nachdem die Engländer die ursprünglicheSteinkirche im Hundertjährigen Krieg mehrmals zerstört hatten, bauten die Bürger mit Hilfe ihrerSchiffbau-Zimmerleute eine Holzkirche. Da diese bald zu klein wurde, hat man noch ein zweitesKirchenschiff – ebenfalls aus Holz – angebaut. Sie ist die größte Holzkirche Frankreichs und erinnertmich ein wenig an die Stabkirchen in Norwegen. Gegen 17.00 Uhr fahren wir zurück zu unseremHotel.8. Tag (Postkarten-Idylle):Heute haben wir einige „Aussteiger“, die den Tag genießen und Lisieux erkunden wollen. Barbaragibt den Daheimbleibern noch Tipps für den Tag und wo sie ein schönes Picknick machen können. Sieentschließen sich aber, zunächst mit uns die Basilika St-Thérèse, eine der größten Kirchen, die im 20.Jahrhundert gebaut wurden, zu besichtigen. Die Geschichte der Bischofsstadt im Herzen des Paysd’Auge ist mit der hl. Therese verbunden. Diese wollte bereits als Kind Karmeliternonne werden. Im11

Alter von 15 Jahren folgte sie ihren Schwestern in das Kloster Lisieux. Ihrer Meinung nachdokumentiert sich Hingabe an Gott in den kleinen Gesten des Alltags. Ihr Werk „Geschichte einerSeele“ gilt nach der Bibel als das meist gelesene spirituelle Buch in Frankr

ausführlicher bekannt zu machen. Einige Gruppenmitglieder haben schon zahlreiche Wikinger-Reisen mitgemacht. Es gibt Berichte über Reiseabenteuer in Namibia, Botswana, Südamerika– Bei der Vorstellung des Programms für den nächsten Tag gibt Barbara bekannt, dass